Schwedische Süßigkeiten
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An einem Samstagvormittag in einem ICA-Supermarkt in Linköping stand ich zum ersten Mal vor einer Lösgodis-Wand. Vier Meter breit, hundert Fächer, gefüllt mit Gummibärchen, Schaumküssen, Lakritz, sauren Schlangen und Dingen, die ich nicht identifizieren konnte. Kinder mit Papiertüten liefen systematisch die Reihen ab. Erwachsene ebenso. Das war mein Einstieg in die schwedische Süßigkeitenkultur, und ich habe an diesem Tag viel über dieses Land gelernt.
Schweden hat ein besonderes Verhältnis zu Süßem. Pro Kopf werden jährlich etwa 17 Kilo Süßigkeiten konsumiert. Das ist einer der höchsten Werte in Europa. Gleichzeitig gibt es eine strenge kulturelle Regel: Süßigkeiten isst man nur am Samstag. Lördagsgodis, die Samstags-Süßigkeiten, sind eine Institution. Wie das zusammenpasst? Ganz einfach: Am Samstag wird nachgeholt, was unter der Woche verboten war.
Schwedens Verhältnis zu Süßem
Die Liebe der Schweden zu Süßigkeiten hat historische Wurzeln. In den 1950er Jahren führte die schwedische Regierung eine Studie durch, die als Vipeholm-Experiment in die Medizingeschichte einging. Forscher fütterten Patienten einer psychiatrischen Anstalt mit großen Mengen Toffees und Karamell, um den Zusammenhang zwischen Zucker und Karies zu untersuchen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Häufiger Zuckerkonsum zerstört die Zähne.
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Die Konsequenz war nicht ein Verbot von Süßigkeiten. Stattdessen empfahl die Gesundheitsbehörde, den Konsum auf einen Tag pro Woche zu beschränken. Der Samstag wurde zum offiziellen Süßigkeitentag. Diese Empfehlung ist nie Gesetz geworden, aber sie hat sich tief in die schwedische Kultur eingegraben. Noch heute antworten schwedische Kinder auf die Frage "Wann gibt es Godis?" mit "Am Samstag."
Das Ergebnis ist paradox. Schweden essen zwar nur an einem Tag Süßigkeiten, aber an diesem Tag richtig. Die durchschnittliche Lördagsgodis-Tüte wiegt 300 bis 500 Gramm. Pro Person. Manche Familien haben feste Rituale: Samstagmorgen in den Supermarkt, Tüte füllen, nachmittags vor dem Fernseher essen. Es gibt sogar eine eigene Fernsehsendung am Samstagabend, Lördagsmys, bei der die ganze Familie mit Süßigkeiten auf dem Sofa sitzt.
Lördagsgodis: Die Samstags-Tradition
Lördagsgodis bedeutet wörtlich "Samstags-Süßigkeiten". Das Ritual ist einfach: Am Samstag darf man sich eine Tüte Süßigkeiten kaufen. Unter der Woche gibt es nichts. Keine Ausnahmen. Keine Diskussionen. Schwedische Eltern halten das mit einer Konsequenz durch, die deutsche Eltern zum Staunen bringt.
In der Praxis läuft das so: Die Familie geht samstags in den Supermarkt. Dort steht die Lösgodis-Wand (godishyllan), ein Regal mit Dutzenden offenen Fächern voller loser Süßigkeiten. Jeder bekommt eine Papiertüte und füllt sie nach Belieben. Die Süßigkeiten werden an der Kasse gewogen. Der Kilopreis liegt bei 89 bis 119 SEK, je nach Supermarkt. Eine durchschnittliche Tüte kostet 35 bis 55 SEK.
