Roadtrip Südnorwegen
Wenn Deutsche an Norwegen denken, sehen sie Fjorde, hohe Berge und Nordlichter. Kaum jemand denkt an weiße Sandstrände, an kleine Holzhäuser in Pastellfarben und an eine Küste, die an manchen Tagen aussieht wie Griechenland. Aber genau das ist Südnorwegen. Die Küste zwischen Kristiansand und Stavanger hat ein anderes Temperament als der Rest des Landes. Sie ist sanfter, wärmer und überraschend mediterran.
Ich habe den Roadtrip im Juli gemacht, bei 27 Grad und blauem Himmel. Die Kinder sprangen am Strand von Mandal ins Wasser, in den Schären von Lillesand paddelten Kayakfahrer zwischen den Inseln, und in den Straßencafés von Grimstad saßen Leute mit Sonnenbrillen und Weißwein. Es hätte auch Kroatien sein können. Nur die Flaggen an den Holzhäusern und die Preise auf der Speisekarte erinnerten daran, dass man in Norwegen war.
Warum Südnorwegen unterschätzt wird
Südnorwegen hat kein Marketingproblem, es hat ein Wahrnehmungsproblem. Die meisten internationalen Touristen fahren nach Bergen, auf die Lofoten oder zum Geirangerfjord. Die Südküste überlassen sie den Norwegern. Und die Norweger finden das ganz gut so, denn Südnorwegen ist ihr Sommerparadies. Die Küste zwischen Kristiansand und Stavanger heißt auf Norwegisch Sørlandet, und für viele Norweger ist ein Sommerhaus an der Südküste der Inbegriff von Urlaub.
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Der Vorteil für Reisende aus Deutschland: Südnorwegen ist einfach zu erreichen. Von Hirtshals in Dänemark fährt eine Fähre in zweieinhalb Stunden nach Kristiansand. Man steigt morgens auf die Fähre, ist mittags in Norwegen und steht nachmittags am Strand. Keine Inlandsflüge, keine langen Fahrstrecken, kein Jetlag. Südnorwegen ist das nächstgelegene Stück Norwegen, das man von Mitteleuropa aus erreichen kann.
Das Klima hilft ebenfalls. Südnorwegen hat die meisten Sonnenstunden des Landes. Im Juli liegen die Temperaturen häufig über 20 Grad, manchmal über 25. Das Meer erreicht an geschützten Stellen 18 bis 20 Grad, was für Norwegen tropisch ist. Wer schon immer mal in Norwegen baden wollte, ohne dabei blau anzulaufen, ist hier richtig.
Die Route: Von Kristiansand bis Stavanger
Die klassische Südnorwegen-Route führt entlang der Küste von Kristiansand nach Stavanger. Die direkte Strecke über die E39 ist etwa 230 Kilometer lang und dauert drei Stunden. Aber die direkte Strecke ist langweilig. Sie führt über die Autobahn, vorbei an der Küste, ohne sie zu berühren. Wer die Südküste sehen will, muss auf die Nebenstraßen ausweichen.
Die Küstenroute über die Fv456, Fv420 und diverse Kommunalstraßen ist etwa doppelt so lang und dauert entsprechend länger. Dafür fährt man durch jeden kleinen Hafen, über jede Schäreninsel und vorbei an jedem weißen Holzhaus, das diese Küste zu bieten hat. Ich empfehle drei bis vier Tage für die Strecke, mit Abstechern ins Hinterland und Zeit zum Baden.
Man kann die Route auch in umgekehrter Richtung fahren, von Stavanger nach Kristiansand. Die Fähre von Hirtshals nach Stavanger dauert elf Stunden (Nachtfähre) und ist eine Option, wenn man lieber morgens in Stavanger starten und die Küste nach Osten abfahren will. Beide Richtungen haben ihren Reiz.
