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Norwegen oder Schweden?
Der ehrliche Vergleich

Norwegen oder Schweden?

15 Min. Lesezeit

Die Frage kommt in jeder Skandinavien-Reisegruppe auf: Norwegen oder Schweden? Beide Laender teilen sich eine Halbinsel, eine ähnliche Sprache und den Ruf, teuer zu sein. Trotzdem koennten sie als Reiseziele kaum unterschiedlicher sein. Ich war in beiden Laendern jeweils mehrfach unterwegs und habe mir vorgenommen, diese Frage endlich ehrlich zu beantworten. Ohne Diplomatie.

Vorweg: Es gibt kein besseres oder schlechteres Land. Es gibt das Land, das besser zu dir passt. Und das haengt davon ab, was du suchst. Dramatische Natur oder stille Weite. Abenteuer oder Gemuetlichkeit. Budget oder Erlebnis. Dieser Vergleich soll helfen, die richtige Wahl zu treffen.

Zwei Laender, eine Halbinsel

Norwegen und Schweden teilen sich die Skandinavische Halbinsel. Das Skandinavische Gebirge bildet die natürliche Grenze. Westlich fallen die Berge steil zu den norwegischen Fjorden ab. Oestlich senken sie sich sanft in die schwedischen Walder und Seenlandschaften. Diese Topographie erklaert vieles: Norwegens Dramatik, Schwedens Gelassenheit.

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Norwegen hat 5,5 Millionen Einwohner auf 385.000 Quadratkilometern. Schweden bringt 10,5 Millionen auf 450.000 Quadratkilometer. Schweden ist also dichter besiedelt, fuehlt sich aber trotzdem leer an. Größe Teile Nordschwedens sind praktisch menschenleer. In Norwegen konzentriert sich die Bevoelkerung entlang der Küste, während das Landesinnere aus Hochebenen und Gebirge besteht.

Gegenüberstellung eines norwegischen Fjords und eines schwedischen Sees
Links die steilen Fjorde Norwegens, rechts die sanften Seen Schwedens (KI-generiert)

Natur: Fjorde gegen Seen

Norwegens Natur ist vertikal. Berge ragen aus dem Meer, Wasserfaelle stuerzen hunderte Meter in die Tiefe, Fjorde schneiden sich wie Messer ins Land. Die Landschaft ist theatralisch. Man steht am Rand einer Klippe und schaut 600 Meter hinab auf tuerkisfarbenes Wasser. Das laesst sich nicht steigern.

Schwedens Natur ist horizontal. Endlose Waelder, über 100.000 Seen, sanfte Huegel. Die Schoenheit liegt nicht im Spektakel, sondern in der Weite und Stille. Ein Morgen am See irgendwo in Smaland, wenn Nebel über dem Wasser liegt und kein Mensch zu sehen ist, hat eine andere Qualitaet als ein Fjordpanorama. Weniger dramatisch, dafür intimer.

Norwegische Berglandschaft neben schwedischem Waldpanorama
Norwegen beeindruckt mit Hoehe, Schweden mit Tiefe und Stille (KI-generiert)

Norwegen punktet bei: Fjorden, Gletschern, Küste, Nordkap, Lofoten, Polarregion. Wer spektakulaere Fotos will, wer mit offenem Mund auf einem Bergpass stehen will, der faehrt nach Norwegen.

Schweden punktet bei: Seen, Waeldern, Schaeren, Mittsommerstimmung. Wer Ruhe sucht, wer tagelang durch Wald wandern will ohne eine Menschenseele zu treffen, wer das Kanu dem Ausflugsboot vorzieht, der faehrt nach Schweden.

Beide Laender haben sehr gute Nordlichtbedingungen nördlich des Polarkreises. In Tromso und Abisko stehen die Chancen gleich gut. Allerdings hat Schwedens Abisko ein trockenes Mikroklima, das für klarere Naechte sorgt. Norwegens Küstenwetter bringt mehr Wolken mit sich.

Kosten: Was gibt man wirklich aus?

Norwegen ist teurer als Schweden. Das ist keine Überraschung. Aber der Unterschied ist größer als viele denken.

