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Saltstraumen
Der stärkste Gezeitenstrom der Welt bei Bodø

Saltstraumen

14 Min. Lesezeit

Alle sechs Stunden drücken 400 Millionen Kubikmeter Wasser durch eine 150 Meter breite und 3 Kilometer lange Meerenge. Die Strömung erreicht bis zu 20 Knoten, das sind 37 Kilometer pro Stunde. Das Wasser bildet Strudel mit fünf Metern Durchmesser. Fische, Seevögel und Seeadler versammeln sich, weil die Strömung Nahrung aus der Tiefe nach oben treibt. Das ist der Saltstraumen, 30 Kilometer südöstlich von Bodø, und es ist der stärkste Gezeitenstrom der Welt.

Ich muss zugeben: Als ich zum ersten Mal vom Saltstraumen gehört habe, klang es nach einer dieser Übertreibungen, die Tourismusbüros gerne aufstellen. "Stärkster Gezeitenstrom der Welt" klingt wie ein Superlativ, der irgendwo in einem Büro erfunden wurde. Dann stand ich auf der Brücke und sah das Wasser unter mir kochen. Die Strudel drehten sich, das Wasser gurgelte, und ein Seeadler stürzte sich in die Strömung, um einen Fisch zu greifen. Da war klar: keine Übertreibung.

Der Saltstraumen liegt im Sund zwischen dem Saltfjorden und dem Skjerstadfjorden in der Provinz Nordland. Die enge Durchfahrt zwischen den Fjorden erzwingt enorme Wassermengen durch einen kleinen Kanal. Das Ergebnis sieht man, hört man, spürt man sogar auf der Brücke, die über den Sund führt. Der Asphalt vibriert, wenn die Strömung am stärksten ist.

Was ist der Saltstraumen?

Strudel und wirbelndes Wasser im Saltstraumen Gezeitenstrom
Strudel im Saltstraumen, hier drückt das Meer mit bis zu 37 km/h durch die Meerenge (KI-generiert)

Ein Gezeitenstrom entsteht, wenn die Gezeiten große Wassermassen durch eine enge Passage drücken. Das passiert an vielen Küsten der Welt. Was den Saltstraumen zum stärksten macht, ist die Kombination aus großem Wasservolumen (der Skjerstadfjord fasst enorme Mengen) und extrem enger Durchfahrt. 150 Meter breit, bis zu 31 Meter tief. Das ist wie ein Trichter, durch den ein ganzer Fjord gequetscht wird.

Die Strömung wechselt alle sechs Stunden die Richtung, einmal einwärts (zum Skjerstadfjord), einmal auswärts (zum Saltfjord). Dazwischen gibt es eine kurze Phase der Ruhe, den Stillwasser-Moment (Stakvann), der etwa 15 bis 30 Minuten dauert. Dann dreht die Strömung, und das Ganze beginnt von vorn. Vier Mal am Tag, jeden Tag, das ganze Jahr.

Die stärksten Strömungen treten bei Voll- und Neumond auf, wenn die Gravitationskräfte von Sonne und Mond zusammenwirken. Dann erreicht die Geschwindigkeit über 20 Knoten, und die Strudel werden so groß, dass man sie von der Brücke aus klar erkennen kann. Bei Halbmond ist die Strömung schwächer, aber immer noch stark. Es gibt keinen Tag am Saltstraumen, an dem nichts passiert.

Wie der Gezeitenstrom funktioniert

Die Physik dahinter ist erstaunlich simpel. Die Gezeiten heben und senken den Meeresspiegel an der Außenküste. Aber der Wasserstand im inneren Fjord (Skjerstadfjord) kann nicht so schnell folgen, weil die Verbindung zum Meer zu eng ist. Es entsteht ein Höhenunterschied zwischen dem äußeren und dem inneren Fjord. Dieser Unterschied kann bis zu einen Meter betragen. Das klingt nicht viel, aber bei einem Fjord von 180 Quadratkilometern Fläche ist ein Meter Höhenunterschied eine gewaltige Menge Wasser, die ausgeglichen werden will.

Das Wasser strömt durch die Enge, um den Niveauunterschied auszugleichen. Dabei entstehen Verwirbelungen, sogenannte Maelströme. Die größten können fünf Meter Durchmesser und zwei bis drei Meter Tiefe erreichen. Kleinere Strudel bilden sich am Rand der Hauptströmung, verschmelzen, lösen sich auf und bilden sich neu. Das Ganze sieht aus wie kochendes Wasser in einem Riesentopf.

