Trinkwasser in Norwegen
Das Leitungswasser in Norwegen gehört zum besten der Welt. In den meisten Städten kommt es direkt aus Gletscherseen und Bergquellen, wird minimal behandelt und schmeckt so frisch, wie Wasser nur schmecken kann. Flaschenwasser zu kaufen ist in Norwegen eine Geldverschwendung. Das sagen die Norweger selbst.
Ich trinke seit Jahren das Leitungswasser in Norwegen. In Oslo. In Bergen. In Tromsø. Auf Hütten, in Hotels, auf Campingplätzen. Nie hatte ich ein Problem. Die einzige Frage, die mir manchmal gestellt wird: Kann man auch das Wasser aus den Bächen trinken? Die Antwort ist komplizierter, als man denkt.
Leitungswasser: Ja, trinkbar
Norwegisches Leitungswasser ist überall trinkbar. In jeder Stadt, jedem Dorf, jeder Hütte, die ans Wassernetz angeschlossen ist. Es gibt keine Ausnahmen. Die norwegische Gesundheitsbehörde (Mattilsynet) überwacht die Wasserqualität streng. Die Grenzwerte für Verunreinigungen sind teilweise strenger als die EU-Richtlinien.
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Das Wasser kommt aus verschiedenen Quellen. In Oslo aus dem Maridalsvannet, einem See nördlich der Stadt. In Bergen aus dem Svartediket und dem Sædalen. In Tromsø aus dem Simavassdraget. In Trondheim aus dem Jonsvatnet. Alle diese Quellen sind geschützte Wassereinzugsgebiete, in denen weder gebadet noch geangelt werden darf.
Die Behandlung ist minimal. In den meisten Kommunen wird das Wasser gefiltert und mit UV-Licht desinfiziert. Chlor wird kaum eingesetzt. Das unterscheidet norwegisches Leitungswasser von dem in vielen anderen Ländern: Es schmeckt nicht nach Chemie. Es schmeckt nach nichts. Oder besser gesagt: Es schmeckt nach reinem Wasser.
In Ferienwohnungen und auf Campingplätzen mit eigenem Brunnen kann die Qualität abweichen. Wenn ein Schild "Ikke drikkevann" (Kein Trinkwasser) angebracht ist, sollte man das ernst nehmen. Das betrifft aber fast ausschließlich Gartenwasserhähne und Außenanlagen. Das Wasser in der Küche ist immer trinkbar.
Die Wasserqualität
Norwegen hat weiches Wasser. Der Kalkgehalt ist niedrig, weil der Untergrund aus Granit und Gneis besteht, nicht aus Kalkstein. Das hat praktische Folgen: Wasserkocher verkalken nicht. Kaffeemaschinen halten länger. Und die Seife schäumt besser als zu Hause.
Der pH-Wert des norwegischen Trinkwassers liegt zwischen 7,5 und 8,5. Leicht alkalisch. Der Chlorgehalt ist so niedrig, dass er kaum messbar ist. Fluorid wird dem Wasser nicht zugesetzt (im Gegensatz zu vielen anderen Ländern). Die norwegische Gesundheitsbehörde empfiehlt stattdessen fluoridhaltige Zahnpasta.
In den letzten Jahren gab es in einigen kleinen Kommunen vereinzelt Probleme mit der Wasserqualität. 2019 kam es in Askøy bei Bergen zu einem Ausbruch von Giardia über das Trinkwassernetz, als Oberflächenwasser in das Leitungssystem gelangte. Über 2.000 Menschen erkrankten. Der Vorfall führte zu strengeren Kontrollen und Investitionen in die Infrastruktur. Für Touristen in den großen Städten besteht kein Risiko.
Wasser aus Bächen und Seen
Die Versuchung ist groß. Da fließt ein kristallklarer Bach durch das Fjell, das Wasser sieht so saüber aus wie in einer Werbung, und die Trinkflasche ist leer. Kann man das trinken? Meistens ja. Aber mit Einschränkungen.
In Höhenlagen über 1.000 Meter, oberhalb der Baumgrenze, wo keine Weidetiere grasen und keine Hütten stehen, ist das Wasser in der Regel sauber. Je höher die Quelle, desto sicherer. Ein Bach, der direkt aus einem Schneefeld oder Gletscher kommt, ist so rein, wie Wasser sein kann.
In niedrigeren Lagen steigt das Risiko. Wo Schafe oder Rentiere weiden, können Fäkalien ins Wasser gelangen. Wo Hütten stehen, können Abwässer (auch wenn sie biologisch abbaubar sind) die Bäche belasten. In bewaldeten Gebieten unter 600 Meter sollte man Wasser aus stehenden Gewässern (Teiche, langsam fließende Bäche) nicht ohne Behandlung trinken.
