Der Polarkreis in Norwegen
Inhaltsverzeichnis
- 1 Was ist der Polarkreis?
- 2 Das Polarkreiszentrum (Polarsirkelen)
- 3 Bodo: Tor zum Norden
- 4 Saltstraumen: Der starkste Gezeitenstrom der Welt
- 5 Der Svartisen Gletscher
- 6 Mitternachtssonne und Polarnacht
- 7 Nordlicht am Polarkreis
- 8 Mit den Hurtigruten über den Polarkreis
- 9 Praktische Tipps für eine Reise zum Polarkreis
Wer den Polarkreis in Norwegen erreicht, betritt eine andere Welt. Ab hier gelten neue Regeln: Die Sonne geht im Sommer nicht mehr unter und im Winter nicht mehr auf. Die Landschaft wird wilder, die Berge schroffer und das Licht unvergleichlich. Eine Reise zum 66. Breitengrad ist weit mehr als eine geografische Grenzüberschreitung.
Der Polarkreis verlaeuft quer durch Norwegen und markiert die Grenze zwischen dem subarktischen und dem arktischen Klima. Noerdlich dieser Linie warten Naturphaenomene, die es so nur in den Polarregionen gibt. Gleichzeitig bietet die Region rund um den Polarkreis eine starke Vielfalt an Landschaften, Tierwelt und kulturellen Erlebnissen, die Reisende aus der ganzen Welt anlocken.
Was ist der Polarkreis?
Der nördliche Polarkreis ist eine imaginaere Linie, die die Erde bei 66 Grad, 33 Minuten nördlicher Breite umrundet. Er stellt die suedlichste Grenze dar, an der die Sonne zur Sommersonnenwende am 21. Juni für mindestens 24 Stunden nicht unter den Horizont sinkt. Umgekehrt ist der Polarkreis die suedlichste Linie, an der die Sonne zur Wintersonnenwende am 21. Dezember für mindestens 24 Stunden nicht über den Horizont steigt.
In Norwegen kreuzt der Polarkreis die Provinz Nordland an mehreren Stellen. Die bekannteste Überquerung befindet sich auf der E6, der norwegischen Hauptverkehrsader, die von Sueden nach Norden fuehrt. Hier, inmitten einer kargen und gleichzeitig überwältigenden Berglandschaft, steht das beruehmte Polarkreisdenkmal, das jaehrlich Tausende von Reisenden anzieht.

Interessanterweise ist der Polarkreis keine statische Linie. Durch die leichte Verschiebung der Erdachse wandert er jedes Jahr um etwa 14 Meter. Aktuell bewegt er sich in nördliche Richtung. Diese Verschiebung ist zwar im Alltag kaum spürbar, zeigt aber, dass selbst scheinbar feste geografische Grenzen in Bewegung sind.
Wer den Polarkreis überquert, erhält in vielen Orten eine symbolische Taufurkunde als Erinnerung an die Grenzüberschreitung in die Arktis.
Das Polarkreiszentrum (Polarsirkelen)
Das Polarkreiszentrum, auf Norwegisch Polarsirkelsenteret, liegt direkt am 66. Breitengrad an der E6, etwa 80 Kilometer suedlich von Bodo. Es wurde 1990 eröffnet und dient als Informationszentrum, Souvenirladen und Raststaette zugleich. Das markante Gebaeude mit seiner modernen Architektur ist ein beliebter Fotostopp für alle, die auf dem Weg in den Norden sind.
Im Inneren des Zentrums erfahren Besucher alles Wissenswerte über den Polarkreis, die arktische Natur und die Besonderheiten des Lebens in den nördlichen Breitengraden. Interaktive Ausstellungen erklaeren die Entstehung der Mitternachtssonne und der Polarnacht, zeigen die Tierwelt der Arktis und beleuchten die Geschichte der Menschen, die seit Jahrtausenden in dieser Region leben.
Vor dem Gebaeude markiert eine imposante Skulptur den genauen Verlauf des Polarkreises. Sie besteht aus einer Reihe aufeinander gestapelter Steinplatten, die sich in den Himmel recken. Daneben weht die norwegische Flagge, und auf dem Boden ist eine Linie eingelassen, die den Breitengrad symbolisiert. Wer moechte, kann hier mit einem Bein in der Subarktis und mit dem anderen in der Arktis stehen.
