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Familienwanderungen in Norwegen
Leichte Touren für die ganze Familie

Familienwanderungen in Norwegen

14 Min. Lesezeit

Unser Fuenfjaehriger bleibt stehen, hebt einen Stock auf und erklaert ihn zum Trollstab. Er zeigt damit auf einen großen Felsen am Wegrand und sagt: "Da wohnt bestimmt ein Troll." Seine Schwester, drei Jahre älter, rollt mit den Augen. Aber auch sie schaut nochmal hin. In Norwegen ist alles möglich.

Wir wandern seit sechs Jahren mit unseren Kindern in Norwegen. Angefangen haben wir mit kurzen Spaziergaengen um den Campingplatz herum. Inzwischen schaffen wir Tagestouren über das Fjell, mit Rucksack, Proviant und jeder Menge Pausen zum Steineschmeissen und Bachstaudaemme bauen. Die Kinder lieben es. Und wir auch.

Norwegen ist ein gutes Land zum Wandern mit Kindern. Die Wege sind gut markiert und die Natur abwechslungsreich. Es gibt genügend Routen, die auch mit kurzen Beinen zu schaffen sind. Man braucht nur die richtigen Touren, die richtige Ausrüstung und die Bereitschaft, langsamer zu gehen als allein.

Warum Norwegen perfekt für Familienwanderungen ist

Norwegens Wanderwege sind anders als in den Alpen. Es gibt weniger steile Anstiege, weniger ausgesetzte Stellen und weniger Gefahren durch Steinschlag oder Gletscherspalten. Die typische norwegische Berglandschaft, das Fjell, ist eine sanfte Hochebene mit runden Kuppen, weichen Grasflaechen und kleinen Seen. Perfekt für Kinder, die laufen, rennen und spielen wollen.

Das Jedermannsrecht macht Norwegen zusaetzlich familienfreundlich. Man darf überall in der Natur Pause machen, picknicken und zelten. Kein "Betreten verboten", kein "Rasen betreten untersagt". Die Kinder können sich frei bewegen, ohne dass man staendig aufpassen muss, ob man auf Privatgrund steht.

Dazu kommen die langen Sommertage. Im Juni und Juli wird es in Suednorwegen erst gegen Mitternacht dunkel, in Nordnorwegen gar nicht. Das bedeutet: Man hat den ganzen Tag Zeit, kann spät starten und muss sich nicht hetzen. Wenn die Wanderung laenger dauert als geplant (und mit Kindern dauert sie immer laenger als geplant), ist das kein Problem.

Familie beim Wandern auf einem leichten Fjellweg in Norwegen
Leichte Fjellwanderung mit der Familie in Norwegens Bergen (KI-generiert)

Die besten Wanderungen mit kleinen Kindern

Romsdalseggen Light (Moere og Romsdal)

Der Romsdalseggen ist eine der beruehmtesten Wanderungen Norwegens, aber die Originalroute ist nichts für Kinder. Die verkuerzte Variante, die "Light"-Version, startet am Parkplatz bei Vengedalen und fuehrt über einen breiten Weg zum Aussichtspunkt Nesaksla. Etwa 5 Kilometer hin und zurück, 300 Hoehenmeter, gut machbar ab 5 Jahren. Die Aussicht auf den Romsdalsfjord und die umliegenden Berge lohnt sich trotzdem.

Prinzessin Kristinas Weg (Jotunheimen)

Ein leichter Rundweg um den Gjende-See im Jotunheimen-Nationalpark, benannt nach einer norwegischen Prinzessin. Der Weg ist flach, gut markiert und fuehrt durch Birkenwald und über sanftes Fjell. 4 Kilometer, kaum Hoehenmeter, geeignet für Kinder ab 4 Jahren. Am Gjende-See kann man picknicken und Steine ins Wasser werfen. Die Gjendesheim-Huette am Ausgangspunkt verkauft Waffeln und heiße Schokolade.

Dragonfly Trail (Hardangervidda)

Am Naturzentrum auf der Hardangervidda bei Eidfjord gibt es einen speziellen Kinderweg. Der Dragonfly Trail ist 2 Kilometer lang und fuehrt über Stege und Bruecken durch Moor und Fjell. Unterwegs gibt es Informationstafeln mit Raetseln und Aufgaben, die auf die Natur aufmerksam machen. Perfekt für Drei- bis Sechsjaehrige, die sich sonst schnell langweilen.

