Nordkap im Winter
Die meisten Touristen kommen im Sommer zum Nordkap, wenn die Mitternachtssonne den Horizont nie ganz verlässt und die Reisebusse im Minutentakt anrollen. Aber das Nordkap im Winter ist eine völlig andere Erfahrung. Hier gibt es keine Mitternachtssonne. Hier gibt es die Polarnacht. Von Mitte November bis Ende Januar geht die Sonne überhaupt nicht auf. Der Himmel ist dunkelblau, manchmal violett, manchmal schwarz. Und genau das macht den Reiz aus.
Ich war Ende Januar dort, am letzten Tag der Polarnacht. Die Sonne hatte sich seit zwei Monaten nicht gezeigt, aber an diesem Tag tauchte am Horizont ein schmaler Streifen rosa-oranges Licht auf. Mehr nicht. Er blieb etwa 20 Minuten, dann wurde es wieder dunkel. Aber diese 20 Minuten waren die schönsten, die ich je erlebt habe. Das Licht lag auf dem Schnee, auf den Felsen, auf dem Meer, und alles leuchtete in Farben, für die ich keine Worte habe.
Warum im Winter ans Nordkap?
Die ehrliche Antwort: Weil es so anders ist. Im Sommer ist das Nordkap eine Touristenattraktion mit Souvenirshop, Café und Gruppenfoto vor der berühmten Weltkugel. Im Winter ist es ein Abenteuer. Die Straße dorthin kann gesperrt sein. Das Wetter kann innerhalb von Minuten umschlagen. Die Temperaturen liegen bei minus 10 bis minus 25 Grad. Und man hat das Plateau fast für sich allein.
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Es gibt noch einen Grund: Nordlichter. Das Nordkap liegt auf 71 Grad nördlicher Breite, mitten im Nordlichtoval, dem Bereich, in dem die Chancen auf Polarlichter am größten sind. In einer klaren Winternacht kann man vom Nordkap-Plateau aus Nordlichter sehen, die über das Meer tanzen, und es gibt kein Kunstlicht, das sie stört. Nur das Dunkel, das Meer und das grüne Leuchten am Himmel.
Und dann ist da die Stille. Im Sommer stehen hier Hunderte von Menschen, reden, fotografieren, telefonieren. Im Winter steht man allein auf dem Plateau, und das einzige Geräusch ist der Wind. Der Wind, der seit der Eiszeit hier weht, ohne Unterbrechung, ohne Hindernis, über das offene Meer aus der Arktis. Er ist kalt und schneidend und er erinnert einen daran, wo man ist: am Rand der bewohnbaren Welt.
Die Anreise durch die Dunkelheit
Die Anreise zum Nordkap im Winter ist selbst schon ein Erlebnis. Die meisten Reisenden fliegen nach Honningsvåg, der nächstgelegenen Stadt, die von Tromsø aus mit Widerøe-Flügen erreichbar ist. Von Honningsvåg sind es noch 34 Kilometer bis zum Nordkap, über die E69, eine Straße, die sich durch die verschneite Finnmarkslandschaft windet.
Im Winter kann diese Straße gesperrt sein. Bei starkem Schneefall, bei Sturm oder bei Lawinengefahr macht die Straßenverwaltung die Schranken dicht, und dann hilft kein Bitten und kein Betteln. Man muss warten, bis die Straße geräumt und freigegeben ist. Manchmal dauert das ein paar Stunden, manchmal einen ganzen Tag. Es gehört zum Nordkap-Erlebnis im Winter dazu, dass man nicht sicher sein kann, ob man überhaupt hinkommt.
Wer mit dem eigenen Auto anreist, sollte Winterreifen mit Spikes haben (in Norwegen im Winter Pflicht) und Erfahrung mit dem Fahren auf Schnee und Eis mitbringen. Die E69 ist eng, kurvenreich und im Winter oft vereist. Schneeverwehungen können die Straße innerhalb von Minuten unpassierbar machen. Ein Allradfahrzeug ist empfehlenswert, aber kein Muss, solange die Straße geräumt ist.
Die Alternative zum Selbstfahren sind geführte Touren ab Honningsvåg, die mit Bussen oder Geländewagen zum Nordkap fahren. Die Guides kennen die Straße und die Wetterbedingungen und wissen, wann man fahren kann und wann nicht. Die meisten Touren dauern drei bis vier Stunden und kosten zwischen 800 und 1.200 NOK pro Person.
