Sauna in Skandinavien
In Skandinavien ist die Sauna kein Luxus und kein Wellness-Trend. Sie ist Alltag. In Finnland gibt es 3,3 Millionen Saunen bei 5,5 Millionen Einwohnern. Jede Wohnung, jede Mökki, jedes Bürogebäude, jeder Sportverein hat eine. Auch in Schweden, Norwegen und Dänemark gehört die Sauna zum Leben, wenn auch mit eigenen Traditionen und Spielarten.
Ich habe in den letzten Jahren Saunen in allen vier Ländern besucht, von einer Rauchsauna an einem finnischen See bis zu einem modernen Designbau am Osloer Fjord. Was mich jedes Mal berührt hat: die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen hier saunieren. Es gibt kein Aufhebens, keine Bewertungen auf Google, keine Influencer-Fotos. Man geht rein, schwitzt, kühlt sich ab, redet oder schweigt, und geht wieder. Es ist so normal wie Zähneputzen.
Sauna im Norden: Mehr als Wellness
Um die Sauna-Kultur Skandinaviens zu verstehen, muss man einen Gedanken loslassen: dass Sauna etwas mit Entspannung oder Gesundheitsvorsorge zu tun hat. Natürlich hat sie das auch, aber in erster Linie ist die Sauna ein sozialer Ort. In Finnland werden Geschäftsverhandlungen in der Sauna geführt. Politische Entscheidungen wurden in der Sauna des finnischen Parlaments besprochen. Familien treffen sich samstags in der Sauna. Freunde gehen nach der Arbeit zusammen schwitzen. Die Sauna ist der Ort, an dem Hierarchien verschwinden, weil alle gleich nackt sind.
Die Geschichte reicht weit zurück. Die ältesten Nachweise von Saunen in Finnland stammen aus dem 11. Jahrhundert, aber die Tradition ist vermutlich noch älter. Im Mittelalter wurden finnische Saunen für alles genutzt: zum Waschen, Heilen, Gebären und Räuchern von Fleisch. In Schweden heißt die Sauna "bastu" (von "badstuga", Badehaus) und hat eine ähnlich lange Tradition, die aber im 19. Jahrhundert teilweise unterbrochen wurde und erst in der Nachkriegszeit wiederbelebt wurde.
2020 hat die UNESCO die finnische Saunakultur in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. In der Begründung heißt es, die Sauna sei "ein grundlegender Bestandteil der finnischen Identität und ein Ort der Reinigung von Körper und Geist". Das klingt feierlich, trifft den Kern aber gut. Für Finnen ist die Sauna kein Hobby, sondern ein Teil dessen, wer sie sind.
Die finnische Sauna: Ursprung und Seele
Die klassische finnische Sauna ist ein schlichter Holzraum mit einem Ofen (kiuas), auf dem Steine liegen. Die Temperatur beträgt 80 bis 100 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit ist niedrig. Durch das Aufgießen von Wasser auf die heißen Steine (löyly) wird Dampf erzeugt, der die gefühlte Hitze kurzfristig stark erhöht. Das Wort löyly lässt sich kaum übersetzen. Es beschreibt nicht nur den Dampf, sondern die gesamte Qualität der Hitze, ihre Weichheit, ihren Charakter.
In Finnland unterscheidet man mehrere Saunatypen. Die sähkösauna (Elektro-Sauna) ist am weitesten verbreitet, besonders in Stadtwohnungen. Sie heizt schnell auf und ist pflegeleicht. Die puusauna (Holzofensauna) gilt als die authentischste Form. Sie braucht 45 bis 90 Minuten zum Aufheizen, aber der Dampf ist weicher und die Atmosphäre ruhiger, weil das Feuer im Ofen knistert.
Die savusauna (Rauchsauna) ist die älteste Form. Sie hat keinen Schornstein. Der Rauch des Holzfeuers füllt den gesamten Raum, heizt die Steine und Wände auf, und wird dann über die Tür abgelassen. Das dauert mehrere Stunden, und der Raum riecht danach nach Birkenholz und Rauch. Die Hitze in einer Rauchsauna ist anders als in einer normalen Sauna: gleichmäßiger, sanfter, milder. Wer das einmal erlebt hat, versteht, warum Finnen die Rauchsauna als die Königin der Saunen bezeichnen.
