Valdres
Die meisten Touristen fahren auf der E6 durchs Gudbrandsdal, wenn sie nach Norden wollen. Das parallele Tal, 50 Kilometer westlich, kennen wenige. Valdres ist das Tal, durch das die Riksvei 51 führt, von Dokka am Randsfjord bis hinauf nach Beitostølen und weiter zum Jotunheimen. Es ist ruhiger hier. Weniger Verkehr, weniger Hotels, weniger von allem. Dafür mehr von dem, was Norwegen im Kern ausmacht: Berge, Wasser, Holzhäuser, Stille.
Ich kam im Juli nach Valdres, auf dem Weg zum Besseggen-Grat im Jotunheimen. Die Fahrt von Oslo dauerte drei Stunden. Ab Fagernes wurde es leer auf der Straße. Die Landschaft öffnete sich. Breite Talböden mit Wiesen, darüber dunkle Nadelwälder, darüber die Baumgrenze, darüber Fels und Schnee. An einem kleinen See bei Øye hielt ich an, um Kaffee zu kochen. Zwanzig Minuten stand ich am Ufer. Kein Auto, kein Mensch, kein Geräusch außer dem Wind in den Birken. So fängt Valdres an.
Das Tal, das keiner kennt
Valdres umfasst sechs Gemeinden: Nord-Aurdal, Sør-Aurdal, Øystre Slidre, Vestre Slidre, Vang und Etnedal. Zusammen haben sie rund 17.000 Einwohner, verteilt auf eine Fläche so groß wie das Saarland. Die Bevölkerungsdichte liegt bei unter 5 Menschen pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: Deutschland hat 234.
Die Begnadalen, der Fluss, der Valdres durchzieht, fließt gemächlich durch breite Auen und mündet schließlich in den Sperillen, einen der längsten Binnenseen Norwegens. Das Tal steigt von Süden nach Norden langsam an. Bei Fagernes liegt man auf 360 Metern, bei Beitostølen auf 900 Metern. Der Übergang ist sanft, fast unmerklich. Man fährt und fährt, und plötzlich sind die Bäume kleiner geworden, die Wiesen haben sich in Heideflächen verwandelt, und am Horizont stehen die Gipfel des Jotunheimen.
Valdres war bis ins 20. Jahrhundert eine der ärmeren Regionen Norwegens. Die Böden sind karg, die Winter lang. Viele Valdresinger wanderten im 19. Jahrhundert nach Amerika aus. In Minnesota und Wisconsin gibt es noch heute Gemeinden, die "Valdres" im Namen tragen. Wer blieb, lebte von Viehzucht, Forstwirtschaft und etwas Ackerbau. Diese Kargheit hat die Region bis heute erhalten. Es gibt keine Industrie hier, keine großen Einkaufszentren, keine Zersiedelung. Die Landschaft sieht im Wesentlichen so aus wie vor hundert Jahren.
Fagernes: Tor zu Valdres
Fagernes ist der Hauptort von Valdres und mit 1.800 Einwohnern die einzige Siedlung, die man als Kleinstadt bezeichnen könnte. Der Ort liegt am Strandefjorden, einem schmalen See, der sich 5 Kilometer durch das Tal zieht. Am Ufer steht das Valdres Folkemuseum, ein Freilichtmuseum mit über 100 historischen Gebäuden aus der gesamten Region. Wohnhäuser, Stabbur, Schmieden, eine Schule aus dem 18. Jahrhundert. Im Sommer finden hier Handwerksvorführungen statt: Schmieden, Weben, Holzschnitzerei. Eintritt: 130 NOK.
Das Museum zeigt auch die Valdres-Bunad, die lokale Tracht. Die Frauen-Tracht aus Valdres gehört zu den aufwendigsten Norwegens. Schwere Wollstoffe in Schwarz und Rot, bestickt mit Silberfäden, dazu Silberschmuck: Broschen, Gürtelschnallen, Ketten. Eine vollständige Valdres-Bunad kann 60.000 bis 80.000 NOK kosten. Sie wird über Generationen vererbt.
Fagernes hat alles, was man für die Versorgung braucht. Coop Extra, Rema 1000, Apotheke, Tankstellen. Es gibt einige Restaurants, darunter das Fagernes Kafé am Marktplatz, das solide Hausmannskost serviert: Fleischsuppe, Lapskaus, Rømmegrøt (Sauerrahmgrütze). Ein Mittagsgericht kostet ab 169 NOK. Im Sommer ist der Strandefjorden warm genug zum Baden, 20 Grad im Juli sind keine Seltenheit.
