Alle Fjorde in Norwegen
Norwegens Küste hat über 1.100 Fjorde. Die meisten davon sind kurz, schmal und namenlos, kleine Einkerbungen zwischen Felsen, die auf keiner Touristenkarte auftauchen. Aber einige gehören zu den wildesten Landschaften der Erde. Der Sognefjord, 204 Kilometer lang und bis zu 1.308 Meter tief. Der Geirangerfjord, dessen Wasserfälle von senkrechten Wänden stürzen. Der Naerøyfjord, an seiner engsten Stelle nur 250 Meter breit, mit Bergen, die über 1.700 Meter aufragen.
Ich bin durch viele davon gefahren, manche mit der Fähre, manche mit dem Kajak, einige mit dem Hurtigruten-Schiff. Jeder Fjord hat einen eigenen Charakter. Der Sognefjord wirkt majestätisch und ruhig. Der Geirangerfjord ist dramatisch und voller Touristen. Der Trollfjord, schmal wie ein Flur, lässt das Schiff kaum drehen. Und der Lysefjord, mit der Felskanzel Preikestolen darüber, zieht Wanderer aus der ganzen Welt an.
Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Fjorde von Süd nach Nord, erklärt ihre Besonderheiten und gibt praktische Hinweise für Reisende, die mehr als den Geirangerfjord sehen wollen.
Wie Fjorde entstanden
Fjorde sind Täler, die von Gletschern in den Fels geschliffen und anschließend vom Meer geflutet wurden. Während der Eiszeiten (die letzte endete vor etwa 10.000 Jahren) bedeckten kilometerdicke Gletscher Skandinavien. Sie fraßen sich durch das Gestein, vertieften bestehende Flusstäler und schufen die tiefen, steilen Einschnitte, die wir heute als Fjorde kennen.
Die Form eines Fjords verrät seine Entstehung. U-förmige Querschnitte zeigen, dass ein Gletscher das Tal geformt hat (im Gegensatz zu V-förmigen Flusstälern). Die Tiefe nimmt oft nach innen zu, weil der Gletscher dort am mächtigsten war. Am Fjordausgang liegt häufig eine Schwelle, eine Untiefe, die entstand, weil der Gletscher dort dünner war und weniger Gestein abtrug. Der Sognefjord ist am Eingang nur 100 Meter tief, erreicht im Inneren aber über 1.300 Meter.
Norwegen hat die meisten und tiefsten Fjorde der Welt, gefolgt von Grönland, Chile, Neuseeland und Kanada. Die norwegische Westküste war besonders anfällig für Fjordbildung, weil die Gletscher hier vom Gebirge direkt ins Meer flossen und das weiche Gestein (Gneis, Schiefer) leichter erodierten als den harten Granit der schwedischen Seite.
Die großen Fjorde Westnorwegens
Sognefjord
Der Sognefjord ist der längste und tiefste Fjord Norwegens. 204 Kilometer Länge, bis zu 1.308 Meter Tiefe. Er reicht von der offenen Nordsee bei Solund bis nach Skjolden im Inneren, umgeben von Bergen, die auf über 2.000 Meter ansteigen. Der Sognefjord hat zahlreiche Seitenarme, darunter den Naerøyfjord, den Aurlandsfjord und den Lustrafjord.
Die beste Art, den Sognefjord zu erleben, ist eine Fährfahrt von Bergen nach Flåm (Sognefjord Express, 5,5 Stunden, ab 800 NOK). In Flåm angekommen, fährt man mit der berühmten Flåmsbahn hinauf nach Myrdal. Eine Alternative ist der Fjordcruise von Gudvangen nach Flåm durch den Naerøyfjord (2 Stunden, ab 450 NOK), der als einer der schönsten Bootsausflüge der Welt gilt.
Naerøyfjord
Der Naerøyfjord ist ein Seitenarm des Sognefjords und gehört seit 2005 zum UNESCO-Welterbe. Mit nur 250 Metern Breite an der engsten Stelle und Felswänden, die über 1.700 Meter senkrecht aufragen, ist er einer der dramatischsten Fjorde überhaupt. Wasserfälle stürzen von den Klippen, verlassene Höfe kleben an den Hängen, und das Wasser ist so still, dass es die Berge spiegelt.
Der Fjord lässt sich per Boot (ab Gudvangen oder Flåm) oder per Kajak erkunden. Eine geführte Kajaktour dauert 3 bis 5 Stunden und kostet ab 900 NOK. Der Vorteil des Kajaks: Man kommt näher an die Felswände heran und hört die Stille, die auf einem Motorboot verloren geht.
Hardangerfjord
Der Hardangerfjord ist mit 179 Kilometern der zweitlängste Fjord Norwegens und völlig anders als der Sognefjord. Wo der Sognefjord steil und tief ist, wirkt der Hardangerfjord weicher. Die Ufer sind flacher, und an den sonnigen Hängen wachsen Apfel- und Kirschbäume. Im Mai, wenn die Obstbäume blühen und die Berggipfel noch schneebedeckt sind, entsteht eines der ikonischsten Bilder Norwegens.
