Eidfjord
Es gibt Orte in Norwegen, die wirken wie ein Knotenpunkt, an dem sich alles sammelt, was dieses Land ausmacht. Eidfjord ist so ein Ort. Hier endet der Hardangerfjord, einer der längsten Fjorde der Welt. Hier beginnt die Hardangervidda, Europas größte Hochebene. Und hier stürzt der Vøringsfossen 182 Meter in die Tiefe, einer der berühmtesten Wasserfälle Norwegens. Alles auf engstem Raum, alles miteinander verbunden.
Als ich zum ersten Mal nach Eidfjord kam, war es ein verregneter Junimorgen. Die Wolken hingen tief zwischen den Bergen, und der Fjord lag glatt wie ein dunkler Spiegel vor dem Dorf. Ich fuhr die schmale Straße hinauf zum Vøringsfossen, und je höher ich kam, desto lauter wurde das Rauschen. Als ich dann oben stand, an der neuen Aussichtsplattform, und dieser gewaltige Wasserfall vor mir in den Abgrund stürzte, da wurde mir klar: Dieser Ort hat alles, was Norwegen in seiner Essenz ausmacht. Wasser, Fels, Weite und eine Kraft, die man körperlich spürt.
Ein Dorf zwischen Fjord und Hochebene
Eidfjord ist eine kleine Gemeinde mit rund 900 Einwohnern, gelegen am innersten Arm des Hardangerfjords in der Provinz Vestland. Der Ort selbst besteht aus einer Handvoll Häuser, einer Kirche, ein paar Hotels und Geschäften, einem kleinen Hafen und einer Tankstelle. Mehr braucht es hier auch nicht. Die Natur übernimmt die Hauptrolle.
Was Eidfjord so besonders macht, ist die Lage. In wenigen Minuten wechselt man von der subalpinen Fjordlandschaft mit ihren grünen Hängen und Obstgärten zur baumlosen Hochebene der Hardangervidda. Der Höhenunterschied ist enorm: Das Dorf liegt auf Meereshöhe, die Hardangervidda beginnt auf rund 1.200 Metern. Dazwischen liegt das Måbødalen, ein Tal, das so steil und eng ist, dass die Straße durch einen Tunnel mit Haarnadelkurven geführt werden muss.
Die Gemeinde Eidfjord ist flächenmäßig eine der größten in Norwegen, aber fast menschenleer. Der Großteil des Gemeindegebiets besteht aus der Hardangervidda, die als Nationalpark geschützt ist. Hier oben leben Europas größte Wildrentierherden, hier brüten seltene Vogelarten, und hier kann man tagelang wandern, ohne einem anderen Menschen zu begegnen.
Der Vøringsfossen
Der Vøringsfossen ist der bekannteste Wasserfall Norwegens, auch wenn er nicht der höchste ist. Mit einer freien Fallhöhe von 145 Metern (Gesamthöhe 182 Meter) gehört er zu den wildesten Wasserfällen des Landes. Was ihn so besonders macht, ist nicht nur die Höhe, sondern die Umgebung: Er stürzt aus dem Måbødalen in eine enge Schlucht, umgeben von senkrechten Felswänden, die mehrere hundert Meter hoch sind.
Seit 2020 gibt es eine neue Aussichtsplattform, die Fossli-Plattform, die auf Stahlträgern über die Schlucht hinausragt. Man steht buchstäblich über dem Abgrund und schaut direkt auf den fallenden Wasserfall hinab. Die Gischt steigt auf, der Boden vibriert unter den Füßen, und der Lärm ist ohrenbetäubend. Es ist ein intensives Erlebnis, das nichts für Menschen mit Höhenangst ist.
Es gibt zwei Aussichtspunkte. Der obere liegt direkt neben dem historischen Hotel Fossli, einem rotbraunen Holzbau aus dem 19. Jahrhundert, in dem schon Edvard Grieg übernachtete. Hier sieht man den Wasserfall von oben, aus der Ferne. Der untere Aussichtspunkt ist die neue Plattform, die deutlich näher am Wasser liegt und den besseren Blick bietet.
Der Vøringsfossen führt am meisten Wasser im Mai und Juni, wenn die Schneeschmelze auf der Hardangervidda einsetzt. Im Hochsommer wird ein Teil des Wassers für die Stromerzeugung abgeleitet, sodass der Wasserfall dann weniger imposant sein kann. Im Herbst nimmt die Wassermenge wieder zu, und im Winter gefriert der Wasserfall manchmal teilweise, was ein ganz eigenes Schauspiel ist.
