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Nidarosdom in Trondheim
Norwegens Nationalheiligtum

Nidarosdom in Trondheim

14 Min. Lesezeit

Es gibt Kirchen, die man betritt und sofort wieder vergisst. Und es gibt den Nidarosdom. Diese Kathedrale in Trondheim, die nördlichste mittelalterliche Kathedrale der Welt, ist ein Gebäude, das einen nicht mehr loslässt. Nicht wegen seiner Größe, obwohl sie stark ist. Nicht wegen seiner Architektur, obwohl die Westfassade zu den schönsten in Europa gehört. Sondern wegen der Geschichte, die in jedem Stein steckt. Hier liegt Norwegens Gründungsmythos begraben. Buchstäblich.

Ich stand an einem Septembermorgen vor der Westfassade und versuchte, die Skulpturen zu zählen. Irgendwo bei 40 habe ich aufgehört. Es sind über 70, verteilt auf drei Geschosse, und jede einzelne erzählt eine Geschichte. Heilige, Könige, Propheten, Engel. Manche sind mittelalterlich, manche stammen aus dem 20. Jahrhundert. Das ist das Besondere am Nidarosdom: Er ist kein fertiges Gebäude. Er wird seit fast 900 Jahren gebaut, restauriert, umgebaut und ergänzt. Und die Arbeit geht weiter.

Erster Eindruck

Der Nidarosdom liegt am Ufer der Nidelva, des Flusses, der durch Trondheims Altstadt fließt. Man nähert sich am besten von Osten, über die alte Steinbrücke Elgeseter bru, und dann taucht die Silhouette der Kathedrale zwischen den Dächern auf. Der achteckige Turm über der Vierung, die spitzen Giebel des Langhauses, die Westfassade mit ihren drei Portalen. Es ist ein Anblick, der einen innehalten lässt.

Die Westfassade des Nidarosdoms in Trondheim
Die Westfassade des Nidarosdoms: Norwegens Nationalheiligtum (KI-generiert)

Die Kathedrale ist aus graugrünem Speckstein gebaut, einem weichen Gestein, das sich gut bearbeiten lässt und im Laufe der Jahrhunderte eine silbrige Patina bekommt. Im Sonnenlicht schimmert der Stein fast blau, bei Regen wird er dunkelgrün, und bei Schnee hebt er sich kaum vom Himmel ab. Es ist ein Gebäude, das mit dem Wetter atmet, das sich verändert, je nachdem von welcher Seite das Licht kommt.

Das Kirchenschiff ist 102 Meter lang und 50 Meter breit, und der Turm über der Vierung ragt 55 Meter in die Höhe. Für skandinavische Verhältnisse sind das gewaltige Dimensionen. Der Nidarosdom ist die größte mittelalterliche Kirche in Skandinavien und eine der größten in ganz Nordeuropa. Dass ein solches Bauwerk im 12. Jahrhundert an der Grenze der bewohnten Welt entstand, sagt viel über die Bedeutung aus, die dieser Ort hatte.

Olav der Heilige und die Gründung

Alles beginnt mit König Olav Haraldsson, der 1030 in der Schlacht von Stiklestad fiel. Olav hatte versucht, Norwegen zu einen und zu christianisieren, und dabei viele Feinde gemacht. Nach seinem Tod begannen seltsame Dinge zu geschehen. Sein Haar und seine Nägel wuchsen angeblich weiter, aus seinem Grab sprudelte eine Quelle mit heilendem Wasser, und Wunder wurden ihm zugeschrieben. Innerhalb eines Jahres wurde er heiliggesprochen, und sein Grab in Trondheim (damals Nidaros) wurde zur wichtigsten Pilgerstätte Nordeuropas.

Über dem Grab wurde zunächst eine kleine Holzkirche errichtet, dann eine Steinkirche, und ab 1070 begann Erzbischof Øystein mit dem Bau der gotischen Kathedrale, die wir heute sehen. Der Bau dauerte Jahrhunderte. Das Langhaus wurde im 12. Jahrhundert begonnen, der Chor im 13. Jahrhundert fertiggestellt, und die Westfassade war erst im 14. Jahrhundert vollendet. Dann kamen Brände, Einstürze, Reformationen und Vernachlässigung, und die Kathedrale verfiel über Jahrhunderte.

Die große Restaurierung begann 1869 und dauert im Grunde bis heute an. Man hat die Kathedrale nach und nach wiederhergestellt, Stein für Stein, basierend auf mittelalterlichen Plänen, archäologischen Funden und der Studie englischer und französischer Kathedralen, die als Vorbilder dienten. Die heutige Westfassade ist das Ergebnis dieser Restaurierung. Sie sieht mittelalterlich aus, ist aber größtenteils im 20. Jahrhundert entstanden.