Entlang des Hardangerfjords liegen die Wasserfälle Vøringsfossen (163 Meter) und Steinsdalsfossen (50 Meter, begehbar hinter dem Wasserfall). Der Folgefonna-Gletscher reicht fast bis ans Wasser. Die Region ist ein Zentrum für Obstanbau und Cidre-Produktion; mehrere Höfe bieten Verkostungen an (ab 200 NOK).
Lysefjord
Der Lysefjord bei Stavanger ist 42 Kilometer lang und berühmt für den Preikestolen (Predigtstuhl), eine Felsplattform 604 Meter über dem Fjord. Die Wanderung zum Preikestolen dauert 2 Stunden (einfach) und ist eine der beliebtesten in Norwegen. Am anderen Ende des Fjords liegt der Kjeragbolten, ein Felsblock, der zwischen zwei Klippen eingeklemmt ist, 984 Meter über dem Wasser.
Per Boot erreicht man den Lysefjord ab Stavanger (Rundfahrt 3 Stunden, ab 550 NOK). Vom Wasser aus sieht man den Preikestolen als kleine Kante weit oben in der Felswand und begreift erst dann, wie hoch 600 Meter wirklich sind.
Geirangerfjord
Der Geirangerfjord ist 15 Kilometer lang, seit 2005 UNESCO-Welterbe und Norwegens meistbesuchter Fjord. Die Wasserfälle Sieben Schwestern (De Syv Søstrene) und der Freier (Friaren) stürzen von beiden Seiten in den Fjord. Der Ort Geiranger am Fjordende hat 200 Einwohner und empfängt im Sommer über 300.000 Kreuzfahrtpassagiere.
Die Schönheit des Geirangerfjords ist unbestreitbar. Die Enge und die Steilheit. Die Wasserfälle. Aber die Masse an Touristen verändert das Erlebnis. An Spitzentagen liegen fünf Kreuzfahrtschiffe im Fjord. Der Tipp: Im September oder Oktober kommen, wenn die Kreuzfahrtsaison endet und die Herbstfarben den Fjord in Gold und Rot tauchen. Oder im Mai, bevor die Saison beginnt.
Die Fjorde der Mitte
Storfjord und Hjørundfjord
Der Storfjord bei Ålesund ist ein weitverzweigtes Fjordsystem mit mehreren Seitenarmen. Der bekannteste davon ist der Hjørundfjord, 33 Kilometer lang, umgeben von den Sunnmøre-Alpen mit Gipfeln über 1.700 Meter. Der Hjørundfjord gilt unter Einheimischen als der schönste Fjord Norwegens, weil er kaum Touristen sieht und die Berge steiler aufragen als fast überall sonst.
Am Hjørundfjord liegt das historische Hotel Union Øye, das seit 1891 Reisende beherbergt. Kaiser Wilhelm II. war hier Gast, und das Hotel hat sich seinen Charme bewahrt. Eine Übernachtung kostet ab 2.500 NOK. Bootstouren von Ålesund in den Hjørundfjord gibt es ab 700 NOK.
Nordfjord
Der Nordfjord (110 Kilometer) liegt zwischen dem Sognefjord im Süden und dem Storfjord im Norden. Am Fjordende liegt der Jostedalsbreen, Europas größter Festlandgletscher. Der Gletscherarm Briksdalsbreen reicht fast bis zum Wasser und ist über einen leichten Wanderweg erreichbar (45 Minuten einfach). Führungen auf den Gletscher kosten ab 800 NOK.
Trondheimsfjord
Der Trondheimsfjord (130 Kilometer) ist der drittlängste Fjord Norwegens und der breiteste. An seinem Südufer liegt Trondheim, die drittgrößte Stadt des Landes. Der Fjord ist weniger dramatisch als die westnorwegischen Fjorde, dafür breiter und sanfter. Fischer fangen hier Kabeljau und Hering, und die Lachsfarmen entlang des Fjords gehören zu den größten Norwegens.
Nordnorwegens Fjorde
Trollfjord
Der Trollfjord auf den Lofoten ist nur 2 Kilometer lang und 100 Meter breit am Eingang. Hurtigruten-Schiffe fahren hinein (wenn die Bedingungen es erlauben), drehen in einem engen Wendemanöver und fahren rückwärts wieder hinaus. Die Felswände ragen senkrecht empor, so nah, dass man das Gefühl hat, sie berühren zu können. Es ist einer der eindrucksvollsten Momente der gesamten Küstenroute.
Altafjord
Der Altafjord (40 Kilometer) in der Finnmark ist der nördlichste große Fjord Norwegens. Am Fjord liegt die Stadt Alta mit der Nordlichtkathedrale und den UNESCO-Felsritzungen. Im Altafjord fand 1943 der britische Angriff auf das deutsche Schlachtschiff Tirpitz statt, ein Wrack, das Taucher noch heute besuchen können.