Stabkirchen in Valdres
Valdres hat eine bemerkenswerte Dichte an Stabkirchen. Vier sind erhalten, alle aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Das ist kein Zufall. In abgelegenen Tälern wie Valdres fehlte das Geld, die alten Holzkirchen durch Steinbauten zu ersetzen, wie es in den reicheren Regionen geschah. So blieben die Stabkirchen stehen, aus Geldmangel, nicht aus Denkmalschutz.
Die Hegge Stavkirke in Øystre Slidre ist die bekannteste. Sie liegt direkt an der Riksvei 51, erhöht auf einem Kirchhügel, umgeben von einem alten Friedhof mit schiefen Grabsteinen. Die Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert und wird noch als Gemeindekirche genutzt. Besonders sehenswert ist das geschnitzte Portal mit Rankenmotiven, die an die Wikingerkunst erinnern. Im Inneren stehen bemalte Bänke aus dem 17. Jahrhundert. Eintritt: frei, Spende erbeten.
Die Reinli Stavkirke in Sør-Aurdal ist kleiner und weniger besucht. Sie steht auf einer Wiese abseits der Hauptstraße und wirkt von außen unscheinbar. Erst innen wird deutlich, wie alt dieses Gebäude ist. Die Holzbalken sind dunkel und glatt, poliert von acht Jahrhunderten Berührung. An der Decke hängen hölzerne Radleuchter, die im Kerzenlicht ein warmes Licht werfen. Die Reinli Stavkirke ist im Sommer dienstags und donnerstags geöffnet.
Die Høre Stavkirke und die Lomen Stavkirke vervollständigen das Quartett. Alle vier liegen innerhalb von 40 Fahrminuten. Man kann sie an einem Tag besuchen und dabei die unterschiedlichen Baustile vergleichen: von der schlichten Reinli bis zur stattlichen Hegge, vom nackten Holz bis zur barocken Übermalung. Eine Stabkirchen-Route durch Valdres ist für Architekturinteressierte ein lohnender Tagesausflug.
Seter und Almwirtschaft
Die Almwirtschaft in Valdres ist lebendiger als in den meisten anderen Regionen Norwegens. Rund 50 Seter werden im Sommer noch bewirtschaftet. Das sind mehr als irgendwo sonst im Land. Von Juni bis September treiben die Bauern ihre Kühe und Ziegen auf die Bergweiden oberhalb der Baumgrenze. Dort oben, auf 900 bis 1.100 Metern, stehen die Seter-Hütten: niedrige Holzbauten mit Grasdach, Stall und Milchkammer.
Das Produkt der Seter-Wirtschaft ist Käse. In Valdres wird vor allem Gamalost hergestellt, ein alter norwegischer Sauermilchkäse mit scharfem Geschmack und krümeliger Konsistenz. Gamalost ist definitiv nichts für Anfänger. Der Geruch ist intensiv, der Geschmack scharf und leicht bitter. Viele Norweger essen ihn trotzdem gern, am liebsten auf Flatbrød (Fladenbrot) mit Butter. Im Valdres Folkemuseum gibt es regelmäßig Verkostungen.
Einige Seter in Valdres sind für Besucher geöffnet. Die Stølsvidda bei Beitostølen bietet geführte Wanderungen zu bewirtschafteten Almen an, inklusive Käseverkostung und Kaffee. Die Tour dauert drei Stunden und kostet 350 NOK. Man lernt, wie Rømme (Sauerrahm) von Hand geschlagen wird, probiert frisch gemachten Käse und sitzt auf der Bank vor der Hütte, während die Kühe auf der Weide grasen. Das klingt nach Postkarte, ist aber Alltag. Jedenfalls im Sommer.
Die Bedeutung der Seter-Kultur geht über die Käseproduktion hinaus. Ohne Beweidung würden die offenen Bergwiesen innerhalb weniger Jahrzehnte zuwachsen. Die Kulturlandschaft, die Wanderer so schätzen, die weiten Ausblicke, die blumenreichen Wiesen, die alten Wege, all das existiert nur, weil Bauern seit Jahrhunderten ihre Tiere auf die Berge treiben.
Der Jotunheimen-Zugang
Valdres ist einer der wichtigsten Zugänge zum Jotunheimen-Nationalpark, dem höchsten Gebirge Nordeuropas. Die Riksvei 51 führt von Fagernes über Beitostølen und den Valdresflye auf 1.389 Meter Höhe, bevor sie nach Lom im Gudbrandsdal hinabsteigt. Die Fahrt über den Valdresflye gehört zu den schönsten Bergstraßen Norwegens.
