Sarek Nationalpark
Es gibt Nationalparks, die man besucht. Und es gibt Sarek. Dieser Park wird nicht besucht, er wird durchquert, und zwar auf eigene Verantwortung. Keine markierten Wege. Keine Hütten. Keine Brücken über die Gletscherflüsse. Kein Mobilfunkempfang. Sarek ist der wildeste Nationalpark Europas, und er meint es ernst.
Ich hatte jahrelang über Sarek gelesen, bevor ich mich getraut habe, dort hineinzugehen. Die Berichte anderer Wanderer schwankten zwischen Ehrfurcht und Warnung. Dann bin ich im August mit einem Freund sechs Tage lang durch das Rapadalen gewandert, und ich kann sagen: Beides ist berechtigt. Sarek verlangt alles ab und gibt alles zurück -- die anstrengendste und zugleich lohnendste Tour, die ich in Schweden erlebt habe.
Der Park liegt im Herzen von Schwedisch-Lappland, eingebettet zwischen den Nationalparks Padjelanta und Stora Sjöfallet. 1.970 Quadratkilometer, rund 200 Berggipfel über 1.800 Meter, etwa 100 Gletscher und ein Flussdelta, wie es in Europa kein zweites gibt. Und das alles ohne einen einzigen Wegweiser.
Was Sarek von allen anderen unterscheidet
In den meisten europäischen Nationalparks gibt es Wanderwege, Schutzhütten und Infotafeln. Sarek hat nichts davon. Bewusst nicht. Als der Park 1909 gegründet wurde, war die Idee, ein Stück Wildnis zu bewahren, das von Menschen weitgehend unberührt bleibt. An dieser Philosophie hat sich bis heute nichts geändert. Die schwedische Naturschutzbehörde (Naturvårdsverket) unterhält im Park keine Infrastruktur für Wanderer.
Das bedeutet konkret: Man muss sich mit Karte und Kompass orientieren können. GPS hilft, ersetzt aber die Kartenlektüre nicht, weil man ohne topografisches Verständnis die Geländeformen nicht richtig einschätzen kann. Man muss wissen, wie man Gletscherflüsse quert, denn davon gibt es viele, und manche sind hüfttief und eisig kalt. Man muss seine Nahrung für die gesamte Tour tragen, weil es keinen Proviant unterwegs gibt.
Das klingt nach Abschreckung, ist aber als Beschreibung gemeint. Sarek ist kein Ort für spontane Tagesausflügler. Wer hierher kommt, sollte Erfahrung mit Mehrtagestouren in weglosem Gelände mitbringen und seine Ausrüstung kennen. Wer die Vorbereitung ernst nimmt, findet dafür eine Landschaft vor, die in Europa ohne Vergleich dasteht.
Pro Jahr besuchen schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Menschen Sarek. Zum Vergleich: Der Abisko Nationalpark, ein Bruchteil der Fläche, hat über 100.000 Besucher im Jahr. In Sarek kann man tagelang wandern, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Genau darum kommen die Leute hierher.
Rapadalen: Das zentrale Tal
Das Rapadalen wird regelmäßig als das schönste Tal Schwedens bezeichnet, -- zu Recht. Es erstreckt sich über 40 Kilometer vom westlichen Parkrand bis zum Laitaure-See im Osten. Der Fluss Rapaätno hat hier ein gewaltiges Delta geschaffen, ein Labyrinth aus Wasserarmen, Sandbänken und Weidenbüschen, das je nach Wasserstand seine Form verändert.
Von den umliegenden Bergen betrachtet, sieht das Delta wie ein abstraktes Gemälde aus. Im September, wenn die Birken gelb und rot werden, kennt jeder schwedische Naturfotograf den Blick vom Skierfe-Berg über das Rapadalen -- ein Motiv, das auf der Hälfte aller Lappland-Bildbände zu finden ist. Der Aufstieg zum Skierfe ist allerdings kein Spaziergang. Rund 800 Höhenmeter über wegloses Gelände, und es gibt Stellen, an denen man die Hände braucht.
Im Tal selbst wandert man durch Birkenwälder, über Moränen und entlang des Flusses. Die Querung des Rapaätno ist die größte Herausforderung. Je nach Jahreszeit und Niederschlag kann der Fluss knietief oder hüfttief sein. Die Strömung ist kräftig, das Wasser eisig. Ich habe bei meiner Durchquerung eine Watschuh-Sandalen getragen und den Rucksack nur am Hüftgurt befestigt, damit man ihn im Notfall schnell abwerfen kann. Morgens früh sind die Wasserstände am niedrigsten, weil die Gletscherschmelze über Nacht nachlässt.