Zum finnischen Saunaritual gehört der vihta (oder vasta, je nach Region): ein Bündel aus frischen Birkenzweigen, mit dem man sich selbst oder den Saunagefährten leicht auf die Haut schlägt. Das regt die Durchblutung an, duftet nach Birke und fühlt sich besser an, als es klingt. Frische Vihtas bekommt man im Sommer auf Märkten und an Tankstellen, im Winter gibt es getrocknete oder gefrorene Varianten.
Nach dem Schwitzen kühlt man sich ab. Im Sommer durch einen Sprung in den See, im Winter durch Eisbaden im zugefrorenen See (Avanto). Alternativ reicht eine kalte Dusche oder einfach an der frischen Luft stehen. Der Wechsel zwischen heiß und kalt wird zwei bis vier Mal wiederholt. Zwischen den Gängen trinkt man Wasser oder Bier, isst Würstchen (makkara) vom Grill und redet.
Schwedische Bastu und Kallbadhus
In Schweden heißt die Sauna "bastu", und sie hat einen etwas anderen Stellenwert als in Finnland. Sie gehört dazu, ist aber weniger zentral für die Identität. Die meisten schwedischen Ferienhäuser haben eine Bastu, Neubauwohnungen in Stockholm und Göteborg häufig auch. Die Temperatur in einer schwedischen Bastu liegt meistens etwas niedriger als in Finnland, bei 70 bis 85 Grad.
Was Schweden von Finnland unterscheidet, ist die Tradition der Kallbadhus (Kaltbadehäuser). Das sind Badehäuser, oft aus dem 19. Jahrhundert, die auf Pfählen ins Meer gebaut sind. In einem Kallbadhus gibt es eine Sauna und einen direkten Zugang zum Meer, in dem man ganzjährig schwimmt. Das bekannteste ist das Kallbadhuset in Varberg an der Westküste, ein orientalisch anmutendes Holzgebäude aus dem 19. Jahrhundert mit getrennten Abteilungen für Frauen und Männer.
In Malmö steht das Ribersborgs Kallbadhus, eines der ältesten und beliebtesten Kaltbadehäuser des Landes. Es liegt auf einem Steg im Öresund und bietet Sauna, Kaltwasserbecken und einen geschützten Bereich zum Schwimmen im Meer. Eintritt: 80 SEK (7 Euro). In Stockholm hat das Hellasgården am Brunnsviken-See eine Sauna mit Seezugang, die bei Stockholmern sehr beliebt ist. Und in der Innenstadt bieten die Stadtbäder (Sturebadet, Centralbadet) eine gehobene Sauna-Erfahrung.
In Nordschweden, besonders in Lappland, nähert sich die Saunakultur der finnischen an. Dort wird mit Holzofen geheizt, nach dem Schwitzen ins kalte Wasser gesprungen, und die Sauna hat einen festen Platz im Wochenrhythmus. In Südschweden ist Saunieren eher ein gelegentliches Vergnügen als ein Ritual.
Sauna in Norwegen und Dänemark
In Norwegen hat die Sauna in den letzten zehn Jahren einen starken Aufschwung erlebt. In Oslo sind schwimmende Saunen ein großer Trend. Im Oslofjord gibt es mehrere Anbieter, die Saunaflöße betreiben: kleine Plattformen mit einer Holzsauna, von denen man direkt ins Fjordwasser springen kann. KOK Oslo ist der bekannteste Anbieter (ab 350 NOK / 30 Euro pro Person für zwei Stunden). Die SALT Sauna in Bjørvika, einer ehemaligen Hafengegend neben der Oper, hatte eine riesige Sauna-Installation mit Blick auf den Fjord und zog tausende Besucher an.
Auch in Bergen und Tromsø gibt es öffentliche Saunen, oft mit Zugang zum Meer. In Tromsø bieten Anbieter Sauna-Erlebnisse mit Nordlicht-Garantie an: Man sitzt im warmen Dampf und schaut durch das Fenster auf die Aurora am Himmel. Die Kombination aus Hitze, Kälte und Nordlichtern ist einer der intensivsten Sinneseindrücke, die Skandinavien zu bieten hat.
In Dänemark ist die Saunakultur jünger als in den anderen nordischen Ländern, wächst aber schnell. In Kopenhagen hat sich eine lebhafte Szene entwickelt. CopenHot im Stadtteil Nordhavn betreibt Holzfeuersaunen und Holzbottich-Bäder am Hafen (ab 200 DKK / 27 Euro). La Banchina an der Refshaleøen hat eine kleine Sauna, von der man direkt ins Hafenbecken springt, und dazu ein Café mit Naturwein. Die Helgoland Badeanstalt auf Amager ist seit über 100 Jahren ein Winterbadeort und hat inzwischen auch eine Sauna.
