Hurtigruten: Die schönste Seereise der Welt
Als das Schiff den Trollfjord erreichte, wurde es still an Bord. Der Kapitän drosselte die Maschinen, und die MS Nordnorge glitt langsam in eine Felsspalte, die kaum breiter wirkte als das Schiff selbst. Links und rechts ragten Steilwände 1.000 Meter in die Höhe. Möwen kreischten, und das Wasser war so ruhig, dass sich die Berge darin spiegelten. Dann legte der Kapitän den Rückwärtsgang ein, weil der Fjord eine Sackgasse ist. Das war mein erster Hurtigruten-Moment, und seitdem hat mich diese Reise nicht mehr losgelassen.
Die Hurtigruten sind weit mehr als eine Kreuzfahrt. Sie sind eine Versorgungslinie, ein Stück norwegische Geschichte und gleichzeitig eine der großartigsten Möglichkeiten, die Küste von Norwegen zu erleben. Seit 1893 verbinden die Postschiffe Bergen im Südwesten mit Kirkenes an der russischen Grenze. 34 Häfen, 2.500 Seemeilen und 12 Tage für die komplette Rundreise.
Was sind die Hurtigruten?
Der Name "Hurtigruten" bedeutet "die schnelle Route". Als der Kapitän Richard With 1893 die erste Fahrt von Trondheim nach Hammerfest unternahm, war das eine Revolution. Vorher dauerte die Postlieferung entlang der zerklüfteten norwegischen Küste Wochen, weil die Schiffe bei Dunkelheit nicht fahren konnten. With kartierte die Küste so genau, dass seine Schiffe auch nachts navigieren konnten. Damit wurde die Hurtigruten zur Lebensader Nordnorwegens.
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Heute fahren die Schiffe immer noch als Liniendienst. Lokale Passagiere steigen für kurze Strecken zwischen den Häfen zu, Fracht wird geladen und gelöscht, und an manchen kleinen Orten ist das Hurtigruten-Schiff die einzige regelmäßige Verbindung zur Außenwelt. Gleichzeitig sind die Schiffe für Touristen ausgestattet: mit Restaurants, Vorträgen, Ausflugsprogrammen und komfortablen Kabinen. Diese Mischung aus Alltagsschifffahrt und Reiseerlebnis macht die Hurtigruten aus.
Seit 2021 betreibt die Reederei Havila Kystruten vier eigene Schiffe auf derselben Strecke, die abwechselnd mit den Hurtigruten-Schiffen fahren. Die Route und die Häfen sind identisch, das Bordprogramm unterscheidet sich leicht. In diesem Guide konzentriere ich mich auf die klassischen Hurtigruten, erwähne aber auch Havila, wo es relevant ist.
Die Route: Bergen bis Kirkenes und zurück
Die nordgehende Route (Bergen-Kirkenes) dauert 7 Tage. Die südgehende Route (Kirkenes-Bergen) dauert 6 Tage, weil manche Häfen nur in einer Richtung angelaufen werden. Die volle Rundreise nimmt 12 Tage in Anspruch, wobei Bergen als Start- und Endpunkt dient.
Die Route teilt sich grob in vier Abschnitte:
Bergen bis Ålesund (Tag 1-2): Die Reise beginnt abends in Bergen. Das Schiff fährt durch den Hjeltefjord und passiert die Küste von Westnorwegen. Am nächsten Tag Halt in Florø, Måløy sowie Torvik. Die Landschaft ist geprägt von Fjorden und vorgelagerten Inseln. In Ålesund hat man mehrere Stunden für einen Landgang in der Jugendstilstadt.
Ålesund bis Trondheim (Tag 2-3): Durch den Geirangerfjord (nur im Sommer) oder alternativ den Hjørundfjord. Halt in Molde sowie Kristiansund. Ankunft in Trondheim am Morgen mit Zeit für den Nidarosdom.
Trondheim bis Tromsø (Tag 3-5): Überquerung des Polarkreises (66,5° Nord), die an Bord mit einer kleinen Zeremonie gefeiert wird. Halt in Bodø, den Lofoten (Stamsund oder Svolvær), Sortland sowie Harstad. Die Lofoten sind für viele das Highlight der Reise. Tromsø bietet einen längeren Aufenthalt von etwa vier Stunden.
Tromsø bis Kirkenes (Tag 5-7): Ab hier wird die Landschaft karger und arktischer. Halt in Hammerfest, Honningsvåg (Tor zum Nordkap), Berlevåg und Vardø. Die Einfahrt in den Lyngenfjord und die Passage am Nordkap gehören zu den stillen Höhepunkten. Kirkenes an der russischen Grenze ist der Wendepunkt.