Auf dem Valdresflye hält man unweigerlich an. Die Hochebene liegt oberhalb der Baumgrenze, weit und offen, mit kleinen Seen, Flechtenpolstern und Geröllfeldern. Im Westen sieht man die Gipfel des Jotunheimen: Galdhøpiggen (2.469 m), Glittertind (2.452 m), Besseggen. Bei klarem Wetter reicht der Blick bis zu den Gletschern. Am Rastplatz gibt es ein kleines Cafe, das von Juni bis September geöffnet ist. Kaffee und Svele (eine Art dicker Pfannkuchen) kosten 85 NOK.
Vom Valdresflye aus starten mehrere Wanderungen ins Jotunheimen. Die populärste führt zum Besseggen-Grat, einem schmalen Felsgrat zwischen zwei Seen auf unterschiedlichen Höhen. Der Gjendesee liegt 984 Meter hoch, der Bessvatnet 1.373 Meter. Man wandert auf dem Grat zwischen beiden Seen und hat auf der einen Seite grünes Wasser, auf der anderen blaues. Die Tour ist 14 Kilometer lang, dauert 6 bis 8 Stunden und erfordert Trittsicherheit. Startpunkt ist Gjendesheim, erreichbar über die Riksvei 51.
Weniger bekannt, aber genauso lohnend: Die Wanderung zur Knutshøe (1.517 m) vom Valdresflye aus. Der Aufstieg dauert zwei Stunden und bietet einen Rundblick über den gesamten südlichen Jotunheimen. Im Herbst, wenn die Hochebene rostbraun leuchtet und die ersten Schneeflocken fallen, ist diese Wanderung ein Erlebnis der besonderen Art.
Skifahren in Beitostølen
Beitostølen liegt auf 900 Metern Höhe und ist Valdres' wichtigstes Wintersportzentrum. Der Ort hat 350 Einwohner, aber im Winter vervielfacht sich die Zahl durch Touristen und Sportler. Das norwegische Langlauf-Nationalteam trainiert hier regelmäßig, weil die Schneesicherheit von November bis Mai reicht.
Das alpine Skigebiet in Beitostølen ist überschaubar: 10 Lifte, 19 Abfahrten, Höhenlage bis 1.110 Meter. Die Pisten sind breit und familienfreundlich. Der Tagespass kostet 460 NOK für Erwachsene, 330 NOK für Kinder. Wer steile Abfahrten sucht, ist hier falsch. Wer entspannt mit der Familie Ski fahren will, genau richtig.
Die wahre Stärke von Beitostølen liegt im Langlauf. 350 Kilometer gespurte Loipen ziehen sich über die Hochebene. Klassisch und Skating, leicht und schwer, durch offene Landschaft und durch Birkenwälder. Die Loipen sind gut gepflegt, beschildert und beleuchtet (5 Kilometer Flutlichtloipe für Abendläufe). Im März, wenn die Tage länger werden und die Sonne den Schnee glitzern lässt, ist Beitostølen am schönsten.
Jedes Jahr Ende November findet in Beitostølen der Saisonstart des Langlauf-Weltcups statt. Die besten Langläufer der Welt kommen hierher, um die Saison zu eröffnen. Das Beitostølen Skistadion fasst 15.000 Zuschauer. Wer dort war und Johannes Høsflot Klæbo bei minus 15 Grad über die Ziellinie sprinten gesehen hat, vergisst das nicht so schnell.
Seen, Angeln und Stille
Valdres hat über 1.000 Seen. Die meisten sind klein, namenlos und nur zu Fuß erreichbar. Aber auch die größeren Seen, der Strandefjorden bei Fagernes, der Slidrefjorden, der Vangsmjøsa, bieten gute Angelmöglichkeiten. Forelle und Saibling sind die häufigsten Fänge. Eine Angelkarte kostet je nach Gewässer 100 bis 200 NOK pro Tag und ist in den Touristbüros oder online über inatur.no erhältlich.
Der Slidrefjorden in Vestre Slidre ist einer der wärmsten Seen in Valdres. Im Juli erreicht das Wasser 22 Grad, an geschützten Stellen sogar etwas mehr. Am Südufer gibt es einen kleinen Sandstrand mit Badeinsel. Parkplatz vorhanden, kein Eintritt. An warmen Sommertagen kann es hier voll werden, zumindest nach Valdres-Maßstäben, was bedeutet: zehn Familien statt drei.
