Schären Göteborg
Zwanzig Minuten Straßenbahn, zehn Minuten Fähre, und du stehst auf einer Insel, auf der es keine Autos gibt, dafür Felsen, die warm von der Sonne sind, und das Wasser so klar, dass du den Boden siehst. Das ist der Göteborger Schärengarten. Mitten in der Großstadt, und doch fühlt es sich an wie eine andere Welt.
Ich bin bei meinem dritten Göteborg-Besuch zum ersten Mal rausgefahren. Warum erst beim dritten Mal? Weil ich die Schären für einen Tagesausflug hielt, den man irgendwann mal machen kann. Ein Fehler. Die Inseln vor Göteborg sind nicht irgendein Ausflugsziel. Sie sind der Grund, warum viele Göteborger ihre Stadt Stockholm vorziehen. Und nach einem Tag auf Styrsö habe ich verstanden, warum.
Der Göteborger Schärengarten erstreckt sich entlang der Westküste und umfasst rund 20 bewohnte Inseln. Im Gegensatz zu den Stockholmer Schären, die über 30.000 Inseln zählen, ist das Göteborger Archipel kompakter, übersichtlicher und wilder. Die Felsen sind glatt geschliffen, die Vegetation karg, und der Wind vom Meer weht hier immer. Es gibt keine Shopping-Meilen, keine Souvenirläden, kaum Hotels. Stattdessen Fischerdörfer, Badeklippen und eine Ruhe, die man in der Stadt vergeblich sucht.
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Überblick
Die südlichen Schären (Södra Skärgården) sind für Besucher am interessantesten. Dazu gehören Styrsö, Donsö, Vrångö und Brännö. Diese vier Inseln sind autofrei. Man bewegt sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf kleinen Elektrokarren, die Bewohnern mit Sondergenehmigung vorbehalten sind. Die nördlichen Schären (Norra Skärgården) mit Inseln wie Öckerö und Hönö sind über Brücken erreichbar und daher autofreundlicher, aber auch weniger idyllisch.
Die beste Reisezeit für die Schären ist Juni bis August. Das Wasser erreicht dann 18 bis 22 Grad, die Tage sind lang, und die Fähren fahren in engem Takt. September und Oktober sind ruhiger, kälter, aber wunderschön: weniger Menschen, dramatisches Licht, Herbstfarben auf den Inseln. Im Winter fahren die Fähren seltener, und viele Inselbewohner ziehen aufs Festland. Es gibt dann eine Stille, die ihren eigenen Reiz hat, aber für Badeurlaub ist es natürlich nichts.
Anreise und Fähren
Alle Fähren zu den südlichen Schären starten ab Saltholmen. Man erreicht Saltholmen mit der Straßenbahnlinie 11, Endstation. Von Göteborgs Zentrum (Brunnsparken oder Järntorget) dauert die Fahrt etwa 25 Minuten. Die Straßenbahnen fahren alle 10 Minuten, und an der Endstation wartet man in der Regel nur wenige Minuten auf die nächste Fähre.
Das Geniale: Die Fähren zu den südlichen Schären sind im Västtrafik-Tarif enthalten. Das heißt, wer eine gültige Västtrafik-Karte hat (Tageskarte 115 SEK, 3-Tage-Karte 230 SEK), fährt ohne Aufpreis. Einzelfahrt mit der Fähre kostet sonst 36 SEK. Die Västtrafik-App (To Go) funktioniert auf den Fähren genauso wie in der Tram. Einfach das Handy an den Leser halten, fertig.
Die wichtigsten Fährlinien: Linie 281 fährt Saltholmen, Styrsö Tången, Donsö, Vrångö. Linie 282 fährt Saltholmen, Styrsö Bratten, Styrsö Tången, Donsö. Linie 285 fährt Saltholmen, Brännö Rödsten, Brännö Husvik. Die Fahrzeit beträgt 20 bis 35 Minuten, je nach Ziel. Im Sommer fahren die Fähren ab 5:30 Uhr morgens bis Mitternacht, im Winter etwas eingeschränkter.
Parken in Saltholmen ist im Sommer ein Problem. Der Parkplatz ist klein, Anwohner haben Vorrang, und an warmen Wochenenden ist er schon am Vormittag voll. Mein Tipp: Nimm die Straßenbahn. Wirklich. Es ist stressfreier, billiger und man kommt schneller. Wenn es unbedingt das Auto sein muss, parke in Långedrag (eine Station vorher) und geh die letzten 15 Minuten zu Fuß.