Die Auswahl ist riesig. Gummibärchen in allen Formen: Autos, Frösche, Fische, Totenschädel. Saure Schlangen und Würmer. Schaumküsse (Skumtomtar, besonders zur Weihnachtszeit). Lakritz in hart, weich, salzig und süß. Schokolinsen, Gelee-Herzen, Marshmallows. Die beliebtesten Sorten sind Bilar (Ahlgrens Bilar), Polly (Pralinenkugeln), Gott & Blandat (Mischung aus Weingummi und Lakritz) und Djungelvrål (sehr salziger Lakritz).
Chokladbollar und Fika-Gebäck
Chokladbollar sind Schwedens beliebtestes Gebäck nach den Kanelbullar. Die Zubereitung ist denkbar einfach: Haferflocken, Butter, Zucker, Kakao, kalter Kaffee und ein Schuss Vanille werden zu einer Masse verrührt, zu Kugeln geformt und in Kokosraspeln oder Hagelzucker gewälzt. Kein Backen nötig. Fertig in 15 Minuten.
Jedes schwedische Kind lernt als erstes Rezept Chokladbollar. In jeder Schulkantine, jedem Café, jedem Konditori liegen sie in der Vitrine. Der Preis liegt bei 20 bis 35 SEK pro Stück. Die besten sind handgemacht, mit echter Butter und gutem Kakao. Die schlechtesten sind industriell gefertigt und schmecken nach Margarine. In manchen Cafés heißen sie offiziell "Havrebollar" (Haferkugeln), weil der Name "Chokladbollar" nicht ganz stimmt, da kaum echte Schokolade drin ist. Aber das interessiert niemanden.
Neben Chokladbollar gehören zur schwedischen Fika noch einige andere süße Klassiker. Die Prinsesstårta (Prinzessinnentorte) mit grünem Marzipanüberzug. Die Semla, das Fastnachtsgebäck mit Mandelmasse und Schlagsahne (Saison: Januar bis März). Dammsugare (wörtlich: Staubsauger), ein längliches Marzipangebäck mit Arrak-Aroma, dessen Enden in Schokolade getaucht sind. Und natürlich Kanelbullar, die Zimtschnecken mit Kardamom.
Schwedisches Gebäck ist generell weniger süß als das amerikanische oder britische Pendant. Der Zucker ist zurückhaltender, Kardamom und Zimt sind prägender. Das macht die Süße angenehm. Man kann drei Chokladbollar essen, ohne dass der Gaumen rebelliert. Ob das gesünder ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber es fühlt sich weniger schuldig an.
Ahlgrens Bilar: Schwedens Kultbonbon
Wenn es eine Süßigkeit gibt, die Schweden definiert, dann sind es Ahlgrens Bilar. Kleine Schaumzucker-Autos in drei Farben: rosa (Himbeere), grün (Birne) und weiß (Menthol). Die Autos werden seit 1953 hergestellt und sind die meistverkaufte Süßigkeit Schwedens. Pro Jahr produziert die Fabrik in Gävle etwa 640 Millionen Stück. Das sind 65 Bilar pro Schwede und Jahr.
Die Konsistenz ist schwer zu beschreiben. Weicher als Marshmallow, fester als Schaumzucker. Etwas gummig, etwas luftig. Man beißt rein und das Auto gibt nach, ohne zu zerbröseln. Der Geschmack ist mild, fruchtig, nicht zu süß. Kinder lieben sie, Erwachsene auch. In Schweden gibt es Bilar-Eis, Bilar-Sour (saure Variante), Bilar-Schokolade und sogar Bilar-Getränke. Die Marke hat sich über die Jahre erweitert, aber das Original bleibt der Bestseller.
Eine Tüte Ahlgrens Bilar (125 Gramm) kostet im Supermarkt 22 bis 28 SEK. Im Lösgodis-Regal kann man sie einzeln in die Tüte legen. Es gibt kaum einen schwedischen Haushalt, in dem nicht irgendwo eine Tüte Bilar liegt. Als Ausländer wird man sie am Anfang seltsam finden. Nach drei Tüten ist man süchtig. So ging es jedenfalls mir.
