Hardanger Route
Der Hardangerfjord ist Norwegens zweitlängster Fjord und einer der wenigen Orte im Land, an denen Obstbäume wachsen. Kirschen, Äpfel und Pflaumen stehen hier in Reihen an den Hängen über dem Wasser, und wenn sie im Mai blühen, verwandelt sich die Landschaft in etwas, das man eher in der Toskana vermuten würde als in Westnorwegen. Weiße und rosa Blüten vor blauem Fjord und schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Es sieht genau so aus, wie es klingt.
Ich war im späten Mai dort und hatte Glück mit dem Timing. Die Kirschblüte hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht. Entlang der Rv13 zwischen Kinsarvik und Lofthus standen die Bäume in voller Blüte, und der Wind trug Blütenblätter über die Straße. Drei Wochen später wäre alles vorbei gewesen. Das ist das Risiko mit der Obstblüte: Man muss den richtigen Moment treffen, und der hängt vom Wetter ab. In manchen Jahren blühen die Bäume schon Anfang Mai, in anderen erst Ende Mai. Wer gezielt zur Blüte kommt, sollte die lokalen Webcams und Wetterberichte im Auge behalten.
Die Hardangerregion: Ein Überblick
Die Hardangerregion erstreckt sich rund um den Hardangerfjord im Westen Norwegens, etwa 100 Kilometer östlich von Bergen. Der Fjord selbst ist 179 Kilometer lang und bis zu 800 Meter tief. Er reicht vom offenen Meer bei Bømlo bis tief ins Landesinnere bei Eidfjord, wo die Wasserfälle von der Hardangervidda herabstürzen.
Die Region hat ein für Norwegen ungewöhnlich mildes Klima. Der Golfstrom und die geschützte Lage im Fjord sorgen dafür, dass hier Pflanzen gedeihen, die anderswo in Norwegen nicht überleben würden. Obstanbau hat in Hardanger Tradition seit dem 13. Jahrhundert, als Mönche die ersten Obstbäume pflanzten. Heute kommen rund 40 Prozent der norwegischen Obstproduktion aus dieser Region. Äpfel und Kirschen dominieren, dazu kommen Pflaumen und in den letzten Jahren auch Weintrauben.
Die Hardanger Route ist keine einzelne Straße, sondern eine Kombination aus Rv7, Rv13 und kleineren Nebenstraßen, die den Fjord umrunden. Man kann die Region als Rundtour befahren oder als Durchgangsroute zwischen Bergen und Oslo nutzen. Ich empfehle die Rundtour, weil man dann beide Seiten des Fjords sieht und die Kontraste erlebt: die sanften Obstgärten auf der Südseite und die wilderen, steileren Hänge auf der Nordseite.
Obstblüte am Fjord: Wann, wo und wie
Die Obstblüte in Hardanger dauert etwa zwei bis drei Wochen. Sie beginnt je nach Wetterlage zwischen Anfang und Ende Mai. Zuerst blühen die Kirschen, dann die Äpfel, dann die Pflaumen. Die Kirschblüte ist die auffälligste: Die Bäume explodieren förmlich in Weiß und Rosa, und die Hänge über dem Fjord sehen aus wie Wattewolken.
Die schönsten Obstgärten liegen zwischen Kinsarvik und Lofthus auf der Südseite des Fjords. Die Rv13 führt direkt durch die Plantagen. Man fährt buchstäblich durch ein Blütenmeer. In Lofthus gibt es das Hotel Ullensvang, das seit 1846 Gäste empfängt und dessen Garten direkt am Fjord einer der besten Plätze ist, um die Blüte zu genießen. Der Komponist Edvard Grieg hat hier gearbeitet und soll die Landschaft als Inspiration für seine Musik genutzt haben.
Auf der Nordseite des Fjords ist der Obstanbau weniger verbreitet, aber in Nå und Jondal gibt es ebenfalls Plantagen. Die Nordseite bekommt weniger Sonne, deshalb blüht sie etwas später. Wer die Blüte auf der Südseite verpasst hat, hat auf der Nordseite noch eine Chance.