Die Westfassade: Ein Bilderbuch aus Stein

Die Westfassade ist das Aushängeschild des Nidarosdoms und eines der stärksten Beispiele gotischer Architektur in Skandinavien. Sie ist 40 Meter breit und über 30 Meter hoch, gegliedert durch drei Portale, zahlreiche Nischen mit Skulpturen, ein großes Rosettenfenster und zwei Türme an den Seiten.

Die Skulpturen in den Nischen stellen Heilige, Könige und biblische Gestalten dar. Einige sind Originale aus dem Mittelalter, aber die meisten stammen aus dem 20. Jahrhundert. Die Bildhauer, die daran arbeiteten, haben ihre eigene Handschrift hinterlassen. Manche Figuren sind streng und feierlich, andere haben lebendige, fast humorvolle Gesichter. Wer genau hinschaut, entdeckt auch moderne Elemente: Eine der Skulpturen soll den Dichter Henrik Ibsen darstellen, eine andere den Komponisten Edvard Grieg.

Gustav Vigeland, der große Bildhauer (der vom Vigeland-Park in Oslo), hat ebenfalls an der Fassade gearbeitet. Er schuf mehrere der Figuren in den 1890er Jahren, bevor er sich ganz seinem Parkprojekt widmete. Seine Skulpturen sind die lebendigsten an der Fassade, erkennbar an den ausdrucksvollen Gesichtern und den fließenden Gewändern.

Das zentrale Portal zeigt das Jüngste Gericht. Christus thront in der Mitte, flankiert von Engeln und Heiligen. Darunter die Verdammten, die in die Hölle geschickt werden, und die Seligen, die ins Paradies eingehen. Es ist ein Motiv, das man an vielen gotischen Kathedralen findet, aber am Nidarosdom hat es eine besondere Qualität. Die Figuren sind nicht nur dekorativ. Sie erzählen, sie bewegen sich, sie leiden und freuen sich. Man kann stundenlang davor stehen und immer neue Details entdecken.

Der Innenraum

Wenn man durch das Westportal eintritt, trifft einen zuerst die Stille. Draußen das Rauschen des Flusses, das Klappern der Absätze auf dem Pflaster, das Murmeln der Touristen. Drinnen: nichts. Oder fast nichts. Das leise Summen der Luft in dem hohen Gewölbe, das gelegentliche Husten eines anderen Besuchers, das ferne Ticken einer Uhr. Die Akustik im Nidarosdom ist außergewöhnlich. Der Raum verschluckt die Alltagsgeräusche und lässt nur das Wesentliche durch.

Der Innenraum des Nidarosdoms mit gotischen Bögen und Säulen
Im Inneren des Nidarosdoms: Gotische Bögen, Stille und Licht (KI-generiert)

Das Langhaus erstreckt sich in einer langen Flucht nach Osten, zum Chor hin. Die Säulen aus Speckstein tragen spitzbögige Arkaden, darüber ein Triforium (eine Galerie mit kleinen Arkaden) und ganz oben die Fenster des Obergadens, durch die das Tageslicht einfällt. Die Proportionen sind perfekt. Der Raum ist hoch genug, um Ehrfurcht zu erzeugen, aber nicht so hoch, dass er einschüchtert. Er ist weit genug, um Luft zu haben, aber nicht so weit, dass er leer wirkt.

Der Chor, der älteste Teil der Kathedrale, hat eine wärmere Atmosphäre als das Langhaus. Hier ist das Licht gedämpfter, die Bögen sind runder (romanischer Stil), und an den Wänden finden sich Reste der mittelalterlichen Ausmalung. In der Mitte des Chors steht der Hochaltar, und darunter, in der Krypta, befand sich einst das Grab von Olav dem Heiligen. Die genaue Lage des Grabes ist nicht mehr bekannt. Bei den Restaurierungsarbeiten im 19. Jahrhundert fand man einen Brunnen unter dem Chor, der als die Olavsquelle identifiziert wurde, aus der das heilende Wasser geflossen sein soll.

Besonders stark ist das Achteck (Oktogonen), der achteckige Anbau am östlichen Ende der Kathedrale. Er wurde über der mutmaßlichen Grabstätte Olavs errichtet und ist architektonisch anders als alles andere. Die acht Seiten bilden einen Raum, der gleichzeitig intim und feierlich ist. Das Licht fällt durch schmale Fenster ein und erzeugt ein wechselndes Spiel von Hell und Dunkel, je nach Tageszeit und Wetterlage.