Die Strudel sind nicht gefährlich für Schwimmer, weil kein vernünftiger Mensch hier schwimmen würde. Aber für kleine Boote sind sie ein reales Risiko. Die Strömung kann ein Boot in Sekunden drehen und in einen Strudel ziehen. Erfahrene lokale Fischer kennen die Muster und fahren bei Stillwasser. Touristen mit gemieteten Booten sollten den Saltstraumen bei starker Strömung meiden. Im Zweifel am Ufer bleiben und zuschauen.

Den Saltstraumen beobachten

Brücke über den Saltstraumen mit Blick auf die Meerenge
Die Brücke über den Saltstraumen, der beste Aussichtspunkt auf den Gezeitenstrom (KI-generiert)

Der einfachste Weg, den Saltstraumen zu sehen, ist von der Brücke. Die Saltstraumen-Brücke (Saltstraumbrua) überquert die Meerenge in 41 Metern Höhe. Von oben sieht man die Strudel perfekt, kann die Strömung verfolgen und hat Blick auf die Berge und Fjorde ringsum. Es gibt einen kleinen Parkplatz am Westufer der Brücke und einen Fußweg hinunter zum Wasser.

Wichtig: Der richtige Zeitpunkt. Die Strömung ist nicht immer gleich stark. Man muss wissen, wann die Gezeiten den Höchststand erreichen. Im Internet gibt es Gezeitenkalender speziell für den Saltstraumen (saltstraumen.com). Am besten eine bis zwei Stunden vor dem Maximum ankommen und den Aufbau beobachten. Das Wasser wird erst unruhig, dann beginnen sich Strudel zu bilden, und bei maximaler Strömung ist das ganze Sund ein einziger Wirbel.

Am Nordufer gibt es einen Aussichtspunkt auf Höhe des Wassers. Von dort ist man näher dran und hört das Gurgeln und Rauschen. Der Nachteil: Man sieht die Strudel nicht so gut wie von oben. Ideal ist die Kombination: erst von der Brücke schauen, dann zum Ufer gehen.

RIB-Bootstouren durch den Saltstraumen gibt es von Mai bis September. Man fährt mit einem schnellen Schlauchboot durch die Strömung, vorbei an den Strudeln. Die Guides kennen die Muster und wissen, wo sie sicher fahren können. Eine Tour dauert eineinhalb Stunden und kostet um die 1.200 NOK. Man wird nass. Man wird durchgeschüttelt. Und man bekommt den Saltstraumen aus einer Perspektive, die vom Land aus nicht möglich ist.

Angeln am Saltstraumen

Angler am Ufer des Saltstraumen bei Bodø
Angeln am Saltstraumen, eines der besten Reviere für Dorsch und Heilbutt in Nordnorwegen (KI-generiert)

Der Saltstraumen ist eines der besten Angelreviere Norwegens. Die Strömung treibt Plankton und kleine Fische nach oben, und die Raubfische folgen. Dorsch, Seelachs, Köhler, Lumb, Steinbeißer und Heilbutt. Die Dorsche hier sind groß: 10 bis 15 Kilogramm sind keine Seltenheit, Exemplare über 20 Kilogramm werden regelmäßig gefangen.

Vom Ufer aus kann man mit Pilker oder Naturköder fischen. Die besten Stellen sind die Felsvorsprünge auf beiden Seiten der Meerenge. Angeln funktioniert am besten bei Stillwasser oder schwacher Strömung. Bei voller Strömung reißt das Wasser jedes Blei mit. Man wirft aus, und der Köder ist in Sekunden 200 Meter weiter. Das ist frustrierend und sinnlos.

Bootsangeln ist ergiebiger. Mehrere Anbieter vermieten Boote mit Ausrüstung in der Bucht neben der Meerenge. Ein Boot für einen Tag kostet 1.500 bis 2.500 NOK. Die lokalen Guides wissen, wo die Fische stehen und wann man fahren muss. Eine geführte Angeltour (halber Tag) kostet um die 2.000 NOK pro Person. Die Fänge sind meistens gut. Man kommt selten ohne Fisch zurück.

Heilbutt ist der Traumfisch am Saltstraumen. Exemplare von 50 bis 100 Kilogramm werden hier gefangen, vereinzelt auch schwerere. Die Heilbutt-Saison ist von Juni bis September. Man fischt auf sandigem Grund mit Köderfisch oder Gummifisch. Die Bisse kommen plötzlich und heftig. Ein großer Heilbutt kann den Drill 20 bis 30 Minuten dauern lassen. Ohne schweres Gerät hat man keine Chance.

