Sankt Hans
Am Abend des 23. Juni brennen in ganz Dänemark die Feuer. Auf Stränden, in Parks, auf Wiesen und an Fjordufern lodern Flammen, und Tausende Menschen versammeln sich, um gemeinsam zu singen, zu essen und den längsten Tag des Jahres zu feiern. Sankt Hans Aften, der Vorabend des Johannistages, ist eines der ältesten und beliebtesten Feste der Dänen. Es hat Wurzeln, die weit vor das Christentum zurückreichen, und verbindet heidnische Sonnenwende-Rituale mit christlicher Tradition und modernem Gemeinschaftsgefühl.
Für Urlauber, die zufällig oder absichtlich um den 23. Juni in Dänemark sind, ist Sankt Hans ein Erlebnis, das den Urlaub so, dass man es nicht vergisst macht. Man steht am Strand, das Feuer wärmt die eine Seite, die Abendsonne die andere, Kinder rennen herum, jemand hat eine Gitarre mitgebracht, und alle singen ein Lied, das die meisten Ausländer nicht kennen, das aber zum emotionalsten Moment des dänischen Jahres gehört. Es ist ein Abend, der zeigt, was die dänische Kultur im Kern ausmacht: Gemeinschaft, Tradition und die Fähigkeit, aus einfachen Dingen etwas Schönes zu machen.
Was Sankt Hans bedeutet
Sankt Hans ist die dänische Bezeichnung für den heiligen Johannes, genauer Johannes den Täufer, dessen Geburtstag nach christlicher Tradition am 24. Juni gefeiert wird. Der Vorabend, der 23. Juni, ist der eigentliche Festtag. Das Datum fällt absichtlich mit der Sommersonnenwende zusammen, die in den skandinavischen Ländern seit vorchristlicher Zeit gefeiert wird.
Die Verbindung zwischen dem christlichen Heiligen und dem heidnischen Sonnenwendfest ist kein Zufall. Als das Christentum Skandinavien erreichte, übernahmen die Missionare bewusst die bestehenden Festtermine und gaben ihnen eine neue religiöse Bedeutung. Das Feuer, das schon in vorchristlicher Zeit zur Sonnenwende entzündet wurde, blieb erhalten und wurde zum Johannisfeuer umgedeutet. In Dänemark hat das Fest über die Jahrhunderte seinen religiösen Charakter weitgehend verloren und ist zu einem weltlichen Volksfest geworden, das von praktisch allen Dänen gefeiert wird.
Die Sommersonnenwende markiert den Wendepunkt des Jahres. Ab dem 21. Juni werden die Tage wieder kürzer, auch wenn man das zunächst kaum bemerkt. In Dänemark geht die Sonne um die Sonnenwende erst gegen 22 Uhr unter, und richtig dunkel wird es nie. Die hellen Nächte sind ein Grund zum Feiern, und gleichzeitig schwingt ein Hauch von Wehmut mit, weil das Licht ab jetzt abnimmt. Diese Doppeldeutigkeit gibt dem Fest seine besondere Stimmung.
Das Feuer am Strand
Das Feuer ist das Herzstück von Sankt Hans. In den Tagen vor dem Fest werden an Stränden und auf Plätzen im ganzen Land Scheiterhaufen aufgeschichtet. Manche sind bescheiden, ein paar Meter hoch, andere erreichen monumentale Ausmaße von fünf, sechs oder mehr Metern. Als Brennmaterial dienen alte Paletten, Bretter, Gartenabfälle und alles, was sich zum Verbrennen eignet. Die Größe des Feuers ist eine Frage des lokalen Ehrgeizes, und manche Gemeinden wetteifern um den imposantesten Scheiterhaufen der Region.
Gegen 21 Uhr versammeln sich die Menschen. Man kommt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto, bringt Picknickkörbe mit, Decken zum Sitzen, Getränke und oft auch einen Grill. Die Stimmung ist entspannt und fröhlich. Nachbarn treffen auf Nachbarn, Freunde kommen zusammen, und Fremde werden in die Gemeinschaft aufgenommen. Es gibt keine Absperrungen, keine Eintrittskarten, keinen Dresscode. Sankt Hans gehört allen.