Das Rapadalen ist auch Heimat der samischen Rentierhirten, die ihre Herden seit Jahrhunderten durch dieses Tal treiben. Man sieht gelegentlich ihre Arbeitsplätze und Zäune. Es ist wichtig, diese zu respektieren und Abstand zu den Rentieren zu halten, besonders während der Kalbungszeit im Mai und Juni.
Gletscher und Berge
Sarek beherbergt etwa 100 Gletscher, die meisten davon im westlichen Teil des Parks. Sie speisen die Flüsse, die durch die Täler fließen, und sind der Grund für die milchig-türkise Farbe des Wassers. Der größte Gletscher ist der Mikka, gefolgt vom Ruotes und dem Bielloriegna. Alle sind in den letzten Jahrzehnten erheblich geschrumpft. Vergleichsfotos aus den 1950er Jahren und heute zeigen den Rückgang deutlich.
Die Berge im Sarek gehören zu den höchsten Schwedens. Der Sarektjåhkkå erreicht 2.089 Meter und ist damit der zweithöchste Berg des Landes nach dem Kebnekaise. Die Besteigung erfordert alpine Erfahrung und Gletscherausrüstung, da der Gipfelbereich vergletschert ist. Ohne entsprechende Kenntnisse sollte man sich fernhalten.
Für erfahrene Bergsteiger bieten die Massive um Pårte (2.005 m), Skårki (1.984 m) und Ähpar (1.856 m) anspruchsvolle Routen. Es gibt keine dokumentierten Kletterrouten im klassischen Sinn. Man steigt über Firnfelder, Geröllhalden und Gratrücken. Die Orientierung erfordert Erfahrung mit weglosem alpinem Gelände. Steigeisen und Eispickel gehören ab bestimmten Höhen zur Standardausrüstung.
Wer keine Gipfel besteigen will, erlebt die Bergwelt trotzdem eindrucksvoll. Die Pässe zwischen den Tälern, etwa der Álggavágge oder der Ruotesvágge, bieten Weitblicke über die gesamte Fjälllandschaft. Von dort sieht man Gletscher, Moränenseen und Felsformationen, an denen in bewirtschafteten Nationalparks kein markierter Weg vorbeiführt.
Vorbereitung und Ausrüstung
Keine andere Tour in Schweden verlangt so viel Vorbereitung wie Sarek. Das beginnt bei der Routenplanung und endet bei der Notfall-Ausrüstung. Wer hier hineingeht, ist auf sich allein gestellt. Die nächste Straße kann drei Tagesmärsche entfernt sein, Mobilfunkempfang gibt es nicht.
Karten: Die Fjällkartan im Maßstab 1:50.000 von Lantmäteriet sind unverzichtbar. Für Sarek braucht man die Blätter BD6 und BD10. Ein GPS-Gerät mit vorgeladenen Karten ist eine sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz. Batterien halten im Kälteeinbruch kürzer als erwartet. Ich hatte einen Garmin mit Ersatzbatterien und zusätzlich die Papierkarten in einer wasserdichten Hülle.
Zelt: Ein sturmfestes Zelt ist nicht verhandelbar. Die Wetterwechsel in Sarek sind berüchtigt. Innerhalb einer Stunde kann es von Sonnenschein zu Sturm und Regen umschlagen. Ein Tunnelzelt mit Snowskirt und solider Abspannung ist die beste Wahl. Ich empfehle Hilleberg-Zelte (Keron, Nammatj oder Nallo), die genau für solche Bedingungen entwickelt wurden und in Schweden hergestellt werden.
Verpflegung: Man muss alles selbst tragen. Für eine sechstägige Tour kalkuliere ich 700 bis 800 Gramm Nahrung pro Tag und Person. Gefriergetrocknete Mahlzeiten sind leicht und nahrhaft. Dazu Müsliriegel, Nüsse, Trockenobst und Haferflocken für morgens. Ein Wasserfilter ist sinnvoll, weil manche Gletscherbäche Sediment führen, auch wenn das Wasser grundsätzlich trinkbar ist.
Flussquerungen: Watsandalen oder Neoprenschuhe für die Flussquerungen einpacken. Niemals barfuß queren, das Geröll ist scharfkantig und die Strömung kann einen umwerfen. Wanderstöcke geben zusätzlichen Halt. Vor jeder Querung die Tiefe und Strömung einschätzen. Im Zweifelsfall einen anderen Übergang suchen, auch wenn das einen Umweg bedeutet. Die Regel lautet: Morgens queren, wenn der Wasserstand am niedrigsten ist.