Tauchen im Strom

Taucher unter Wasser am Saltstraumen mit Meereslebewesen
Tauchen am Saltstraumen, nur bei Stillwasser und mit lokaler Erfahrung (KI-generiert)

Tauchen am Saltstraumen ist nur etwas für Erfahrene. Man taucht ausschließlich bei Stillwasser, dem kurzen Fenster zwischen den Strömungen. Das Zeitfenster beträgt 15 bis 30 Minuten. Wenn die Strömung dreht, muss man draußen sein. Sonst wird man mitgerissen, und gegen 20 Knoten anzukämpfen ist unter Wasser unmöglich.

Was man unter Wasser sieht, ist die Mühe wert. Die Strömung bringt nährstoffreiches Wasser, und die Unterwasserwelt ist üppig. Seeanemonen in allen Farben, Seesterne, Krebse, Wolfsfische, Seeteufel. Die Sichtweiten sind oft erstaunlich gut: 10 bis 15 Meter. Auf dem Grund liegen Muschelbänke und Tangwälder. Die Dichte an Leben ist höher als an den meisten Tauchplätzen in Norwegen.

Wer hier tauchen will, bucht am besten bei einem lokalen Tauchcenter. Saltstraumen Dykkepark bietet geführte Tauchgänge mit Leihausrüstung an. Ein Tauchgang kostet um die 1.500 NOK inklusive Flasche und Blei. Eigenes Equipment natürlich günstiger. Ein Trockentauchanzug ist Pflicht: Die Wassertemperatur liegt ganzjährig bei 6 bis 10 Grad. Die Saison ist von Mai bis Oktober, im Winter fehlt das Licht unter Wasser.

Seeadler und Tierwelt

Seeadler im Flug über dem Saltstraumen
Seeadler jagen regelmäßig über dem Saltstraumen nach Fisch (KI-generiert)

Der Saltstraumen ist ein Buffet für Seeadler. Die großen Greifvögel sitzen auf den Felsen am Ufer und warten, bis die Strömung Fische an die Oberfläche treibt. Dann stürzen sie sich ins Wasser, greifen den Fisch mit den Klauen und fliegen zurück auf ihren Felsen. Man kann das stundenlang beobachten. Die Seeadler hier sind an Menschen gewöhnt. Sie fliegen manchmal nur 30 Meter über den Köpfen der Zuschauer auf der Brücke hinweg.

Die Seeadlerpopulation in Nordnorwegen hat sich in den letzten Jahrzehnten erholt. Am Saltstraumen leben mehrere Brutpaare. Die Vögel haben Flügelspannweiten von bis zu 2,4 Metern. Wenn einer direkt über einem fliegt, sieht man die einzelnen Federn und den gelben Schnabel. Ein Fernglas ist trotzdem empfehlenswert, um die Jagdszenen im Detail zu verfolgen.

Neben Seeadlern gibt es am Saltstraumen Kormorane, Eiderenten, Austernfischer und im Winter Seetaucher. Robben tauchen gelegentlich auf, besonders bei Stillwasser. Orcas kommen im Winterhalbjahr durch den Sund, wenn sie den Heringsschwärmen folgen. Das passiert nicht jeden Tag, aber wenn es passiert, ist es ein Erlebnis. Die schwarzen Rückenflossen in der schmalen Meerenge, mit den verschneiten Bergen im Hintergrund.

Für Vogelbeobachter ist der Herbst die beste Zeit. Zugvögel rasten am Saltstraumen, und die Seeadler sind besonders aktiv, weil sie Vorräte für den Winter anlegen. Im Frühling, wenn die Brutsaison beginnt, kann man die Seeadler bei der Balz beobachten. Sie fliegen hohe Kreise, stürzen sich aufeinander zu und verhaken die Krallen im Flug. Ein Schauspiel, das man nicht oft sieht.

Bodø als Ausgangspunkt

Bodø ist die nächstgelegene Stadt zum Saltstraumen und ein guter Ausgangspunkt für Erkundungen in der Region. Die Stadt hat 53.000 Einwohner und liegt am Ende der Nordlandsbahn, der nördlichsten Eisenbahnstrecke Norwegens. Von hier fahren die Fähren zu den Lofoten, und die Hurtigruten legen am Kai an.

Bodø war 2024 Europäische Kulturhauptstadt. Die Stadt hat in den letzten Jahren viel investiert: ein neues Kulturhaus (Stormen), ein Luftfahrtmuseum, eine modernisierte Innenstadt. Für eine nordnorwegische Stadt hat Bodø eine überraschend lebendige Restaurantszene. Bryggerikaia an der Hafenkante, Hundholmen Bryggehotell mit Fjordblick, und mehrere Cafés in der Fußgängerzone. Man kann hier gut einen Abend verbringen.