Der Nordkapptunnel
Auf dem Weg zum Nordkap durchquert man den Nordkapptunnel (Nordkapptunnelen), einen 6.870 Meter langen Unterwassertunnel, der die Insel Magerøya mit dem Festland verbindet. Der Tunnel wurde 1999 eröffnet und ist einer der nördlichsten Unterseetunnel der Welt. Er führt bis zu 212 Meter unter den Meeresspiegel und hat eine Steigung von bis zu 9 Prozent.
Die Durchfahrt ist mautfrei (seit 2012, vorher musste man zahlen) und ein seltsames Erlebnis. Man fährt in den Berg hinein, es geht steil bergab, die Tunnelwände sind feucht und glänzend, und man hat das Gefühl, immer tiefer in die Erde einzutauchen. Am tiefsten Punkt, unter dem Meeresgrund, gibt es eine kleine Ausbuchtung mit blauer Beleuchtung, die an das Meer über einem erinnert. Dann geht es wieder bergauf, und plötzlich ist man auf Magerøya, der Insel, auf der das Nordkap liegt.
Vor dem Bau des Tunnels musste man mit der Fähre übersetzen, was im Winter oft wegen Sturm und Eis unmöglich war. Der Tunnel hat das Nordkap ganzjährig erreichbar gemacht, zumindest theoretisch. In der Praxis sorgt das Wetter auf der E69 nach dem Tunnel immer noch für regelmäßige Sperrungen.
Die Nordkap-Kugel im Schnee
Das Wahrzeichen des Nordkaps ist die Weltkugel (Globusen), eine Metallskulptur auf dem 307 Meter hohen Plateau, die seit 1978 dort steht. Im Sommer ist sie von Touristen umlagert, die ihre Fotos machen wollen. Im Winter steht sie einsam und verschneit auf dem Felsvorsprung, umgeben von Schnee und Dunkelheit.
Im Winter wirkt die Kugel ganz anders als im Sommer. Der Schnee liegt auf den Metallstreben, Eiskristalle funkeln im Licht der Scheinwerfer, und der Wind pfeift durch die offene Konstruktion. Dahinter fällt das Plateau 307 Meter senkrecht ins Eismeer ab. Man spürt die Gewalt der Natur hier mit jeder Faser. Das Nordkap ist im Winter kein Fotospot. Es ist ein Ort, an dem man begreift, wie klein der Mensch ist.
Das Plateau selbst ist im Winter oft vereist und schneebedeckt. Festes Schuhwerk mit griffiger Sohle ist Pflicht. Die Windgeschwindigkeiten können 100 Stundenkilometer erreichen, und bei solchem Wind fühlen sich minus 10 Grad wie minus 30 an. Eine Sturmhaube, Skihandschuhe und eine winddichte Jacke sind keine Empfehlung, sondern Überlebensausrüstung.
Polarnacht am Nordkap
Die Polarnacht (mørketid) dauert am Nordkap von etwa dem 20. November bis zum 22. Januar. In dieser Zeit geht die Sonne nicht über den Horizont. Das bedeutet aber nicht, dass es 24 Stunden lang stockfinster ist. Um die Mittagszeit gibt es eine Phase der sogenannten "blauen Stunde", in der der Himmel ein tiefes, fast überirdisches Blau annimmt. Es ist nicht hell genug zum Lesen, aber hell genug, um die Landschaft zu erkennen.
Diese blaue Stunde ist für mich das schönste Licht, das ich je gesehen habe. Es ist ein Blau, das es in südlicheren Breiten nicht gibt. Es liegt auf dem Schnee, auf dem Eis, auf dem Meer, und es macht alles weich und unwirklich. Die Konturen der Landschaft verschwimmen, die Grenze zwischen Himmel und Meer löst sich auf, und man hat das Gefühl, in einer Welt aus blauem Licht zu schweben.
Die Polarnacht ist für viele Besucher aus Mitteleuropa eine ungewohnte Erfahrung. Man wacht im Dunkeln auf, isst Frühstück im Dunkeln, geht raus in die blaue Stunde, und um 14 Uhr ist es schon wieder dunkel. Das kann belastend sein, wenn man es nicht gewohnt ist. Die Norweger in der Finnmark gehen damit pragmatisch um. Sie haben helle Lampen in ihren Häusern, trinken viel Kaffee und wissen, dass die Sonne irgendwann wiederkommt.
Nordlichter über dem Nordkap
Das Nordkap ist einer der besten Orte in Europa, um Nordlichter zu sehen. Die Lage auf 71 Grad Nord, weit weg von Lichtverschmutzung, mit freier Sicht nach Norden über das offene Meer, bietet ideale Bedingungen. Von Oktober bis März sind Nordlichter möglich, die besten Monate sind November bis Februar.