Styrsö
Styrsö ist die größte der südlichen Schäreninseln und für mich die vielseitigste. Hier leben rund 1.400 Menschen ganzjährig. Die Insel hat zwei Fähranlegestellen: Styrsö Bratten im Norden und Styrsö Tången im Süden. Zwischen den beiden Stationen liegt ein Spaziergang von etwa 20 Minuten durch Kiefernwald und an roten Holzhäusern vorbei.
Auf Styrsö gibt es einen kleinen Supermarkt (Konsum), ein Restaurant am Hafen, eine Bäckerei und die Kirche von 1752, die als Wahrzeichen der Insel gilt. Von der höchsten Stelle der Insel, dem Stora Rös, hat man einen Rundumblick über den gesamten Schärengarten. Bei klarem Wetter sieht man bis nach Dänemark. Die Wanderung zum Aussichtspunkt dauert 15 Minuten ab dem Hafen Bratten und ist nicht anstrengend.
Was mir an Styrsö am besten gefallen hat: die Mischung aus Dorfcharakter und Wildnis. Man sitzt am Hafen, trinkt Kaffee, und fünf Minuten später steht man auf blanken Felsen, hört das Wasser und sieht Segelboote am Horizont. Es gibt hier kein Programm, keine Attraktion im klassischen Sinn. Und genau das ist der Punkt. Man muss sich auf die Langsamkeit einlassen.
Vrångö
Vrångö ist die südlichste bewohnte Insel im Göteborger Schärengarten und mein persönlicher Favorit. Die Fähre braucht etwa 30 Minuten ab Saltholmen. Hier leben nur 400 Menschen, und die Insel fühlt sich an wie das Ende der Welt, im besten Sinne. Vrångö ist seit 1999 Naturreservat, das heißt: strenger Schutz, keine Bauprojekte, keine Jetskis, keine Partyboote.
Vom Fähranleger führt ein markierter Wanderweg zur Südspitze der Insel. Die Strecke ist etwa 2,5 Kilometer lang und führt über Holzstege durch Heidelandschaft und an Sanddünen vorbei. Am Südstrand wartet einer der schönsten Badestrände der gesamten Westküste: feiner Sand, flaches Wasser, perfekt für Familien. Und im Sommer ist es hier nie so voll wie an den Stadtstränden.
An der Westseite der Insel liegen die Klippen, an denen man sehr gut schnorcheln kann. Das Wasser ist kalt (selbst im Hochsommer selten über 20 Grad), aber die Sicht ist gut, und es gibt Seesterne, Krabben, Anemonen. Ich habe dort zwei Stunden auf den Felsen gelegen und einfach gar nichts gemacht. Kein WLAN (also, es gibt WLAN, aber ich habe es ignoriert), kein Plan, nur Sonne und Salzluft. Das war einer meiner besten Tage in Schweden.
Es gibt auf Vrångö ein kleines Café beim Hafen, das im Sommer Fika, Eis und einfache Gerichte verkauft. Wer auf Nummer sicher gehen will, bringt sein Essen selbst mit. Die Mülleimer sind auf der Insel rar, also den Müll wieder einpacken. Das Naturreservat lebt davon, dass alle sich an die Regeln halten.
Donsö
Donsö ist eine ungewöhnliche Insel. Klein, nur 1.300 Einwohner, aber wirtschaftlich erstaunlich relevant. Von hier aus wird ein großer Teil der schwedischen Handelsschifffahrt gesteuert. Mehrere internationale Reedereien haben auf Donsö ihren Sitz. Das bedeutet: Die Häuser sind etwas größer, etwas gepflegter, und im Hafen liegen neben Fischkuttern auch Yachten.
Für Besucher ist Donsö vor allem wegen seiner kompakten Schönheit interessant. Die Insel lässt sich in einer Stunde umrunden. Der Weg führt an Rosenhecken, weißen Holzzäunen und einem kleinen Sandstrand vorbei. Am Hafen gibt es einen Fischstand, der im Sommer frischen Fisch und Garnelen verkauft. Die Räkor (Nordseekrabben) auf Brot mit Dill und Mayonnaise für 90 SEK gehören zum Besten, was ich in den Schären gegessen habe.
Von Donsö aus kann man bei Ebbe zu Fuß nach Styrsö gehen. Die beiden Inseln sind durch eine Brücke verbunden, aber der Weg über die Felsklippen ist schöner und dauert nur 15 Minuten. Das ist einer dieser Spaziergänge, bei denen man alle paar Meter stehen bleibt, weil die Aussicht sich ständig verändert.
