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Weltnaturerbe in Skandinavien
Fjorde, Hochküste und Lappland

Weltnaturerbe in Skandinavien

14 Min. Lesezeit

Ich stand im Juni am Rand des Geirangerfjords, 1.500 Meter über dem Wasser, und sah nach unten. Der Fjord war so schmal, dass die Kreuzfahrtschiffe wie Spielzeug wirkten. Die Wasserfälle stürzten in Zeitlupe von den Klippen. Und ich dachte: Es gibt gute Gründe, warum die UNESCO bestimmte Orte unter Schutz stellt. Manche Landschaften sind so selten, so alt, so schwer zu ersetzen, dass sie der ganzen Menschheit gehören.

Skandinavien hat mehrere Weltnaturerbestätten, und jede erzählt eine andere geologische Geschichte. Die norwegischen Fjorde wurden von Gletschern geschliffen, die schwedische Hochküste hebt sich seit der letzten Eiszeit aus dem Meer, und Lappland bewahrt eine der letzten großen Wildnisse Europas. In diesem Artikel stelle ich die wichtigsten Stätten vor und erkläre, wie man sie am besten besucht.

Was Weltnaturerbe bedeutet

Die UNESCO vergibt den Titel Weltnaturerbe an Orte, die von außerordentlichem universellem Wert sind. Die Kriterien sind streng. Ein Gebiet muss herausragende Beispiele der Erdgeschichte zeigen, wichtige ökologische Prozesse darstellen, seltene Lebensräume enthalten oder von außergewöhnlicher natürlicher Schönheit sein. Weltweit gibt es rund 220 Weltnaturerbestätten, davon liegen mehrere in Skandinavien.

Der Schutzstatus bringt Verpflichtungen mit sich. Die Länder müssen Managementpläne erstellen, die Gebiete überwachen und regelmäßig an die UNESCO berichten. In der Praxis bedeutet das: strengere Bauvorschriften, eingeschränkter Verkehr und manchmal Besucherobergrenzen. Am Geirangerfjord etwa gibt es seit Jahren Diskussionen über die Abgase der Kreuzfahrtschiffe, die den Welterbestatus gefährden könnten.

Der Geirangerfjord in Norwegen mit steilen grünen Felswänden und blauem Wasser
Der Geirangerfjord in Westnorwegen: Seit 2005 UNESCO-Weltnaturerbe (KI-generiert)

Westnorwegische Fjorde: Geirangerfjord und Nærøyfjord

Seit 2005 stehen der Geirangerfjord und der Nærøyfjord gemeinsam auf der Welterbeliste. Die Begründung der UNESCO ist nüchtern formuliert, trifft aber den Punkt: Die westnorwegischen Fjorde gehören zu den längsten und tiefsten Fjorden der Welt und zeigen die Kräfte der Eiszeit in ihrer ganzen Wucht.

Der Geirangerfjord ist 15 Kilometer lang und bis zu 260 Meter tief. Die Felswände steigen auf beiden Seiten über 1.000 Meter steil an. Die Sieben Schwestern, eine Reihe von Wasserfällen an der Nordwand, stürzen bis zu 300 Meter in die Tiefe. Auf der gegenüberliegenden Seite antwortet der Freier, ein einzelner Wasserfall, der der Legende nach um die Schwestern wirbt.

Der Nærøyfjord, ein Seitenarm des Sognefjords, ist an seiner engsten Stelle nur 250 Meter breit. Die Berge ragen 1.700 Meter über das Wasser. Wer hier mit dem Kajak oder der Fähre durchfährt, hat Felswände so nah, dass man das Gefühl bekommt, die Berge schließen sich hinter einem.

Anreise und Besuch: Den Geirangerfjord erreicht man am besten über die Adlerstraße (Ørnevegen) ab Eidsdal oder mit der Fähre ab Hellesylt. Die Fahrt dauert eine Stunde und kostet rund 350 NOK pro Person. Der Aussichtspunkt Flydalsjuvet bietet den klassischen Blick von oben. Die beste Zeit ist Juni bis August, wenn die Wasserfälle vom Schmelzwasser gespeist werden. Der Nærøyfjord ist ab Gudvangen oder Flåm erreichbar, die Flåmbahn gehört zu den steilsten Eisenbahnstrecken der Welt.

Die Schwedische Hochküste

Die Höga Kusten (Hochküste) an der schwedischen Ostküste wurde 2000 zum Weltnaturerbe erklärt und später um den finnischen Kvarken-Archipel erweitert. Der Grund ist ein geologisches Phänomen, das man landsenkung nennt, obwohl hier genau das Gegenteil passiert: Das Land hebt sich.