Eine Garantie gibt es natürlich nicht. Nordlichter brauchen zwei Dinge: Sonnenaktivität und klaren Himmel. Die Sonnenaktivität kann man im Voraus prüfen (es gibt Apps und Websites, die die Wahrscheinlichkeit vorhersagen), aber das Wetter am Nordkap ist unberechenbar. Es kann innerhalb von Minuten von klar auf bewölkt umschlagen und umgekehrt. Wer flexibel ist und mehrere Nächte einplant, hat die besten Chancen.
Die Nordlichter am Nordkap haben eine besondere Qualität, weil es so wenig Lichtverschmutzung gibt. In Tromsø oder Bodø muss man erst aus der Stadt herausfahren, um die Lichter richtig zu sehen. Am Nordkap steht man auf einem Plateau, um einen herum nichts als Dunkelheit und Meer, und die Nordlichter erstrecken sich von Horizont zu Horizont. In einer guten Nacht sieht man das gesamte Spektrum: grün, violett, rosa, weiß, manchmal sogar rot.
Für Fotografen ist das Nordkap im Winter ein Traum. Die Kombination aus Nordlichtern, der Weltkugel-Skulptur und dem Meer im Hintergrund ergibt Bilder, die man sonst nirgendwo bekommt. Allerdings braucht man ein Stativ (der Wind ist stark), einen Fernauslöser und Geduld. Und Ersatzakkus, denn die Kälte saugt Batterien in Minuten leer.
Schneemobiltouren am Nordkap
Eine der beliebtesten Winteraktivitäten am Nordkap sind Schneemobiltouren. Mehrere Anbieter in Honningsvåg und Skarsvåg (dem nördlichsten Fischerdorf der Welt) bieten geführte Touren an, die über die verschneite Hochebene von Magerøya zum Nordkap-Plateau führen.
Die Tour dauert je nach Anbieter zwischen zwei und vier Stunden. Man bekommt einen Thermooverall, Helm und Handschuhe gestellt und fährt in einer Kolonne über die schneebedeckte Landschaft. Die Schneemobile sind laut, aber das Gefühl, mit 40 Stundenkilometern über die endlose Schneefläche zu rasen, den Wind im Gesicht, die Dunkelheit ringsum, ist berauschend.
Die Preise liegen zwischen 1.800 und 3.000 NOK pro Person, je nach Dauer und ob man als Fahrer oder Beifahrer unterwegs ist. Einen Führerschein braucht man in Norwegen, um ein Schneemobil zu fahren (Klasse B reicht). Wer keinen hat, kann als Beifahrer mitfahren. Die Guides halten unterwegs an Aussichtspunkten an und servieren manchmal heißen Kakao oder Bidos (samische Rentiersuppe).
Neben den Schneemobiltouren gibt es auch Hundeschlittenfahrten und Rentierschlittenfahrten, die von samischen Familien angeboten werden. Diese sind ruhiger und langsamer als die Schneemobiltouren, aber mindestens genauso eindrucksvoll. Die Huskys oder Rentiere ziehen den Schlitten durch die stille Winterlandschaft, und das einzige Geräusch ist das Schnaufen der Tiere und das Knirschen des Schnees unter den Kufen.
Die Nordkaphalle
Die Nordkaphalle (Nordkapphallen) ist ein Besucherzentrum, das in den Fels des Nordkap-Plateaus gebaut wurde. Sie beherbergt eine Ausstellung über die Geschichte des Nordkaps, ein Panoramakino, eine Kapelle, ein Restaurant, einen Souvenirshop und eine Bar, die sich als nördlichste Bar der Welt bezeichnet.
Im Winter ist die Halle ein willkommener Zufluchtsort vor dem Wind und der Kälte. Man kann sich aufwärmen, einen Kaffee trinken und die Ausstellung anschauen, bevor man sich wieder nach draußen wagt. Das Panoramakino zeigt einen Film über die vier Jahreszeiten am Nordkap, der besonders im Winter interessant ist, weil man die Mitternachtssonne sehen kann, die man gerade verpasst.
Der Eintritt zum Nordkap-Plateau (inklusive Nordkaphalle) kostet 295 NOK für Erwachsene, Kinder zwischen 3 und 15 Jahren zahlen 100 NOK. Der Preis ist nicht gerade günstig, und das sorgt regelmäßig für Diskussionen. Das Nordkap ist ein Naturphänomen, kein Freizeitpark, und manche finden es falsch, dafür Eintritt zu verlangen. Andererseits müssen die Straße, die Halle und die Infrastruktur irgendwie finanziert werden, und das ist am Ende der Welt, wo kaum jemand wohnt, nicht einfach.