Marabou und schwedische Schokolade
Marabou ist Schwedens bekannteste Schokoladenmarke. Gegründet 1916, benannt nach dem Marabu-Vogel, hergestellt in Upplands Väsby nördlich von Stockholm. Die lilafarbene Verpackung ist in Schweden so ikonisch wie die gelb-blaue Flagge. Die Standardtafel (200 Gramm) kostet 30 bis 40 SEK. Die beliebteste Sorte: Mjölkchoklad (Vollmilchschokolade). Danach: Schweizernöt (mit ganzen Haselnüssen), Japp (Karamell und Erdnüsse), Daim (Butterkaramell) und Mint (Minze mit dunkler Schokolade).
Marabou schmeckt anders als deutsche Schokolade. Cremiger, süßer, mit einem milchigen Nachgeschmack. Das liegt am Rezept, das mehr Milchpulver enthält als die meisten deutschen Marken. Schokoladen-Puristen rümpfen die Nase. Aber Marabou ist keine Gourmet-Schokolade, sondern Komfort-Essen. Eine Tafel Mjölkchoklad am Samstagabend vor dem Fernseher, das ist Lördagsmys in Reinform.
Neben Marabou gibt es weitere schwedische Schokoladenmarken. Cloetta (gegründet 1862 in Ljungsbro) produziert Kexchoklad, einen Schokoriegel mit Waffel, der in jeder schwedischen Schulkantine verkauft wird. Preis: 12 bis 15 SEK. Plopp ist ein Karamell-Schokoladen-Riegel von Cloetta, der seit 1949 hergestellt wird. Und dann gibt es Polly, kleine Pralinenkugeln mit Frucht-Toffee-Füllung, die bei Lösgodis zu den Favoriten gehören.
Die schwedische Premium-Schokoladenszene wächst. In Stockholm machen Chokladfabriken (Bean-to-Bar-Hersteller) wie Malmö Chokladfabrik, Pärlans Konfektyr und Kvarnen Choklad handwerkliche Schokolade mit schwedischem Twist: Schokolade mit Preiselbeeren, Meersalz von Gotland oder Kardamom. Eine Tafel kostet 80 bis 120 SEK und lohnt sich als Mitbringsel.
Pick & Mix: Die Lösgodis-Kultur
Lösgodis (lose Süßigkeiten) sind das Kern der schwedischen Süßigkeitenkultur. Das Konzept ist einfach: offene Fächer mit verschiedenen Süßigkeiten, eine Papiertüte und eine Schaufel. Man nimmt, was man will, und bezahlt nach Gewicht. In Schweden gibt es Lösgodis in jedem Supermarkt, in spezialisierten Süßigkeitenläden und sogar in manchen Tankstellen.
Die Auswahl umfasst typischerweise 80 bis 150 verschiedene Sorten. Es gibt regionale Unterschiede: Im Norden stehen mehr Lakritz-Varianten, im Süden mehr Fruchtgummis. Die Preise liegen bei 89 bis 119 SEK pro Kilo in Supermärkten. In spezialisierten Läden wie Hemmakväll oder Godisfabriken kann der Kilopreis auf 129 bis 159 SEK steigen, dafür ist die Auswahl größer.
Hemmakväll ist Schwedens größte Süßigkeitenkette mit über 100 Filialen. Die Läden sehen aus wie Süßigkeiten-Supermärkte: Wände voller Lösgodis, dazu abgepackte Süßigkeiten, Chips, Eis und Getränke. Samstags sind die Läden voll. Unter der Woche spürbar leerer. Die Tradition hält.