Die Faustregel der norwegischen Wandervereine: Fließendes Wasser ist besser als stehendes. Kaltes Wasser ist besser als warmes. Wasser oberhalb der Baumgrenze ist besser als darunter. Und im Zweifelsfall: abkochen oder filtern.
Viele norwegische Wanderer trinken bedenkenlos aus Bergbächen. Ich tue das auch, wenn die Bedingungen stimmen: Höhenlage, fließendes Wasser, keine Weidetiere in Sicht. In über 15 Jahren hatte ich nie Probleme. Aber das ist keine Garantie. Jeder trifft diese Entscheidung selbst.
Giardia: Das unterschätzte Risiko
Giardia lamblia ist ein Parasit, der über kontaminiertes Wasser übertragen wird. Er verursacht Durchfall, Bauchkrämpfe und Übelkeit, die ein bis drei Wochen anhalten können. In Norwegen ist Giardia das häufigste durch Wasser übertragene Pathogen.
Der größte Giardia-Ausbruch in Norwegen ereignete sich 2004 in Bergen. Über 6.000 Menschen erkrankten, weil die Wasserversorgung des Svartediket kontaminiert war. Seitdem wurde die Aufbereitungsanlage modernisiert, und Bergen hat heute eine der modernsten Wasseraufbereitungen des Landes.
In der freien Natur tragen Biber, Rentiere und Schafe den Parasiten. Ihre Fäkalien gelangen ins Wasser. Der Parasit überlebt in kaltem Wasser monatelang. Man sieht ihn nicht, man riecht ihn nicht, man schmeckt ihn nicht. Klares Wasser kann trotzdem kontaminiert sein.
Wer das Risiko minimieren will, hat drei Möglichkeiten. Abkochen (eine Minute reicht, Giardia-Zysten sterben bei 70 Grad). Filtern mit einem Mikrofilter (Porengröße 0,2 Mikrometer oder kleiner). Oder chemische Desinfektion mit Tabletten (Chlordioxid, z.B. Micropur Forte). Alle drei Methoden sind sicher.
Wasser beim Wandern
Auf mehrtägigen Wanderungen im Fjell ist man auf natürliche Wasserquellen angewiesen. Zwei Liter pro Tag sind das Minimum. Bei warmem Wetter und Anstrengung eher drei. Schwere Wasserflaschen für die gesamte Tour mitzuschleppen ist nicht praktikabel.
In den norwegischen Nationalparks (Jotunheimen, Rondane, Hardangervidda) gibt es reichlich Wasser. Bäche kreuzen die Wege alle paar Kilometer. Im Sommer fließen Schmelzwasserbäche aus den Schneefeldern. An DNT-Hütten gibt es Trinkwasser, das aus der Leitung oder aus einem markierten Brunnen kommt.
Meine Ausrüstung für Wasserversorgung auf Wanderungen: Eine BPA-freie Trinkflasche (1 Liter) und einen Sawyer Mini-Wasserfilter (wiegt 56 Gramm). Den Filter benutze ich, wenn ich Wasser aus Quellen nehme, die unterhalb der Baumgrenze liegen oder bei denen Weidetiere in der Nähe sind. Hochgebirgswasser trinke ich ungefiltert.
Im Winter ist die Wasserversorgung anders. Bäche können zugefroren sein. Man schmilzt Schnee auf dem Kocher. Das dauert und verbraucht Brennstoff. Pro Liter Wasser braucht man etwa zwei Liter lockeren Schnee und 10 bis 15 Minuten auf dem Gaskocher. Auf Winterwanderungen deshalb mehr Brennstoff einplanen als im Sommer.
In den bewirtschafteten DNT-Hütten gibt es warmes und kaltes Wasser aus der Leitung. In den unbewirtschafteten Selbstversorgerhütten (selvbetjent) steht meistens ein Hinweis, ob das Wasser trinkbar ist oder abgekocht werden muss. Im Zweifelsfall abkochen.
Wasser kaufen
Wer trotzdem Flaschenwasser kaufen will: Ein halber Liter Mineralwasser kostet im norwegischen Supermarkt 20 bis 30 NOK. An Tankstellen und Kiosken bis zu 45 NOK. Das ist teuer für etwas, das aus dem Hahn kostenlos und besser kommt.
Die bekannteste norwegische Wassermarke ist Imsdal (gehört zu Ringnes/Carlsberg). Voss ist die Premiummarke, international bekannt für die zylindrische Glasflasche. In Norwegen selbst wird Voss eher belächelt. Die Norweger wissen, dass ihr Leitungswasser mindestens genauso gut ist.
