Zugfahren in Norwegen
Norwegen ist ein Land, das für seine Straßen und Fjorde bekannt ist. Aber wer nur mit dem Auto fährt, verpasst etwas Entscheidendes. Die norwegischen Eisenbahnstrecken gehören zu den schönsten der Welt. Sie führen durch Gebirge, über Hochebenen, entlang steiler Fjordwände und durch Tunnel, die in den blanken Fels gesprengt wurden.
Ich habe inzwischen vier der großen Strecken selbst gefahren. Jede hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Dramaturgie. Die Bergensbahn überquert Europas größte Hochebene, die Flåmsbahn stürzt sich in ein enges Tal hinab, die Nordlandsbahn fährt über den Polarkreis, und die Raumabahn schlängelt sich durch eines der wildesten Täler Skandinaviens. In diesem Artikel beschreibe ich alle vier Strecken im Detail und gebe Tipps zu Tickets, Sitzplatzwahl und Reiseplanung.
Warum Norwegen mit dem Zug?
Es gibt praktische Gründe. Norwegens Straßen sind kurvenreich, oft einspurig, und im Winter manchmal gesperrt. Der Zug fährt auch dann, wenn Pässe geschlossen sind. Er ist pünktlich, bequem und bietet Panoramafenster, die man in keinem Auto hat.
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Aber der eigentliche Grund ist ein anderer: Die Perspektive. Im Zug sitzt man erhöht, hat freie Sicht auf beide Seiten und kann sich voll auf die Landschaft konzentrieren. Man muss nicht auf die Straße achten, nicht bremsen, nicht lenken. Man lehnt sich zurück und schaut. Und in Norwegen gibt es beim Zugfahren wirklich unglaublich viel zu sehen.
Die norwegische Staatsbahn Vy betreibt die meisten Strecken. Die Züge sind modern, saüber und haben kostenloses WLAN. Es gibt Komfort- und Standardklasse, dazu einen Speisewagen oder zumindest einen Bistrowagen. An den Endstationen hat man gute Anschlüsse an Busse und Fähren. Das Netz erstreckt sich von Stavanger im Südwesten bis Bodø im Norden, mit Oslo als zentralem Knotenpunkt.
Die Bergensbahn: Oslo nach Bergen
Die Bergensbahn ist Norwegens berühmteste Zugstrecke und eine der wildesten Eisenbahnlinien Europas. Sie verbindet Oslo mit Bergen auf einer Strecke von 496 Kilometern und überwindet dabei die Hardangervidda, Europas größte Hochebene. Die Fahrt dauert knapp sieben Stunden, und es gibt keinen Moment, in dem man sich langweilt.
Die erste Stunde nach Oslo ist unwild: Vororte, Wälder, Felder. Aber ab Hønefoss ändert sich das. Die Strecke steigt an, die Wälder werden dünner, Seen tauchen auf. Bei Geilo (Wintersportort auf 800 Metern) wird die Landschaft alpin. Und dann kommt Finse.
Finse ist der höchste Punkt der Bergensbahn auf 1.222 Metern. Es gibt hier ein kleines Hotel, einen Bahnhof und sonst nichts. Keine Straße führt hierher, man kommt nur mit dem Zug oder zu Fuß. Im Winter liegt hier meterhoch Schnee, im Sommer ist die Landschaft karg und windgepeitscht. Die Hardangervidda erstreckt sich in alle Richtungen, eine endlose Weite aus Moos, Fels und kleinen Seen. Hier oben wurde übrigens die Eisplanet-Szene aus Star Wars Episode V gedreht.
Nach Finse beginnt der Abstieg nach Bergen. Der Zug fährt durch zahlreiche Tunnel und Galerien, die in den 1880er Jahren per Hand in den Fels gehauen wurden. Die Landschaft wechselt von Hochgebirge zu grünen Fjordtälern, von Schnee zu Obstgärten. Wenn man in Bergen ankommt, fühlt es sich an wie ein anderes Land.
Tipp zur Sitzplatzwahl: Auf der Fahrt von Oslo nach Bergen ist die linke Seite (in Fahrtrichtung) generell etwas besser, besonders im ersten Teil. Auf der rechten Seite hat man dafür bessere Sicht auf den Fjord bei der Ankunft in Bergen. Am besten einen Fensterplatz in der Komfortklasse buchen.