Notfall: Ein Satellitentelefon oder PLB (Personal Locator Beacon) sollte auf jeder Sarek-Tour dabei sein. Die schwedische Bergrettung (Fjällräddningen) erreicht den Park per Helikopter, aber die Koordination dauert. Eine Erste-Hilfe-Ausrüstung mit Blasenpflaster, elastischen Binden und Schmerzmitteln ist selbstverständlich.
Routen und Zugänge
Sarek hat keinen offiziellen Eingang. Man betritt den Park von verschiedenen Seiten, je nachdem welche Route man plant. Die gängigsten Zugänge sind:
Von Aktse: Der klassische Zugang über den Laitaure-See. Man fährt mit dem Bus nach Kvikkjokk (von Jokkmokk aus), wandert den Kungsleden bis Aktse (16 km) und setzt mit dem Boot über den Laitaure. Von dort geht es ins Rapadalen. Diese Route ist die beliebteste und bietet den Vorteil, dass man auf dem Kungsleden-Abschnitt noch markierte Wege hat.
Von Ritsem: Von der Straßenendstation bei Ritsem (erreichbar per Bus von Gällivare) kann man über den Áhkká-Zufluss in den westlichen Teil des Parks gelangen. Diese Route ist anspruchsvoller, weil man sofort in wegloses Gelände kommt. Dafür ist man schneller in den Gletscherregionen.
Von Suorva/Vietas: Der nördliche Zugang über den Stausee Suorva und das Dorf Vietas. Von hier aus erreicht man den Ruotesvágge und die nördlichen Täler. Die Route erfordert gute Orientierung, weil das Gelände wenig ausgeprägte Landmarken hat.
Die klassische Durchquerung führt von Aktse durch das Rapadalen bis zum Álggavágge-Pass und hinaus nach Staloluokta am Virijaure-See. Von dort geht es auf dem Padjelantaleden weiter nach Kvikkjokk oder Ritsem. Die Route dauert sechs bis acht Tage und bietet die volle Bandbreite der Sarek-Landschaft: Birkenwälder, Moränenfelder, Gletschertäler und alpine Hochebenen.
Flora, Fauna und samische Kultur
Sarek ist Teil des Laponia-Welterbegebiets, das die UNESCO 1996 sowohl für seinen Naturwert als auch für seine kulturelle Bedeutung aufgenommen hat. Das Gebiet wird seit Jahrtausenden von den Sami bewirtschaftet. Die Rentierhaltung prägt die Landschaft bis heute. Im Herbst treibt man die Herden durch die Täler zu den Winterweiden. Es gibt Arbeitskoten (kleine Hütten der Sami) und Rentierpferche, die man als Wanderer nicht betreten sollte.
Die Tierwelt ist die, die man in einem unberührten skandinavischen Ökosystem erwartet. Elche leben in den Tälern, Rentiere sind überall. Vielfraße durchstreifen die Hochebenen und sind einer der Gründe, warum die Sami ihre Herden so aufmerksam bewachen. Luchse wurden gesichtet, sind aber scheu. Braunbären gibt es im Gebiet, Begegnungen sind aber selten. Steinadler nisten in den Felswänden, und Gerfalken jagen über den Hochebenen.
Auch die Pflanzenwelt fällt artenreicher aus, als man auf dieser Breite erwarten würde. In den geschützten Tallagen wachsen Birken bis auf etwa 700 Meter Höhe. Die Bodenvegetation besteht aus Heidelbeersträuchern, Krähenbeeren und Preiselbeeren. Auf den Hochebenen dominieren Flechten, Moose und Zwergweiden. Im Juli blühen arktische Wildblumen: Fjällsippa (Silberwurz), Ripbär (Alpen-Bärentraube) und verschiedene Steinbrecharten.
Die Seen im Park haben klares, oligotrophes Wasser und beherbergen Saibling und Seeforelle. Angeln ist erlaubt, aber man braucht einen Fiskekort, den man bei der Sami-Gemeinde oder der Länsstyrelse beantragen kann. In den Sommermonaten kann ein frisch gefangener Saibling, über dem Kocher gebraten, eine willkommene Abwechslung zur gefriergetrockneten Nahrung sein.
Beste Reisezeit und Wetterbedingungen
Die Wandersaison in Sarek ist kurz. Im Juni liegt vielerorts noch Schnee, und die Flüsse führen Hochwasser durch die Schneeschmelze. Flussquerungen sind dann oft unmöglich. Ab Mitte Juli sind die meisten Routen begehbar, die Flüsse haben einen akzeptablen Wasserstand, und die Temperaturen liegen tagsüber bei 10 bis 18 Grad.
