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Eisklettern in Norwegen
Gefrorene Wasserfälle bezwingen

Eisklettern in Norwegen

12 Min. Lesezeit

Stell dir vor, du stehst vor einer 100 Meter hohen Wand aus blauem Eis. In jeder Hand ein Eispickel, an den Füßen Steigeisen. Dein Atem kondensiert in der kalten Luft, während du den ersten Schlag ins Eis setzt. Das ist Eisklettern in Norwegen.

Norwegen gehört weltweit zu den besten Destinationen für diesen Sport. Kalte Winter, steile Berge, Tausende Wasserfälle. Von Dezember bis April entstehen hier Eiskletterrouten in einer Dichte, die man sonst nirgendwo findet. Von einfachen Eisfällen für Einsteiger bis zu überhängenden Säulen für Profis reicht das Spektrum.

Ob du zum ersten Mal Eispickel in der Hand hast oder schon Erfahrung mitbringst: In diesem Artikel findest du die besten Gebiete, Kursanbieter und was du an Ausrüstung brauchst.

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Warum Norwegen zum Eisklettern?

In den Alpen frieren Wasserfälle nur in besonders kalten Wintern zu. In Norwegen ist das der Normalfall. Die Temperaturen fallen in den Gebirgstälern zuverlässig unter minus 10 Grad, und das über Monate. Das Eis baut sich dick und stabil auf.

Gefrorener Wasserfall in Norwegen als Kletterziel
Gefrorener Wasserfall in den norwegischen Bergen (KI-generiert)

Norwegen hat über 200 dokumentierte Eiskletterrouten, verteilt über das ganze Land. Die meisten liegen in Südnorwegen, wo das Terrain steil genug ist und die Winter kalt genug sind. Aber auch in Nordnorwegen, auf den Lofoten und in Troms gibt es ausgezeichnete Möglichkeiten.

Was mir am Eisklettern in Norwegen besonders gefällt: Die Ruhe. In Rjukan, dem bekanntesten Eisklettergebiet, verteilen sich die Kletterer auf Dutzende Wasserfälle in verschiedenen Tälern. Man hat den Eisfall oft für sich allein. Kein Anstehen, kein Gedränge.

Die norwegische Eiskletterszene ist zudem sehr zugänglich. Einheimische Kletterer teilen gerne ihr Wissen über Bedingungen und Routen. In den Hütten am Abend tauscht man Erfahrungen aus und bekommt Tipps für den nächsten Tag.

Rjukan: Die Eiskletterhauptstadt

Rjukan liegt in der Provinz Telemark, eingeklemmt zwischen steilen Bergflanken in einem engen Tal. Die Stadt ist so tief gelegen, dass die Sonne von Oktober bis März nicht direkt in das Tal scheint. Das klingt trostlos, ist aber für Eiskletterer ein Segen: Die Kälte hält das Eis stabil.

Eiskletterer an einem gefrorenen Wasserfall in Rjukan
Rjukan ist Norwegens Zentrum für Eisklettern (KI-generiert)

Rund um Rjukan gibt es über 150 dokumentierte Routen. Die Schwierigkeitsgrade reichen von WI2 (leicht geneigtes Eis, für Anfänger geeignet) bis WI7 (überhängende Eissäulen, nur für Experten). Einige der bekanntesten Routen:

  • Krokan (WI3): Ein 80 Meter hoher Wasserfall direkt neben der Straße. Guter Einstieg für Fortgeschrittene. Die Zustiegszeit beträgt nur 5 Minuten.
  • Ozzimosis (WI5): Die Route, die jeder kennt. 120 Meter steil mit einem überhängenden Abschnitt in der Mitte. Nur bei guten Eisverhältnissen kletterbar.
  • Lipton (WI4): Frei hängende Eissäule, die in kalten Wintern bis zum Boden reicht. Sieht aus wie ein gefrorener Kronleuchter.
  • Sabotørfossen (WI3 bis WI4): Benannt nach den Saboteuren des Zweiten Weltkriegs, die in dieser Gegend operierten. Eine mehrseilige Route mit abwechslungsreichem Gelände.

Rjukan ist gut erreichbar. Von Oslo sind es 2,5 Stunden mit dem Auto über die E134. Die Stadt hat mehrere Hotels, Pensionen und eine Jugendherberge. Das Rjukan Gjestehus bietet Zimmer ab 800 NOK pro Nacht und hat einen Trockenraum für nasse Ausrüstung.

Jeden Februar findet in Rjukan das Rjukan Ice Festival statt. Drei Tage Eisklettern, Workshops und abends Vorträge von internationalen Kletterern. Tickets kosten rund 1.500 NOK inklusive geführter Klettertouren.