Die Flåmsbahn: 20 Kilometer pures Drama
Die Flåmsbahn ist nur 20,2 Kilometer lang, aber sie gehört zu den steilsten Eisenbahnstrecken der Welt. Von der Bergstation Myrdal (866 Meter) fährt der Zug hinunter nach Flåm am Aurlandsfjord (2 Meter über dem Meeresspiegel). In weniger als einer Stunde überwindet er 864 Höhenmeter, durch 20 Tunnel und vorbei an Wasserfällen, die man fast berühren könnte.
Die Strecke wurde zwischen 1923 und 1940 gebaut und war eine Ingenieurleistung, die viele für unmöglich hielten. 18 der 20 Tunnel wurden von Hand in den Fels gebohrt. Ein Tunnel macht sogar eine 180-Grad-Drehung im Berginneren, damit der Zug die Steigung bewältigen kann. Bei der Talfahrt sieht man plötzlich ein Stück Strecke unter sich, auf dem man gerade noch gefahren ist.
Das Highlight ist der Kjosfossen-Wasserfall. Der Zug hält hier für einige Minuten, damit die Passagiere aussteigen und fotografieren können. Der Wasserfall stürzt 93 Meter in die Tiefe, und bei passendem Licht bildet sich ein Regenbogen im Sprühnebel. Es ist ein touristisches Ritual, aber trotzdem jedes Mal stark.
Die Flåmsbahn ist eine reine Touristenbahn und entsprechend besucht. Im Sommer sind die Züge oft ausgebucht. Eine Vorausbuchung ist dringend zu empfehlen, besonders zwischen Juni und August. Die Fahrt lässt sich gut mit der Bergensbahn kombinieren: Man fährt mit der Bergensbahn bis Myrdal, steigt dort in die Flåmsbahn um und fährt hinunter nach Flåm. Von Flåm geht es dann mit der Fähre durch den Aurlandsfjord und Nærøyfjord (UNESCO-Welterbe) weiter nach Gudvangen oder Bergen.
Die Nordlandsbahn: Über den Polarkreis
Die Nordlandsbahn ist die längste Einzelstrecke im norwegischen Netz: 729 Kilometer von Trondheim nach Bodø. Die Fahrt dauert etwa zehn Stunden, und sie überquert dabei den Polarkreis. Es ist die nördlichste Bahnstrecke der Welt, die ans öffentliche Schienennetz angeschlossen ist.
Von Trondheim aus fährt der Zug zunächst durch den Trøndelag, eine liebliche Kulturlandschaft mit Bauernhöfen und Fjorden. Ab Steinkjer wird es wilder. Die Strecke führt am Snåsavatnet entlang, einem der größten Binnenseen Norwegens, und durch das Namdalen, das sich zunehmend einsam anfühlt.
Der Polarkreis wird bei Saltdal überquert. Es gibt eine Markierung an der Strecke und eine Durchsage im Zug. Die Landschaft verändert sich: Die Bäume werden niedriger, die Berge karger, das Licht anders. Im Winter kann es hier stockdunkel sein, im Sommer scheint die Mitternachtssonne. Beides hat seinen eigenen Reiz.
Kurz vor Bodø fährt der Zug an der Küste entlang, mit Blick auf die Lofoten am Horizont. Bodø selbst ist eine kleine Stadt, aber sie ist der Ausgangspunkt für die Fähre nach Moskenes auf den Lofoten. Viele Reisende kombinieren die Nordlandsbahn mit einem Aufenthalt auf den Lofoten.
Mein Tipp: Fahrt die Nordlandsbahn im Sommer, am besten Ende Juni oder Anfang Juli. Dann ist Mitternachtssonne, und man kann die gesamte Strecke bei Tageslicht erleben. Der Nachtzug ist eine Option, aber man verschläft die beste Landschaft. Besser tagsüber fahren und die zehn Stunden als das nehmen, was sie sind: ein Erlebnis.
Die Raumabahn: Durch das wilde Romsdalen
Die Raumabahn fährt von Dombås (an der Strecke Oslo nach Trondheim) hinunter nach Åndalsnes am Isfjord. Die Strecke ist nur 114 Kilometer lang und dauert gut eineinhalb Stunden. Aber sie hat es in sich.