Preisvergleich zwischen einem norwegischen und schwedischen Supermarkt
Im direkten Preisvergleich liegt Schweden deutlich unter Norwegen (KI-generiert)

Preisvergleich (Durchschnittswerte):

  • Bier im Restaurant: Norwegen 100 NOK (9,20 EUR) / Schweden 75 SEK (6,50 EUR)
  • Hauptgericht Restaurant: Norwegen 280 NOK (25,80 EUR) / Schweden 180 SEK (15,60 EUR)
  • Campingplatz (Zelt): Norwegen 250 NOK (23 EUR) / Schweden 200 SEK (17,30 EUR)
  • Hotelzimmer: Norwegen 1.400 NOK (129 EUR) / Schweden 1.000 SEK (87 EUR)
  • Benzin pro Liter: Norwegen 20 NOK (1,84 EUR) / Schweden 18 SEK (1,56 EUR)
  • Supermarkt Tageseinkauf: Norwegen 200 NOK (18,40 EUR) / Schweden 150 SEK (13 EUR)

Auf zwei Wochen gerechnet gibt ein sparsamer Reisender in Norwegen rund 30 Prozent mehr aus als in Schweden. Bei Paaren und Familien summiert sich das auf mehrere hundert Euro Unterschied. Norwegens Preisniveau gehört zu den höchsten der Welt. Schweden liegt ebenfalls über dem europaeischen Durchschnitt, aber ein ganzes Stück unter Norwegen.

Der Trick in Norwegen: Die besten Erlebnisse kosten nichts. Wandern, Wildcampen, Fjorde bestaunen. In Schweden sind die Kulturangebote guenstiger und die Restaurants erschwinglicher. Wer gerne ausgeht und Museen besucht, kommt in Schweden besser weg. Wer draußen lebt und selber kocht, spürt den Unterschied weniger.

Städte im Vergleich

Oslo und Stockholm im staedtebaulichen Vergleich
Beide Hauptstaedte verbinden Wasser mit urbanem Leben (KI-generiert)

Oslo gegen Stockholm: Oslo hat sich in den letzten Jahren rasant veraendert. Die Uferpromenade, das Munch Museum, das Barcode-Viertel. Die Stadt ist modern, kompakt und in einem halben Tag per Rad erkundbar. Stockholm ist größer, älter, opulenter. Die Altstadt Gamla Stan, die Vasa, die Schaeren vor der Haustuer. Stockholm hat mehr Substanz, Oslo mehr Dynamik.

Bergen gegen Goeteborg: Bergen lebt von Bryggen, dem Fischmarkt und den sieben Bergen. Die Stadt ist fotogen und touristisch. Goeteborg ist lockerer, juenger, weniger besucht. Die Fischkirche Feskekoerka, das Viertel Haga, die Schaeren. Wer Trubel meiden will, waehlt Goeteborg. Wer ein Postkartenmotiv sucht, waehlt Bergen.

Tromso gegen Kiruna: Beide Städte liegen nördlich des Polarkreises. Tromso ist eine richtige Stadt mit 70.000 Einwohnern, Universitaet und Nachtleben. Kiruna ist kleiner und industrieller, bietet aber das Icehotel in Jukkasjaervi und den Zugang zum Abisko Nationalpark. Für Nordlichtjagd ist Kiruna die bessere Basis, für arktisches Stadtleben Tromso.

Essen und Trinken

Norwegische und schwedische Spezialitaeten nebeneinander
Beide Kuechen setzen auf frische Zutaten aus Meer und Wald (KI-generiert)

Die norwegische Kueche dreht sich um Fisch. Lachs, Kabeljau, Heilbutt, Garnelen. Dazu kommt der Brunost, der braune Kaese mit Karamellgeschmack, den man entweder liebt oder hasst. Rentier und Elch stehen in Nordnorwegen auf der Karte. Die Kueche ist deftig und ehrlich. Wenige Zutaten, gute Qualitaet.

