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Segeln in Norwegen
Fjorde, Schaeren und Küste unter Segeln

Segeln in Norwegen

14 Min. Lesezeit

Die Genua faengt den Wind, und das Boot legt sich leicht auf die Seite. Backbord die offene Nordsee, steuerbord eine Kette aus flachen Granitinseln, von der Sonne warmpoliert. Kein anderes Boot in Sicht. Die einzigen Nachbarn sind Seeadler, die über den Schaeren kreisen, und Robben, die auf einem Felsen faulenzen. So sieht ein Dienstagnachmittag in Suednorwegen aus, wenn man unter Segeln reist.

Ich bin 2018 zum ersten Mal an der norwegischen Küste gesegelt. Kristiansand bis Stavanger, zehn Tage, eine geliehene 38-Fuss-Yacht. Seitdem habe ich die Strecke in Teilen und in Variationen wiederholt. Jedes Mal entdecke ich neue Buchten, neue Inseln, neue Liegeplaetze. Norwegens Küste ist so lang und so verwinkelt, dass man ein ganzes Seglerleben damit fuellen kann.

Norwegen als Segelrevier

Norwegens Küste erstreckt sich über 2.650 Kilometer Luftlinie von Kristiansand im Sueden bis Kirkenes im Norden. Misst man alle Buchten, Fjorde und Inseln mit, kommt man auf über 100.000 Kilometer. Dazu kommen rund 50.000 Inseln. Das ist mehr Küste als ein Segler in einem Leben abfahren kann.

Der Golfstrom hält die Haefen ganzjaehrig eisfrei, selbst in Nordnorwegen. Die Gezeiten sind an der Westküste deutlich (bis zu 3 Meter Tidenhub), im Sueden geringer (unter 0,5 Meter). Wind gibt es reichlich: Die vorherrschende Windrichtung ist Suedwest, mit 3 bis 5 Beaufort im Sommer. Staerkerer Wind kommt aus Nordwest.

Segelboot in einem norwegischen Fjord
Unter Segeln im Fjord: Stille Gewässer zwischen hohen Bergen (KI-generiert)

Was Norwegen von anderen Segelrevieren unterscheidet, ist die Vielfalt. Im Sueden flache Schaeren wie in Schweden. Im Westen steile Fjorde, in die man tief hineinsegeln kann. Im Norden offenes Meer mit Inselketten. Und dazwischen: der Schutz des Skjaergard, der Schaerengarten vor der Küste, der wie ein natürlicher Wellenbrecher funktioniert. Man kann wochen lang segeln, ohne je in die offene See zu müssen.

Das Jedermannsrecht gilt auch für Segler. Man darf an jeder unbewohnten Küste ankern, solange man 150 Meter Abstand zu Wohnhaeusern hält. Man kann auch an privaten Stegen anlegen, wenn kein Schild das verbietet. In der Praxis bedeutet das: Man braucht keinen Hafen. Ein schöner Ankerplatz in einer geschuetzten Bucht, das Abendessen an Bord, und am nächsten Morgen weitersegeln.

Suednorwegen: Die Schaerenküste

Die Küste zwischen Kristiansand und Stavanger ist Norwegens beliebtestes Segelrevier. Hunderte flache, kahle Granitinseln liegen vor der Küste. Dazwischen schmale Sunde, geschuetzte Buchten und Naturhaefen, in denen nur eine Handvoll Boote Platz finden. Das Wasser ist im Sommer bis 18 Grad warm. Man kann baden, und Kinder können auf den flachen Felsen spielen.

Blindleia: Die geschuetzte Route

Die Blindleia ist ein schmaler, geschuetzter Wasserweg zwischen den Schaeren bei Lillesand. Motorboote dominieren hier, aber Segeln ist möglich, wenn der Wind stimmt. Die Blindleia war historisch die Hauptroute für Küstenschiffe, die den offenen Atlantik meiden wollten. Heute ist sie ein beliebtes Ausflugsgebiet mit kleinen Gaststätten auf den Inseln und gut markierten Ankerplaetzen.

Flekkefjord bis Stavanger

Dieser Abschnitt bietet die wildeste Küste Suednorwegens. Mehr Seegang, weniger Schutz, größere Distanzen zwischen den Haefen. Die Landschaft aendert sich: Die flachen Schaeren weichen hoeheren, steileren Inseln. Der Leuchtturm Lindesnes (Norwegens suedlichster Punkt) liegt hier. Bei gutem Wetter ist die Strecke herrlich. Bei Starkwind sollte man in einem Hafen bleiben.