Das Romsdalen ist eines der dramatischsten Täler Norwegens. Senkrechte Felswände ragen über tausend Meter in die Höhe, der Fluss Rauma rauscht unten durch, und der Zug schlängelt sich an der Talkante entlang, über Brücken und durch Tunnel. Der Höhepunkt ist die Kylling-Brücke: eine einbögige Steinbrücke, die 59 Meter über der Rauma den Fluss überquert. Der Zug fährt im Schritttempo darüber, damit die Passagiere den Blick genießen können.
Am Ende der Strecke thront die Trollwand (Trollveggen), Europas höchste senkrechte Felswand mit 1.100 Metern Fallhöhe. Man sieht sie vom Zug aus, und sie ist jedes Mal überwältigend. Åndalsnes am Endpunkt der Strecke ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen in der Umgebung, besonders auf den Romsdalseggen, einen der schönsten Gratwanderungen des Landes.
Die Raumabahn wird manchmal als Norwegens schönste Zugstrecke bezeichnet. Ob das stimmt, ist Geschmackssache. Aber sie ist definitiv die wildeste. Während die Bergensbahn mit weiter Hochebene punktet und die Flåmsbahn mit technischer Kühnheit, überzeugt die Raumabahn durch schiere geologische Wucht.
Weitere Strecken, die sich lohnen
Neben den vier großen Strecken gibt es weitere Linien, die weniger bekannt, aber trotzdem sehenswert sind.
Die Sørlandsbahn (Oslo nach Stavanger)
Die Sørlandsbahn führt von Oslo nach Stavanger entlang der Südküste. Die Fahrt dauert knapp acht Stunden. Besonders der Abschnitt zwischen Kristiansand und Egersund ist schön, mit Blick auf die Schärenküste und kleine weiße Fischerdörfer. Die Strecke wird oft übersehen, weil sie nicht die alpine Dramatik der nördlicheren Linien hat. Aber wer das maritime Norwegen erleben will, ist hier richtig.
Die Dovrebahn (Oslo nach Trondheim)
Die klassische Nord-Süd-Verbindung durch das Gudbrandsdalen und über das Dovrefjell. Hier kann man mit etwas Glück Moschusochsen von der Bahn aus sehen, besonders im Abschnitt zwischen Hjerkinn und Kongsvoll. Die Strecke dauert knapp sieben Stunden und verbindet gut mit der Raumabahn in Dombås und der Nordlandsbahn in Trondheim.
Die Ofotbahn (Narvik nach Riksgränsen)
Technisch gesehen eine schwedische Strecke, die in Norwegen beginnt. Die Ofotbahn fährt von Narvik hinauf ins Gebirge und über die schwedische Grenze. Sie wurde für den Erztransport gebaut und ist eine der steilsten und stärksten Eisenbahnstrecken Skandinaviens. Im Winter fährt man durch eine arktische Schneelandschaft, die man nicht so schnell vergisst.
Tickets und Buchung
Die norwegische Staatsbahn Vy betreibt die meisten Strecken. Tickets kauft man am einfachsten über die Vy-App oder auf vy.no. Je früher man bucht, desto günstiger sind die Preise. Vy hat ein dynamisches Preissystem: Eine Fahrt Oslo nach Bergen kann 299 NOK kosten, wenn man Wochen vorher bucht, oder 899 NOK am Reisetag.
Es gibt drei Ticketkategorien bei Vy. Die Minipris-Tickets sind die günstigsten, aber nicht umtauschbar und an einen bestimmten Zug gebunden. Lavpris-Tickets sind etwas teurer, lassen sich aber gegen Gebühr umbuchen. Und Flex-Tickets sind zum vollen Preis, dafür komplett flexibel. Für die meisten Reisenden ist Minipris die beste Wahl, solange man seine Pläne kennt.
Die Flåmsbahn wird nicht von Vy betrieben, sondern von Flåm Utvikling. Tickets gibt es auf flamsbana.no. Dort gelten eigene Preise, die mit rund 500 NOK für eine einfache Fahrt (Erwachsene) vergleichsweise hoch sind. Aber die Strecke ist eben auch eine Attraktion, kein normales Verkehrsmittel.
Eine interessante Option für längere Reisen ist das Interrail-Ticket. Es gilt in Norwegen auf allen Vy-Strecken, und man zahlt nur eine kleine Reservierungsgebühr. Wer eine Rundreise durch Skandinavien plant, kann damit Geld sparen. Norwegische Züge erfordern eine Sitzplatzreservierung, die 50 NOK kostet und auch über die Interrail-App buchbar ist.