Der Zugang zum Vøringsfossen ist kostenlos. Es gibt einen großen Parkplatz an der RV7, von dem aus man in wenigen Minuten zur oberen Aussichtsplattform gelangt. Zum unteren Aussichtspunkt führt ein steiler Wanderweg (etwa 30 Minuten bergab), der in feuchtem Zustand rutschig sein kann. Festes Schuhwerk ist ratsam.
Die Hardangervidda
Die Hardangervidda ist Europas größte Hochebene und Norwegens größter Nationalpark. Sie erstreckt sich über 3.422 Quadratkilometer auf einer Höhe zwischen 1.100 und 1.600 Metern. Es ist eine weite, baumlose Landschaft aus Mooren, Seen, Flüssen und Steinfeldern, die im Sommer grün und im Winter weiß ist. Von Eidfjord aus hat man den direktesten Zugang zu dieser ganz eigenen Landschaft.
Das Besondere an der Hardangervidda ist die Wildrentier-Population. Hier lebt die größte Wildrentier-Herde Europas, rund 7.000 bis 10.000 Tiere, je nach Jahr und Zählung. Im Gegensatz zu den Rentieren in Lappland, die halbdomestiziert sind und von den Sami gehalten werden, sind die Rentiere auf der Hardangervidda vollständig wild. Sie ziehen im Rhythmus der Jahreszeiten über die Hochebene, von den Winterweiden im Osten zu den Sommerweiden im Westen.
Die Hardangervidda ist auch ein Paradies für Angler. Die Seen und Flüsse sind voller Forellen, und die Fischerei hat hier eine jahrhundertealte Tradition. Man braucht einen Angelschein, den man in Eidfjord oder in den DNT-Hütten auf der Vidda kaufen kann. Die besten Angelmonate sind Juli und August, wenn das Wasser warm genug ist und die Fische aktiv sind.
Wer die Hardangervidda erleben will, ohne tagelang zu wandern, kann das Hardangervidda Natursenter in Eidfjord besuchen. Das Naturzentrum bietet eine sehr gute Ausstellung über die Geologie, Flora und Fauna der Hochebene, mit interaktiven Elementen und einem großen Aquarium mit einheimischen Fischarten. Es ist ein guter Ausgangspunkt, um sich auf die Hochebene einzustimmen.
Eidfjord als Ort
Das Dorf Eidfjord selbst ist klein, aber es hat eine lange Geschichte. Schon in der Wikingerzeit war die Gegend besiedelt, wovon Grabfunde und Runensteine zeugen. Die Eidfjord-Kirche, eine mittelalterliche Steinkirche aus dem 14. Jahrhundert, steht auf einer kleinen Anhöhe über dem Dorf und ist einen Besuch wert. Sie gehört zu den ältesten Kirchen in Hardanger.
Der Ort hat sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Ziel für Kreuzfahrtschiffe entwickelt. Die großen Schiffe ankern im Fjord, und die Passagiere werden mit Tendern an Land gebracht. An Tagen, wenn ein Kreuzfahrtschiff im Fjord liegt, kann das winzige Dorf plötzlich von einigen tausend Touristen überströmt werden. Die Einheimischen haben sich daran gewöhnt und eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut, mit Souvenirläden, Cafes und einem Touristenbüro.
Abseits der Kreuzfahrtsaison ist Eidfjord ruhig und beschaulich. Es gibt einige gute Restaurants, darunter das Sæbø Mat & Vin, das regionale Küche auf hohem Niveau serviert. Der Fjord selbst lädt zum Baden ein, obwohl die Wassertemperatur selten über 18 Grad steigt. Am kleinen Strand bei Lægreid, ein paar Kilometer vom Zentrum entfernt, kann man im Sommer ins Wasser gehen.
Eidfjord ist auch ein Zentrum für Extremsport. Jedes Jahr im Juni findet der Eidfjord Extreme Triathlon statt, einer der härtesten Triathlons der Welt. Die Teilnehmer schwimmen 3,8 Kilometer im Fjord, fahren 180 Kilometer Rad über die Hardangervidda und laufen einen Marathon, der auf den Gipfel des Gaustatoppen führt. Die Landschaft, durch die der Wettkampf führt, ist überwältigend, die Strecke brutal.
Kajak und Wassersport
Der Eidfjord ist ein sehr gutes Revier für Kajakfahrer. Das Wasser ist in der Regel ruhig, da der Fjord durch die umliegenden Berge vor Wind geschützt wird. Und die Kulisse ist schlicht grandios: Man paddelt zwischen steilen Felswänden hindurch, passiert kleine Wasserfälle, die von den Hängen herabstürzen, und hat die schneebedeckten Gipfel der Hardangervidda im Blick.