Kristiansand und die Südküste
Kristiansand ist die fünftgrößte Stadt Norwegens und der Startpunkt der meisten Südnorwegen-Trips. Die Stadt hat einen schönen Altstadtkern (Posebyen) mit weißen Holzhäusern in rechtwinkligem Straßenraster, ein Erbe der Stadtgründung durch König Christian IV. im Jahr 1641. Der Fischmarkt am Hafen verkauft frische Krabben und geräucherten Lachs, und die Uferpromenade ist im Sommer der Treffpunkt der Stadt.
Für Familien ist der Kristiansand Dyrepark ein Pflichtbesuch. Der Zoo und Vergnügungspark liegt 15 Minuten östlich der Stadt und beherbergt unter anderem die Kardemomme By, eine Nachbildung der Stadt aus Thorbjørn Egners Kinderbuch. Kinder lieben es. Erwachsene auch, wenn sie ehrlich sind. Eintritt: rund 500 NOK pro Person.
Östlich von Kristiansand liegen die kleinen Küstenstädte Lillesand und Grimstad. Beide sind einen Abstecher wert. Lillesand hat einen der schönsten Gästehäfen Norwegens, und die Altstadt besteht aus weißen Holzhäusern, die sich um einen natürlichen Hafen gruppieren. Grimstad ist die Stadt, in der Henrik Ibsen als Apothekerlehrling arbeitete, bevor er einer der bedeutendsten Dramatiker der Welt wurde. Sein ehemaliger Arbeitsplatz ist heute ein Museum.
Die weißen Holzstädte
Die weißen Holzhäuser sind das Markenzeichen der Südküste. Sie wurden im 17. und 18. Jahrhundert von Kaufleuten und Seefahrern gebaut, die von Handel und Seefahrt wohlhabend geworden waren. Die weiße Farbe war ein Statussymbol: Weiße Farbe war teurer als braune oder rote, weil sie Bleikarbonat enthielt, das importiert werden musste. Wer sich ein weißes Haus leisten konnte, zeigte damit seinen Wohlstand.
Flekkefjord ist eine der am besten erhaltenen weißen Holzstädte. Das Viertel Hollenderbyen (die Holländerstadt) hat seinen Namen von den holländischen Händlern, die hier im 17. Jahrhundert Holz kauften. Die Gassen sind so eng, dass kein Auto hindurchpasst. Die Häuser stehen dicht an dicht, mit blühenden Rosenstöcken in den Vorgärten und handgeschnitzten Türrahmen. Flekkefjord ist touristisch weniger erschlossen als die größeren Orte, was seinen Charme ausmacht.
Mandal liegt zwischen Kristiansand und Flekkefjord und hat den längsten Sandstrand Norwegens: Sjøsanden, 800 Meter lang, feiner Sand, flach abfallend. Im Sommer ist hier Hochbetrieb. Norwegische Familien kommen aus dem ganzen Land, um hier zu baden. Die Altstadt von Mandal ist klein, aber gut erhalten, mit weißen Häusern, einer Lachstreppe am Fluss und einem Museum für den Maler Amaldus Nielsen.
Risør liegt weiter östlich und gilt als eine der besterhaltenen Holzstädte Norwegens. Der Hafen ist von weißen Häusern umgeben, die sich den Hang hinaufziehen. Im August findet hier das Trebåtfestivalen statt, ein Festival für Holzboote, bei dem historische Segelschiffe und Ruderboote den Hafen füllen. Die Stimmung ist ausgelassen, und man kann abends direkt am Kai sitzen und den Schiffen beim Einlaufen zusehen.
Strände und Schären
Die Südküste hat Strände, die man in Norwegen nicht erwartet. Neben Sjøsanden in Mandal gibt es Hamresanden bei Kristiansand, einen breiten Strand mit Dünen und Strandhafer, der an die Nordsee erinnert. Brusand bei Hå ist ein kilometerlanger Sandstrand mit Wellengang, beliebt bei Surfern. Solastranden bei Stavanger ist vielleicht der wildeste Strand der Südküste: breit, windig, mit hohen Wellen und einem Flughafen direkt dahinter, so dass man Flugzeugen beim Landen zusehen kann, während man im Sand liegt.