Das Polarsirkelsenteret ist ganzjaehrig geöffnet, wobei die Hauptsaison von Juni bis August laeuft. In den Sommermonaten machen hier taeglich hunderte Reisende halt, die auf dem Weg zu den Lofoten, zum Nordkap oder einfach weiter nach Nordnorwegen unterwegs sind.
Bodo: Tor zum Norden
Die Stadt Bodo liegt knapp nördlich des Polarkreises und ist die Hauptstadt der Provinz Nordland. Mit rund 53.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt in der Region und gleichzeitig das wichtigste Tor zu den Lofoten und den Vesteraalen. Von hier aus starten die Faehren zu den legendaeren Inselgruppen und die Hurtigruten legen auf ihrer Küstenreise im Hafen an.
Bodo wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollstaendig zerstört und anschliessend im Stil der 1950er Jahre wieder aufgebaut. Heute praesentiert sich die Stadt als modernes Zentrum mit einem lebhaften Kulturleben. 2024 war Bodo europaeische Kulturhauptstadt, was der Stadt einen enormen Aufschwung beschert hat. Neue Museen, Konzertsaele und oeffentliche Kunstinstallationen praegen seitdem das Stadtbild.
Für Naturliebhaber bietet die Umgebung von Bodo unzaehlige Möglichkeiten. Die vorgelagerten Inseln eignen sich sehr gut zum Wandern und Kajakfahren. Seeadler kreisen über den Küsten, und mit etwas Glück lassen sich Wale in den Gewässern vor der Stadt beobachten. Auch der beruehmte Saltstraumen und der maechtige Svartisen Gletscher liegen in unmittelbarer Naehe.
Saltstraumen: Der staerkste Gezeitenstrom der Welt
Etwa 33 Kilometer suedoestlich von Bodo befindet sich eines der eindrucksvollsten Naturphaenomene Norwegens: der Saltstraumen. Er gilt als der staerkste Gezeitenstrom der Welt und entsteht, wenn riesige Wassermengen durch einen nur 150 Meter breiten und drei Kilometer langen Sund zwischen dem Saltfjord und dem Skjerstadfjord gepresst werden.

Alle sechs Stunden wechselt die Stroemungsrichtung, und dabei flutet das Wasser mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Kilometern pro Stunde durch die enge Passage. Dabei entstehen maechtige Strudel mit einem Durchmesser von bis zu zehn Metern, die das Wasser in kreisende Bewegung versetzen. Das Schauspiel ist von der Bruecke über dem Sund besonders gut zu beobachten.
Der Saltstraumen ist auch ein Paradies für Angler. Die starke Stroemung bringt naehrstoffreiches Wasser in den Sund, was eine enorme Vielfalt an Meereslebewesen anzieht. Dorsch, Seelachs, Heilbutt und Steinbeisser gehören zu den haeufigsten Fangfischen. Viele Angler betrachten den Saltstraumen als einen der besten Angelplaetze in ganz Norwegen.
Neben dem Angeln bieten mehrere Veranstalter gefuehrte Bootstouren an, bei denen man die Strudel aus nächster Naehe erleben kann. Taucher schätzen die Unterwasserwelt im Saltstraumen ebenfalls sehr. Die Artenvielfalt unter Wasser ist bemerkenswert, und die Stroemung sorgt für kristallklare Sichtverhältnisse.
Der Svartisen Gletscher
Suedlich von Bodo erstreckt sich der Svartisen, der zweitgrößte Gletscher Norwegens. Sein Name bedeutet übersetzt "schwarzes Eis", was auf die dunkle Faerbung zurückzufuehren ist, die das Eis manchmal annimmt. Der Gletscher besteht aus zwei Teilen: dem westlichen Svartisen (Vestre Svartisen) und dem oestlichen Svartisen (Austre Svartisen), die zusammen eine Fläche von rund 370 Quadratkilometern bedecken.

Besonders stark ist der Engabreen, ein Gletscherarm des westlichen Svartisen, der fast bis auf Meereshoehe hinunterreicht. Damit ist er einer der am tiefsten gelegenen Gletscher auf dem europaeischen Festland. Von einem Bootsanleger am Holandsfjord aus fuehrt ein kurzer Wanderweg zum Gletscherrand, was den Svartisen zu einem der am leichtesten zugaenglichen Gletscher Norwegens macht.
