Norwegens Fjorde gehören zu den gewaltigsten Naturlandschaften Europas. Wer die steilen Felswände, die tosenden Wasserfälle und die tiefblauen Wasserarme wirklich erleben will, muss zu Fuss unterwegs sein. Fjordwanderungen verbinden alpine Herausforderungen mit Panoramen, die es so nur in Norwegen gibt.
Von kurzen Tagestouren zu berühmten Aussichtspunkten bis hin zu mehrtägigen Trekkingabenteuern auf einsamen Hochebenen bietet Norwegen Wanderrouten für jedes Niveau. Die gut markierten Pfade, das weitläufige Hüttennetzwerk des Norwegischen Wandervereins (DNT) und das Jedermannsrecht machen das Land zu einem Paradies für Wanderer aus aller Welt. In diesem Artikel stellen wir die besten Fjordwanderungen vor und geben praktische Tipps für Planung und Ausrüstung.
Preikestolen: Norwegens berühmtester Aussichtspunkt
Der Preikestolen (Kanzelstein) ist die wohl bekannteste Fjordwanderung Norwegens. Das 25 mal 25 Meter große Felsplateau ragt 604 Meter senkrecht über dem Lysefjord auf und bietet einen Blick, der selbst erfahrene Bergwanderer sprachlos macht. Der tiefblaue Fjord schlängelt sich weit unter dem Plateau, während auf der gegenüberliegenden Seite schroffe Felswände in den Himmel ragen.
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Die Wanderung beginnt am Parkplatz der Preikestolen-Hütte und führt über eine Strecke von etwa 8 Kilometern (hin und zurück) zum Felsplateau. Der Höhenunterschied beträgt rund 350 Meter. Je nach Kondition und Wetterverhältnissen benötigst du für die gesamte Tour zwischen vier und sechs Stunden. Der Weg wurde in den letzten Jahren mit Steinplatten befestigt, die von nepalesischen Sherpas verlegt wurden, und ist daher gut begehbar.
Auf dem Weg passierst du verschiedene Vegetationszonen: von lichtem Birkenwald über moosbedeckte Felslandschaften bis hin zu kargen Hochebenen mit kleinen Bergseen. Im letzten Abschnitt öffnet sich die Landschaft, und der erste Blick auf den Lysefjord ist überwältigend. Am Plateau selbst gibt es weder Geländer noch Absperrungen, die Eigenverantwortung liegt vollständig bei den Wanderern.
Insider-Tipp: Starte deine Wanderung vor 7 Uhr morgens oder nach 16 Uhr nachmittags. Über 300.000 Besucher kommen jährlich zum Preikestolen, und in der Hochsaison kann es auf dem Plateau sehr voll werden. In den Randzeiten hast du den Felsen fast für dich allein und erlebst das besondere Licht der tief stehenden Sonne.
Trolltunga: Die legendäre Felszunge über dem Abgrund
Die Trolltunga (Trollzunge) ist die vielleicht wildeste Felsformation Norwegens und ein Traumziel für ambitionierte Wanderer. Der horizontale Felsvorsprung ragt rund 700 Meter über dem Ringedalsvatnet heraus und bietet ein Fotomotiv, das weltweit bekannt ist. Im Gegensatz zum Preikestolen erfordert diese Tour eine deutlich bessere Grundfitness und sorgfältige Vorbereitung.
Die Gesamtstrecke beträgt rund 28 Kilometer hin und zurück mit etwa 800 Höhenmetern. Plane für die komplette Tour zwischen zehn und zwölf Stunden ein. Der offizielle Startpunkt befindet sich am Parkplatz P2 bei Skjeggedal. Von dort fährt ein Shuttlebus zur oberen Startstation und spart dir die ersten steilen Serpentinen. Der Weg führt durch eine karge Hochgebirgslandschaft mit Geröllfeldern, Schneeresten (selbst im Sommer) und kleinen Gletscherseen.