Mehrere Anbieter in Eidfjord verleihen Kajaks und bieten geführte Touren an. Die beliebteste Route führt vom Dorf Eidfjord nach Simadalen, einem Seitental mit dem starken Simadalen-Wasserfall. Die Tour dauert etwa drei bis vier Stunden und ist auch für Anfänger geeignet. Erfahrenere Paddler können den gesamten Eidfjord bis zur Mündung in den Hardangerfjord erkunden, was einen vollen Tag beansprucht.
Neben Kajakfahren gibt es in Eidfjord auch Angebote für Stand-Up-Paddling und Rafting. Das Rafting findet auf dem Eidfjord-Fluss statt, der von der Hardangervidda herabkommt. Je nach Wasserstand gibt es verschiedene Schwierigkeitsgrade, von Klasse II (leicht) bis Klasse IV (anspruchsvoll). Die Rafting-Saison dauert von Mai bis September.
Wer lieber unter Wasser unterwegs ist: Im Fjord kann man auch tauchen. Das Wasser ist klar, die Sichtweiten erreichen bis zu 20 Meter, und am Grund leben Seesterne, Seeigel und verschiedene Fischarten. Ein Trockentauchanzug ist Pflicht, denn die Wassertemperaturen liegen selbst im Sommer bei nur 10 bis 14 Grad.
Der Trollzug und andere Ausflüge
Eine besondere Attraktion in Eidfjord ist der sogenannte Trollzug (Trolltoget), ein offener Touristenzug, der vom Dorf hinauf zum Vøringsfossen und ins Måbødalen fährt. Die Fahrt dauert etwa 45 Minuten pro Strecke und führt durch eine dramatische Landschaft mit steilen Abhängen, engen Tunneln und Blicken auf den Wasserfall.
Der Trollzug nutzt die alte Straße durchs Måbødalen, die durch einen Tunnel mit 124 Haarnadelkurven führt. Ja, 124. Die neue Straße umgeht diesen Tunnel, aber der alte Weg ist weiterhin befahrbar und wird für den Trollzug genutzt. Während der Fahrt erzählt ein Guide die Geschichte der Straße und der Region, auf Norwegisch und Englisch.
Weitere lohnende Ausflüge ab Eidfjord: Die Fahrt über die RV7 zur Hardangervidda ist an sich schon ein Erlebnis. Die Straße steigt in wenigen Kilometern von Meereshöhe auf über 1.200 Meter, und oben auf der Vidda öffnet sich eine völlig andere Welt. Im Sommer kann man hier stoppen und kurze Spaziergänge in die Hochebene unternehmen. Im Winter ist die Straße oft gesperrt.
Von Eidfjord aus lohnt sich auch ein Ausflug nach Ulvik, einer kleinen Gemeinde am Nachbarfjord, die für ihre Obstplantagen und Apfelsaftkeltereien bekannt ist. Die Fahrt dauert etwa 30 Minuten und führt entlang des Fjords durch eine der fruchtbarsten Gegenden Norwegens. Im Mai blühen hier die Obstbäume, und das ganze Tal ist weiß und rosa.
Ein weiterer Tipp ist der Kjeåsen-Hof, ein einsamer Bergbauernhof auf 600 Metern Höhe über dem Simadalen. Die Zufahrt ist eine der steilsten und schmalsten Straßen Norwegens, einspurig, unbeleuchtet, ohne Leitplanken. Der Hof selbst wird nicht mehr bewirtschaftet, aber die Aussicht von dort oben auf den Fjord und das Tal ist schlicht phänomenal. Nur wer nervenstarke Hände am Steuer hat, sollte die Fahrt wagen.
Wanderungen ab Eidfjord
Eidfjord ist ein perfekter Ausgangspunkt für Wanderungen, sowohl kurze Spaziergänge als auch mehrtägige Touren auf die Hardangervidda. Hier einige Empfehlungen:
Vøringsfossen-Rundweg
Eine leichte bis mittelschwere Wanderung, die vom Parkplatz an der RV7 zum oberen Aussichtspunkt, dann hinunter zur neuen Plattform und zurück führt. Dauer: etwa zwei Stunden. Höhenunterschied: rund 200 Meter. Geeignet für alle, die einigermaßen fit sind und festes Schuhwerk tragen.