Im Sommer bieten lokale Veranstalter gefuehrte Gletscherwanderungen an, bei denen Besucher mit Steigeisen und Eispickel ausgeruestet auf das Eis gehen können. Diese Touren vermitteln ein bleibendes Abenteuer, und auch Wissen über die Gletscherkunde und den Einfluss des Klimawandels auf die norwegischen Gletscher.
Im Inneren des Svartisen betreibt die norwegische Energiebehörde ein unterirdisches Forschungslabor, das sogenannte Svartisen Subglacial Laboratory. Hier wird die Wechselwirkung zwischen Gletscher und Untergrund erforscht. Für die Oeffentlichkeit ist das Labor zwar nicht zugaenglich, doch die Forschungsergebnisse tragen wesentlich zum Verstaendnis der globalen Gletscherentwicklung bei.
Mitternachtssonne und Polarnacht
Die beiden bekanntesten Naturphaenomene am Polarkreis sind die Mitternachtssonne und die Polarnacht. Sie entstehen durch die Neigung der Erdachse um 23,4 Grad gegenüber der Umlaufbahn um die Sonne und praegen das Leben der Menschen nördlich des 66. Breitengrads auf grundlegende Weise.

Direkt auf dem Polarkreis scheint die Mitternachtssonne nur an einem einzigen Tag im Jahr: am 21. Juni, der Sommersonnenwende. Je weiter man nach Norden reist, desto laenger dauert die Phase der ununterbrochenen Helligkeit. In Bodo, knapp nördlich des Polarkreises, geht die Sonne zwischen dem 4. Juni und dem 8. Juli nicht unter. Am Nordkap, dem nördlichsten Punkt des europaeischen Festlandes, dauert die Mitternachtssonne sogar vom 14. Mai bis zum 29. Juli.
Das Gegenstück zur Mitternachtssonne ist die Polarnacht (norwegisch: Morketid). Waehrend dieser Phase steigt die Sonne nicht über den Horizont. Auf dem Polarkreis dauert die Polarnacht ebenfalls nur einen einzigen Tag: den 21. Dezember. In Bodo herrscht die Polarnacht vom 15. bis zum 29. Dezember, während am Nordkap die Dunkelheit vom 20. November bis zum 22. Januar andauert.
Die Polarnacht ist allerdings keineswegs stockfinster. Selbst wenn die Sonne nicht über den Horizont steigt, sorgt die sogenannte blaue Stunde für ein besonderses Daemmerlicht, das die verschneite Landschaft in zartes Blau und Violett taucht. Diese besondere Stimmung zieht Fotografen und Kuenstler gleichermassen an und hat den Norden Norwegens zu einem beliebten Reiseziel auch in den Wintermonaten gemacht.
Nordlicht am Polarkreis
Die Region rund um den Polarkreis gehört zu den besten Orten der Welt, um die Aurora Borealis zu erleben. Das Nordlicht entsteht, wenn geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphaere treffen und die dort vorhandenen Gasmolekuele zum Leuchten anregen. Die Farben reichen von leuchtendem Gruen über tiefes Violett bis hin zu seltenem Rot und Rosa.

Die beste Zeit, um das Nordlicht am Polarkreis zu beobachten, liegt zwischen September und Maerz. In diesen Monaten ist es ausreichend dunkel, und die Wahrscheinlichkeit für klaren Himmel ist hoch. Besonders die Monate Oktober und Februar gelten als ideal, da sie eine gute Balance zwischen Dunkelheit und ertraeglichen Temperaturen bieten.
Von Bodo aus starten regelmaessig Nordlichtexkursionen, bei denen erfahrene Guides die Teilnehmer zu den besten Beobachtungspunkten fuehren. Abseits der Stadtbeleuchtung, etwa auf den vorgelagerten Inseln oder in den abgelegenen Taelern der Umgebung, sind die Bedingungen für die Nordlichtjagd besonders guenstig. Ein klarer, wolkenfreier Himmel und möglichst wenig künstliches Licht sind die entscheidenden Faktoren für eine erfolgreiche Sichtung.
Tipps für die Nordlichtbeobachtung
- Achten Sie auf den Kp-Index: Ab einem Wert von 3 stehen die Chancen gut.
- Suchen Sie Orte abseits künstlicher Lichtquellen auf.
- Kleiden Sie sich warm im Zwiebelschalenprinzip.
- Bringe ein Stativ für Langzeitbelichtungen mit.
- Plane mehrere Abende ein, da das Wetter wechselhaft sein kann.