Die Schären vor der Südküste sind ein eigenes Universum. Tausende kleine Inseln, Felsen und Klippen bilden ein Labyrinth aus Land und Wasser. Die meisten sind unbewohnt, manche haben ein einzelnes Ferienhaus, andere sind bloße Steinhaufen, auf denen Möwen brüten. Mit einem Kayak oder einem kleinen Boot kann man stundenlang durch die Schären paddeln, auf einsamen Felsen picknicken und in geschützten Buchten schwimmen.
In Lillesand und Risør kann man Boote mieten, ab etwa 1500 NOK pro Tag für ein kleines Motorboot. Kayaks sind günstiger, ab 500 NOK für einen Halbtag. Geführte Kayaktouren durch die Schären werden in Kristiansand und Grimstad angeboten und kosten rund 600 NOK pro Person. Ich rate zu einer geführten Tour beim ersten Mal, weil die Navigation zwischen den Inseln ohne Ortskenntnisse verwirrend sein kann.
Fjorde im Süden
Die Fjorde in Südnorwegen sind kleiner und weniger dramatisch als die in Westnorwegen, aber sie haben ihren eigenen Charakter. Der Lysefjord bei Stavanger ist der bekannteste, mit dem Preikestolen (604 m) als Hauptattraktion. Aber es gibt auch ruhigere Fjorde, die weniger besucht sind.
Der Fedafjord bei Flekkefjord ist ein stiller, grüner Fjord, der von bewaldeten Hängen umgeben ist. Hier gibt es keine Kreuzfahrtschiffe und keine Besucherparkplätze. Man fährt eine kleine Straße am Ufer entlang, hält an einer Bucht an und hat den Fjord für sich allein. Die Wanderung zum Brufjell, einem natürlichen Felsentor über dem Fjord, dauert etwa 30 Minuten und bietet einen Blick, der sonst Postkarten vorbehalten ist.
Der Jøssingfjord in der Nähe von Sokndal ist historisch bedeutsam. Hier fand 1940 die Altmark-Affäre statt, als die britische Marine das deutsche Schiff Altmark in norwegischen Gewässern aufbrachte. Der Fjord selbst ist eng und dunkel, mit steilen Felswänden auf beiden Seiten. Am Fjordende gibt es ein kleines Museum, das die Ereignisse dokumentiert.
Wer den Preikestolen besuchen will, sollte dafür einen eigenen Tag einplanen. Die Wanderung vom Parkplatz zum Felsplateau dauert etwa zwei Stunden einfach, mit 350 Höhenmetern. Im Sommer ist der Weg voll, sehr voll. Mein Tipp: Früh morgens starten, vor 7 Uhr. Dann hat man den Preikestolen vielleicht mit zehn anderen Leuten statt mit dreihundert. Der Parkplatz kostet 300 NOK für den ganzen Tag.
Übernachten und Kosten
Die Südküste hat eine große Auswahl an Unterkünften, von einfachen Campingplätzen bis zu kleinen Boutiquehotels in historischen Holzhäusern. Die Preise sind im Sommer (Juli/August) am höchsten, weil die Norweger selbst hier Urlaub machen.
Ferienhäuser sind die beste Option für Familien. Ein Haus am Meer für vier Personen kostet in der Hochsaison ab 6000 NOK pro Woche, in guter Lage mit eigenem Bootssteg ab 10.000 NOK. Außerhalb der Hochsaison fallen die Preise um die Hälfte. Buchungsplattformen wie Novasol und TUI Ferienhaus haben eine große Auswahl.
Campingplätze gibt es in jedem größeren Ort. Ein Stellplatz für Zelt oder Wohnmobil kostet 250 bis 400 NOK pro Nacht. Viele Plätze haben Hütten (Hytter) für zwei bis sechs Personen, ab 600 NOK pro Nacht. Die Campingplätze an der Küste sind im Juli schnell ausgebucht, Reservierung ist empfehlenswert.