Hemsedal und Hallingdal

Hemsedal ist vor allem als Skiort bekannt, aber das Tal bietet auch sehr gute Eiskletterrouten. Rund 40 dokumentierte Eisfälle verteilen sich auf die Seitentäler. Die Routen sind im Durchschnitt kürzer als in Rjukan (30 bis 60 Meter), dafür oft technisch anspruchsvoll.

Eisklettergebiet in Hemsedal mit verschneiter Bergkulisse
Eisklettern in der Region Hemsedal (KI-generiert)

Der Vorteil von Hemsedal: Man kann Eisklettern mit Skifahren kombinieren. Vormittags auf die Piste, nachmittags an den Eisfall. Oder umgekehrt. Das macht Hemsedal für gemischte Gruppen interessant, in denen nicht alle klettern wollen.

In Hemsedal bietet die Kletterschule „Hemsedal Guides" Eisklettertouren für Anfänger an. Ein Tageskurs kostet 2.200 NOK pro Person (Minimum 2 Teilnehmer) und beinhaltet die komplette Ausrüstung. Der Guide zeigt Pickeltechnik, Steigeisengehen und das Setzen von Eisschrauben.

Das benachbarte Hallingdal hat weniger bekannte, aber ebenso gute Eisfälle. Geilo, am oberen Ende des Tals, ist ein guter Ausgangspunkt. Die Routen sind ruhiger als in Rjukan, und man trifft hauptsächlich Einheimische.

Weitere Eisklettergebiete

Lofoten

Auf den Lofoten klettert man mit Meerblick. Die steilen Berge der Inselkette haben zahlreiche Wasserfälle, die im Winter zufrieren. Die bekannteste Route ist „Henningsvær Icefall" (WI4), direkt oberhalb des Fischerdorfs. Man klettert und blickt dabei auf den Nordatlantik. Nordlichter inklusive, wenn man Glück hat.

Die Saison auf den Lofoten ist kürzer (Januar bis März), weil es dort milder ist als auf dem Festland. Dafür sind die Bedingungen, wenn sie stimmen, ganz anders als irgendwo sonst.

Valdres und Jotunheimen

Im Jotunheimen-Gebirge gibt es alpine Eiskletterrouten, die Klettererfahrung am Berg voraussetzen. Die Zustiegswege sind lang (teilweise 2 bis 3 Stunden), und die Routen liegen in abgelegener Lage. Für erfahrene Alpinisten, die Abenteuer suchen, ist das perfekt. Anfänger sollten hier nur mit einem erfahrenen Guide gehen.

Romsdal (Åndalsnes)

Das Romsdal bei Åndalsnes hat einige der höchsten Felswände Europas. Im Winter bilden sich an den Wänden des Trollveggen massive Eisfälle. Diese Routen sind nichts für Anfänger, sie zählen zu den anspruchsvollsten in ganz Europa. Aber allein der Anblick der gefrorenen Trollwand ist den Besuch wert.

Troms (Nordnorwegen)

Rund um Tromsø und im Lyngen-Gebiet gibt es arktisches Eisklettern auf solidem, kaltem Eis. Die Temperaturen fallen hier regelmäßig unter minus 20 Grad, was extrem hartes und verlässliches Eis produziert. Allerdings sind die Tage im Dezember und Januar sehr kurz (oder gar nicht vorhanden, Polarnacht). Die beste Zeit ist Februar bis März, wenn die Tage länger werden.

Kurse und Guides

Eisklettern ohne Erfahrung alleine zu starten ist keine gute Idee. Die Technik muss gelernt werden, und die Einschätzung der Eisqualität erfordert Übung. Mehrere Anbieter in Norwegen haben sich auf geführte Eisklettertouren spezialisiert.

Anfänger beim Eisklettern mit Guide und Sicherungsausrüstung
Eisklettern unter Anleitung erfahrener Guides (KI-generiert)

Tindevegleder (Rjukan)

Der größte Anbieter in Rjukan. Tageskurse für Anfänger kosten 2.500 NOK pro Person (inklusive Ausrüstung). Mehrtägige Kurse über 3 bis 5 Tage kosten 6.000 bis 10.000 NOK. Inhalt: Grundtechnik, Mehrseillängenrouten, Rettungstechniken, Eisqualitätsbewertung. Die Guides sind zertifizierte IFMGA-Bergführer.