Folgefonna Gletscherzunge (Hardanger)

Vom Parkplatz an der Bondhusvatnet-Strasse geht ein breiter, flacher Weg zum Bondhus-See. 3 Kilometer, ohne nennenswerte Steigung. Am Ende des Sees sieht man die Gletscherzunge des Folgefonna, die ins tuerkisfarbene Wasser kalbt. Kinder sind fasziniert vom Eis und der Farbe des Wassers. Nicht zu nah rangehen, Eis kann brechen und Wellen verursachen.

Kinder auf einem Wanderweg im norwegischen Fjell
Kinder beim Wandern auf dem norwegischen Fjell (KI-generiert)

Fjellwanderungen für Familien mit älteren Kindern

Besseggen (Jotunheimen)

Der Besseggen-Grat ist eine der populaersten Wanderungen Norwegens. Die Tour ist 14 Kilometer lang, hat 900 Hoehenmeter und dauert 6 bis 8 Stunden. Sie ist anspruchsvoll, aber technisch nicht schwierig. Ab 10 bis 12 Jahren schaffen sportliche Kinder die Tour, wenn sie wandererfahren sind und gutes Schuhwerk haben.

Der Hoehepunkt ist der Grat zwischen dem gruenen Gjende-See und dem blauen Bessvatnet. Oben auf dem Grat geht man auf einem schmalen Felsgrat mit Sicht auf beide Seen. Das ist aufregend, aber nicht gefaehrlich. Der Weg ist breit genug, und es gibt keine Stellen, an denen man klettern müsste.

Reinebringen (Lofoten)

Der Aufstieg zum Reinebringen auf den Lofoten wurde 2019 mit Steintreppen ausgebaut. Seitdem ist der Weg viel sicherer als früher. 1.500 Stufen fuehren auf 448 Meter Hoehe, mit einem unglaublichen Blick auf Reine und die Lofoten-Bergwelt. Die Tour ist kurz (1,6 Kilometer), aber steil. Ab 8 Jahren machbar, wenn das Kind sportlich ist und keine Hoehenangst hat.

Galdhopiggen (Jotunheimen)

Norwegens höchster Berg (2.469 Meter) ist ohne Klettererfahrung begehbar. Die Route von Juvasshytta über den Gletscher ist die einfachste und wird gefuehrt angeboten. Die Tour dauert 5 bis 7 Stunden und ist ab 10 bis 12 Jahren möglich. Man überquert einen Gletscher, an dem man angeseilt geht. Das ist für Kinder ein echtes Abenteuer, und die meisten sind maechtig stolz, wenn sie auf dem höchsten Punkt Norwegens stehen.

Wanderungen zu Wasserfaellen

Kinder lieben Wasserfaelle. Das Toben, das Spritzen, die Kraft des Wassers. Norwegen hat Hunderte von Wasserfaellen, und viele davon sind auf einfachen Wegen erreichbar.

Der Voringsfossen bei Eidfjord stuerzt 182 Meter in die Tiefe und ist vom Parkplatz aus in 10 Minuten erreichbar. Ein neuer Stahlsteg fuehrt über die Schlucht und bietet einen schwindelerregenden Blick nach unten. Für Kinder, die keine Hoehenangst haben, ein Erlebnis. Für alle anderen gibt es Aussichtspunkte am Rand.

Familie vor einem Wasserfall bei einer Wanderung in Norwegen
Wasserfall als Wanderziel für die ganze Familie (KI-generiert)

Der Steinsdalsfossen bei Norheimsund ist besonders beliebt bei Familien, weil man hinter dem Wasserfall entlanggehen kann. Ein kurzer, befestigter Weg fuehrt hinter den Wasservorhang. Kinder finden das grossartig, und es gibt tolle Fotos. Der Weg ist ab Kinderwagen-Alter machbar.

In Geiranger laesst sich eine kurze Wanderung zu den Wasserfaellen des Storfossen machen. Der Weg startet im Ort, fuehrt über eine Bruecke und dann auf einem breiten Pfad zum Fuss des Wasserfalls. 2 Kilometer, flach, für alle Altersgruppen geeignet. Im Frühsommer, wenn die Schneeschmelze laeuft, ist der Wasserfall am kraeftigsten.