Die Schiffe der Hurtigruten-Flotte
Auf der klassischen Postschiffroute sind sieben Hurtigruten-Schiffe im Einsatz. Sie wechseln sich ab, sodass täglich ein Schiff Bergen in Richtung Norden verlässt. Die Schiffe unterscheiden sich in Alter und Ausstattung:
Die MS Trollfjord und die MS Midnatsol (Baujahr 2002/2003) gehören zur neueren Generation. Sie bieten Platz für etwa 800 Passagiere, haben ein Restaurant, eine Bar, einen Fitnessraum und ein kleines Spa. Die Kabinen sind modern und gut ausgestattet. Die MS Nordnorge und MS Nordkapp (Baujahr 1997) sind etwas älter, aber solide. Die MS Kong Harald und MS Richard With (1993/1994) sind die ältesten Schiffe der Flotte und haben den meisten Charme, wenn man es klassisch mag.
Alle Schiffe haben Panoramafenster in den öffentlichen Bereichen sowie ein Sonnendeck. Im Vortragsraum erzählen Bordlektoren über die Strecke, die Natur und die Geschichte Nordnorwegens. Die Vorträge sind auf Norwegisch, Deutsch sowie Englisch verfügbar.
Kabinen und Preise
Die Preise für die volle Rundreise (12 Tage) beginnen bei etwa 2.200 Euro pro Person in einer Innenkabine in der Nebensaison (Januar bis März). In der Hauptsaison (Juni bis August) steigen sie auf 3.500 bis 5.000 Euro, je nach Kabinenkategorie. Die beliebtesten Kabinen sind die Außenkabinen auf den oberen Decks mit großen Fenstern. Suiten mit eigenem Balkon gibt es ab etwa 6.000 Euro für die Rundreise.
Man muss nicht die volle Rundreise buchen. Viele Reisende fahren nur die nordgehende Strecke (7 Tage, ab 1.300 Euro) oder einzelne Abschnitte. Bergen-Trondheim, Trondheim-Tromsø oder Tromsø-Kirkenes sind beliebte Teilstrecken. Für kurze Strecken zwischen zwei Häfen gibt es günstige Hafenpassagen ab etwa 40 bis 80 Euro, ohne Kabine.
Im Preis enthalten sind Kabine, Vollpension (Frühstück sowie Mittag- und Abendessen) sowie der Zugang zu allen öffentlichen Bereichen. Ausflüge an Land (zum Beispiel Nordkap-Besuch, Hundeschlittenfahrt oder Wikinger-Museum) kosten extra und liegen zwischen 50 und 200 Euro pro Ausflug.
Die wichtigsten Häfen
Von den 34 Häfen sind einige besonders lohnenswert für Landgänge:
Bergen: Start- und Endpunkt. Die alte Hansestadt mit dem Fischmarkt Bryggen gehört zum UNESCO-Welterbe. Wer ein paar Tage vor oder nach der Reise Zeit hat, sollte Bergen erkunden.
Ålesund: Die Stadt wurde nach einem Großbrand 1904 komplett im Jugendstil wieder aufgebaut. Der Aufstieg zum Aksla-Aussichtspunkt dauert 20 Minuten und bietet einen weiten Blick über Stadt und Inseln.
Trondheim: Norwegens drittgrößte Stadt mit dem Nidarosdom, der nördlichsten gotischen Kathedrale der Welt. Aufenthalt von etwa vier Stunden, genug für einen ausgiebigen Stadtrundgang.
Tromsø: Das Tor zur Arktis. Hier steht die Eismeerkathedrale, und das Polarmuseum erzählt von den großen Arktisexpeditionen. In der Wintersaison werden hier Nordlicht-Ausflüge angeboten.
Honningsvåg: Ausgangspunkt für den Ausflug zum Nordkap, dem nördlichsten Punkt des europäischen Festlands. Der Busausflug von Hurtigruten kostet etwa 100 Euro und dauert drei Stunden.
Kirkenes: Der Wendepunkt. Nahe der russischen Grenze gelegen, bietet Kirkenes im Winter Schneemobiltouren und Hundeschlittenfahrten. Im Sommer kann man Königskrabben-Safaris machen.
