Lakritze in Dänemark
Es gibt wenige Dinge, an denen man die Grenze zwischen Nord- und Südeuropa so deutlich schmecken kann wie an Lakritze. Südlich der Alpen rümpft man bei Salmiak die Nase, in Dänemark hingegen gehört Lakritz zum Alltag wie Rugbrød und Smørrebrød. Die Dänen verbrauchen pro Kopf mehr Lakritze als fast jede andere Nation. In jedem Supermarkt füllen schwarze Tüten und Dosen ganze Regalreihen, und in Kopenhagen gibt es Spezialgeschäfte, die sich ausschließlich dieser Süßigkeit widmen.
Mein erster Kontakt mit dänischer Lakritze war ein Stück Salmiak, das mir eine Kollegin aus Århus mitgebracht hatte. Ich erinnere mich an den Moment, als der intensive, salzige Geschmack den Gaumen traf und ich für eine Sekunde dachte, das könne unmöglich Süßigkeit sein. Doch dann kam diese eigentümliche Mischung aus würzig, salzig und leicht süß, die einen nicht mehr loslässt. Heute bringe ich aus jedem Dänemark-Urlaub Tüten voller Lakritze mit, und meine Freunde haben sich längst an das Ritual gewöhnt.
Lakritze ist in Dänemark mehr als ein Naschwerk. Sie ist ein Kulturgut, ein Gesprächsthema, ein Mitbringsel und in den letzten Jahren auch ein Gourmetprodukt geworden. Die Spanne reicht von der einfachen Haribo-Tüte für 15 DKK (2 Euro) bis zu handgefertigten Pralinen, die in edlen Schachteln für 250 DKK (34 Euro) verkauft werden.
Warum Dänen Lakritze lieben
Die Vorliebe der Dänen für Lakritze hat historische Wurzeln. Die Süßholzwurzel, aus der Lakritze gewonnen wird, kam im Mittelalter über Handelsrouten nach Nordeuropa. Apotheker nutzten den Extrakt als Hustenmittel und Verdauungshilfe. Im 18. Jahrhundert begannen dänische Bonbonmacher, den bitteren Geschmack mit Zucker und Sirup zu kombinieren und schufen die ersten Lakritzpastillen.
Der entscheidende Wendepunkt kam mit der Zugabe von Ammoniumchlorid, besser bekannt als Salmiak. Dieses Salz gibt der Lakritze den charakteristisch scharfen, leicht brennenden Geschmack, den Skandinavier so schätzen und der Südeuropäer oft verstört. In Dänemark, Schweden, Finnland und den Niederlanden wurde Salmiaklakritz zur Volkssüßigkeit, während sie in den meisten anderen Ländern unbekannt blieb.
Die dänische Liebe zur Lakritze hat auch mit dem nordischen Geschmacksempfinden zu tun. In einer Küche, die von Salz, Essig und fermentierten Aromen geprägt ist, fügt sich der kräftige Lakritzgeschmack nahtlos ein. Wer dänisches Rugbrød mit Sild (Hering) mag, für den ist der Schritt zu Salmiak nicht weit. Beides spricht die gleichen Geschmacksrezeptoren an.
Statistiken zeigen, dass die Dänen pro Jahr rund 1,5 Kilogramm Lakritze pro Kopf konsumieren. Nur die Finnen und Niederländer kommen auf ähnliche Zahlen. In Deutschland liegt der Verbrauch bei etwa 200 Gramm, also dem Siebenfachen weniger. Das erklärt, warum die Lakritzabteilung im dänischen Supermarkt größer ist als die gesamte Süßwarenabteilung mancher deutscher Geschäfte.
Sorten und Geschmacksrichtungen
Die dänische Lakritzlandschaft ist erstaunlich vielfältig. Man unterscheidet grundsätzlich drei Hauptkategorien, die jeweils zahllose Variationen kennen:
Süße Lakritze (Sød Lakrids) ist die mildeste Variante. Sie enthält Zucker und Süßholzextrakt, aber kein Salmiak. Der Geschmack erinnert an das, was man in Deutschland unter Lakritz versteht: kräutrig, leicht süß und mit dem typischen Anis-ähnlichen Aroma der Süßholzwurzel. Diese Sorte ist für Einsteiger geeignet und wird auch von Kindern gern gegessen.