Schweden hat eine breitere kulinarische Palette. Die Koeettbullar (Fleischbaellchen) kennt jeder, aber die schwedische Kueche geht weit darüber hinaus. Gravad Lax, Sill (eingelegter Hering in dutzenden Varianten), Semla, Kanelbullar, Surstroemming. Die Fika-Kultur, die schwedische Kaffeepause mit Gebaeck, hat in Norwegen kein echtes Pendant.

Beim Alkohol gelten in beiden Laendern strenge Regeln. In Norwegen kauft man Wein und Spirituosen im staatlichen Vinmonopolet, in Schweden im Systembolaget. Die Preise in Norwegen sind dabei noch einmal 20 bis 30 Prozent hoeher als in Schweden. Ein Flasche Wein im Vinmonopolet kostet ab 130 NOK (12 Euro), im Systembolaget ab 80 SEK (7 Euro).

In Restaurants ist der Unterschied noch deutlicher. Ein Drei-Gaenge-Menue in einem guten Restaurant kostet in Oslo 800 bis 1.200 NOK, in Stockholm 600 bis 900 SEK. Das ist in absoluten Eurobetraegen ein Unterschied von 20 bis 30 Euro. Wer drei Wochen reist und regelmaessig ausgeht, spart in Schweden leicht 500 Euro.

Wandern und Outdoor

Beide Laender gehören zu den besten Wanderlaendern Europas. Beide haben das Jedermannsrecht, das Wildcampen und freies Wandern erlaubt. Die Unterschiede liegen im Charakter der Landschaft.

Norwegens Wanderungen sind oft steil und ausgesetzt. Der Trolltunga, der Preikestolen, der Besseggen-Grat. Die Touren fuehren auf Felsvorspruenge, über schmale Grate, entlang tiefer Abgründe. Die Belohnung sind Aussichten, die den Atem rauben. Die Herausforderung ist real: Norwegische Berge erfordern Trittsicherheit und gute Ausrüstung.

Schwedens Wanderungen sind laenger und meditativer. Der Kungsleden (440 Kilometer von Abisko nach Hemavan) fuehrt durch Hochgebirge und Birkenwaelder. Man wandert tagelang durch Einsamkeit. Die Aufstiege sind sanfter, das Gelaende weniger technisch. Dafür braucht man Ausdauer und die Bereitschaft, tagelang allein zu sein.

Für Paddler ist Schweden das bessere Land. Die 100.000 Seen bieten endlose Möglichkeiten. Kanutrails durch Dalsland, Vaermland und Smaland sind gut markiert. In Norwegen paddelt man auf Fjorden, was stark ist, aber weniger Routenvielfalt bietet. Seekajak auf den Lofoten ist allerdings ein Erlebnis, das Schweden nicht ersetzen kann.

Beim Angeln hat Norwegen die Nase vorn. Meeresangeln ist überall kostenlos und die Fischgründe gehören zu den besten Europas. Dorsch, Heilbutt, Seeforelle. In Schweden braucht man für fast jedes Gewässer eine Angelkarte (Fiskekort), die zwischen 50 und 200 SEK pro Tag kostet. Die Qualitaet des Fischens ist in beiden Laendern sehr gut.

Anreise und Fortbewegung

Von Deutschland aus ist Schweden einfacher zu erreichen. Die Faehre von Travemunde nach Trelleborg faehrt taeglich und kostet ab 100 Euro mit Auto. Alternativ über die Oeresundbruecke ab Kopenhagen. Norwegen erreicht man per Faehre ab Kiel (20 Stunden) oder ab Hirtshals in Daenemark (3,5 Stunden nach Kristiansand).

Innerhalb der Laender unterscheidet sich die Infrastruktur. Schweden hat ein gut ausgebautes Autobahnnetz im Sueden. Die Strecke Stockholm nach Goeteborg laesst sich in vier Stunden fahren. In Norwegen gibt es praktisch keine Autobahnen außerhalb der Grossstaedte. Die Straßen sind kurvig, von Tunneln und Faehren unterbrochen. Was auf der Karte nach 200 Kilometern aussieht, dauert oft vier Stunden.