Beste Reisezeit für Hurtigruten
Es gibt keine schlechte Jahreszeit für die Hurtigruten, nur unterschiedliche Erlebnisse:
Sommer (Juni-August): Mitternachtssonne nördlich des Polarkreises. Lange, helle Tage. Grüne Landschaft. Geirangerfjord-Passage möglich. Höchste Preise und vollste Schiffe. Temperaturen an Deck zwischen 10 und 18 Grad.
Herbst (September-Oktober): Herbstfärbung an der Küste, erste Nordlichter möglich, weniger Touristen. Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die See kann rauer werden.
Winter (November-Februar): Nordlichter sind das große Thema. Die Polarnacht sorgt für eine besondere Stimmung. Schneebedeckte Berge bis ans Wasser. Kalt (minus 5 bis plus 5 Grad an Deck), aber atmosphärisch dicht. Niedrigste Preise.
Frühling (März-Mai): Rückkehr des Lichts, zunehmend längere Tage, Schnee auf den Bergen und erste grüne Wiesen an der Küste. Guter Kompromiss aus Licht, Preisen und Belegung.
Praktische Tipps an Bord
Die Hurtigruten sind keine klassische Kreuzfahrt. Es gibt kein Abendprogramm mit Shows und Animation. Stattdessen Ruhe, Natur und gelegentliche Vorträge. Wer Unterhaltungsprogramm erwartet, wird enttäuscht. Wer die Stille sucht, ist hier richtig.
Zur Kleidung: Warme, winddichte Jacke ist auch im Sommer Pflicht. Auf dem Außendeck kann es bei 15 Grad und Wind empfindlich kalt werden. Im Winter braucht man volle Winterausrüstung mit Thermounterwäsche, Handschuhen und Mütze. An Bord ist die Kleiderordnung leger, es gibt keinen Dresscode für das Restaurant.
Die Steckdosen an Bord sind norwegisch (Typ F, wie in Deutschland). Adapter sind nicht nötig. WLAN ist verfügbar, aber auf offener See langsam. Die Bordwährung ist Norwegische Krone, Kartenzahlung wird überall akzeptiert.
Ein Tipp, den ich wichtig finde: Buche eine Kabine auf der Steuerbordseite (rechts) bei nordgehender Fahrt. Dort hast du die Küste im Blick. Auf der Rückfahrt ist es entsprechend die Backbordseite (links). Der Unterschied ist erheblich, denn auf der Seeseite sieht man oft nur offenes Wasser.
Häufige Fragen zu Hurtigruten
Ist die Hurtigruten-Reise auch für Familien geeignet?
Grundsätzlich ja, aber Kinder unter 10 Jahren könnten sich auf einer 12-tägigen Fahrt langweilen. Es gibt kein spezielles Kinderprogramm. Für Familien empfehle ich eine Teilstrecke von 3 bis 4 Tagen, zum Beispiel Bergen-Tromsø oder Tromsø-Kirkenes. Kinder bis 2 Jahre reisen kostenlos, Kinder von 2 bis 15 Jahren erhalten Ermäßigungen von bis zu 50 Prozent.
Wird man auf den Hurtigruten seekrank?
Die meiste Zeit fährt das Schiff durch geschützte Fjorde und entlang der Küste, wo die See ruhig ist. Es gibt zwei offene Strecken: die Passage über den Vestfjord zu den Lofoten und die Strecke um das Nordkap herum. Dort kann es besonders im Herbst und Winter etwas schaukeln. Wer empfindlich ist, sollte eine Kabine mittschiffs auf einem mittleren Deck buchen und Reisetabletten dabeihaben.
Kann man einzelne Tagesstrecken fahren?
Ja, das nennt sich Hafenpassage. Man kann an jedem der 34 Häfen zu- und aussteigen. Beliebt sind kurze Strecken wie Bodø-Svolvær (Lofoten) oder Tromsø-Honningsvåg. Die Preise beginnen bei etwa 40 Euro ohne Kabine. Eine Kabine wird erst ab Strecken über 6 Stunden empfohlen. Die Hafenpassagen bucht man direkt auf der Hurtigruten-Website oder an Bord.
Was ist der Unterschied zwischen Hurtigruten und Havila?
Beide fahren dieselbe Route mit denselben 34 Häfen. Hurtigruten hat 7 Schiffe (ältere und neuere), Havila hat 4 moderne Schiffe (Baujahr 2021-2022), die mit LNG und Batterie fahren. Die Havila-Schiffe sind neuer und haben ein etwas moderneres Design. Das Bordprogramm ist bei Hurtigruten umfangreicher (mehr Vorträge, mehr Ausflugsoptionen). Preislich liegen beide auf ähnlichem Niveau.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026