Die Saison für die Trolltunga erstreckt sich von Mitte Juni bis Mitte September. Ausserhalb dieses Zeitraums ist die Route nur mit zertifizierten Guides begehbar, da Schneefelder und schlechte Sichtverhältnisse die Orientierung erschweren. Wer die Tour auf zwei Tage aufteilen möchte, kann etwa auf halber Strecke wild zelten. Das Jedermannsrecht erlaubt das Campen in der freien Natur, solange ein Mindestabstand von 150 Metern zu bewohnten Gebäuden eingehalten wird.
Insider-Tipp: Nimm ein leichtes Zelt mit und übernachte in der Nähe der Trolltunga. Am frühen Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Felszunge berühren und noch keine anderen Wanderer da sind, erlebst du diesen Ort in absoluter Stille. Das Foto auf der leeren Trolltunga beim Sonnenaufgang ist jede Mühe wert.
Geirangerfjord: Wandern am UNESCO-Welterbe
Der Geirangerfjord gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und zählt zu den stärksten Fjorden der Welt. Die Wanderungen rund um den Fjord führen an donnernden Wasserfällen vorbei, über verlassene Bergbauernhöfe und zu Aussichtspunkten, die einen überwältigenden Blick auf das smaragdgrüne Wasser und die steil aufragenden Felswände bieten.
Eine der schönsten Touren führt zum verlassenen Bergbauernhof Skageflå, der auf einem schmalen Felsvorsprung 250 Meter über dem Fjord thront. Der steile Aufstieg startet direkt am Fjordufer und ist über einen alten Versorgungspfad erreichbar. Oben angekommen, stehst du inmitten alter Holzgebäude und blickst auf die berühmten Wasserfälle "Die Sieben Schwestern" und "Der Freier" auf der gegenüberliegenden Fjordseite. Die Wanderung dauert etwa drei Stunden hin und zurück.
Für ambitioniertere Wanderer empfiehlt sich die Tour auf den Dalsnibba (1.476 Meter), von dessen Gipfel sich ein Panorama über den gesamten Geirangerfjord und die umliegenden Berge eröffnet. Die Mautstrasse führt zwar bis auf 1.476 Meter, doch die schönsten Perspektiven erschliessen sich erst auf den Wanderwegen oberhalb der Passstrasse. Die Region um Geiranger bietet insgesamt über 20 markierte Wanderrouten verschiedener Schwierigkeitsgrade.
Insider-Tipp: Nimm die Fähre über den Geirangerfjord und starte deine Wanderung zum Skageflå-Hof vom Anleger am Nordufer. Von dort hast du den schönsten Blickwinkel auf die Wasserfälle, und der Weg ist weniger überlaufen als die Routen direkt ab Geiranger Dorf.
Hardangervidda: Europas grösste Hochebene
Die Hardangervidda ist Europas grösste Hochebene und erstreckt sich auf einer Fläche von über 8.000 Quadratkilometern zwischen Ost- und Westnorwegen. Diese karge, weite Landschaft liegt durchschnittlich 1.100 bis 1.400 Meter über dem Meeresspiegel und bietet eine ganz andere Art des Wanderns als die steilen Fjordpfade. Hier wanderst du durch endlose Weiten, vorbei an Gletscherseen, über moosbedeckte Felsplatten und durch eine Tundra, die Heimat der grössten wildlebenden Rentierherde Europas ist.
Mehrtägige Trekkingtouren über die Hardangervidda gehören zu den schönsten Weitwandererlebnissen Skandinaviens. Eine beliebte Route führt von Finse (erreichbar mit der Bergenbahn) über die Hochebene nach Kinsarvik am Hardangerfjord. Die Strecke beträgt etwa 70 Kilometer und wird in vier bis fünf Tagen bewältigt. Unterwegs übernachtest du in DNT-Hütten, die mit Betten, Kochgelegenheiten und Lebensmitteln ausgestattet sind.