Segelboote in einem kleinen norwegischen Hafen
Gasthafen an der suednorwegischen Küste: Anlegen, essen, schlafen (KI-generiert)

Westnorwegen: Segeln in den Fjorden

Bergen ist das Tor zu den Fjorden. Von hier segelt man in den Hardangerfjord, den Sognefjord oder den Nordfjord. Das Segeln in Fjorden unterscheidet sich grundlegend vom Küstensegeln. Die Winde sind unberechenbar: Thermik, Fallwinde von den Bergen, ploetzliche Boen. Manchmal steht der Wind im Fjord genau entgegengesetzt zum Wind auf dem offenen Meer.

Dafür ist das Wasser fast immer ruhig. Kein Seegang, keine langen Wellen. Die Berge schuetzen den Fjord. Man segelt in einem Becken aus Wasser und Fels, und die einzige Bewegung kommt vom Wind und von der eigenen Wake. Die Tiefen sind enorm: Der Sognefjord reicht bis 1.308 Meter. Ankern ist nur in den flachen Buchten am Ende der Seitenarme möglich.

Hardangerfjord

Der drittlängste Fjord Norwegens (179 Kilometer) und einer der am besten zum Segeln geeigneten. Die Ufer sind sanfter als am Sognefjord: Obstgaerten, Bauernhoefe, kleine Dörfer. Im Mai bluehen die Apfel- und Kirschbäume, und der Fjord duftet nach Frühling. Es gibt mehrere Gasthaefen (Norheimsund, Eidfjord, Odda) mit Strom, Wasser und Duschen. Liegegebuhren: 200 bis 400 NOK pro Nacht je nach Bootslange.

Solund und Vaerlandet

Nordwestlich von Bergen liegt Solund, Norwegens westlichste Gemeinde. Über 1.700 Inseln, die meisten unbewohnt. Das Revier ist exponierter als die suednorwegischen Schaeren, aber die Inseln bieten guten Schutz. Zwischen den Inseln findet man Ankerplaetze, die so abgelegen sind, dass man tagelang niemanden trifft. Seeadler nisten auf fast jeder größeren Insel. Im Wasser tummeln sich Robben.

Nordnorwegen und Lofoten

Segeln nördlich des Polarkreises ist eine andere Liga. Längere Distanzen, weniger Haefen, staerkere Winde, größerer Seegang. Aber auch: Mitternachtssonne, steile Berge, die direkt aus dem Meer aufsteigen, Wale, Papageientaucher, Nordlichter (im Herbst).

Segelboot vor der Küste der Lofoten
Segeln vor den Lofoten: Steile Berge treffen auf den Atlantik (KI-generiert)

Die Lofoten sind der Traum jedes Blauwasserseglers. Die Inselkette ragt wie eine Mauer aus dem Meer. Auf der Innenseite (Vestfjorden) ist das Wasser geschuetzt und relativ ruhig. Auf der Außenseite (Atlantik) kann es ruppig werden. Die besten Haefen sind Svolvaer, Henningsvaer, Reine und Kabelvag. Alle haben Gasthaefen mit guter Infrastruktur.

Die Strecke Bodo nach Svolvaer (etwa 100 Seemeilen) ist der klassische Einstieg ins Lofoten-Revier. Man überquert den Vestfjorden, was bei ruhigem Wetter sechs bis acht Stunden dauert. Bei Starkwind kann die Überfahrt unangenehm werden. Erfahrene Segler warten auf ein Wetterfenster mit Suedost (selten) oder schwachem Wind.

Mein bester Segeltag war im Juli vor Henningsvaer. Kein Wind, also Motor. Dann, ploetzlich, eine Brise aus Nordost. Segel hoch, Motor aus. Drei Stunden lief das Boot auf 6 Knoten, Kurs Sued, die Lofotenwand im Ruecken, Sonne um Mitternacht. Das war um halb eins nachts.

Chartern: Boot mieten in Norwegen

In Norwegen gibt es weniger Charteranbieter als im Mittelmeer, aber genug für eine gute Auswahl. Die Flotten bestehen hauptsaechlich aus Segelyachten zwischen 35 und 50 Fuss, die meisten von Bavaria, Hanse oder Jeanneau.