Maut ist in Norwegen ein staendiger Begleiter. Tunnel, Bruecken, Stadtdurchfahrten. In zwei Wochen können 2.000 bis 4.000 NOK (185 bis 370 Euro) zusammenkommen. In Schweden gibt es kaum Maut, nur die Oeresundbruecke und vereinzelte Straßenabschnitte.

Der oeffentliche Verkehr ist in Schweden zuverlaessiger und guenstiger. SJ (Schwedens Bahn) bietet Frühbuchertickets ab 195 SEK für lange Strecken. Norwegens Vy hat Minipris-Tickets ab 249 NOK. Die Bergensbahn in Norwegen ist spektakulaerer, aber Schwedens Inlandsbanan von Kristinehamn nach Gaellivare ist die laengere und abenteuerlichere Reise.

Für wen eignet sich welches Land?

Norwegen ist die richtige Wahl für dich, wenn:

Du spektakulaere Naturerlebnisse suchst. Du gerne wanderst und koerperlich fit bist. Du bereit bist, mehr Geld auszugeben. Du das Nordkap oder die Lofoten sehen willst. Du Meerangeln liebst. Du Roadtrips auf kurvigen Straßen geniesst.

Schweden ist die richtige Wahl für dich, wenn:

Du Ruhe und Einsamkeit suchst. Du mit der Familie reist und ein entspannteres Tempo bevorzugst. Du ein begrenztes Budget hast. Du Kanu oder Kajak fahren willst. Du die skandinavische Kultur intensiv erleben moechtest (Fika, Mittsommer, Design). Du staedte lieber in Ruhe erkundest als im Touristenstrom.

Und dann gibt es den dritten Weg: Beide Laender kombinieren. Von Oslo nach Bergen, über die Berge nach Schweden, durch Dalarna und Vaermland zurück. Oder den Norden: Tromso, Lofoten, rüber nach Schwedisch-Lappland und Abisko. Die Grenze ist unsichtbar und die Landschaft veraendert sich fliessend.

Haeufige Fragen

Welches Land ist für Erstbesucher besser geeignet?

Schweden ist einsteigerfreundlicher: guenstiger, einfacher zu bereisen und mit weniger logistischem Aufwand verbunden. Norwegen liefert dafür das staerkere Wow-Erlebnis. Wer spektakulaere Bilder will und bereit ist, mehr zu planen und zu zahlen, beginnt mit Norwegen.

Kann man beide Laender in zwei Wochen kombinieren?

Ja, das geht gut. Eine beliebte Route: Oslo, Bergen (Norwegen), dann mit der Faehre nach Stavanger und weiter über Kristiansand nach Schweden. Oder im Norden: Tromso, Lofoten, Narvik, dann rüber nach Abisko und Kiruna in Schweden.

Wo sind die Nordlichter besser zu sehen?

In beiden Laendern gleichermassen gut, solange man nördlich des Polarkreises ist. Schwedens Abisko hat statistisch die klarsten Naechte wegen des Regenschattens der Berge. Tromso in Norwegen bietet mehr Infrastruktur und gefuehrte Touren. Beide Standorte eignen sich von Oktober bis Maerz.

Welches Land ist familienfreundlicher?

Schweden. Die Campingplaetze sind besser auf Familien eingestellt, mit Spielplaetzen und Badestraenden. Die Preise sind niedriger, das Tempo entspannter. Astrid Lindgrens Vaerld in Vimmerby begeistert Kinder jedes Alters. Norwegen bietet mit dem Kristiansand Dyrepark und den Fjordkreuzfahrten ebenfalls Familienoptionen, aber auf einem hoeheren Preisniveau.

Gilt das Jedermannsrecht in beiden Laendern gleich?

Im Grundsatz ja. In beiden Laendern darf man in der Natur zelten, solange man Abstand zu Haeusern hält (Norwegen: 150 Meter, Schweden: Sichtweite). Schweden erlaubt eine Nacht am selben Ort, Norwegen zwei Naechte. In beiden Laendern darf man Beeren und Pilze sammeln. Der größte praktische Unterschied: In Schweden ist Feuer machen strenger reguliert als in Norwegen.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.