Juli bietet die längsten Tage und die wärmsten Temperaturen. Die Mitternachtssonne scheint bis Mitte Juli. Nachteil: Die Mücken sind im Juli am schlimmsten. Ein Moskitonetz für den Kopf, Mückenspray und langärmlige Kleidung sind Pflicht. Die Flüsse führen noch relativ viel Wasser.
August ist für viele die ideale Zeit. Die Mücken lassen nach, die Flüsse fallen, und Ende August beginnen die ersten Herbstfarben. Die Temperaturen sind noch angenehm, mit 8 bis 15 Grad tagsüber. Ab Mitte August kann es nachts schon frieren. Ich empfehle die zweite Augusthälfte als Kompromiss zwischen Mückenfreiheit, Wasserständen und Wetter.
September bringt die besten Farben und keine Mücken, aber das Wetter wird unberechenbar. Schneefälle sind ab Mitte September möglich, auch in den Tälern. Die Tage werden kürzer, und die Nächte können deutlich unter den Gefrierpunkt fallen. Wer im September geht, braucht Winterschlafsack und sollte mit plötzlichen Wetterumschwüngen rechnen. Mehr über Schwedens Nationalparks.
Das Wetter in Sarek ist grundsätzlich wechselhaft. Drei Tage Sonnenschein, gefolgt von zwei Tagen Regen und Wind, sind ein typisches Muster. Nebel kann die Orientierung erschweren, besonders auf den Pässen. Man sollte immer einen Reservetag einplanen, falls eine Flussquerung wegen hohem Wasserstand verschoben werden muss oder das Wetter einen Ruhetag erzwingt.
Häufig gestellte Fragen
- Ist Sarek für Wanderanfänger geeignet?
- Nein. Sarek erfordert Erfahrung mit Mehrtagestouren in weglosem Gelände, solide Navigationskenntnisse (Karte und Kompass) und die Fähigkeit, Flüsse sicher zu queren. Wer diese Erfahrung noch nicht hat, sollte zunächst den Kungsleden oder den Padjelantaleden gehen und sich dort an die Bedingungen gewöhnen.
- Wie komme ich zum Sarek Nationalpark?
- Der häufigste Zugang führt über Kvikkjokk (Bus ab Jokkmokk), dann auf dem Kungsleden bis Aktse und per Boot über den Laitaure-See. Alternative Zugänge sind Ritsem (Bus ab Gällivare) oder Suorva/Vietas. Alle erfordern zusätzliche Anreiseplanung, da die Busverbindungen nur wenige Male pro Woche fahren.
- Gibt es in Sarek Hütten oder Unterkünfte?
- Nein. Im Sarek Nationalpark gibt es keine STF-Hütten und keine andere Wanderinfrastruktur. Man muss ein eigenes Zelt mitbringen. Am Rand des Parks, am Kungsleden und Padjelantaleden, gibt es bewirtschaftete Hütten, aber innerhalb des Parks ist man vollständig auf sich gestellt.
- Wie gefährlich sind die Flussquerungen?
- Die Flussquerungen sind die größte Gefahr in Sarek. Gletscherflüsse können kniebis hüfttief sein, das Wasser ist eisig kalt (4 bis 8 Grad), und die Strömung kann stark sein. Man sollte morgens queren (niedrigster Wasserstand), Watsandalen tragen, Wanderstöcke nutzen und den Rucksack nur am Hüftgurt befestigen. Im Zweifelsfall einen alternativen Übergang suchen.
- Wann ist die beste Zeit für eine Sarek-Durchquerung?
- Die zweite Augusthälfte bietet den besten Kompromiss: Die Mücken sind weitgehend weg, die Flüsse führen weniger Wasser als im Juli, die Temperaturen sind noch angenehm, und Ende August beginnen die ersten Herbstfarben. Juli ist wärmer und heller, aber mückenreich. September hat die schönsten Farben, aber unberechenbareres Wetter.
- Brauche ich ein Satellitentelefon?
- Es ist dringend empfohlen. Im Sarek gibt es keinen Mobilfunkempfang. Im Notfall ist ein Satellitentelefon oder ein PLB (Personal Locator Beacon) das einzige Kommunikationsmittel. Die Bergrettung per Helikopter kann je nach Wetter Stunden dauern. Ein PLB kostet ab 200 Euro und kann im Ernstfall Leben retten.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026