Ein Hinweis: Die Obstgärten sind Privatbesitz. Man darf sie vom Straßenrand aus bewundern und fotografieren, aber nicht einfach hineinspazieren. Einige Höfe bieten Führungen an, besonders während des Hardanger Blossom Festival, das jedes Jahr im Mai stattfindet. Dort kann man die Gärten besuchen und Cidre probieren. Geführte Wanderungen durch die Plantagen runden das Programm ab.
Vøringsfossen und die Wasserfälle
Der Vøringsfossen ist Norwegens berühmtester Wasserfall. Er liegt bei Eidfjord am inneren Ende des Hardangerfjords und stürzt 182 Meter in die Måbødalen-Schlucht. Der Wasserfall ist seit dem 19. Jahrhundert eine Touristenattraktion. Kaiser Wilhelm II. soll hier regelmäßig angehalten haben, wenn er mit seiner Yacht durch die norwegischen Fjorde fuhr.
Es gibt zwei Möglichkeiten, den Vøringsfossen zu sehen. Von oben: Ein Aussichtspunkt an der Rv7 bietet einen Blick von der Kante der Schlucht. Der Parkplatz ist direkt an der Straße, und der Weg zum Aussichtspunkt dauert nur fünf Minuten. Im Jahr 2020 wurde eine neue Aussichtsplattform eröffnet, die über die Schlucht ragt und den Blick auf den Wasserfall und das Tal freigibt. Das Bauwerk ist architektonisch gelungen und kostenlos zugänglich.
Von unten: Ein Wanderweg führt vom Tal durch die Schlucht zum Fuß des Wasserfalls. Die Wanderung dauert etwa eineinhalb Stunden einfach und ist anspruchsvoll. Der Pfad ist steil und bei Nässe rutschig. Dafür steht man unten direkt vor der Wasserwand und spürt die Gischt im Gesicht. Die Kraft des Wassers ist von unten ganz anders als von oben. Ich empfehle, den Wasserfall von beiden Seiten zu sehen, wenn die Zeit es erlaubt.
In der Umgebung gibt es weitere Wasserfälle. Der Skjervsfossen an der Rv13 stürzt 150 Meter neben der Straße herab. Ein Tunnel hinter dem Wasserfall ermöglicht es, ihn von innen zu betrachten. Der Steinsdalsfossen bei Norheimsund ist ein Wasserfall, hinter dem man hindurchgehen kann, ohne nass zu werden. Alle drei Wasserfälle liegen auf der Hardanger Route und lassen sich an einem Tag besuchen.
Trolltunga: Der berühmte Felsvorsprung
Trolltunga, die "Trollzunge", ist ein Felsvorsprung, der 700 Meter über dem Ringedalsvatnet herausragt. Er gehört zu den meistfotografierten Orten Norwegens und liegt in der Hardangerregion, oberhalb von Tyssedal. Die Wanderung zur Trolltunga ist lang und anspruchsvoll: 27 Kilometer hin und zurück, rund 800 Höhenmeter, Gehzeit zehn bis zwölf Stunden. Das ist kein Spaziergang.
Der Startpunkt liegt am Parkplatz P2 in Skjeggedal (Parkgebühr: 600 NOK). Von dort geht es zunächst steil bergauf, dann über ein Hochplateau mit Seen und Schneefeldern. Der Weg ist markiert, aber im oberen Teil kann Schnee bis in den Juni hinein liegen. Bei schlechtem Wetter ist die Orientierung schwierig. Zwischen Juni und September gibt es eine Reservierungspflicht für die Wanderung, um die Besucherzahlen zu begrenzen. Tickets kosten 100 NOK und müssen online gebucht werden.