Norrøna Guides (verschiedene Standorte)

Bieten Eisklettertouren in Rjukan, Hemsedal und den Lofoten an. Ein Zweitageskurs kostet ab 4.500 NOK pro Person. Die Gruppen sind klein (maximal 4 Personen pro Guide), was intensive Betreuung ermöglicht.

Hemsedal Guides

Spezialisiert auf den Raum Hemsedal und Hallingdal. Tageskurse ab 2.200 NOK. Auch Privattouren buchbar (ab 5.000 NOK für 1 bis 2 Personen). Lohnt sich, wenn du gezielt an bestimmten Schwächen arbeiten willst.

Mein Rat: Buche einen Zweitageskurs, keinen Eintages-Schnupperkurs. Am ersten Tag kämpft man mit der Technik und ist abends frustriert. Am zweiten Tag klickt es, und man fängt an, es wirklich zu genießen.

Ausrüstung

Bei geführten Touren und Kursen wird die technische Ausrüstung gestellt. Trotzdem solltest du wissen, was zum Eisklettern gehört.

Eiskletterausrüstung: Pickel, Steigeisen und Helm
Eiskletter-Equipment: Pickel, Steigeisen, Helm (KI-generiert)

Technische Ausrüstung

  • Eispickel (2 Stück): Technische Eisgeräte mit gebogenen Schäften. Modelle wie Petzl Nomic oder Black Diamond Reactor sind gängig. Kaufpreis ab 3.000 NOK pro Stück.
  • Steigeisen: Steigeisen mit Frontspitzen, die in steilem Eis greifen. Petzl Dart oder Grivel G12 sind bewährt. Ab 2.000 NOK.
  • Klettergurt: Ein normaler Sportklettergurt reicht, sollte aber über Beinschlaufen passen, die man mit Handschuhen bedienen kann.
  • Helm: Pflicht. Ein Steinschlaghelm mit Kinnriemen. Bei gefrorenen Wasserfällen können Eisbrocken von oben fallen.
  • Eisschrauben: Zum Setzen von Zwischensicherungen. In der Regel stellt der Guide diese.

Kleidung

Beim Eisklettern schwitzt man beim Klettern und friert beim Sichern. Das Schichtsystem ist entscheidend. Merino-Unterwäsche, darüber eine isolierende Schicht (Primaloft oder Daune), außen eine winddichte Softshell oder Hardshell. Die Jacke sollte nicht zu dick sein, weil man die Arme über Kopf arbeiten muss.

Handschuhe sind das wichtigste Kleidungsstück. Man braucht dünne Handschuhe zum Klettern (guter Grip am Pickel) und dicke Handschuhe zum Sichern (Wärme). Mindestens zwei Paar Handschuhe mitnehmen, weil die nass werden.

Schuhe: Steife Bergschuhe (B3 oder besser), die mit den Steigeisen kompatibel sind. Keine Wanderschuhe, die sind zu weich für Steigeisen. Wenn du keine eigenen hast, frag beim Guide nach Leihschuhen.

Sicherheit und Risiken

Eisklettern hat objektive Gefahren, die man nicht komplett ausschalten kann. Dazu gehören:

  • Eisschlag: Brocken können sich von oben lösen, besonders bei Sonneneinstrahlung oder Temperaturwechsel. Helm tragen, nicht direkt unter anderen Kletterern stehen.
  • Instabiles Eis: Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kann das Eis brüchig sein. Erfahrung und Einschätzungsvermögen sind nötig.
  • Kälte: Erfrierungen an Fingern und Zehen sind ein reales Risiko, besonders bei langen Sicherungszeiten. Regelmäßig bewegen und auf Warnsignale achten.
  • Stürze: Stürze im Eis sind gefährlicher als beim Felsklettern, weil man Steigeisen und Pickel trägt. Saubere Technik reduziert das Risiko.

Ich sage das nicht, um abzuschrecken. Unter Anleitung eines Guides und mit der richtigen Einstellung ist Eisklettern ein kalkulierbares Risiko. Aber es ist kein Freizeitpark. Respekt vor dem Eis und der Kälte ist wichtig.

Beste Saison und Bedingungen

Die Eisklettersaison in Norwegen dauert von Dezember bis April, mit regionalen Unterschieden.

  • Dezember/Januar: Frühe Saison. In Rjukan und Hemsedal bilden sich die ersten brauchbaren Eisfälle. Kurze Tage (6 bis 7 Stunden Licht in Südnorwegen). In Nordnorwegen herrscht Polarnacht.
  • Februar: Hochsaison. Die besten Eisverhältnisse, stabil und dick. Die Tage werden länger. Das Rjukan Ice Festival findet statt.
  • März: Immer noch gute Bedingungen, besonders in höheren Lagen. In Rjukan kann es an sonnigen Tagen tagsüber tauen, was das Eis nachmittags weicher macht. Morgens klettern, nachmittags ruhen.
  • April: Spätsaison. In tiefen Lagen tauen die Eisfälle ab. In den Bergen (Jotunheimen, Lyngen) ist noch gutes Eis möglich.