In Restaurants bekommt man Leitungswasser kostenlos, wenn man danach fragt. "Kan jeg få et glass vann?" (Kann ich ein Glas Wasser haben?) reicht. Die meisten Restaurants stellen eine Karaffe auf den Tisch. Manche bringen automatisch Wasser zum Essen. Man muss nie Flaschenwasser im Restaurant bestellen, wenn man nicht will.
Nachhaltigkeit und Plastik
Norwegen hat ein Pfandsystem für Plastikflaschen (panteordning). 1 NOK für Flaschen bis 0,5 Liter, 3 NOK für größere. Die Rückgabequote liegt bei über 90 %. Pfandflaschen gibt man an Automaten in Supermärkten ab.
Trotzdem ist der beste Weg, Plastik zu vermeiden, eine wiederverwendbare Trinkflasche mitzunehmen und sie mit Leitungswasser zu füllen. Das spart Geld (20 bis 45 NOK pro Flasche) und produziert keinen Müll. In vielen öffentlichen Gebäuden und an Flughäfen gibt es Trinkwasserspender, an denen man kostenlos auffüllen kann.
Auf Campingplätzen gibt es immer Trinkwasserhähne. Auf Raststätten an den Hauptstraßen ebenfalls. Selbst an abgelegenen Parkplätzen in den Bergen findet man manchmal eine markierte Wasserquelle mit dem Hinweis "Drikkevann" (Trinkwasser).
Regionale Unterschiede
Oslo: Wasser aus dem Maridalsvannet. Weich, klar, geschmacksneutral. Die Aufbereitungsanlage Oset ist eine der modernsten Europas. UV-Desinfektion, keine Chlorung.
Bergen: Wasser aus mehreren Seen (Svartediket, Sædalen, Gullfjellet). Nach dem Giardia-Ausbruch 2004 wurde die Aufbereitung auf UV und Membranfiltration umgestellt. Die Qualität ist heute ausgezeichnet.
Trondheim: Wasser aus dem Jonsvatnet. Sehr weich, fast mineralfrei. Gut zum Kochen und für Kaffee.
Tromsø: Wasser aus dem Simavassdraget. Arktisch kalt, selbst im Sommer. Sehr gute Qualität.
Lofoten: Die Wasserversorgung variiert von Ort zu Ort. In Svolvær und Leknes kommt das Wasser aus lokalen Seen. Die Qualität ist gut, aber das Wasser kann in manchen Orten einen leichten Geschmack nach Torf haben. Unschädlich, aber gewöhnungsbedürftig.
Nordkap und Finnmark: Viele kleine Kommunen haben eigene Brunnen. Die Qualität ist in der Regel gut, aber die Infrastruktur ist teilweise älter. Das Wasser kann einen leichten Eisengeschmack haben.
Häufige Fragen
Kann man das Leitungswasser in Norwegen trinken?
Ja, überall. Norwegisches Leitungswasser gehört zum besten der Welt. Es wird streng überwacht und ist in allen Städten, Hotels und Ferienwohnungen bedenkenlos trinkbar.
Kann man Wasser aus Bergbächen trinken?
In Höhenlagen über 1.000 Meter, oberhalb der Baumgrenze, bei fließendem Wasser und ohne Weidetiere in der Nähe: meistens ja. Unterhalb der Baumgrenze oder bei Weidevieh in der Umgebung: besser filtern oder abkochen. Im Zweifel einen Wasserfilter benutzen.
Brauche ich einen Wasserfilter für Wanderungen?
Für Tageswanderungen nicht, wenn man genug Wasser mitnimmt und an DNT-Hütten auffüllt. Für mehrtägige Touren im Fjell ist ein leichter Filter (z.B. Sawyer Mini, 56 Gramm) eine sinnvolle Absicherung. Kostet ca. 300 NOK im Outdoor-Laden.
Bekomme ich in Restaurants kostenloses Leitungswasser?
Ja. Einfach nach "vann fra springen" (Wasser aus der Leitung) fragen. Die meisten Restaurants stellen kostenlos eine Karaffe auf den Tisch. Man muss kein Flaschenwasser bestellen.
Ist das Wasser auf Campingplätzen trinkbar?
Ja, Trinkwasserhähne auf Campingplätzen liefern Trinkwasser. Wenn ein Hahn mit "Ikke drikkevann" (Kein Trinkwasser) gekennzeichnet ist, nicht daraus trinken. Das betrifft manchmal Außenhähne, die nur für Spülzwecke gedacht sind.
Wie viel kostet Flaschenwasser in Norwegen?
20 bis 30 NOK für 0,5 Liter im Supermarkt. An Kiosken und Tankstellen bis 45 NOK. In Restaurants wird Leitungswasser kostenlos serviert. Eine wiederverwendbare Trinkflasche spart schnell viel Geld.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026