Im Hochsommer kannst du mit etwas Glück große Rentierherden beobachten, die über die Hochebene ziehen. Auch Polarfüchse, Schneeeulen und Steinadler sind auf der Hardangervidda heimisch. Die weite, baumlose Landschaft erfordert allerdings besondere Vorsicht bei Wetterumschwüngen, denn auf der offenen Hochebene gibt es keinen Schutz vor Sturm, Regen oder plötzlichem Nebel.
Insider-Tipp: Besuche das Hardangervidda Natursenter in Eidfjord vor deiner Wanderung. Die interaktive Ausstellung bereitet dich sehr gut auf die Flora und Fauna der Hochebene vor. Außerdem erhältst du dort aktuelle Informationen zu Routenzuständen und Wetterverhältnissen.
Lofoten: Dramatische Gipfel über dem Nordmeer
Die Lofoten bieten eine Wanderkulisse, die es so kein zweites Mal auf der Welt gibt. Schroffe Granitberge ragen direkt aus dem Nordmeer empor, und die Gipfel bieten Ausblicke auf türkisfarbene Buchten, weisse Sandstrände und das endlose Meer. Von Juni bis August scheint hier die Mitternachtssonne, und du kannst um Mitternacht auf einem Berggipfel stehen und den Sonnenuntergang beobachten, der nahtlos in den Sonnenaufgang übergeht.
Die Wanderung auf den Reinebringen (448 Meter) oberhalb des Fischerdorfes Reine gehört zu den beliebtesten Touren der Inselgruppe. Über die inzwischen befestigten Sherpa-Treppen steigst du steil bergauf und wirst oben mit einem legendären Panorama belohnt: Das Fischerdorf mit seinen roten Holzhütten (Rorbuer), die Meerenge zwischen den Bergen und die umliegenden Gipfel bilden ein Motiv, das auf unzähligen Postkarten und Instagram-Profilen zu finden ist. Der Auf- und Abstieg dauert etwa drei Stunden.
Wer mehr Einsamkeit sucht, wandert von Fredvang zum Kvalvika Beach. Diese Tour führt über einen Pass und hinab zu einem versteckten Strand, der von hohen Felswänden eingerahmt wird. Die Kombination aus weissem Sand, türkisblauem Wasser und alpiner Bergkulisse ist surreal schön. Die Rundwanderung dauert etwa vier Stunden, und mit einem Zelt kannst du direkt am Strand übernachten.
Insider-Tipp: Plane eine Wanderung unter der Mitternachtssonne ein. Von Mitte Mai bis Mitte Juli geht die Sonne auf den Lofoten nicht unter. Ein Aufstieg auf den Reinebringen oder den Ryten gegen 22 Uhr belohnt dich mit einem goldenen Licht, das die Berge in warme Farben taucht, während du die Landschaft fast für dich allein hast.
Ausrüstung und Vorbereitung
Norwegens Berge verdienen Respekt. Das Wetter kann sich innerhalb weniger Minuten grundlegend ändern, und selbst im Sommer sind Temperaturen um den Gefrierpunkt in den Höhenlagen keine Seltenheit. Die richtige Ausrüstung und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten sind die Grundlage für eine sichere und genussvolle Fjordwanderung.
Fjellvettreglene (Der norwegische Bergkodex): Diese neun Regeln für sicheres Wandern sind in Norwegen allgegenwärtig und sollten von jedem Wanderer verinnerlicht werden. Die wichtigsten Punkte: Plane deine Tour und informiere andere über dein Ziel. Passe die Route deiner Kondition an. Achte auf Wetter- und Lawinenwarnungen. Sei ausgerüstet, um auch bei schlechtem Wetter und in Notfällen draußen überleben zu können. Kenne dein Gebiet und nutze Karte und Kompass. Kehre rechtzeitig um, es ist keine Schande.