Der Kjosfossen an der Flamsbahn ist zwar nicht zu Fuss erreichbar, aber ein Erlebnis für sich. Der Zug hält direkt neben dem Wasserfall, die Passagiere steigen aus, und eine geheimnisvolle Musikshow ertönt, während das Wasser donnert. Kinder stehen da mit offenem Mund.

DNT-Huetten: Übernachten in den Bergen

Die DNT-Huetten (Den Norske Turistforening) sind Norwegens Wanderhuetten-Netz. Über 500 Huetten stehen in den Bergen, manche bewirtet mit warmen Mahlzeiten, manche unbewirtet mit Selbstversorgung. Für Familien sind die bewirteten Huetten ideal: Man kommt an, bekommt Essen und ein Bett, und muss nicht alles selbst tragen.

Viele DNT-Huetten sind so positioniert, dass man sie auf einer leichten Tageswanderung erreichen kann. Die Abstande zwischen den Huetten betragen in den beliebtesten Gebieten (Jotunheimen, Rondane, Hardangervidda) nur 3 bis 5 Stunden. So kann man mehrtaegige Huettenwanderungen machen, ohne je zelten zu müssen.

Norwegische DNT-Huette in der Berglandschaft
Eine DNT-Huette als Ziel einer Familienwanderung (KI-generiert)

Kinder lieben die Huetten. Das Abenteuer, in den Bergen zu übernachten, das Gemeinschaftsgefuehl beim Abendessen, die Brettspiele am Abend. Viele Huetten haben spezielle Familienraeume mit Stockbetten, und manche organisieren im Sommer Kinderprogramme mit Schatzsuchen und Naturerkundungen.

DNT-Mitgliedschaft empfehle ich jedem, der oefter in Norwegen wandert. Die Jahresgebuehr liegt bei 790 NOK für Familien, und dafür bekommt man guenstigere Übernachtungspreise und Zugang zu den unbewirteten Huetten. Kinder bis 12 Jahre übernachten auf den bewirteten Huetten oft kostenlos oder zum halben Preis.

Ausrüstung für Familienwanderungen

Die wichtigste Regel: Kinder brauchen gute Schuhe. Keine Turnschuhe, keine Sandalen, sondern richtige Wanderschuhe mit Profil, Knoechelschutz und wasserdichter Membran. Norwegens Wege können feucht und rutschig sein, und nasse Fuesse verderben jede Wanderung schneller als alles andere.

Regenjacke und Regenhose gehören immer in den Rucksack, auch wenn der Himmel blau ist. Das Wetter in den norwegischen Bergen wechselt schnell. Morgens Sonne, mittags Nebel, nachmittags Regen, abends wieder Sonne. Wer trockene Kleidung dabei hat, kann jedes Wetter geniessen.

Für Kinder bis etwa 3 Jahre ist eine Kindertrage (Kraxe) die beste Loesung. Die Kinder sitzen hoch, können die Aussicht geniessen und schlafen ein, wenn sie muede werden. Gute Modelle haben einen Sonnenschutz und Faecher für Windeln und Proviant. Ab 3 bis 4 Jahren laufen die meisten Kinder gerne selbst, aber die Kraxe im Auto zu haben, ist als Backup sinnvoll.

Proviant mitnehmen: Wasser, Obst, Brot und Kaese. Dazu Schokolade und Gummibaerchen. Kinder brauchen unterwegs mehr Kalorien als Erwachsene, weil sie staendig in Bewegung sind. Kleine Snack-Pausen alle 30 bis 45 Minuten halten die Laune oben. Ein Lieblingskuscheltier oder ein kleines Spielzeug im Rucksack hilft bei laengeren Wanderungen ebenfalls.

Familie beim Picknick auf einer Wanderung in der norwegischen Natur
Pause und Picknick gehören zur Familienwanderung dazu (KI-generiert)

Sicherheit mit Kindern in den Bergen

Norwegens Berge sind vergleichsweise sicher, aber ein paar Dinge sollte man beachten. Das Wetter kann schnell umschlagen, besonders auf den Hochebenen. Nebel, Regen und Temperaturstuerze kommen selbst im Sommer vor. Deshalb immer die Wettervorhersage pruefen (yr.no ist die beste App für norwegisches Wetter) und genug warme Kleidung einpacken.