Hardangervidda-Tagestour
Von der Passhöhe auf der RV7 kann man in die Hardangervidda hineinwandern. Eine beliebte Tagestour führt zum Harteigen (1.690 m), einem markanten Tafelberg, der als einer der schönsten Gipfel der Vidda gilt. Die Tour ist anspruchsvoll (etwa acht Stunden hin und zurück), bietet aber bei klarer Sicht einen Rundumblick über die gesamte Hochebene.
Mehrtägige Hüttenwanderung
Die Hardangervidda ist durchzogen von einem Netz aus DNT-Hütten (Den Norske Turistforening). Von Eidfjord aus kann man eine drei- bis fünftägige Hüttenwanderung über die Vidda unternehmen, zum Beispiel von Finse nach Eidfjord oder umgekehrt. Die Route führt durch wegloses Gelände, über Schneefelder (auch im Sommer möglich), an Seen und Flüssen entlang. Man braucht gute Orientierungsfähigkeiten, da die Markierungen auf der Vidda oft spärlich sind, und muss auf schnelle Wetterumschwünge vorbereitet sein.
Praktische Informationen
Anreise: Eidfjord liegt an der RV7 zwischen Bergen und Oslo. Von Bergen aus fährt man etwa 2,5 Stunden (über Norheimsund und den Hardangerbrücke), von Oslo etwa 5 Stunden (über Gol und die Hardangervidda). Es gibt keinen Bahnanschluss, aber Busverbindungen von Bergen und Voss. Kreuzfahrtschiffe legen regelmäßig im Fjord an.
Beste Reisezeit: Juni bis September für Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten. Mai und Juni für den Vøringsfossen in voller Pracht (Schneeschmelze). September und Oktober für Herbstfarben und weniger Touristen. Im Winter ist vieles geschlossen, aber für Skitouren auf der Hardangervidda ist die Zeit von März bis Mai ideal.
Unterkünfte: In Eidfjord gibt es Hotels (Quality Hotel Vøringfoss, Eidfjord Fjell & Fjord Hotel), Ferienwohnungen, einen Campingplatz und mehrere private Vermieter. Die Auswahl ist überschaubar, da der Ort klein ist. In der Hochsaison (Juni bis August) und an Kreuzfahrttagen kann es voll werden. Frühzeitig buchen ist empfehlenswert.
Kosten: Eidfjord ist kein billiges Reiseziel, wie eigentlich überall in Norwegen. Ein Hotelzimmer kostet zwischen 1.000 und 2.500 NOK pro Nacht. Essen im Restaurant liegt bei 200 bis 400 NOK für ein Hauptgericht. Der Trollzug kostet etwa 300 NOK für Erwachsene. Kajakverleih liegt bei 500 bis 800 NOK pro halben Tag.
Häufige Fragen zu Eidfjord
Lohnt sich Eidfjord als Tagesausflug von Bergen?
Ja, aber es wird knapp. Die Fahrt dauert 2,5 Stunden pro Strecke, sodass man etwa fünf Stunden vor Ort hat. Das reicht für den Vøringsfossen und einen kurzen Spaziergang, aber nicht für die Hardangervidda oder eine Kajaktour. Besser ist eine Übernachtung, damit man den Ort in Ruhe erleben kann.
Ist der Vøringsfossen das ganze Jahr über zugänglich?
Die obere Aussichtsplattform ist ganzjährig zugänglich, solange die RV7 offen ist (im Winter kann sie gesperrt sein). Die untere Plattform und der Wanderweg sind meist von Juni bis Oktober zugänglich. Im Winter kann der Zugang durch Schnee und Eis versperrt sein.
Kann man auf der Hardangervidda wild campen?
Ja, das norwegische Jedermannsrecht (Allemannsretten) erlaubt das Campen in der freien Natur, auch auf der Hardangervidda. Man sollte allerdings gut ausgerüstet sein, da das Wetter auf der Hochebene schnell umschlagen kann. Sturmzelt, warmer Schlafsack und Kochausrüstung sind Pflicht.
Gibt es in Eidfjord Supermärkte?
Es gibt einen kleinen Lebensmittelladen (Joker) im Ortszentrum, der die Grundversorgung abdeckt. Für einen größeren Einkauf muss man nach Odda (etwa 45 Minuten) oder Voss (etwa 1 Stunde) fahren. Wer Selbstverpflegung plant, sollte vorher einkaufen.
Wann hat der Vøringsfossen am meisten Wasser?
Im Mai und Juni, wenn die Schneeschmelze auf der Hardangervidda einsetzt. In dieser Zeit ist der Wasserfall am stärksten. Im Hochsommer (Juli/August) wird Wasser für die Stromerzeugung abgeleitet, sodass die Wassermenge abnimmt. Im Herbst steigt sie wieder.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026