Charterbasen

Die wichtigsten Charterbasen liegen in Bergen, Stavanger, Kristiansand, Tromso und auf den Lofoten. Bergen hat die größte Auswahl. Zwei bis drei Anbieter stellen dort Flotten von 10 bis 20 Booten. In Tromso und auf den Lofoten ist die Auswahl kleiner (drei bis fünf Boote pro Anbieter), die Preise hoeher.

Preise

Charterpreise in Norwegen liegen über dem Mittelmeer-Niveau.

  • 35 bis 38 Fuss, Suednorwegen: 18.000 bis 25.000 NOK pro Woche (Hochsaison Juli/August)
  • 40 bis 45 Fuss, Bergen/Fjorde: 25.000 bis 35.000 NOK pro Woche
  • 38 bis 42 Fuss, Lofoten: 28.000 bis 40.000 NOK pro Woche
  • Skipper (optional): 2.500 bis 3.500 NOK pro Tag plus Verpflegung
  • Endreinigung: 1.500 bis 2.500 NOK (obligatorisch)

Für den Bareboat-Charter braucht man einen Sportbootfuehrerschein See (oder ein internationales Aequivalent) und Segelerfahrung. Die meisten Anbieter verlangen den Nachweis von mindestens 500 Seemeilen als Skipper. Wer das nicht hat, bucht einen Skipper dazu.

Chartersegelboot in einer norwegischen Bucht
Charterboot in einer geschuetzten Bucht: Das Tor zur norwegischen Küste (KI-generiert)

Haefen und Ankerplaetze

Norwegen hat ein dichtes Netz an Gasthaefen (gjestebrygger). Entlang der Küste findet man alle 10 bis 30 Seemeilen einen Hafen. Die meisten bieten Strom (30 bis 50 NOK pro Nacht), Wasser, Duschen und Toiletten. Liegeplatzgebuhren variieren stark: von 150 NOK in kleinen Fischerdörfern bis 500 NOK in beliebten Sommerorten wie Grimstad oder Mandal.

Viele Segler meiden Haefen und ankern lieber in natürlichen Buchten. Das ist kostenlos (Jedermannsrecht) und oft schöner. Die besten Ankerplaetze sind geschuetzte Buchten mit Sandgrund in 3 bis 8 Metern Tiefe. In den Schaeren findet man solche Plaetze überall. In den Fjorden ist es schwieriger, weil der Grund oft steil abfaellt und erst in großer Tiefe flach wird.

Norwegische Segler nutzen haeufig "Landgang": Man faehrt in eine schmale Bucht, legt eine Leine um einen Felsen am Ufer und ankert mit dem Bug Richtung offenes Wasser. So liegt man fest, geschuetzt und nah am Land. Diese Technik ist in den Schaeren verbreitet und funktioniert auch für Charteryachten.

Navigation in norwegischen Gewässern erfordert Aufmerksamkeit. Die Küste ist zerklüftet, mit unzaehligen Untiefen, Felsen und Engen. Norwegische Seekarten (von Kartverket) sind detailliert und zuverlaessig. Elektronische Seekarten (C-MAP oder Navionics) decken die gesamte Küste ab.

Die größten Gefahren beim Segeln in Norwegen:

  • Fallwinde in Fjorden: Katabatische Winde können ploetzlich und heftig sein. Sie fallen von den Bergen herab und treffen das Wasser in Boen, die 20 bis 30 Knoten staerker sein können als der Grundwind.
  • Gezeiten und Stroemung: In engen Sunden und Fjordmuendungen können Gezeitenstroemungen 5 bis 8 Knoten erreichen. Der Saltstraumen bei Bodo hat 22 Knoten. Gegen die Tide zu fahren ist unmöglich.
  • Untiefen: Viele Felsen liegen knapp unter der Wasseroberflaeche. Sorgfältiges Navigieren und aktuelles Kartenmaterial sind Pflicht.
  • Schnelle Wetterwechsel: Besonders an der Westküste kann das Wetter innerhalb einer Stunde von Sonnenschein zu Sturm umschlagen. Immer yr.no checken.

Ein UKW-Funkgeraet ist Pflicht. AIS (Automatic Identification System) ist dringend empfohlen, besonders in der Naehe von Schiffsrouten und Faehrstrecken. Rettungswesten mit automatischer Auslösung sollten alle Crewmitglieder tragen, wenn sie an Deck sind.

Beste Segelzeit

Juni: Lange Tage (bis 22 Stunden Licht in Suednorwegen, Mitternachtssonne im Norden). Guter Wind. Wassertemperaturen steigend (10 bis 14 Grad). Weniger Betrieb als Juli. Mein Lieblingsmonat.