Hotels in den Küstenstädten kosten ab 1000 NOK pro Nacht im Doppelzimmer. Das Sjøhuset Hotel in Risør, untergebracht in einem ehemaligen Lagerhaus am Hafen, ist eine gute Wahl (ab 1200 NOK). In Kristiansand gibt es Kettenhotels mit niedrigeren Preisen und besserer Verfügbarkeit.
Das Tagesbudget für zwei Personen mit Mietwagen und einfacher Unterkunft liegt bei 2000 bis 3000 NOK. Wer campt und selber kocht, kommt mit 1200 bis 1500 NOK aus. Essen gehen kostet am Meer etwas mehr: Eine Portion Fisch mit Kartoffeln und Salat kostet im Restaurant 250 bis 350 NOK. Ein Krabbenbrötchen am Hafen gibt es für 80 bis 120 NOK.
Praktische Tipps
Anreise: Fähre Hirtshals, Kristiansand mit Color Line oder Fjord Line, Fahrzeit zweieinhalb Stunden, Kosten ab 500 NOK für Auto plus Fahrer. Alternativ Fähre Hirtshals nach Stavanger, zehn bis elf Stunden (Nachtfähre), ab 800 NOK. Von Oslo nach Kristiansand sind es 300 Kilometer über die E18, etwa drei Stunden.
Beste Reisezeit: Juni bis August für Strandurlaub und die wärmsten Temperaturen. Mai und September sind ruhiger, aber immer noch angenehm, wenn auch kühler zum Baden. Die Herbstfarben im Oktober sind an der Südküste weniger ausgeprägt als im Landesinneren.
Fahrräder: Die Südküste eignet sich gut zum Radfahren. Die Strecke ist flach bis hügelig, die Straßen sind wenig befahren, und es gibt einen zusammenhängenden Radweg, den Nordsjøvegen (North Sea Cycle Route), der entlang der Küste führt. Fahrräder kann man in Kristiansand und Stavanger mieten, ab 300 NOK pro Tag.
Boot mieten: Wer die Schären erkunden will, braucht ein Boot. Kleine Motorboote (15 bis 20 Fuß) gibt es in den meisten Küstenorten ab 1500 NOK pro Tag. Einen Bootsführerschein braucht man in Norwegen für Boote unter 8 Meter nicht, wenn die Motorleistung unter 25 PS liegt. Für größere Boote ist ein Führerschein erforderlich.
Häufige Fragen
Wie warm wird das Meer in Südnorwegen?
An geschützten Stellen erreicht das Wasser im Juli und August 18 bis 20 Grad Celsius. An offenen Stränden wie Solastranden ist es kühler, etwa 15 bis 17 Grad. Zum Vergleich: Die Ostsee an der deutschen Küste hat ähnliche Temperaturen.
Ist Südnorwegen auch für Kinder geeignet?
Sehr gut sogar. Die flachen Sandstrände sind ideal zum Baden, der Kristiansand Dyrepark ist einer der besten Familienparks Skandinaviens, und die Schärenküste bietet endlose Möglichkeiten zum Erkunden, Klettern und Krabbenfangen.
Wie lange sollte man für den Roadtrip einplanen?
Mindestens vier Tage für die Strecke Kristiansand bis Stavanger entlang der Küste. Eine Woche ist ideal, wenn man baden, Schären erkunden und die weißen Städte besuchen will. Wer den Preikestolen mitnimmt, sollte einen Tag extra einplanen.
Braucht man ein eigenes Auto?
Ein Auto ist die flexibelste Option. Die Küstenorte sind per Bus verbunden, aber die Verbindungen sind selten und decken nicht alle Strände und Schären ab. Mietwagen gibt es in Kristiansand und Stavanger ab etwa 600 NOK pro Tag.
Gibt es Mautstellen auf der Route?
Ja, einige. Die E39 hat Mautstationen, und die Brücke über den Fedafjord kostet Maut. Die Maut wird automatisch per Kennzeichenerkennung erhoben. Für ausländische Fahrzeuge empfiehlt sich die Registrierung bei autopass.no, um Aufschläge zu vermeiden. Rechnet mit etwa 200 bis 300 NOK Maut für die gesamte Strecke.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026