An Abgründen und steilen Stellen müssen Kinder an die Hand. Norwegische Wanderwege haben fast nie Gelaender oder Absicherungen. Die Natur ist so, wie sie ist: offen, ungesichert, frei. Das ist das Schoene daran, aber es erfordert Aufmerksamkeit. Vor allem an Aussichtspunkten, wo der Fels nass und rutschig sein kann.

Baeche und Fluesse können nach Regen ploetzlich anschwellen. Kinder sollten nie allein an Bachlaeufen spielen, besonders nicht an den Zulaeufen von Wasserfaellen. Das Wasser in norwegischen Bergbaechen ist kalt (selten über 10 Grad), und die Stroemung kann staerker sein, als sie aussieht.

Mobilfunkempfang ist in den Bergen oft nicht vorhanden. Vor der Tour jemanden informieren, wohin man geht und wann man zurück sein will. Die norwegische Bergrettung (Roede Kors) ist gut organisiert, aber es kann Stunden dauern, bis Hilfe kommt, wenn man abseits der Hauptwege unterwegs ist.

Die richtige Jahreszeit

Die Wandersaison in Norwegen laeuft von Juni bis September. Im Juni sind die Hochgebirgswege (über 1.000 Meter) oft noch schneebedeckt. Für Familienwanderungen im Tiefland und an der Küste ist Juni trotzdem gut: lange Tage, wenig Muecken, moderate Temperaturen.

Juli und August sind die Hauptsaison. Der Schnee in den Bergen ist geschmolzen, alle Huetten sind geöffnet, und das Wetter ist am zuverlaessigsten. Die Temperaturen im Fjell liegen bei 10 bis 20 Grad, im Tiefland bei 15 bis 25 Grad. Der Nachteil: Es ist am vollsten, und die Muecken können im Juli laestig sein, besonders in der Naehe von Wasser und in der Daemmerung.

September ist mein Geheimtipp für Familien mit älteren Kindern. Die Menschenmassen sind weg, die Birkenwaelder faerben sich gelb und rot, und die ersten klaeren Naechte bringen manchmal schon Nordlichter. Allerdings werden die Tage kuerzer, und es kann nachts Frost geben. Die meisten Huetten schliessen Mitte September.

Für Familien mit Kleinkindern (unter 4 Jahren) empfehle ich die zweite Julihaelfte oder Anfang August. Dann ist das Wetter am stabilsten, die Wege schneefrei und die Tage noch lang genug, um früh starten und früh aufhören zu können.

Haeufige Fragen

Ab welchem Alter können Kinder in Norwegen wandern?

In der Kraxe ab Geburt (wenn die Eltern fit genug sind). Selbst laufen ab etwa 3 Jahren auf kurzen, flachen Wegen (1 bis 2 Kilometer). Ab 5 bis 6 Jahren sind Strecken von 5 bis 8 Kilometern machbar. Ab 10 Jahren können sportliche Kinder die meisten markierten Wanderungen meistern.

Gibt es Kinderwagen-taugliche Wanderwege?

Ja, aber nur wenige. Rund um die größeren Orte und an touristischen Attraktionen gibt es befestigte Wege, die mit Kinderwagen befahrbar sind. In den Bergen ist ein Kinderwagen nicht praktikabel. Dort ist eine Kraxe die bessere Wahl.

Sind Muecken in den Bergen ein Problem?

Im Juli können Muecken in feuchten Gebieten und an Seen laestig sein. In den hoeheren Lagen und bei Wind sind sie weniger. Mueckenspray (z.B. Mygga aus Norwegen) hilft, und langaermlige, helle Kleidung schuetzt zusaetzlich. Ab August nimmt die Mueckenplage deutlich ab.

Kann man das Wasser aus Baechen trinken?

In den meisten Gebirgsgebieten ja. Das Wasser aus Baechen und Fluessen über der Baumgrenze ist in der Regel saüber genug zum Trinken. Weiter unten, in der Naehe von Weideland oder Siedlungen, sollte man vorsichtiger sein. Im Zweifel das Wasser abkochen oder einen Filter verwenden.

Was tun bei schlechtem Wetter?

Leichte Regentage sind in Norwegen normal und kein Grund, zu Hause zu bleiben. Mit guter Regenkleidung kann man auch bei Regen wandern. Bei Sturm, Gewitter oder starkem Nebel sollte man die Berge meiden und stattdessen leichte Wege im Tal oder an der Küste waehlen. Viele Orte haben auch Indoor-Alternativen: Museen, Schwimmbaeder, Kletterhallen.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026