Juli: Hauptsaison. Waermstes Wasser (14 bis 18 Grad). Viel Betrieb in den populaeren Haefen. Längste Tage. Beste Bedingungen für Familien mit Kindern, die auch schwimmen wollen.

August: Immer noch warm, aber die Nächte werden wieder länger. Weniger Betrieb als Juli. Ab Mitte August leeren sich die Haefen. Die Einheimischen gehen zurück an die Arbeit. Gute Zeit für Segler, die Ruhe suchen.

Segelboot bei Sonnenuntergang an der norwegischen Küste
Abendstimmung an der norwegischen Küste: Der Lohn langer Segeltage (KI-generiert)

Mai und September: Nebensaison. Kühlere Temperaturen (8 bis 12 Grad Luft), aber guter Wind und leere Haefen. Charterpreise sind 30 bis 40 Prozent guenstiger. Für erfahrene Segler, die nicht auf Badewetter angewiesen sind.

Kosten und Planung

Segeln in Norwegen ist nicht billig. Das Land ist teuer, und die Nebenkosten summieren sich.

Eine typische Woche für vier Personen auf einer 38-Fuss-Charteryacht:

  • Chartergebuhr: 22.000 NOK
  • Diesel: 1.500 NOK
  • Liegeplatzgebuhren (5 Nächte Hafen, 2 Nächte Anker): 1.500 NOK
  • Lebensmittel (an Bord kochen): 5.000 NOK
  • Restaurantbesuche (2 Abende): 3.000 NOK
  • Endreinigung: 2.000 NOK
  • Gesamt: ca. 35.000 NOK (ca. 3.000 Euro)

Pro Person sind das 8.750 NOK (ca. 750 Euro) für eine Woche Segelurlaub inklusive Unterkunft und Verpflegung. Das ist vergleichbar mit einem Mittelklasse-Hotel in Norwegen, bietet aber deutlich mehr Freiheit und Erlebnis.

Tipp zum Sparen: An Bord kochen statt im Restaurant essen. Norwegische Supermaerkte (Rema 1000, Kiwi, Coop) haben gute Auswahl und faire Preise für Grundnahrungsmittel. Fisch kann man direkt von Fischern kaufen oder selbst angeln (Angelschein für Salzwasser nicht nötig).

Haeufige Fragen

Braucht man einen Fuehrerschein zum Segeln in Norwegen?

Für eigene Boote unter 15 Metern Länge und unter 25 Knoten Geschwindigkeit braucht man in Norwegen keinen Fuehrerschein. Charteranbieter verlangen aber in der Regel einen Sportbootfuehrerschein See oder ein aequivalentes internationales Zertifikat plus Segelnachweis.

Wie ist das Wetter zum Segeln in Norwegen?

Im Sommer (Juni bis August) liegen die Lufttemperaturen bei 15 bis 22 Grad, die Wassertemperaturen bei 12 bis 18 Grad. Wind herrscht vorwiegend aus Suedwest mit 3 bis 5 Beaufort. Regen kommt vor, besonders an der Westküste. Vollstaendig regenfreie Wochen sind selten.

Kann man auch mit wenig Erfahrung in Norwegen segeln?

Die suednorwegische Schaerenküste ist für Segler mit Grundkenntnissen geeignet: geschuetzte Gewässer, kurze Distanzen, viele Haefen. Fjorde und Nordnorwegen erfordern mehr Erfahrung wegen Fallwinden und längerer Strecken. Wer unsicher ist, bucht einen Skipper dazu (2.500 bis 3.500 NOK pro Tag).

Was kostet eine Charterwoche in Norwegen?

Eine 38-Fuss-Yacht in Suednorwegen kostet in der Hochsaison ab 18.000 NOK pro Woche. In Bergen ab 25.000 NOK. Auf den Lofoten ab 28.000 NOK. Nebensaison (Mai/September) ist 30 bis 40 Prozent guenstiger. Dazu kommen Diesel, Liegeplatzgebuhren und Endreinigung.

Darf man überall ankern?

Grundsaetzlich ja, dank des Jedermannsrechts. Man darf in natürlichen Buchten und vor unbewohnten Küsten ankern, solange man 150 Meter Abstand zu Wohnhaeusern hält. In Naturschutzgebieten und in der Naehe von Aquakulturanlagen gelten Einschraenkungen. Hafengebuhren fallen nur in Gasthaefen an.

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Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026