Ein Tipp für Touristen: Stellen Sie sich eine gemischte Tüte zusammen und probieren Sie Sorten, die Sie nicht kennen. Djungelvrål (sehr salziger Lakritz, grüne Verpackung) ist die härteste Probe für Nicht-Skandinavier. Skumtomtar (Schaumzucker-Weihnachtsmänner) sind harmlos und lecker. Och (Schokolade mit Toffee-Füllung) schmeckt wie ein Karamellbonbon in Schokoladenmantel. Und die klassischen schwedischen Fruchtgummis (Fruktgodis) sind weniger gummig als Haribo und schmecken intensiver nach Frucht.
Lakritz und Salziges
Lakritz (lakrits auf Schwedisch) verdient ein eigenes Kapitel. Schweden lieben Lakritz in einer Intensität, die für Mitteleuropäer verstörend sein kann. Die Bandbreite reicht von mild-süß bis Salmiak-salzig, also Lakritz mit Ammoniumchlorid, das einem die Tränen in die Augen treibt. Djungelvrål ("Dschungel-Gebrüll") von Malaco ist die bekannteste Sorte in der extremen Kategorie: kleine schwarze Stücke, bestreut mit Salmiak-Pulver. Der erste Biss brennt. Der zweite auch. Ab dem dritten fängt man an, es zu mögen. Oder man hört für immer auf.
Weniger extreme Lakritz-Optionen: Lakritspipor (Lakritzpfeifen), Lakritsnycklar (Lakritzschlüssel) und Lakritsbåtar (Lakritzboote). Alle von der Firma Malaco, alle in der Lösgodis-Wand zu finden. Die süßen Varianten sind einsteigerfreundlich. Gott & Blandat (Gut & Gemischt) ist eine Mischung aus Fruchtgummi und Lakritz, die zeigt, wie Schweden beides kombinieren: süß und salzig nebeneinander in einer Tüte.
Wo man schwedische Süßigkeiten kauft
Im Supermarkt: ICA, Coop und Willys haben alle Lösgodis-Wände und eine gute Auswahl an abgepackten Süßigkeiten. Willys ist am günstigsten (89 SEK pro Kilo Lösgodis), ICA oft etwas teurer. Die beste Auswahl hat ICA Maxi, die großen Verbrauchermärkte am Stadtrand.
Bei Hemmakväll: Über 100 Filialen in ganz Schweden. Die größte Lösgodis-Auswahl, dazu saisonale Specials (Weihnachts-Godis, Oster-Godis). Preise etwas höher als im Supermarkt, aber die Erfahrung ist Teil des Spaßes.
In Markthallen: Östermalms Saluhall in Stockholm hat Premium-Süßigkeiten und handgemachte Pralinen. In Göteborg lohnt sich die Saluhallen Briggen. Hier findet man kleine Konfiserien, die handwerkliche Karamellen, Polkagrisar (rot-weiß gestreifte Zuckerstangen aus Gränna) und Marmelade herstellen.
In Gränna am Vätternsee kann man die Herstellung von Polkagrisar live verfolgen. Die rot-weißen Zuckerstangen werden seit 1859 in der kleinen Stadt hergestellt. Über 20 Polkagris-Fabriken reihen sich in der Hauptstraße aneinander. Der Eintritt zur Schau-Herstellung ist frei. Eine Tüte Polkagrisar kostet ab 45 SEK. Es gibt inzwischen auch Varianten in anderen Geschmacksrichtungen: Lakritz, Apfel, Blaubeer. Aber das Original ist rot und weiß und schmeckt nach Pfefferminz.
Als Mitbringsel eignen sich besonders: Ahlgrens Bilar (leicht, haltbar, typisch schwedisch), eine Tafel Marabou Schweizernöt (für Schokoladen-Fans), Polkagrisar aus Gränna (handgemacht, hübsch verpackt) und eine gemischte Tüte Lösgodis mit Djungelvrål für Mutige. Am Flughafen Arlanda gibt es einen Pressbyrån-Kiosk hinter der Sicherheitskontrolle mit guter Auswahl. Aber die Preise sind dort 20 bis 30 Prozent höher als im Supermarkt.
Häufig gestellte Fragen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026