Brännö
Brännö wird oft als die gemütlichste der Göteborger Schäreninseln beschrieben, und das stimmt. Hier gibt es keinen Reederei-Reichtum wie auf Donsö und keine Wandertouren wie auf Vrångö. Stattdessen: Sommertanzboden, Fußballplatz, Gemeinschaftsgarten und das Gefühl, in einem schwedischen Film gelandet zu sein. Brännö hat eine eigene Fährlinie (285), die direkt ab Saltholmen fährt.
Das Highlight auf Brännö ist die Dansbana, eine offene Tanzfläche am Hafen Husvik. Im Sommer finden hier jeden Donnerstagabend Tanzbälle statt, bei denen Jung und Alt zusammenkommen. Livemusik, Bugg-Tanz (der schwedische Paartanz), Sonnenuntergang über dem Meer. Eintritt: frei. Stimmung: unbezahlbar. Ich war dort an einem Juliabend, und die Leute tanzten bis es dunkel wurde. Das ist um die Jahreszeit gegen 23 Uhr.
Zum Baden: Der Strand Ramsdal auf der Südseite von Brännö ist flach und sandig. Gut für Kinder. Die Wassertiefe steigt langsam, und das Wasser ist durch die geschützte Lage etwas wärmer als an der offenen Westküste. Für Erwachsene gibt es Klippenbadesstellen an der Ost- und Westseite. Am westlichen Ufer kommt nachmittags die Sonne besonders schön rein.
Saltholmen und Näset
Saltholmen ist Fährterminal, und auch selbst einen Besuch wert. Die Halbinsel am Ende der Straßenbahnlinie 11 hat Badeklippen, einen kleinen Hafen und das Restaurant Saltholmen, das guten Fisch serviert (Hauptgerichte 180 bis 280 SEK). Wer früh dran ist oder die Fähre verpasst hat, kann hier wunderbar die Zeit verbringen.
Das benachbarte Näset ist ein Villenvorort mit eigener Küstenwanderstrecke. Der Weg entlang der Klippen von Näset nach Saltholmen dauert 45 Minuten und bietet ständig wechselnde Ausblicke auf die Inseln. Man kommt an Villen aus der Jahrhundertwende vorbei, an Bootshäusern und an winzigen Sandbuchten, die im Sommer zum Schwimmen einladen. Dieser Spaziergang ist mein Geheimtipp für alle, die keine Fähre nehmen wollen, aber trotzdem Schärengefühl haben möchten.
Baden und Strände
Baden in den Schären ist anders als an einem See. Das Wasser ist salzig, die Felsen sind glatt und von der Sonne aufgeheizt, und es gibt Gezeiten, die den Wasserstand leicht verändern. Die meisten Badestellen sind Klippenbadestellen: Man liegt auf dem Fels, klettert runter und springt ins Wasser. An einigen Stellen gibt es Badleitern, die den Einstieg erleichtern.
Meine Top-3 Strände im Göteborger Schärengarten: Erstens der Südstrand auf Vrångö (Sand, flach, familienfreundlich). Zweitens die Klippen bei Styrsö Bratten (Felsbaden, tief, toll zum Springen). Drittens Ramsdal auf Brännö (Sand, geschützt, warm). Alle drei sind frei zugänglich. Umkleidekabinen gibt es keine. Duschen auch nicht. Aber das ist Teil des Erlebnisses.
Die Wassertemperatur schwankt je nach Sommer zwischen 16 und 22 Grad. Juli und August sind am wärmsten. Im Juni und September ist das Wasser noch, beziehungsweise schon, frisch, aber für hartgesottene Schwimmer machbar. Viele Schweden gehen auch im Winter ins Wasser. Auf einigen Inseln gibt es Saunas direkt am Ufer. Nach der Sauna ins Meer springen, das ist hier kein Trend, sondern Tradition.
Wandern und Natur
Die Schären sind kein Wandergebiet im alpinen Sinn. Aber für Küstenwanderungen sind sie perfekt. Die Wege sind kurz (selten länger als 5 Kilometer pro Insel), gut markiert und bieten ständig Ausblicke aufs Meer. Man braucht keine Wanderstiefel, feste Turnschuhe reichen. Allerdings: Die Felsen können bei Regen rutschig sein, also aufpassen.
Auf Vrångö führt der Naturlehrpfad (Naturstigen) durch das Naturreservat. Infotafeln erklären die Flora und Fauna der Küstenheide: Strandaster, Felsenbirne, Grasnelke. Vogelbeobachter kommen besonders im Frühjahr und Herbst auf ihre Kosten, wenn Zugvögel die Inseln als Rastplatz nutzen. Austernfischer, Rotschenkel und Seeschwalben brüten hier. Im Winter sieht man manchmal Seeadler über den Inseln kreisen.