Vor rund 10.000 Jahren lag hier ein Gletscher, der drei Kilometer dick war. Sein Gewicht drückte die Erdkruste nach unten. Als das Eis schmolz, begann sich das Land zu erheben. Dieser Prozess hält bis heute an. Die Hochküste hat sich um insgesamt 285 Meter gehoben, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Pro Jahr kommen noch immer etwa 8 Millimeter dazu.

Was das in der Landschaft bedeutet: Ehemalige Meeresböden liegen heute auf Berggipfeln. Die roten Granitfelsen der Küste fallen steil ins Wasser. Die Inseln Ulvön und Trysunda zeigen Strandlinien, die heute Dutzende Meter über dem Meeresspiegel liegen. Der Skuleberget, ein 295 Meter hoher Berg direkt an der Küste, war einmal eine Insel.

Rote Granitfelsen der schwedischen Hochküste über der Ostsee
Die Schwedische Hochküste: Rote Granitfelsen, die sich seit der Eiszeit aus dem Meer heben (KI-generiert)

Anreise und Besuch: Die Hochküste liegt zwischen Härnösand und Örnsköldsvik an der E4. Von Stockholm sind es knapp fünf Stunden mit dem Auto. Die Högakustenbron, mit 1.867 Metern eine der längsten Hängebrücken Europas, markiert den Eingang zum Gebiet. Wanderungen auf dem Höga Kusten Leden (130 Kilometer, 6 bis 8 Tagesetappen) zeigen die Geologie hautnah. Kürzer geht es mit dem Aufstieg auf den Skuleberget (45 Minuten) oder einer Bootsfahrt nach Ulvön.

Laponia: Das samische Naturerbe

Laponia in Schwedisch-Lappland ist eine der größten zusammenhängenden Wildnisse Europas. Das Gebiet umfasst 9.400 Quadratkilometer und vier Nationalparks: Sarek, Padjelanta, Stora Sjöfallet und Muddus. Es wurde 1996 als gemischte Welterbestätte anerkannt, weil es sowohl naturkundlich als auch kulturell herausragend ist.

Die Naturseite: Gletscher, Hochgebirge, unberührte Flusstäler und boreale Urwälder. Der Sarek hat über 100 Gletscher und 200 Gipfel über 1.800 Meter. Es gibt keine markierten Wege, keine Hütten, keine Straßen. Wer hier wandert, braucht Erfahrung, gute Ausrüstung und die Bereitschaft, tagelang niemandem zu begegnen.

Die Kulturseite: Die Sámi nutzen das Laponia-Gebiet seit Jahrtausenden für die Rentierhaltung. Ihre halbnomadische Lebensweise ist Teil des Welterbestatus. Im Sommer ziehen die Herden auf die Hochebenen, im Winter in die tiefer gelegenen Wälder. Diese Transhumanz, der jahreszeitliche Wechsel zwischen Weidegründen, ist eine der ältesten noch praktizierten Formen der Landnutzung in Europa.

Anreise und Besuch: Ausgangspunkte sind Gällivare und Jokkmokk. Padjelanta ist über den Kungsleden (Königspfad) erreichbar und hat Hütten entlang der Route. Der Sarek dagegen ist nur etwas für erfahrene Trekker. Wer die Landschaft ohne mehrtägige Wanderung erleben will, nimmt die Inlandsbahn von Gällivare nach Jokkmokk oder besucht das Ájtte-Museum für samische Kultur in Jokkmokk.

Islands Vulkanlandschaften

Island hat mit Surtsey und dem Vatnajökull-Nationalpark zwei Weltnaturerbestätten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Surtsey ist eine Insel, die 1963 durch einen Unterwasser-Vulkanausbruch entstand und seither als Freiluftlabor für die Besiedlung durch Pflanzen und Tiere dient. Betreten dürfen nur Wissenschaftler.

Der Vatnajökull-Nationalpark dagegen ist zugänglich und riesig. Er umfasst den gleichnamigen Gletscher (der größte Europas, 7.700 Quadratkilometer) sowie die vulkanisch aktiven Gebiete darunter. Hier treffen Feuer und Eis direkt aufeinander: Unter dem Gletscher liegen aktive Vulkane, darunter der Grímsvötn und der Bárðarbunga. Wenn sie ausbrechen, schmelzen riesige Mengen Eis und erzeugen Gletscherläufe (Jökulhlaups), die ganze Ebenen überfluten.

Zum Nationalpark gehören auch der Skaftafell-Abschnitt mit seinen Basaltsäulen und der Svartifoss-Wasserfall, der über sechseckige Basaltsäulen stürzt. Die Gletscherlagune Jökulsárlón, in der Eisberge treiben und am benachbarten Diamond Beach ans Ufer gespült werden, liegt ebenfalls im Parkgebiet.