Salmiak-Lakritze (Salt Lakrids) enthält Ammoniumchlorid, das den typisch scharfen, salzigen Geschmack erzeugt. Die Intensität variiert stark: von leicht salzig (für Anfänger) bis hin zu Produkten, die auf der Verpackung ehrlich mit „Extra Stærk" oder „Brutal" beschriftet sind. Bei den stärksten Sorten brennt der Salmiak regelrecht auf der Zunge, und der Geschmack hält minutenlang an.
Salty Lakritze ist eine neuere Kategorie, die besonders bei Lakrids by Bülow populär geworden ist. Hier wird Meersalz oder Fleur de Sel mit Lakritze und Schokolade kombiniert. Die salzig-süße Kombination ist weniger scharf als Salmiak und spricht auch Menschen an, die klassische Salmiak-Lakritze nicht mögen.
Daneben gibt es Mischformen und Sondersorten: Lakritze mit Chili, mit Ingwer, mit Rum-Aroma, mit Kaffee oder mit weißer Schokolade überzogen. Einige Hersteller experimentieren mit exotischen Kombinationen wie Passionsfrucht-Lakritze oder Trüffel-Lakritz. Die Grenzen des Geschmacks werden ständig neu ausgelotet.
Was die Form betrifft, kennt die dänische Lakritze keine Beschränkungen. Es gibt Pastillen, Rauten, Stangen, Schnüre, Würfel, Kugeln, Taler, Pfeifen, Fische und Bären. Einige werden weich wie Gummibärchen hergestellt, andere hart wie Bonbons. Die weiche Konsistenz ist in Dänemark populärer, während die harten Pastillen eher in Südschweden und Finnland bevorzugt werden.
Lakrids by Bülow
Die Geschichte von Lakrids by Bülow ist eine jener Erfolgsgeschichten, die man in Dänemark gern erzählt. Johan Bülow begann 2007 in der Küche seiner Großmutter auf Bornholm, Lakritze von Hand herzustellen. Er kombinierte weiche Lakritze mit Schokoladenüberzügen in verschiedenen Geschmacksrichtungen und verpackte das Ergebnis in eleganten, nummerierten Dosen.
Was als kleines Hobby begann, wurde innerhalb weniger Jahre zum Unternehmen mit Millionenumsatz. Heute hat Lakrids by Bülow Geschäfte in Kopenhagen, Århus, am Flughafen und in mehreren europäischen Städten. Die Fabrik steht nach wie vor auf Bornholm in Svaneke und kann besichtigt werden. Bei der Führung (150 DKK, etwa 20 Euro) sieht man, wie die Lakritzmasse gekocht, in Form gebracht und von Hand mit Schokolade überzogen wird.
Die bekanntesten Produkte tragen Buchstaben als Namen. „A" ist der Klassiker: weiche Lakritze überzogen mit dunkler Schokolade und einem Hauch Salz. „B" kombiniert Passionsfrucht-Schokolade mit Lakritze. „D" verwendet weiße Schokolade mit Salz und Karamell. Eine Dose mit 295 Gramm kostet je nach Sorte zwischen 149 und 199 DKK (20 bis 27 Euro). Das ist für dänische Lakritz-Verhältnisse teuer, aber die Qualität rechtfertigt den Preis.
Johan Bülow hat mit seinem Unternehmen etwas geschafft, das vorher niemand für möglich hielt: Er hat Lakritze vom Alltagssnack zum Gourmetprodukt und zum beliebten Geschenk gemacht. In Dänemark ist eine Dose Lakrids by Bülow ein willkommenes Mitbringsel, vergleichbar mit einer guten Flasche Wein in Frankreich.
Weitere Hersteller und Marken
Neben Lakrids by Bülow gibt es in Dänemark zahlreiche Hersteller, die sehr gute Lakritze produzieren. Die Bandbreite reicht von industriellen Großproduzenten bis zu kleinen Manufakturen.
Ga-Jol ist die bekannteste dänische Lakritzmarke und existiert seit 1933. Die kleinen Pastillen in der blau-weißen Schachtel sind in Dänemark allgegenwärtig und kosten nur 15 bis 20 DKK (2 bis 3 Euro). Es gibt sie in verschiedenen Stärken und Geschmacksrichtungen, von Original über Menthol bis Extra Stærk. Ga-Jol eignet sich sehr gut als kleines Mitbringsel, weil die Packungen handlich und günstig sind.