Robben gibt es in den äußeren Schären. Von Vrångö aus werden im Sommer Robben-Safaris angeboten (ab 350 SEK pro Person). Man fährt in einem RIB-Boot zu den vorgelagerten Felsinseln, wo Kegelrobben auf den Steinen liegen. Die Boote halten respektvollen Abstand, aber man kommt nah genug für gute Fotos. Ich empfehle ein Teleobjektiv, mindestens 200mm.
Übernachten im Schärengarten
Die Übernachtungsmöglichkeiten in den Schären sind begrenzt, und das ist gewollt. Es gibt kein Hotel im klassischen Sinn. Stattdessen: Pensionen, B&Bs und Ferienhäuser zur Miete. Auf Styrsö gibt es das Pensionat Styrsö Skäret, ein kleines Gästehaus direkt am Wasser. Übernachtung ab 1.200 SEK im Doppelzimmer, Frühstück inbegriffen. Im Sommer muss man Wochen im Voraus buchen.
Auf Brännö gibt es einige Ferienhäuser, die über Plattformen wie Airbnb oder VRBO vermietet werden. Preise im Sommer: 1.500 bis 3.000 SEK pro Nacht für ein kleines Häuschen. Auf Donsö und Vrångö sind die Möglichkeiten noch spärlicher. Wer hier übernachten will, muss früh suchen und flexibel sein.
Camping ist in den Schären grundsätzlich durch das Jedermannsrecht erlaubt, aber im Naturreservat Vrångö gelten Einschränkungen. Zelten ist dort nur an markierten Stellen gestattet. Auf den anderen Inseln darf man eine Nacht wild zelten, solange man den Bewohnern nicht zu nahe kommt und keinen Müll hinterlässt. Feuer machen ist im Sommer wegen Waldbrandgefahr oft verboten. Den aktuellen Status kann man bei der Kommun Göteborg nachfragen.
Mein Rat: Man muss nicht auf den Inseln übernachten, um sie zu genießen. Die Fähren fahren abends lange, und die letzte Fähre von Vrångö nach Saltholmen geht im Sommer um 23:30 Uhr. Man kann also den ganzen Tag auf einer Insel verbringen und abends zurück ins Hotel in der Stadt fahren. Das ist oft die praktischste Lösung, besonders wenn man nur ein oder zwei Tage hat.
Häufige Fragen
Was kostet die Fähre zu den Göteborger Schären?
Die Fähren zu den südlichen Schären sind im Västtrafik-Tarif enthalten. Eine Tageskarte kostet 115 SEK und gilt für Straßenbahn, Bus und Fähre. Einzelfahrt mit der Fähre: 36 SEK. Am günstigsten ist die 3-Tage-Karte für 230 SEK, wenn man mehrere Tage unterwegs ist.
Welche Insel ist die schönste für einen Tagesausflug?
Für einen einzelnen Tag empfehle ich Vrångö. Die Insel bietet einen schönen Sandstrand, Klippenbaden, einen Naturlehrpfad und ein Café am Hafen. Man kann die Insel gut in 4 bis 5 Stunden erkunden. Wer zwei Tage hat, kombiniert Vrångö mit Styrsö und Donsö.
Kann man in den Schären zelten?
Grundsätzlich ja, dank des schwedischen Jedermannsrechts. Auf Vrångö gelten Einschränkungen im Naturreservat (nur markierte Stellen). Auf den anderen Inseln darf man eine Nacht zelten, sofern man Abstand zu Häusern hält und keinen Müll hinterlässt. Offenes Feuer ist im Sommer meist verboten.
Sind die Inseln auch für Kinder geeignet?
Ja, besonders Brännö und Vrångö. Beide haben flache Sandstrände mit ruhigem Wasser. Die Fähren sind kinderwagentauglich, und die autofreien Inseln sind sicher. Auf Brännö gibt es sogar einen Spielplatz und einen Fußballplatz. Proviant mitnehmen, denn die Essensoptionen auf den Inseln sind begrenzt.
Wann fahren die letzten Fähren zurück?
Im Sommer (Juni bis August) fahren die letzten Fähren von Vrångö um 23:30 Uhr, von Styrsö um 00:00 Uhr und von Brännö um 23:45 Uhr zurück nach Saltholmen. Im Winter deutlich früher, meist letzte Fähre gegen 21:00 Uhr. Die aktuellen Zeiten stehen in der Västtrafik-App (To Go).
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026