Das Rosettenfenster

Das Rosettenfenster in der Westfassade ist das Highlight des Innenraums. Es hat einen Durchmesser von fast acht Metern und zeigt in leuchtenden Farben die Szenen der Apokalypse. Das Fenster wurde 1930 vom norwegischen Glaskünstler Gabriel Kielland geschaffen und ist eines der größten Kirchenfenster in Skandinavien.

Das Rosettenfenster im Nidarosdom
Das Rosettenfenster: Acht Meter Durchmesser in leuchtenden Farben (KI-generiert)

Am besten sieht man das Fenster am Nachmittag, wenn die Sonne im Westen steht und ihr Licht direkt durch das Glas fällt. Dann verwandelt sich das Innere der Kathedrale in einen Raum aus farbigem Licht. Rot, Blau, Grün, Gold. Die Farben wandern über den Steinboden und die Säulen und erzeugen eine Atmosphäre, die auch Nicht-Gläubige berührt.

Kielland arbeitete drei Jahre an dem Fenster. Er studierte die großen Rosettenfenster von Chartres und Notre-Dame und übersetzte die gotische Tradition in eine moderne Bildsprache. Das Ergebnis ist ein Fenster, das alt und neu zugleich wirkt. Die Motive sind biblisch, aber die Farbgebung und die Komposition sind zeitgenössisch. Es ist eines dieser Kunstwerke, die man fotografieren kann, aber kein Foto fängt die Wirkung ein, die das Fenster in der Realität hat.

Die norwegischen Kronjuwelen

Im Nidarosdom werden die norwegischen Kronjuwelen aufbewahrt und ausgestellt. Die Kronen, das Zepter und der Reichsapfel des norwegischen Königshauses befinden sich in einem gesicherten Raum im südlichen Seitenschiff. Man kann sie durch eine Glasvitrine betrachten, und auch wenn sie hinter Panzerglas liegen, ist ihre Ausstrahlung bemerkenswert.

Die norwegischen Kronjuwelen im Nidarosdom
Die Kronjuwelen: Symbole der norwegischen Monarchie (KI-generiert)

Die Krone des Königs wurde 1818 für Karl XIV. Johan angefertigt, den ersten König der schwedisch-norwegischen Union. Sie ist aus Gold mit Diamanten, Rubinen und Perlen besetzt. Die Krone der Königin ist etwas zierlicher und wurde 1830 hergestellt. Beide Kronen werden bei der Salbung neuer Könige und Königinnen im Nidarosdom verwendet, eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht.

Die letzte Königssalbung fand 1906 statt, als König Haakon VII. und Königin Maud im Nidarosdom gesalbt wurden. Seitdem werden die Kronen nicht mehr zur Krönung, sondern zur Salbung verwendet, ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Die aktuelle norwegische Verfassung sieht keine Krönung mehr vor, aber die Salbung als religiösen Akt hat man beibehalten. König Harald V. wurde 1991 im Nidarosdom gesalbt.

Pilgern nach Trondheim: Der Olavsweg

Seit dem Mittelalter pilgern Menschen nach Trondheim, zum Grab des heiligen Olav. Der Pilgerstrom versiegte nach der Reformation im 16. Jahrhundert, aber in den letzten Jahrzehnten ist er wiederaufgelebt. Der Olavsweg (Olavsvegen oder St. Olavsleden) ist Skandinaviens Antwort auf den Jakobsweg und führt von Oslo über Lillehammer und das Gudbrandsdal nach Trondheim, rund 640 Kilometer durch norwegische Berglandschaften.

Pilger auf dem Olavsweg mit dem Nidarosdom im Hintergrund
Pilgern zum Nidarosdom: Der Olavsweg führt über 640 Kilometer nach Trondheim (KI-generiert)

Der Weg ist gut markiert, mit dem Olavs-Kreuz als Wegzeichen, und es gibt Pilgerherbergen entlang der Route. Man braucht etwa vier bis fünf Wochen zu Fuß, aber man kann auch einzelne Etappen laufen. Die beliebteste ist die letzte Etappe von Stiklestad (wo Olav in der Schlacht fiel) nach Trondheim, die rund 120 Kilometer lang ist und etwa fünf Tage dauert.

Die Pilger sind bunt gemischt. Gläubige Christen, die den Weg als spirituelle Übung gehen. Wanderer, die die Natur erleben wollen. Menschen, die nach einer Krise oder einem Verlust einen Neubeginn suchen. Und Neugierige, die einfach wissen wollen, wie es sich anfühlt, 640 Kilometer zu Fuß zu gehen. Am Ziel, im Nidarosdom, können alle ein Pilgerzeugnis (Olavsbrev) erhalten, vorausgesetzt, sie haben mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß zurückgelegt.