Das Feuer wird in der Regel um 21 oder 21:30 Uhr entzündet, wenn die Sonne tief steht und das Abendlicht die Szene in warme Farben taucht. In vielen Gemeinden hält vorher jemand eine kurze Ansprache, manchmal der Bürgermeister, manchmal ein lokaler Vereinsvorsitzender, manchmal ein Pfarrer. Die Rede ist selten lang und oft humorvoll. Dann wird das Feuer angezündet, und die Flammen steigen auf.
Das Gefühl, vor einem großen Feuer am Strand zu stehen, während die Sonne über dem Meer untergeht und Hunderte Menschen um einen herum stehen, ist schwer in Worte zu fassen. Die Hitze des Feuers auf der Haut, der Geruch von brennendem Holz, das Knistern und Prasseln, dazu das Rauschen des Meeres im Hintergrund. Es ist ein sinnliches Erlebnis, das alle Sinne anspricht und das man noch lange nach dem Urlaub in Erinnerung behält.
Die Hexe auf dem Scheiterhaufen
Auf der Spitze des Scheiterhaufens sitzt eine Hexenpuppe. Diese Strohfigur, oft mit Kleid, Hut und Besen ausgestattet, gehört fest zum Bild von Sankt Hans. Wenn das Feuer die Puppe erreicht und sie in Flammen aufgeht, jubeln die Zuschauer. Nach der Überlieferung fliegt die Hexe auf ihrem Besen zum Blocksberg (Brocken in Deutschland), wo in der Johannisnacht die Hexen angeblich zusammenkommen.
Der Brauch der Hexenverbrennung an Sankt Hans geht auf die Zeit der Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert zurück. In jener dunklen Epoche wurden in Dänemark und ganz Europa Tausende Menschen, vor allem Frauen, der Hexerei beschuldigt und hingerichtet. Das Verbrennen der Hexenpuppe am Johannisfeuer sollte ursprünglich böse Geister und Hexen vertreiben und die Gemeinde vor Unheil schützen.
In den letzten Jahren hat es eine Diskussion darüber gegeben, ob der Brauch der Hexenverbrennung noch zeitgemäß ist. Kritiker sehen darin eine Verharmlosung historischer Gewalt gegen Frauen. Befürworter betonen den rein symbolischen Charakter und die Tradition. In der Praxis hat sich wenig geändert: Die große Mehrheit der Sankt-Hans-Feuer hat weiterhin eine Hexenpuppe auf der Spitze, aber die Puppen werden zunehmend witzig oder kreativ gestaltet, etwa als Politiker, Fantasiefiguren oder abstrakte Gestalten.
Midsommervisen: Das Lied
Der emotionale Höhepunkt von Sankt Hans ist das gemeinsame Singen der Midsommervise. Das Lied "Vi elsker vort land" (Wir lieben unser Land) von Holger Drachmann, vertont von P.E. Lange-Müller, wird seit dem 19. Jahrhundert an Sankt Hans gesungen und ist für viele Dänen das Lied, das am stärksten mit dem Fest verbunden ist.
Der Text beschreibt die Schönheit des dänischen Sommers, die hellen Nächte, die blühende Landschaft und die Verbundenheit mit dem Land. Er wird von den Versammelten gemeinsam gesungen, oft begleitet von der örtlichen Blaskapelle oder einfach a cappella. Auch wer den Text nicht kennt, kann mitsummen, denn die Melodie ist eingängig und die Stimmung ansteckend.
Der Moment, in dem Hunderte oder Tausende Menschen am Strand stehen, das Feuer lodert und alle gemeinsam singen, hat eine Kraft, die auch Nichtdänen tief berührt. Man muss die Worte nicht verstehen, um die Bedeutung zu spüren. Es ist ein Moment der Gemeinschaft, der über Sprache und Herkunft hinausgeht. Manche Urlaüber erzählen, dass dieses Erlebnis der Grund ist, warum sie jedes Jahr wieder nach Dänemark kommen.
Wo man Sankt Hans erlebt
Sankt Hans wird überall in Dänemark gefeiert, und fast jede Gemeinde, jedes Dorf und jede Nachbarschaft veranstaltet ihr eigenes Fest. Die größten Feuer findet man an den Stränden der Nordsee- und Ostseeküste, aber auch im Landesinneren, an Seen und auf öffentlichen Plätzen wird gefeiert.