Die Eisverhältnisse können sich täglich ändern. Vor der Anreise die Webseite „isvagg.no" checken, dort melden Kletterer aktuelle Bedingungen. In Rjukan hängt im Outdoor-Laden „Rjukan Sport" ein Whiteboard mit tagesaktuellen Infos zu den wichtigsten Routen.

Kosten und Planung

Kostenübersicht Eisklettern in Norwegen

  • Tageskurs (mit Guide, Ausrüstung): 2.200 bis 2.500 NOK
  • Zweitageskurs: 4.500 bis 5.500 NOK
  • 5-Tage-Kurs (fortgeschritten): 8.000 bis 10.000 NOK
  • Privatführung (1 bis 2 Pers.): 5.000 bis 7.000 NOK pro Tag
  • Unterkunft Rjukan (Hotel): 800 bis 1.500 NOK pro Nacht
  • Unterkunft Rjukan (Hostel): 400 bis 600 NOK pro Nacht
  • Mietwagen (pro Tag): 500 bis 900 NOK
  • Rjukan Ice Festival (3 Tage): ca. 1.500 NOK

Ein verlängertes Wochenende mit Zweitageskurs in Rjukan kommt auf etwa 8.000 bis 10.000 NOK pro Person (inklusive Anreise, Unterkunft, Kurs). Für ein ganzes Wochenende Eisklettern mit eigenem Equipment und Guide rechne mit 12.000 bis 15.000 NOK.

Wer eigene Ausrüstung kaufen will, muss mit 10.000 bis 15.000 NOK für ein komplettes Set rechnen (Pickel, Steigeisen, Helm, Schrauben, Karabiner). Das lohnt sich erst, wenn man regelmäßig klettern geht. Für den Einstieg sind Kurse mit Leihausrüstung die bessere Wahl.

Mein Tipp: Das Rjukan Ice Festival im Februar ist der ideale Einstieg. Man trifft Gleichgesinnte, kann verschiedene Schwierigkeitsgrade ausprobieren und bekommt abends Inspiration durch die Vorträge erfahrener Alpinisten.

Häufige Fragen

Brauche ich Klettererfahrung zum Eisklettern?

Felsklettern hilft, ist aber keine Voraussetzung. Anfängerkurse starten bei null. Grundlegende Fitness und Schwindelfreiheit solltest du mitbringen. Die Pickeltechnik unterscheidet sich stark vom Felsklettern und wird im Kurs von Grund auf erklärt.

Wo ist das beste Eisklettergebiet in Norwegen?

Rjukan in Telemark hat die größte Routenauswahl (über 150 Routen) und die zuverlässigsten Eisverhältnisse. Für Anfänger ist Rjukan oder Hemsedal die beste Wahl. Fortgeschrittene finden in Romsdal oder Jotunheimen größere Herausforderungen.

Wann ist die beste Zeit zum Eisklettern in Norwegen?

Februar ist der beste Monat. Das Eis ist dann am stabilsten, die Tage sind lang genug für ausgiebige Touren, und das Rjukan Ice Festival bietet zusätzliche Motivation. Januar und März sind ebenfalls gute Monate.

Was kostet ein Eisklettern-Wochenende in Norwegen?

Rechne mit 8.000 bis 10.000 NOK pro Person für ein Wochenende inklusive Zweitageskurs, Unterkunft und Anreise von Oslo. Ohne Guide und mit eigener Ausrüstung wird es günstiger, ist aber nur für Erfahrene ratsam.

Wie komme ich nach Rjukan?

Von Oslo mit dem Auto über die E134 in 2,5 Stunden. Es gibt keinen Bahnanschluss. Ein Mietwagen ist daher die praktischste Option. Im Winter sollte das Auto Winterreifen haben, was bei norwegischen Vermietern Standard ist.

Ist Eisklettern gefährlich?

Es gibt objektive Risiken (Eisschlag, Kälte, Stürze), die durch Erfahrung, Ausrüstung und einen kompetenten Guide erheblich reduziert werden können. Anfänger sollten nie ohne Guide klettern. Die Unfallrate bei geführten Touren ist sehr niedrig.

Alle Norwegen Reportagen

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026