Haribo Matador ist in Dänemark eine Institution. Die Matador-Mix-Tüten enthalten eine Mischung aus verschiedenen Lakritzstücken und sind das, was Dänen seit Generationen als Freitagsnaschwerk kaufen. Die Matador-Reihe wird in einem Werk in der Nähe von Flensburg hergestellt und ist speziell auf den skandinavischen Geschmack abgestimmt, deutlich kräftiger als die deutsche Haribo-Lakritze.
Lakridsrodansen in Kopenhagen ist eine kleine Manufaktur, die Lakritze aus biologischen Zutaten herstellt. Die Produkte sind weich, aromatisch und werden ohne künstliche Farbstoffe produziert. Ein Besuch in ihrem Laden im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro lohnt sich für Lakritzliebhaber.
Toms produziert neben Schokolade auch verschiedene Lakritzsorten, darunter die beliebten „Pingvin"-Lakritztüten. Toms ist einer der ältesten Süßwarenhersteller Dänemarks und hat seine Fabrik in Ballerup bei Kopenhagen. Die Pingvin-Serien gibt es von mild bis stark, erkennbar an farbcodierten Verpackungen.
Lakritze kaufen und probieren
Die einfachste Möglichkeit, dänische Lakritze zu probieren, ist der Supermarkt. Netto, Føtex und Kvickly haben große Süßwarenabteilungen mit einer Lakritzauswahl, die deutsche Besucher regelmäßig staunen lässt. Die Preise sind fair: Eine Tüte Haribo Matador Mix (375 Gramm) kostet etwa 25 DKK (3,40 Euro), eine Dose Ga-Jol 15 DKK (2 Euro).
Für die gehobenere Lakritz-Erfahrung lohnt sich ein Besuch in den Spezialgeschäften Kopenhagens. In der Læderstræde, der Kompagnistræde und am Strøget gibt es Läden, die sich ausschließlich auf Lakritze spezialisiert haben. Hier kann man Sorten probieren, die es im Supermarkt nicht gibt, und sich individuell beraten lassen. Die Verkäufer sind meist selbst Lakritz-Enthusiasten und können Empfehlungen geben, die dem eigenen Geschmack entsprechen.
Am Kopenhagener Flughafen gibt es einen großen Lakrids by Bülow Shop in der Abflughalle. Die Preise sind etwas höher als in der Stadt, aber die Auswahl ist umfassend. Für Reisende, die kurz vor dem Heimflug noch Mitbringsel brauchen, ist das die bequemste Option.
Wer sich für die Herstellung interessiert, kann die Fabrik von Lakrids by Bülow auf Bornholm besichtigen oder an einem Lakritz-Workshop in Kopenhagen teilnehmen. Mehrere Anbieter organisieren Kurse, in denen man unter Anleitung eigene Lakritze herstellt. Die Workshops dauern zwei bis drei Stunden und kosten 300 bis 500 DKK (40 bis 67 Euro) pro Person.
Lakritze in der dänischen Küche
In den letzten Jahren hat Lakritze den Weg aus der Süßigkeitenschale in die dänische Küche gefunden. Köche in ganz Dänemark experimentieren mit Lakritzaromen in herzhaften und süßen Gerichten. Die Neue Nordische Küche hat Lakritze als Gewürz wiederentdeckt und setzt sie überraschend vielseitig ein.
Lakritzeis ist in Dänemark eine Standardsorte, die man in jeder Eisdiele findet. Das Eis ist intensiv schwarz und hat einen kräftigen, süß-würzigen Geschmack. Manche Eisdielen bieten Salmiak-Eis an, das durch die Zugabe von Ammoniumchlorid eine salzige Note bekommt. In Kombination mit Vanille oder Karamell ergibt das überraschend stimmige Kompositionen.
Lakritzsirup wird als Topping für Pfannkuchen, Waffeln und Porridge verwendet. In Cocktailbars mixt man ihn in Drinks. Ein Gin Tonic mit einem Schuss Lakritzsirup ist in Kopenhagener Bars keine Seltenheit. Auch Lakritzschnaps hat in Dänemark Tradition. Der „Gajol-Saft", ein selbstgemachter Likör aus aufgelösten Ga-Jol-Pastillen und Wodka, wird auf Festen und bei Familienfeiern getrunken.
In der gehobenen Küche setzt man Süßholzpulver als Gewürz ein. Es passt zu Fisch, Wild und Gemüse und verleiht den Gerichten eine dezente, kräutrige Note, ohne den typischen Lakritzgeschmack in den Vordergrund zu drängen. Einige Köche verwenden es als Rub für gegrilltes Fleisch oder als Komponente in Saucen.