In Kopenhagen finden mehrere große Feste statt. Am Amager Strand brennt eines der größten Feuer der Hauptstadt, mit Tausenden Zuschauern und Live-Musik. Auch auf den Seen in den Parks, etwa im Fælledparken, werden Feuer entzündet. In Nyhavn und entlang des Hafens feiern die Menschen auf der Straße, und die Atmosphäre ist urban und lebendig.
An der Westküste Jütlands haben die Strandfeste eine ganz eigene Atmosphäre. Der weite Blick über die Nordsee, der Wind, das Rauschen der Wellen und die untergehende Sonne geben dem Feuer eine dramatische Kulisse. In Hvide Sande, Blåvand, Løkken und vielen anderen Küstenorten brennen die Feuer direkt am Wasser, und der Sonnenuntergang über dem Meer vollendet das Bild.
Aarhus feiert Sankt Hans in den Havneparken und am Strand von Den Permanente. In Odense versammelt man sich am Fluss Odense Å und in den Parks der Stadt. Auf Bornholm ist das Fest mit dem Charme der Insel verbunden, und die Feuer an den kleinen Küstenstädten haben eine intime, fast familiäre Atmosphäre.
Die Touristeninformationen vor Ort können über lokale Veranstaltungen informieren. Auch die Ferienhausanbieter verschicken oft Hinweise auf Sankt-Hans-Feste in der Umgebung. In den Feriengebieten organisieren manche Ferienhausverwaltungen eigene kleine Feste mit Feuer und Gesang, bei denen Urlaüber besonders willkommen sind.
Das Essen am Mittsommerabend
Sankt Hans ist kein Fest mit einem festgelegten Menü wie Weihnachten oder Silvester. Das Essen ist leger und orientiert sich am Sommer. Viele Familien grillen am Nachmittag oder frühen Abend, bevor sie zum Feuer aufbrechen. Pølser (Würstchen) vom Grill, Kartoffelsalat, frisches Brot und Salate gehören zu den typischen Speisen.
In einigen Gegenden gibt es Erdbeeren als traditionellen Nachtisch. Die ersten dänischen Erdbeeren reifen Ende Juni, und ihre Saison fällt mit Sankt Hans zusammen. Frische Erdbeeren mit Sahne oder als Erdbeergrütze (jordbærgrød) sind ein saisonaler Genuss, der perfekt zum Fest passt.
Getränke sind unkompliziert: Bier, Wein und Kaltgetränke für die Erwachsenen, Limonade und Saft für die Kinder. Manche bringen eine Flasche Aquavit mit, die in der Runde herumgereicht wird. In den Küstenorten gibt es oft Stände, an denen warme und kalte Getränke verkauft werden. Das typische dänische Softeis (softice) darf an einem Sommerabend ebenfalls nicht fehlen.
Wer im Ferienhaus ist, bereitet das Essen zu Hause vor und nimmt einen Picknickkorb mit zum Feuer. Decken, Campingstühle und warme Kleidung für den späteren Abend gehören dazu. Auch wenn es Juni ist und die Tage warm sind, kann es nach Sonnenuntergang am Strand empfindlich kühl werden.
Sankt Hans als Urlaüber erleben
Für Urlaüber ist Sankt Hans eine einmalige Gelegenheit, dänische Kultur hautnah zu erleben. Das Fest ist offen für alle, und niemand erwartet, dass man die Bräuche kennt oder das Lied mitsingen kann. Die Dänen freuen sich über ausländische Gäste, die an ihrem Fest teilnehmen, und erklären gerne, was gerade passiert und warum.
Der wichtigste Tipp: Einfach hingehen. Man muss nichts vorbereiten, nichts wissen, nichts mitbringen (außer vielleicht einem Getränk und einer Decke). Man stellt sich an den Rand der Versammlung, schaut dem Feuer zu, hört die Rede und den Gesang und lässt die Atmosphäre wirken. Wer ins Gespräch kommen möchte, findet schnell Anschluss, denn die Stimmung ist offen und einladend.
Familien mit Kindern erleben Sankt Hans als unkompliziertes Abenteuer. Für Kinder ist das große Feuer packend, und das Herumrennen am Strand in der langen Dämmerung ist an sich schon ein Erlebnis. In vielen Orten gibt es neben dem Feuer auch Spiele, Stände und Aktivitäten für Kinder. Die Atmosphäre ist familienfreundlich, und es gibt keine Bedenken wegen Alkohol oder Lärm.