Jedes Jahr Ende Juli findet in Trondheim das Olavsfest statt, ein mehrtägiges Kulturund Kirchenfest, das an den Todestag des heiligen Olav (29. Juli) erinnert. Es gibt Gottesdienste, Konzerte, Theateraufführungen und einen mittelalterlichen Markt. Der Nidarosdom steht im Zentrum der Feierlichkeiten und ist in diesen Tagen noch voller als sonst.

Praktische Tipps für den Besuch

Der Nidarosdom ist ganzjährig geöffnet, die Öffnungszeiten variieren aber je nach Saison. Im Sommer (Juni bis August) ist er montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr geöffnet, samstags von 9 bis 14 Uhr und sonntags von 13 bis 17 Uhr. Im Winter sind die Zeiten kürzer. Der Eintritt kostet 120 NOK für Erwachsene, Kinder unter 16 Jahren sind frei. Ein Kombiticket mit dem Erzbischöflichen Palast (Erkebispegården) kostet 180 NOK.

Führungen werden auf Englisch angeboten, auf Deutsch nur nach Voranmeldung. Die Führungen dauern etwa 45 Minuten und decken die Geschichte, die Architektur und die wichtigsten Kunstwerke ab. Besonders lohnenswert ist der Aufstieg auf den Turm, der im Sommer angeboten wird. Von oben hat man einen Rundblick über Trondheim und die Umgebung, der den Aufstieg über die engen Steintreppen wettmacht.

Trondheim ist mit dem Flugzeug (Flughafen Værnes, 35 Kilometer östlich), mit dem Zug (Nordlandsbanen von Bodø, Dovrebanen von Oslo) und mit dem Auto gut erreichbar. Die Zugfahrt von Oslo nach Trondheim dauert etwa sieben Stunden und führt durch das Gudbrandsdal, eine der schönsten Bahnstrecken Norwegens.

Fotografieren im Innenraum ist erlaubt, aber ohne Blitz. Wer das Rosettenfenster fotografieren möchte, sollte nachmittags kommen, wenn die Sonne im Westen steht. Für die Westfassade ist der Morgen die beste Zeit, wenn das Licht von Osten kommt und die Skulpturen plastisch hervortreten.

Häufige Fragen zum Nidarosdom

Ist der Nidarosdom eine katholische oder evangelische Kirche?

Seit der Reformation 1537 ist der Nidarosdom eine evangelisch-lutherische Kirche und gehört zur Norwegischen Kirche. Davor war er katholisch und der Sitz des Erzbischofs von Nidaros, des höchsten Kirchenfürsten in Norwegen.

Liegt Olav der Heilige noch im Nidarosdom begraben?

Die genaue Lage des Grabes ist nicht mehr bekannt. Nach der Reformation wurden die Reliquien entfernt, und der Schrein verschwand. Man vermutet, dass sich das ursprüngliche Grab unter dem Oktogon befand, aber archäologische Grabungen haben bisher keine eindeutigen Ergebnisse geliefert.

Kann man den Turm des Nidarosdoms besteigen?

Ja, im Sommer (Juni bis August) werden Turmbesteigungen angeboten. Der Aufstieg erfolgt über eine enge Wendeltreppe und ist nicht für Menschen mit Höhenangst oder Klaustrophobie geeignet. Die Aussicht von oben lohnt sich aber in jedem Fall.

Was kostet der Eintritt in den Nidarosdom?

Der Eintritt kostet 120 NOK für Erwachsene. Kinder unter 16 Jahren kommen kostenlos hinein. Es gibt ein Kombiticket mit dem Erzbischöflichen Palast für 180 NOK. Während der Gottesdienste ist der Eintritt frei.

Wie lange dauert der Olavsweg?

Die Hauptroute von Oslo nach Trondheim ist etwa 640 Kilometer lang und dauert zu Fuß vier bis fünf Wochen. Es gibt auch kürzere Varianten, zum Beispiel die letzte Etappe von Stiklestad (120 Kilometer, fünf Tage) oder der schwedische Arm von Sundsvall nach Trondheim (580 Kilometer).

Wann werden norwegische Könige im Nidarosdom gesalbt?

Die Salbung findet bei jedem Thronwechsel statt. Die letzte Salbung war 1991 für König Harald V. und Königin Sonja. Es ist eine freiwillige Zeremonie, keine Krönung, und hat eher symbolischen als konstitutionellen Charakter.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026