Ein Wort der Ehrlichkeit: Trolltunga ist überbewertet, wenn man es nur wegen des Fotos macht. Die Schlange am Felsvorsprung kann im Sommer eine Stunde lang sein. Man steht in der Reihe, um auf einen Stein zu klettern, ein Foto zu machen und wieder zu gehen. Die Wanderung selbst ist schön, das Hochplateau ist wild und weit, und der Blick auf den See lohnt sich. Aber wer nur das Instagram-Bild will und keine Erfahrung mit langen Bergwanderungen hat, sollte es sich überlegen. Es gibt einfachere Wege zu tollen Aussichten in Norwegen.
Zwischen Oktober und Mai ist die Wanderung nur mit zertifiziertem Bergführer erlaubt. Geführte Wintertouren kosten rund 3000 NOK pro Person und dauern den ganzen Tag. Im Winter liegt Schnee, die Tage sind kurz, und die Bedingungen können gefährlich sein. Dafür hat man die Trolltunga möglicherweise für sich allein.
Die Straße entlang des Fjords
Die Fahrt entlang des Hardangerfjords auf der Rv13 ist eine der schönsten Küstenstraßen Norwegens. Von Odda im Süden führt die Straße nach Norden über Kinsarvik, Lofthus und Utne bis nach Jondal und Norheimsund. Die Strecke folgt dem Fjord in sanften Kurven, vorbei an Obstgärten, kleinen Weilern und Wasserfällen, die von den Hängen herabrieseln.
Ein Höhepunkt ist die Hardangerbrücke, die seit 2013 den Fjord bei Ulvik überspannt. Sie ist 1380 Meter lang und die längste Hängebrücke Norwegens. Die Maut beträgt 170 NOK für einen PKW. Die Brücke hat die Reisezeit zwischen der Nord- und Südseite des Fjords erheblich verkürzt und die alte Fährverbindung ersetzt.
Auf der Nordseite des Fjords liegt Ulvik, ein kleines Dorf mit einer der ältesten Poesie-Traditionen Norwegens. Der Dichter Olav H. Hauge lebte hier, und sein Garten am Fjord ist heute ein Pilgerziel für norwegische Literaturfreunde. Ulvik hat auch einige der besten Obstgärten der Region und ist Sitz einer bekannten Cidre-Produktion.
Von Ulvik kann man einen Abstecher nach Voss machen, einem Outdoorzentrum mit Möglichkeiten zum Rafting und Kayakfahren. Voss liegt nicht direkt am Fjord, ist aber über die Rv13 in 30 Minuten erreichbar. Der Ort hat sich in den letzten Jahren zum Abenteuersportmekka entwickelt, was nicht jeden anspricht, aber für Aktive eine willkommene Abwechslung zur beschaulichen Fjordfahrt ist.
Cidre und lokale Küche
Hardanger ist Norwegens Cidre-Region. Die Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück, aber die moderne Cidre-Produktion hat in den letzten 20 Jahren einen Aufschwung erlebt. Heute gibt es rund ein Dutzend Produzenten, die handwerklichen Cidre herstellen, von trocken bis süß, still oder sprudelnd. Die Qualität ist hoch, und einige Hardanger-Cidres haben internationale Preise gewonnen.
Mehrere Höfe bieten Verkostungen an. Der bekannteste ist Aga Sideri in Ullensvang, wo man den Cidre direkt in der Produktionshalle probieren kann. Eine Verkostung mit vier bis sechs Sorten kostet rund 200 NOK. Wer danach eine Flasche mitnehmen will, zahlt zwischen 150 und 250 NOK. Das ist mehr als im Supermarkt, aber die Qualität ist eine andere Liga. Ein Glas von Aga Sideri schmeckt nach Äpfeln, nach Fjord und nach der Sorgfalt, die in jedem Schritt der Produktion steckt.
Neben Cidre hat die Region kulinarisch einiges zu bieten. Forelle aus dem Fjord und Lammfleisch von den Bergweiden. Dazu Ziegenkäse aus kleinen Sennereien. In Lofthus und Kinsarvik gibt es mehrere Hofläden, die lokale Produkte verkaufen. Die norwegische Küche in Hardanger ist bodenständig und saisonal, kein Fine Dining, sondern ehrliches Essen mit Zutaten, die aus der unmittelbaren Umgebung kommen.