Schichtprinzip bei der Kleidung: Trage eine feuchtigkeitsableitende Basisschicht aus Merinowolle, eine wärmende Mittelschicht aus Fleece oder Daune und eine wind- und wasserdichte Aussenschicht. Auch im Hochsommer gehören Mütze, Handschuhe und eine lange Hose ins Gepäck. Feste, knöchelhohe Wanderschuhe mit griffiger Profilsohle sind auf den felsigen Wegen unverzichtbar und sollten vor der Reise eingelaufen sein.
Rucksack und Verpflegung: Ein Tagesrucksack mit 25 bis 35 Litern bietet genügend Platz. Nimm ausreichend Wasser mit, obwohl viele Gebirgsbäche trinkbares Wasser führen. Energieriegel, Nüsse, belegte Brote und Obst sorgen für Energie unterwegs. Wanderstöcke entlasten die Knie beim steilen Abstieg. Eine Stirnlampe gehört selbst im Sommer ins Gepäck, falls sich die Tour unerwartet verlängert. Sonnenschutz (Creme und Brille) ist auch bei Bewölkung ratsam, da die UV-Strahlung in den Bergen stark ist.
Praktische Tipps für deine Fjordwanderung
DNT-Hütten: Der Norwegische Wanderverein (Den Norske Turistforening) betreibt rund 550 Berghütten im ganzen Land. Bewirtschaftete Hütten bieten warme Mahlzeiten und Betten, Selbstversorgerhütten sind mit Lebensmitteln und Kochgeschirr ausgestattet. Eine DNT-Mitgliedschaft kostet etwa 800 Norwegische Kronen (rund 70 Euro) pro Jahr und lohnt sich bereits ab zwei Hüttenübernachtungen. Die App "ut.no" des DNT bietet detaillierte Karten und Routenbeschreibungen, die auch offline funktionieren.
Beste Reisezeit: Die Wandersaison erstreckt sich von Mitte Juni bis Ende September. Im Juni sind die Tage am längsten, und in Nordnorwegen geht die Sonne nicht unter, allerdings liegen auf höheren Routen noch Schneereste. Juli und August bieten die wärmsten Temperaturen und die stabilsten Wetterverhältnisse, sind aber auch am stärksten besucht. Der September lockt mit Herbstfarben, leeren Wegen und klarer Fernsicht, bringt jedoch kürzere Tage und kühlere Temperaturen.
Anreise: Die meisten Fjordwanderungen in Westnorwegen sind von Bergen aus gut erreichbar. Bergen hat einen internationalen Flughafen und ist Ausgangspunkt für Ausflüge zum Preikestolen (via Stavanger), zur Trolltunga (via Odda) und zum Geirangerfjord. Die Bergenbahn von Oslo nach Bergen gehört zu den schönsten Bahnstrecken der Welt und bietet unterwegs Zugang zur Hardangervidda (Station Finse). Die Lofoten erreichst du per Flug nach Leknes oder Svolvær oder mit der Fähre von Bodø.
Unterkünfte und Buchung: Neben den DNT-Hütten gibt es in den Fjordregionen zahlreiche Campingplätze, Gästehäuser und Hotels. In der Hochsaison im Juli und August empfiehlt sich eine frühzeitige Buchung, besonders in beliebten Orten wie Reine (Lofoten), Geiranger und Odda (Trolltunga). Das Jedermannsrecht erlaubt wildes Campen in der freien Natur, solange du mindestens 150 Meter Abstand zu bewohnten Gebäuden hältst und keine Spuren hinterlässt.
Fjordwanderungen in Norwegen gehören zu den intensivsten Naturerlebnissen, die Europa zu bieten hat. Die Kombination aus dramatischen Landschaften, gut markierten Wegen und dem ganz eigenen Hüttensystem macht Norwegen zu einem Traumziel für Wanderer aller Erfahrungsstufen. Weitere Informationen findest du in unserem Artikel zum Wandern in Norwegen und in der Übersicht zu den schönsten Fjorden Norwegens.