Mit den Hurtigruten über den Polarkreis
Eine der eindrucksvollsten Möglichkeiten, den Polarkreis zu überqueren, bieten die Hurtigruten. Die legendaeren Postschiffe verbinden seit 1893 die norwegische Küste von Bergen im Sueden mit Kirkenes an der russischen Grenze. Auf dieser Route überqueren sie den Polarkreis zwischen den Haefen Nesna und Oernes.
Die Überquerung des Polarkreises ist an Bord der Hurtigruten ein besonderes Ereignis. Der Kapitaen kuendigt den Moment per Durchsage an, und an Deck versammeln sich die Passagiere, um die symbolische Grenze gemeinsam zu passieren. Auf manchen Schiffen wird eine traditionelle Polartaufe durchgefuehrt, bei der den Teilnehmern ein Loeffel Lebertran verabreicht wird. Wer diese Pruefung besteht, erhält eine offizielle Urkunde.
Im Sommer findet die Überquerung bei Tageslicht statt, oft begleitet von der Mitternachtssonne. Im Winter geschieht sie in der Dunkelheit der Polarnacht, und mit etwas Glück tanzen die Nordlichter am Himmel. Beide Szenarien haben ihren ganz eigenen Reiz und machen die Passage zu einem bleibenden Erlebnis.
Die Hurtigruten bieten verschiedene Reisevarianten an: die klassische Rundreise von Bergen nach Kirkenes und zurück dauert elf Tage, während kuerezere Teilstrecken ebenfalls buchbar sind. Für die Polarkreisüberquerung empfiehlt sich mindestens die Strecke von Trondheim nach Bodo oder umgekehrt.
Praktische Tipps für eine Reise zum Polarkreis
Eine Reise zum Polarkreis in Norwegen ist das ganze Jahr über möglich und lohnenswert. Je nach Jahreszeit erwarten Besucher völlig unterschiedliche Erlebnisse. Hier sind die wichtigsten Tipps für die Planung.
Beste Reisezeit
Für die Mitternachtssonne reisen Sie zwischen Juni und Juli. Für Nordlichter sind die Monate Oktober bis Februar ideal. Wer beides erleben moechte, plant am besten zwei separate Reisen. Der Herbst (September und Oktober) eignet sich gut für eine Kombination aus bunter Herbstfaerbung und den ersten Nordlichtern der Saison.
Anreise
Bodo verfügt über einen Flughafen mit taeglichen Verbindungen nach Oslo, Trondheim und Bergen. Die Nordlandsbahn (Nordlandsbanen) verbindet Trondheim mit Bodo auf einer der landschaftlich schönsten Eisenbahnstrecken Norwegens. Die Fahrt dauert etwa zehn Stunden und fuehrt durch Tundra, über den Polarkreis und entlang dramatischer Küstenlandschaften. Mit dem Auto erreichen Sie Bodo über die E6, die laengste Strasse Norwegens.
Unterkunft und Ausrüstung
In und um Bodo finden sich Hotels, Campingplaetze und traditionelle Rorbuer (Fischerhaeuser). Für den Winter ist warme Kleidung im Zwiebelschalenprinzip unverzichtbar: Thermounterwaesche, Fleece und eine wind- und wasserdichte Aussenschicht. Im Sommer solltest du an Mueckenschutz und eine Schlafmaske denken, denn bei 24 Stunden Tageslicht kann das Einschlafen zur Herausforderung werden.
Aktivitaeten am Polarkreis
- Sommer: Wandern, Kajakfahren, Angeln am Saltstraumen, Gletscherwanderung am Svartisen, Walbeobachtung, Mitternachtsgolf
- Herbst: Nordlichtjagd, Herbstwanderungen, Kulturveranstaltungen in Bodo
- Winter: Nordlichtsafari, Hundeschlittenfahrten, Schneeschuhwanderungen, Skitourengehen
- Frühling: Skifahren in den letzten Schneemonaten, Vogelbeobachtung, Faehrausflue zu den Lofoten
Der Polarkreis in Norwegen ist weit mehr als eine Linie auf der Landkarte. Er ist ein Ort, an dem die Natur ihre ganze Kraft entfaltet, das Licht den Tagesrhythmus bestimmt und jede Jahreszeit ein völlig neues Gesicht traegt. Wer einmal hier war, versteht, warum der hohe Norden so viele Menschen in seinen Bann zieht.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.