Für Kanufahrer ist die Begna, der Fluss, der das südliche Valdres durchfließt, ein gutes Revier. Die Strömung ist gemäßigt, Stromschnellen selten. Man kann in Bagn einsetzen und bis zum Sperillen paddeln, eine Tagestour von 25 Kilometern durch stille Flusslandschaft. Kanuverleih gibt es in Fagernes bei Valdres Opplevelser (ab 500 NOK pro Tag inklusive Rücktransport).
Praktische Reisetipps
Von Oslo nach Fagernes sind es 190 Kilometer über die E16. Die Fahrt dauert zweieinhalb Stunden. Es gibt keine Eisenbahn nach Valdres. Die Valdresbahn wurde 1989 stillgelegt. Busse fahren von Oslo über Hønefoss nach Fagernes, drei bis vier Verbindungen pro Tag, Fahrzeit dreieinhalb Stunden. Ab Fagernes gibt es Lokalbusse nach Beitostølen, allerdings selten. Ein eigenes Auto ist auch hier die bessere Wahl.
Unterkünfte gibt es in allen Varianten. Campingplätze am Strandefjorden und am Slidrefjorden (ab 250 NOK). Hütten bei Novasol und Hytteavisen (ab 600 NOK pro Nacht). Hotels in Fagernes und Beitostølen. Das Bergo Hotel in Beitostølen bietet Doppelzimmer ab 1.200 NOK mit Frühstück und liegt direkt an den Loipen. Im Sommer sinken die Preise deutlich.
Die beste Reisezeit für Wanderer ist Mitte Juni bis Mitte September. Der Valdresflye ist meist von Anfang Juni bis Mitte Oktober befahrbar. Für Wintersport ist November bis April die Saison, mit den besten Schneeverhältnissen von Januar bis März. Der Herbst, Ende August bis Anfang Oktober, ist mein persönlicher Tipp. Wenige Touristen, stabile Wetterlage, die Birken in Flammen.
Häufige Fragen zu Valdres
Wie komme ich von Valdres zum Besseggen?
Von Fagernes fährt man über die Riksvei 51 zum Valdresflye und weiter nach Gjendesheim. Die Fahrt dauert etwa 1,5 Stunden. Von Gjendesheim nimmt man das Boot über den Gjende-See nach Memurubu und wandert von dort über den Besseggen-Grat zurück. Die Wanderung dauert 6 bis 8 Stunden.
Ist Beitostølen auch im Sommer einen Besuch wert?
Auf jeden Fall. Im Sommer ist Beitostølen Ausgangspunkt für Wanderungen auf den Valdresflye und ins Jotunheimen. Die Hochebene bietet kurze und lange Touren in offener Berglandschaft. Radfahren, Reiten und Angeln sind weitere Sommeraktivitäten. Die Preise für Unterkünfte sind im Sommer deutlich niedriger als im Winter.
Kann man die vier Stabkirchen in Valdres an einem Tag besuchen?
Ja, alle vier Stabkirchen liegen innerhalb von 40 Fahrminuten. Eine sinnvolle Route: Start in Reinli (Sør-Aurdal), weiter nach Hegge (Øystre Slidre), dann Lomen und zuletzt Høre. Man sollte pro Kirche 30 bis 45 Minuten einplanen. Beachten: Nicht alle Kirchen sind täglich geöffnet. Im Sommer (Juni bis August) sind die Öffnungszeiten am großzügigsten.
Was kostet ein Skiurlaub in Beitostølen?
Für eine Woche in einer Hütte (4 Personen) rechnet man mit 6.000 bis 10.000 NOK. Tagesskipass: 460 NOK Erwachsene, 330 NOK Kinder. Langlauf auf den Loipen ist kostenlos. Essen im Restaurant: 200 bis 400 NOK pro Hauptgericht. Insgesamt ist Beitostølen günstiger als Hemsedal oder Trysil, die bekannteren norwegischen Skigebiete.
Gibt es in Valdres Wildrentiere?
Ja, auf den Hochebenen westlich von Valdres leben wilde Rentiere. Die Nordfjella-Population umfasst rund 2.000 Tiere. Im Herbst sieht man sie manchmal vom Valdresflye aus. Die Tiere sind scheu, ein Fernglas ist hilfreich. Im Valdres Folkemuseum gibt es eine Ausstellung zur Rentiergeschichte der Region.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026