Lakritz-Karamell ist eine weitere beliebte Kombination. Die Butter-Karamell-Tradition, die in Dänemark ohnehin stark verwurzelt ist, wird um Lakritzpulver oder Salmiak erweitert. Das Ergebnis sind Karamellbonbons, die gleichzeitig süß, salzig und würzig schmecken. In Svaneke auf Bornholm gibt es eine Karamellfabrik, die solche Bonbons herstellt und Besuchern beim Kochen zusehen lässt.
Gesundheit und Wissenswertes
Lakritze hat tatsächlich gesundheitliche Wirkungen, die man kennen sollte. Der Wirkstoff Glycyrrhizin in der Süßholzwurzel hat entzündungshemmende und schleimlösende Eigenschaften. In kleinen Mengen ist Lakritze daher durchaus gesund und wird in der Naturheilkunde bei Erkältungen und Magenbeschwerden eingesetzt.
Bei übermäßigem Konsum kann Glycyrrhizin allerdings den Blutdruck erhöhen und den Kaliumspiegel senken. Die europäische Lebensmittelbehörde empfiehlt, nicht mehr als 100 Milligramm Glycyrrhizin pro Tag zu sich zu nehmen, was etwa 50 Gramm Lakritze entspricht. Menschen mit Bluthochdruck oder Herzproblemen sollten den Konsum einschränken. In der Schwangerschaft wird vom regelmäßigen Lakritzgenuss abgeraten.
In Dänemark sind Lakritzprodukte mit einem Glycyrrhizin-Gehalt über 4 Gramm pro Kilogramm mit dem Hinweis „Stærk Lakrids" (Starke Lakritze) gekennzeichnet. Bei Salmiak-Produkten mit hohem Ammoniumchlorid-Gehalt findet sich der Hinweis „Ikke til børn" (Nicht für Kinder). Diese Warnungen werden in Dänemark ernster genommen als in manchen anderen Ländern, weil der generelle Lakritzkonsum so hoch ist.
In Dänemark gibt es ein Sprichwort: „Man kann keinem Dänen trauen, der keine Lakritze mag." Das sagt weniger über Vertrauenswürdigkeit und viel über die kulturelle Bedeutung dieser Süßigkeit. Lakritze ist in Dänemark kein Randthema, sondern ein Teil der nationalen Identität.
Häufig gestellte Fragen
Welche dänische Lakritze eignet sich für Einsteiger?
Für den Einstieg empfehlen sich süße Sorten ohne Salmiak, zum Beispiel Ga-Jol Original oder Lakrids by Bülow „A" (mit Schokoladenüberzug). Wer sich an Salmiak heranwagen möchte, startet mit milden Sorten wie Pingvin Salt (die mildere Variante) und steigert sich langsam.
Wo kann man Lakrids by Bülow am günstigsten kaufen?
Die besten Preise gibt es in den eigenen Shops von Lakrids by Bülow in Kopenhagen und in Svaneke auf Bornholm, besonders bei Sonderaktionen und Outlet-Angeboten. Im Supermarkt ist die Marke teurer, und am Flughafen zahlt man einen Aufschlag. Online bestellen ist ebenfalls möglich, der Versand nach Deutschland kostet ab 49 DKK (7 Euro).
Kann man dänische Lakritze auch in Deutschland kaufen?
Einige dänische Marken sind in gut sortierten Supermärkten und in Skandinavien-Shops in Norddeutschland erhältlich. Lakrids by Bülow gibt es in ausgewählten Kaufhäusern und online. Die volle Auswahl findet man aber nur in Dänemark selbst.
Was ist der Unterschied zwischen Salmiak und salziger Lakritze?
Salmiak-Lakritze enthält Ammoniumchlorid, das einen scharfen, leicht brennenden Geschmack erzeugt. Salzige Lakritze verwendet Meersalz oder Kochsalz und schmeckt salzig, aber ohne die typische Salmiak-Schärfe. Beide werden in Dänemark als „Salt Lakrids" bezeichnet, schmecken aber deutlich unterschiedlich.
Ist Lakritze für Kinder geeignet?
Süße Lakritze ohne Salmiak ist für Kinder in normalen Mengen unbedenklich. Von Salmiak-Lakritze und „Extra Stærk"-Sorten wird bei kleinen Kindern abgeraten. In Dänemark sind Produkte mit hohem Ammoniumchlorid-Gehalt entsprechend gekennzeichnet.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026