Fotografen finden an Sankt Hans Motive, die selten und stimmungsvoll sind. Das Feuer vor dem Abendhimmel, die Silhouetten der Menschen, die Reflexion der Flammen auf dem Wasser, das Abendlicht über der Landschaft. Die goldene Stunde um den Sonnenuntergang fällt mit dem Entzünden des Feuers zusammen und bietet Lichtverhältnisse, die Fotografie zum Kinderspiel machen.
Die längste Nacht des Lichts
Um die Sommersonnenwende herum geht die Sonne in Dänemark erst gegen 22 Uhr unter, und die Dämmerung hält bis weit nach Mitternacht an. Richtig dunkel wird es in den nördlichen Landesteilen gar nicht. In Skagen, an der Nordspitze Jütlands, kann man um Mitternacht noch lesen, ohne Licht zu brauchen. Diese hellen Nächte sind ein Phänomen, das Nordeuropäer als selbstverständlich hinnehmen, das Besucher aus südlicheren Breiten aber regelmäßig in Staunen versetzt.
Die Kombination aus hellem Abend, Feuer und Gemeinschaft gibt Sankt Hans eine Zeitlosigkeit, die man selten bei anderen Festen erlebt. Man verliert das Gefühl für die Uhr. Es ist hell, es ist warm, die Stimmung ist gut, und niemand hat es eilig. Kinder spielen, Erwachsene unterhalten sich, das Feuer brennt langsam herunter, und irgendwann merkt man, dass es Mitternacht ist und es immer noch nicht dunkel.
Für viele Dänen ist Sankt Hans Aften der Abend, der den Sommer markiert. Auch wenn das Wetter nicht immer mitspielt und es in manchen Jahren am 23. Juni regnet oder windig ist, gehört das Fest zum dänischen Sommer wie die langen Strände und das Rugbrød. Es ist ein Abend, an dem das Land zusammenkommt, nicht wegen einer politischen Sache oder eines sportlichen Ereignisses, sondern einfach, weil Sommer ist und das Licht so schön.
Sankt Hans Aften zeigt Dänemark von einer Seite, die man als Tourist selten sieht: entspannt, traditionsbewusst und gemeinschaftlich. Wer zufällig an diesem Abend im Land ist, sollte die Gelegenheit nicht verpassen. Und wer gezielt reist, kann seinen Urlaub um den 23. Juni planen und eines der schönsten dänischen Feste miterleben.
Häufig gestellte Fragen
Wann findet Sankt Hans statt?
Immer am Abend des 23. Juni. Das Datum ist fest und fällt nicht auf ein bestimmtes Wochenende. Die Feuer werden in der Regel zwischen 21 und 21:30 Uhr entzündet. Das Fest beginnt oft schon am Nachmittag mit Essen und Zusammenkommen.
Muss man Eintritt bezahlen?
Nein. Die allermeisten Sankt-Hans-Feste sind kostenlos und öffentlich zugänglich. Manche Vereine oder Restaurants veranstalten geschlossene Feiern mit Essen und Programm, für die man sich anmelden und bezahlen muss, aber das offene Strandfeuer ist immer frei.
Wo findet man das nächste Sankt-Hans-Feuer?
Praktisch überall in Dänemark. In den Küstenorten brennen Feuer am Strand, im Landesinneren an Seen und auf öffentlichen Plätzen. Die lokale Touristeninformation weiß, wo die nächsten Feste stattfinden. Auch die Ferienhausanbieter informieren ihre Gäste über Veranstaltungen in der Nähe.
Was sollte man zu Sankt Hans mitbringen?
Eine Decke zum Sitzen, Getränke, eventuell ein Picknick und warme Kleidung für den späteren Abend. Auch wenn es Sommer ist, kann es nach Sonnenuntergang am Strand kühl werden. Eine Taschenlampe für den Rückweg ist bei dunkleren Wegen sinnvoll.
Ist Sankt Hans ein Feiertag in Dänemark?
Nein, der 23. Juni ist kein offizieller Feiertag. Geschäfte und Betriebe haben normal geöffnet. Viele Dänen nehmen sich aber am Nachmittag frei, und die Stimmung ist ab dem frühen Abend feiertagsartig. Am folgenden Tag, dem 24. Juni, wird normal gearbeitet.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026