Saunatypen im Überblick
In Skandinavien begegnet man verschiedenen Saunatypen. Hier die wichtigsten:
Finnische Trockensauna (80-100 °C): Der Standard. Holzverkleidete Kabine, Saunaofen mit Steinen, Aufgüsse mit Wasser. Niedrige Luftfeuchtigkeit, die durch löyly (Aufguss) kurzfristig erhöht wird. In Hotels, öffentlichen Saunen und Privathausern in ganz Skandinavien verbreitet.
Rauchsauna / Savusauna (60-80 °C): Kein Schornstein, Rauch wird nach dem Aufheizen abgelassen. Weichere, mildere Hitze. Geruch nach Birke und Rauch. Selten, vor allem in Ostfinnland zu finden. Das Aufheizen dauert 4 bis 8 Stunden. Hotels wie das Järvisydän am Saimaa-See bieten Rauchsauna-Erlebnisse für Touristen an.
Dampfsauna / Höyrysauna (45-65 °C): Höhere Luftfeuchtigkeit, niedrigere Temperatur. Fühlt sich milder an, obwohl die feuchte Hitze intensiv sein kann. Oft in öffentlichen Bädern und Hotels zu finden. Wer die Trockenhitze einer finnischen Sauna nicht verträgt, kommt hier besser zurecht.
Infrarotsauna (40-60 °C): Keine Tradition in Skandinavien, aber in Hotels und Wellness-Centern verbreitet. Infrarotstrahler erwärmen den Körper direkt statt die Luft. Für Sauna-Puristen in Finnland ein Fremdwort.
Schwimmende Sauna: Ein wachsender Trend, besonders in Oslo, Stockholm und Helsinki. Sauna auf einem Floß oder Boot, direkter Sprung ins Wasser möglich. Oft privat mietbar für Gruppen von 8 bis 15 Personen.
Etikette und Verhaltensregeln
Die Sauna-Etikette variiert zwischen den Ländern und sogar zwischen einzelnen Saunen. Es gibt aber ein paar Grundregeln, die überall gelten:
Nacktheit: In Finnland sauniert man nackt, immer. Badekleidung in der Sauna zu tragen gilt als unhygienisch, weil die Kunstfasern in der Hitze Chemikalien abgeben können. In öffentlichen Saunen mit gemischtem Betrieb (Männer und Frauen zusammen) tragen manche ein Handtuch, aber nackt ist der Standard. In Schweden ist die Regel ähnlich: In getrennten Saunen (nach Geschlecht) ist man nackt, bei gemischtem Betrieb wird ein Handtuch umgewickelt. In Norwegen und Dänemark sind die Regeln lockerer, manche tragen Badekleidung, manche nicht. Im Zweifel: Handtuch mitnehmen und sich nach den anderen richten.
Hygiene: Vor dem Betreten der Sauna duscht man. Das ist keine Empfehlung, sondern Pflicht. In Finnland und Schweden hat jede Sauna einen Duschbereich davor. Auf der Saunabank sitzt oder liegt man immer auf einem Handtuch, nie mit nackter Haut direkt auf dem Holz.
Verhalten: In der Sauna wird leise gesprochen. Es ist kein Ort für laute Unterhaltungen oder Telefonate. In Finnland gilt die Sauna als halbreligiöser Raum. Fluchen und Streiten sind traditionell tabu. "In der Sauna benimmt man sich wie in der Kirche" ist ein finnisches Sprichwort. In der Praxis wird natürlich geredet, aber der Ton ist ruhig und respektvoll.
Aufguss: In finnischen Saunen darf (und soll) jeder Aufgüsse machen. Es gibt keinen Saunameister wie in deutschen Thermen. Man nimmt die Kelle (kiulu), schöpft Wasser und gießt es über die Steine. Einige Tropfen reichen, man muss nicht die ganze Kelle auf einmal kippen. In öffentlichen Saunen ist es höflich, die anderen zu fragen, bevor man einen Aufguss macht, besonders wenn die Sauna voll ist.
Die besten öffentlichen Saunen
Für Reisende, die die skandinavische Saunakultur erleben wollen, hier eine Auswahl der besten öffentlich zugänglichen Saunen:
Löyly, Helsinki: Designsauna im Stadtteil Hernesaari, direkt am Meer. Holzfassade, drei verschiedene Saunen, Restaurant mit Terrasse. Zugang zum Meer zum Schwimmen. Eintritt: 21 Euro. Geöffnet ganzjährig, auch im Winter (dann mit Eisbade-Möglichkeit). Reservierung empfohlen.