Im Herbst (September/Oktober) werden die Äpfel und Pflaumen geerntet. Die Höfe verkaufen dann frisches Obst direkt am Straßenrand, oft auf Vertrauensbasis: Eine Kiste steht am Zaun, daneben ein Schild mit dem Preis und eine Dose für das Geld. Das funktioniert. Norwegisches Vertrauen in der Praxis.
Übernachten und Anreise
Anreise: Von Bergen nach Eidfjord sind es 150 Kilometer über die Rv7, etwa zwei Stunden Fahrzeit. Von Oslo nach Eidfjord sind es 330 Kilometer über die E134 und Rv7, etwa fünf Stunden. Die Rv7 über die Hardangervidda ist im Winter oft gesperrt, dann muss man den Umweg über Haukeli oder den Lærdalstunnel nehmen.
Hotel Ullensvang in Lofthus ist das bekannteste Hotel der Region. Es liegt direkt am Fjord, hat einen eigenen Obstgarten und ein Hallenbad mit Fjordblick. Zimmer ab 1500 NOK pro Nacht. Das Hotel ist seit 1846 in Betrieb und hat sich seinen Charme bewahrt, trotz mehrerer Erweiterungen. Wer sich etwas gönnen will, ist hier richtig.
Eidfjord hat mehrere Mittelklassehotels und Pensionen. Das Quality Hotel Vøringfoss liegt zentral und bietet Zimmer ab 1000 NOK. In Odda, dem größten Ort am südlichen Fjordende, gibt es ein Hostel (ab 400 NOK im Schlafsaal) und mehrere Airbnb-Unterkünfte. Campingplätze finden sich in Kinsarvik, Lofthus und Eidfjord.
Für die Obstblüte im Mai empfehle ich, mindestens zwei Nächte in der Region zu verbringen. Ein Tag für die Fjordstraße und die Obstgärten, ein Tag für den Vøringsfossen und eventuell eine kürzere Wanderung. Trolltunga erfordert einen eigenen Tag und sollte separat geplant werden.
Häufige Fragen
Wann blühen die Obstbäume in Hardanger?
In der Regel zwischen Anfang und Ende Mai. Das genaue Timing hängt vom Frühlingswetter ab. Die Kirschblüte kommt zuerst, gefolgt von Äpfeln und Pflaumen. Lokale Webcams und der Blütenkalender auf der Hardanger-Tourismus-Webseite helfen bei der Planung.
Wie lange dauert die Trolltunga-Wanderung?
Zehn bis zwölf Stunden hin und zurück. Die Strecke beträgt 27 Kilometer mit 800 Höhenmetern. Gute Kondition und passende Ausrüstung sind Voraussetzung. Von Juni bis September besteht Reservierungspflicht (100 NOK online). Im Winter nur mit Bergführer erlaubt.
Kann man den Vøringsfossen kostenlos besichtigen?
Ja. Der Aussichtspunkt an der Rv7 und die neue Plattform sind kostenlos zugänglich. Parkgebühren können am Hauptparkplatz anfallen (50 bis 100 NOK). Die Wanderung zum Fuß des Wasserfalls ist ebenfalls kostenlos.
Ist die Hardanger Route auch im Winter befahrbar?
Die Rv13 entlang des Fjords ist ganzjährig geöffnet. Die Rv7 über die Hardangervidda kann im Winter gesperrt sein. Im Winter sind die Obstgärten kahl und die Wasserfälle teilweise gefroren, aber die Fjordlandschaft hat ihren eigenen Reiz.
Wo kann man in Hardanger Cidre kaufen?
Direkt bei den Produzenten in Ullensvang, Lofthus und Ulvik. Mehrere Höfe bieten Verkostungen und Direktverkauf an. Im Vinmonopolet in Odda und Voss gibt es ebenfalls eine Auswahl an Hardanger-Cidres. Die Preise liegen zwischen 100 und 250 NOK pro Flasche.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026