Gletscherlagune Jökulsárlón in Island mit treibenden Eisbergen
Jökulsárlón in Island: Eisberge lösen sich vom Vatnajökull-Gletscher und treiben zum Meer (KI-generiert)
Kajaker auf dem schmalen Nærøyfjord in Norwegen zwischen hohen Felswänden
Der Nærøyfjord ist an seiner engsten Stelle nur 250 Meter breit und gehört zum UNESCO-Welterbe (KI-generiert)

Weitere geschützte Naturgebiete

Neben den großen Weltnaturerbestätten gibt es in Skandinavien weitere Gebiete mit UNESCO-Bezug, die einen Besuch verdienen.

Stevns Klint in Dänemark wurde 2014 in die Welterbeliste aufgenommen. Die 15 Kilometer lange Kreideküste auf Seeland zeigt die K-T-Grenze, eine dünne Tonschicht, die den Asteroiden-Einschlag vor 66 Millionen Jahren markiert, der die Dinosaurier auslöschte. Der Aufschluss gehört zu den am besten zugänglichen der Welt.

Das Wattenmeer, das sich von den Niederlanden über Deutschland bis nach Dänemark erstreckt, ist das größte Wattenmeer der Welt. Der dänische Abschnitt bei Ribe und auf Rømø gehört zum Weltnaturerbe und bietet Wattwanderungen, Vogelbeobachtung und Robbenkolonien.

In Finnland ergänzt der Kvarken-Archipel die schwedische Hochküste als gemeinsame Welterbestätte. Die 5.600 Inseln zwischen Vaasa und Umeå zeigen die Landhebung von der finnischen Seite. Neue Inseln tauchen buchstäblich aus dem Meer auf, bestehende Inseln wachsen zusammen. In einigen tausend Jahren wird die Ostsee an dieser Stelle nur noch ein See sein.

Praktische Tipps für den Besuch

Beste Reisezeit: Die norwegischen Fjorde und die schwedische Hochküste sind von Juni bis September am besten zugänglich. Laponia empfiehlt sich von Ende Juni bis September (Wandersaison) oder im Winter für Nordlichter und Hundeschlittentouren. Island funktioniert ganzjährig, aber die Hochlandpisten im Vatnajökull-Gebiet sind nur von Juli bis September offen.

Unterkunft: Am Geirangerfjord gibt es Hotels und Campingplätze direkt am Wasser. Die Hochküste hat Pensionen und Ferienhäuser entlang der E4. In Laponia muss man campen oder die STF-Hütten entlang des Kungsleden nutzen. Auf Island bietet der Skaftafell-Abschnitt einen Campingplatz und die Umgebung hat Gästehäuser.

Respekt vor der Natur: Weltnaturerbestätten stehen unter besonderem Schutz. Müll mitnehmen ist selbstverständlich, aber es geht weiter: Keine Drohnen in geschützten Gebieten, keine Blumen pflücken, auf markierten Wegen bleiben (wo vorhanden). In Laponia sollte man Rentierherdensich nicht nähern und die samische Kultur respektieren.

Weite Wildnis in Schwedisch-Lappland mit Bergen und Flüssen
Laponia in Schwedisch-Lappland: Eine der letzten großen Wildnisse Europas (KI-generiert)

Häufige Fragen

Welches Weltnaturerbe in Skandinavien ist am leichtesten erreichbar?

Die norwegischen Fjorde, speziell der Geirangerfjord. Er ist per Auto, Bus und Fähre erreichbar und hat gute touristische Infrastruktur. Stevns Klint in Dänemark liegt nur eine Autostunde südlich von Kopenhagen und ist ebenfalls sehr einfach zu besuchen.

Braucht man für den Sarek-Nationalpark einen Guide?

Für erfahrene Trekker mit Wildnis-Erfahrung ist eine Selbsttour möglich, aber anspruchsvoll. Es gibt keine markierten Wege und keine Hütten. Anfänger sollten einen Guide buchen oder stattdessen den Padjelanta-Trail wählen, der markiert ist und Hütten hat. Mehrere Anbieter in Gällivare bieten geführte Sarek-Touren an.

Kann man die Gletscherlagune Jökulsárlón das ganze Jahr besuchen?

Ja, die Lagune ist ganzjährig zugänglich, da sie direkt an der Ringstraße liegt. Im Sommer treiben mehr Eisberge, weil der Gletscher stärker kalbt. Im Winter ist die Umgebung verschneit, und mit etwas Glück sieht man Nordlichter über den Eisbergen. Bootstouren auf der Lagune werden von Mai bis Oktober angeboten.

Gibt es Eintrittsgebühren für die Weltnaturerbestätten?

Die Naturgebiete selbst sind kostenlos zugänglich. Das gilt für die Fjorde, die Hochküste, Laponia und den Vatnajökull. Kosten entstehen für Fähren (Geirangerfjord ab 350 NOK), geführte Touren und Parkplätze. In Island verlangen manche Parkplätze an den Hauptattraktionen eine Gebühr von 750 bis 1.000 ISK.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026