In der Halle kann man auch das begehrte Nordkap-Diplom kaufen, eine Urkunde, die bestätigt, dass man den nördlichsten Punkt Europas erreicht hat. Streng genommen stimmt das nicht ganz, weil die nahegelegene Felsspitze Knivskjellodden ein paar hundert Meter weiter nördlich liegt, aber darüber hinweg sehen die meisten Besucher großzügig hinweg.
Praktische Tipps für das Nordkap im Winter
Die Anreise erfolgt am besten über Honningsvåg, das mit Widerøe-Flügen von Tromsø aus erreichbar ist (Flugzeit etwa 1 Stunde). Alternativ kann man mit dem Hurtigruten-Schiff nach Honningsvåg kommen, das täglich anlegt. Die Fahrt von Tromsø mit dem Hurtigruten dauert etwa 17 Stunden und führt durch die starke Küstenlandschaft der Finnmark.
Unterkünfte gibt es in Honningsvåg (mehrere Hotels und Pensionen) und in Skarsvåg (Gästehäuser). Im Winter ist die Auswahl kleiner als im Sommer, weil einige Unterkünfte nur saisonal geöffnet sind. Trotzdem sollte man vorbuchen, besonders um die Weihnachts- und Silvesterzeit, wenn viele Nordlicht-Touristen unterwegs sind.
Die Kleidung ist entscheidend. Mehrere Schichten sind Pflicht: Funktionsunterwäsche, Fleecejacke, Daunenjacke, winddichte Außenschicht. Dazu Thermohose, Wollsocken, gefütterte Winterstiefel, Sturmhaube, Skihandschuhe (am besten Fäustlinge) und eine Skibrille gegen den Wind. Die Temperaturen liegen im Winter zwischen minus 5 und minus 25 Grad, aber der Windchill kann sie auf minus 40 drücken.
Für die Nordlichtbeobachtung sollte man eine App wie "Norway Lights" oder "Aurora" installieren, die die Nordlichtaktivität vorhersagt. Klare Nächte sind selten in der Finnmark, daher sollte man mehrere Nächte einplanen. Die besten Chancen hat man zwischen 20 und 2 Uhr nachts, wenn die Sonnenaktivität am stärksten auf die Erde trifft.
Häufige Fragen zum Nordkap im Winter
Ist das Nordkap im Winter geöffnet?
Ja, das Nordkap und die Nordkaphalle sind ganzjährig geöffnet, sofern die Straße E69 befahrbar ist. Im Winter kann die Straße bei extremem Wetter gesperrt werden, was gelegentlich vorkommt. Die Halle hat im Winter verkürzte Öffnungszeiten (meist 11 bis 15 Uhr).
Wie kalt wird es am Nordkap im Winter?
Die Temperaturen liegen zwischen minus 5 und minus 25 Grad. Durch den starken Wind kann die gefühlte Temperatur (Windchill) aber deutlich niedriger sein. Minus 35 bis minus 40 Grad gefühlt sind keine Seltenheit. Gute Winterkleidung ist überlebenswichtig.
Kann man am Nordkap Nordlichter sehen?
Ja, und sehr gut sogar. Die Lage auf 71 Grad Nord und die geringe Lichtverschmutzung machen das Nordkap zu einem der besten Nordlichtplätze Europas. Die Saison läuft von Oktober bis März, die besten Monate sind November bis Februar. Klarer Himmel ist Voraussetzung.
Wie kommt man im Winter zum Nordkap?
Am einfachsten mit dem Flugzeug nach Honningsvåg (von Tromsø, 1 Stunde) und dann mit einer geführten Tour oder dem eigenen Auto die 34 Kilometer zum Nordkap. Alternativ mit dem Hurtigruten-Schiff nach Honningsvåg. Winterreifen mit Spikes sind Pflicht.
Was kostet der Eintritt zum Nordkap?
295 NOK für Erwachsene, 100 NOK für Kinder (3 bis 15 Jahre). Im Preis enthalten sind der Zugang zum Plateau, die Nordkaphalle mit Ausstellung, Panoramakino und Kapelle. Das Nordkap-Diplom kostet extra.
Wie lange dauert die Polarnacht am Nordkap?
Am Nordkap dauert die Polarnacht von etwa dem 20. November bis zum 22. Januar, also rund zwei Monate. In dieser Zeit geht die Sonne nicht über den Horizont. Es gibt aber eine "blaue Stunde" um die Mittagszeit, in der der Himmel ein gedämpftes Blau zeigt.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026