Kulttuurisauna, Helsinki: Minimalistische Betonsauna im Stadtteil Merihaka, entworfen vom Architekturbüro Tuomas Toivonen. Holzbefeuerter Ofen, keine Elektrizität im Saunaraum. Eintritt: 18 Euro. Nur mit Voranmeldung. Die Kulttuurisauna gilt als eine der schönsten modernen Saunen der Welt.
Rajaportin Sauna, Tampere: Die älteste noch betriebene öffentliche Sauna Finnlands, seit 1906 in Betrieb. Holzofen, einfache Ausstattung, keine Extras. Eintritt: 8 Euro. Tampere nennt sich selbst "Saunahauptstadt der Welt" und hat über 50 öffentliche Saunen, darunter auch Rauchsaunen.
Ribersborgs Kallbadhus, Malmö: Historisches Kaltbadehaus auf Pfählen im Öresund. Getrennte Abteilungen für Frauen und Männer, jeweils mit Sauna und Zugang zum Meer. Eintritt: 80 SEK (7 Euro). Ganzjährig geöffnet, im Winter mit eiskaltem Meerwasser.
KOK Oslo: Schwimmende Saunen auf dem Oslofjord. Buchbar als Gruppenerlebnis (8 bis 15 Personen) oder als Einzelticket zu festen Zeiten. Ab 350 NOK (30 Euro). Man heizt die Sauna selbst, springt zwischendurch in den Fjord und hat Blick auf die Osloer Skyline.
CopenHot, Kopenhagen: Holzfeuersaunen und Holzbottich-Bäder im Hafenviertel Nordhavn. Rustikal, ungezwungen, mit Blick auf die vorbeifahrenden Schiffe. Ab 200 DKK (27 Euro) für zwei Stunden. Im Winter besonders stimmungsvoll.
Allas Sea Pool, Helsinki: Saunen, beheizter Meerwasserpool und Kaltbecken direkt am Marktplatz, mit Blick auf den Dom von Helsinki. Eintritt: 16 Euro. Auch für Touristen leicht zugänglich, da zentral gelegen.
Häufig gestellte Fragen
Muss man in skandinavischen Saunen nackt sein?
In Finnland ist Nacktheit in der Sauna der Standard. In öffentlichen Saunen mit getrennten Abteilungen (nach Geschlecht) sauniert man nackt. Bei gemischtem Betrieb tragen manche ein Handtuch, nackt ist aber auch dann akzeptiert. In Schweden ähnlich. In Norwegen und Dänemark ist die Praxis gemischter, Badekleidung ist dort manchmal erlaubt. Im Zweifel die Beschilderung an der jeweiligen Sauna lesen oder die anderen Gäste beobachten.
Welche öffentliche Sauna eignet sich am besten für Erstbesucher?
Die Löyly-Sauna in Helsinki ist ideal für den Einstieg. Sie ist modern, gut organisiert, hat englischsprachiges Personal und eine entspannte Atmosphäre. Die Anlage ist klar strukturiert (Dusche, Sauna, Meer, Restaurant), sodass man sich schnell zurechtfindet. In Stockholm ist Hellasgården eine gute Wahl, in Kopenhagen CopenHot. Überall wird man als Neuling willkommen geheißen.
Wie heiß ist eine finnische Sauna?
Eine typische finnische Sauna hat Temperaturen zwischen 80 und 100 Grad Celsius. Manche Saunagänger bevorzugen noch höhere Temperaturen (bis 120 Grad), aber das ist eher für Erfahrene. Für Anfänger sind 70 bis 80 Grad ein guter Einstieg. Man sitzt dabei auf den unteren Bänken, wo es kühler ist, und steigert sich mit der Zeit nach oben.
Was kostet ein Saunabesuch in Skandinavien?
Öffentliche Saunen kosten zwischen 7 und 30 Euro Eintritt. In Helsinki liegen die Preise bei 16 bis 21 Euro (Allas Sea Pool, Löyly). In Malmö kostet das Ribersborgs Kallbadhus 7 Euro. In Oslo sind schwimmende Saunen ab 30 Euro buchbar. In Kopenhagen zahlt man bei CopenHot 27 Euro. Viele Hotels in Skandinavien haben eigene Saunen, die für Gäste kostenlos sind. In Ferienhäusern in Finnland und Schweden gehört die private Sauna fast immer zur Grundausstattung.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026