Von Bodø zum Saltstraumen sind es 30 Kilometer auf der Rv17, der Küstenstraße (Kystriksveien). Die Fahrt dauert 30 Minuten. Es gibt Busse, aber mit dem Mietwagen ist man flexibler und kann die Zeiten an den Gezeitenkalender anpassen. Auf dem Weg zum Saltstraumen passiert man die Insel Knaplundsøya und hat Blick auf die Bergkette im Süden. Bei gutem Wetter sieht man die Helgelandsküste in der Ferne.

Bodø ist auch Tor zu den Lofoten. Die Fähre nach Moskenes auf den Lofoten dauert drei bis vier Stunden und kostet um die 600 NOK für einen Erwachsenen mit Auto. Man kann den Saltstraumen morgens besuchen und nachmittags die Fähre nehmen. Oder man verbindet den Besuch mit einem Abstecher zur Helgelandsküste im Süden.

Anreise und praktische Tipps

Bodø hat einen Flughafen (BOO) mit täglichen Verbindungen nach Oslo (SAS, Norwegian), Tromsø und Trondheim (Widerøe). Die Flugzeit von Oslo beträgt eineinhalb Stunden. Alternativ die Nordlandsbahn von Trondheim nach Bodø: zehn Stunden Fahrt durch eine der großartigsten Landschaften Norwegens. Die Strecke führt über den Polarkreis und an der Helgelandsküste entlang.

Die beste Reisezeit für den Saltstraumen ist ganzjährig, denn der Gezeitenstrom funktioniert immer. Für Angeln und Bootstouren: Mai bis September. Für Nordlichter über dem Strom: September bis März. Für Mitternachtssonne: Anfang Juni bis Mitte Juli. Die stärksten Strömungen treten bei Voll- und Neumond auf. Den Gezeitenkalender im Voraus prüfen.

Unterkünfte direkt am Saltstraumen sind begrenzt. Das Saltstraumen Hotel (ab 1.200 NOK) liegt direkt an der Meerenge. Ferienhäuser in der Umgebung ab 800 NOK. Die meisten Besucher übernachten in Bodø und fahren zum Saltstraumen raus. Hotels in Bodø ab 900 NOK, Hostels ab 400 NOK.

Ein praktischer Tipp: Man kann den Saltstraumen problemlos an einem halben Tag besuchen. Morgens den Gezeitenkalender checken, zum richtigen Zeitpunkt hinfahren, eine Stunde die Strömung beobachten, eventuell am Ufer angeln, und mittags wieder in Bodø sein. Wer tiefer eintauchen will (buchstäblich), braucht einen vollen Tag für eine RIB-Tour oder einen Tauchgang. Zwei Tage sind ideal: Tag eins Saltstraumen, Tag zwei Bodø mit Lofoten-Fähre.

Noch etwas: Der Saltstraumen ist kostenlos. Kein Eintritt, keine Gebühr, kein Ticket. Man fährt hin, stellt das Auto ab und schaut. Die Natur macht den Rest. In einem Land, in dem vieles teuer ist, finde ich das bemerkenswert.

Häufig gestellte Fragen

Wann ist der Saltstraumen am stärksten?

Bei Voll- und Neumond, wenn die Gravitationskräfte am größten sind. Die Strömung erreicht dann über 20 Knoten. Den genauen Zeitpunkt zeigt der Gezeitenkalender auf saltstraumen.com. Die Strömung ist ein bis zwei Stunden vor und nach dem Höhepunkt am sehenswertesten.

Kann man im Saltstraumen schwimmen?

Nein. Die Strömung ist lebensgefährlich. Selbst bei Stillwasser kann die Strömung plötzlich einsetzen. Baden ist nur an den ruhigen Stränden abseits der Meerenge möglich.

Wie lange dauert ein Besuch am Saltstraumen?

Mindestens eine Stunde, um die Strömung aufzubauen und wieder abflauen zu sehen. Zwei bis drei Stunden, wenn man auch angeln oder die Umgebung erkunden will. Ein halber Tag für eine RIB-Tour. Ein ganzer Tag mit Tauchen.

Ist der Saltstraumen auch im Winter sehenswert?

Ja. Die Strömung funktioniert ganzjährig. Im Winter kommen Nordlichter als Zugabe dazu. Die Polarnacht (Dezember/Januar) macht die Beobachtung tagsüber schwieriger, aber das Dämmerlicht um die Mittagszeit reicht, um den Strom zu sehen. Im November und Februar gibt es genug Tageslicht.

Kostet der Saltstraumen Eintritt?

Nein. Der Zugang zur Brücke und zu den Aussichtspunkten ist kostenlos. Parken am Westufer ist ebenfalls kostenlos. Nur geführte Touren (RIB-Boot, Tauchen, Angeln) kosten Geld.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026