Praktische Tipps fürs Zugfahren in Norwegen
Buche früh. Die besten Preise gibt es drei bis sechs Monate vor der Reise. Besonders die Bergensbahn und die Nordlandsbahn sind im Sommer beliebt und schnell ausgebucht. Im Winter sind die Züge leerer und günstiger.
Wähle die Komfortklasse. Der Aufpreis lohnt sich. Man bekommt breitere Sitze, mehr Beinfreiheit, Steckdosen an jedem Platz und kostenlosen Kaffee. Auf langen Strecken wie der Nordlandsbahn macht das einen echten Unterschied.
Nimm Verpflegung mit. Der Speisewagen auf den Vy-Zügen ist in Ordnung, aber das Angebot ist begrenzt und teuer. Ein belegtes Brot am Bahnhof kaufen oder selbst etwas einpacken spart Geld und ist oft leckerer. Wasser kann man kostenlos am Platz auffüllen.
Akku aufladen. Die Landschaft ist so schön, dass man ständig fotografiert. Ein Ladekabel für Handy und Kamera gehört ins Handgepäck. Steckdosen gibt es in der Komfortklasse an jedem Platz, in der Standardklasse nicht immer.
Kombiniere Strecken. Die schönste Art, Norwegen mit dem Zug zu erleben, ist eine Rundreise. Eine beliebte Route: Oslo nach Bergen (Bergensbahn), Bergen nach Flåm (Fähre), Flåm nach Myrdal (Flåmsbahn), Myrdal zurück nach Oslo (Bergensbahn). Das Ganze heißt "Norway in a Nutshell" und lässt sich als Paket buchen, aber auch einzeln zusammenstellen.
Gepäck ist kein Problem. In norwegischen Zügen gibt es keine Gepäckbeschränkung. Man kann Koffer, Rucksäcke und sogar Fahrräder mitnehmen (letztere gegen eine kleine Gebühr und mit vorheriger Reservierung). An Bord gibt es Gepäckablagen über den Sitzen und größere Abstellbereiche am Wagenende.
Häufige Fragen
Gibt es Nachtzüge in Norwegen?
Ja, sowohl die Bergensbahn als auch die Nordlandsbahn fahren nachts. Es gibt Schlafwagen mit Einzel- und Doppelabteilen. Die Preise liegen zwischen 500 und 1.200 NOK je nach Kategorie. Für die Bergensbahn ist der Tageszug allerdings empfehlenswerter, weil man die Landschaft sonst verpasst.
Kann man Fahrräder im Zug mitnehmen?
Ja, auf den meisten Strecken. Eine Reservierung ist erforderlich und kostet rund 99 NOK. Nicht alle Züge haben Fahrradstellplätze, deshalb unbedingt vorab buchen. Auf der Flåmsbahn gibt es separate Transportmöglichkeiten für Räder.
Sind die Züge barrierefrei?
Die meisten Vy-Züge haben rollstuhlgerechte Plätze und barrierefreie Toiletten. Beim Buchen kann man spezielle Hilfe anfordern. Die Bahnhöfe variieren: Größere Stationen sind barrierefrei, kleinere Haltepunkte nicht immer.
Lohnt sich das Interrail-Ticket für Norwegen?
Wenn man drei oder mehr längere Strecken fährt, ja. Ein einwöchiges Interrail-Ticket kostet ab 251 Euro und gilt in Norwegen unbegrenzt. Die Sitzplatzreservierung (50 NOK pro Fahrt) kommt dazu. Bei einer Rundreise über Bergen, Trondheim und zurück nach Oslo rechnet sich das schnell.
Welche Strecke ist die schönste?
Das ist subjektiv. Die Bergensbahn bietet die größte landschaftliche Vielfalt, die Flåmsbahn ist die dramatischste Kurzstrecke, die Raumabahn hat die wildeste Natur, und die Nordlandsbahn ist das ultimative Abenteuer. Wenn man nur eine Strecke schafft, ist die Bergensbahn die sichere Wahl.
Gibt es WLAN in den Zügen?
Alle Vy-Fernzüge haben kostenloses WLAN. Die Verbindung ist auf den Hochgebirgsstrecken allerdings lückenhaft, weil es dort weniger Mobilfunkmasten gibt. Für E-Mails reicht es, für Videostreaming eher nicht. In der Flåmsbahn gibt es kein WLAN.
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Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026