Lyngenfjord
Der Lyngenfjord (82 Kilometer) bei Tromsø wird von den Lyngen-Alpen flankiert, einem Gebirge mit Gipfeln über 1.800 Meter. Im Winter ist die Region ein Paradies für Skitouren, im Sommer für Wanderer. Die Kombination aus Fjord und Hochgebirge erinnert an die Lofoten, ohne deren Besucherandrang. Hotels am Lyngenfjord kosten ab 1.200 NOK pro Nacht.
UNESCO Welterbe Fjorde
Seit 2005 gehören der Geirangerfjord und der Naerøyfjord zum UNESCO-Welterbe unter dem Titel West Norwegian Fjords. Die Begründung der UNESCO: Die beiden Fjorde zählen zu den landschaftlich herausragendsten Beispielen für Fjordlandschaften weltweit. Sie erfüllen die Kriterien für Naturschönheit und geologische Bedeutung.
Der UNESCO-Status bringt Schutzauflagen mit sich. Im Geirangerfjord gelten seit 2026 strenge Emissionsvorschriften für Schiffe. Nur Fahrzeuge mit LNG- oder Hybrid-Antrieb dürfen einfahren. Schweröl und Marinediesel sind verboten. Das hat dazu geführt, dass einige ältere Kreuzfahrtschiffe den Fjord nicht mehr anlaufen können, was die Besucherzahlen leicht reduziert hat.
Im Naerøyfjord sind die Auflagen lockerer, weil weniger Großschiffe den engen Fjord befahren. Dafür gibt es Beschränkungen für Motorboote, um die Wasserqualität zu schützen. Kajakfahrer und Ruderer haben Vorrang.
Fjorde per Boot erleben
Die Fjorde lassen sich auf verschiedene Weisen vom Wasser aus erleben. Fähren sind die günstigste Option. Viele Fjorde werden von Linienverkehrsfähren bedient, die Einheimische und Touristen gleichermaßen nutzen. Die Preise liegen bei 50 bis 200 NOK pro Person für eine Überfahrt. Die Fähre über den Sognefjord (Vangsnes-Hella) kostet 60 NOK für Fußgänger, 180 NOK mit Auto.
Fjordcruises sind touristisch organisierte Bootsfahrten mit Kommentar. Die bekanntesten sind der Naerøyfjord-Cruise (Gudvangen-Flåm, 2 Stunden, ab 450 NOK) und der Geirangerfjord-Cruise (Geiranger-Hellesylt, 1 Stunde, ab 350 NOK). Die Boote sind modern, teilweise elektrisch, und fahren mehrmals täglich.
Kajaktouren bieten das intensivste Erlebnis. Im Kajak spürt man die Stille der Fjorde, hört das Wasser an den Felswänden und sieht Details, die vom Boot aus unsichtbar bleiben. Geführte Touren gibt es an den meisten großen Fjorden (ab 900 NOK für 3 Stunden). Erfahrene Paddler können Kajaks mieten (ab 500 NOK pro Tag) und allein losfahren.
Die besten Aussichtspunkte
Viele der besten Fjordpanoramen erlebt man von oben. Der Preikestolen (604 Meter über dem Lysefjord) ist der berühmteste Aussichtspunkt. Die Wanderung ist 4 Kilometer lang, moderat steil und dauert 2 Stunden. In der Hochsaison teilt man die Plattform mit hunderten anderen. Tipp: Frühmorgens starten (vor 7 Uhr) oder im September kommen.
Die Trollstigen-Aussichtsplattform bietet Blick über das Tal zum Storfjord. Der Adlervei (Ørnesvingen) über dem Geirangerfjord ist vom Auto aus erreichbar und bietet eine der bekanntesten Perspektiven auf den Fjord und die Sieben Schwestern. Der Stegastein-Aussichtspunkt über dem Aurlandsfjord ragt 30 Meter über den Abgrund hinaus und bietet ein Panorama, das an Flugaufnahmen erinnert.
Für Wanderer: Die Romsdalseggen-Gratweg über dem Romsdalsfjord (10 Kilometer, 6 bis 8 Stunden) gilt als eine der schönsten Tageswanderungen Norwegens. Der Grat verläuft auf 1.200 Metern Höhe mit Tiefblick in den Fjord auf der einen und ins Romsdal auf der anderen Seite.
Reisezeit und Planung
Die Fjordsaison läuft von Mai bis Oktober. Im Mai öffnen die Fähren und Touristenschiffe, die Obstbäume am Hardangerfjord blühen, und die Berge tragen noch Schnee. Juni und Juli bringen Mitternachtssonne (nördlich des Polarkreises) und die längsten Tage. August ist warm und stabil, mit angenehmen Wassertemperaturen für Kajak. September und Oktober bieten Herbstfarben und weniger Touristen.
Im Winter sind viele Straßen zu den Fjorden gesperrt (Trollstigen schließt von Oktober bis Mai). Die Fjorde selbst frieren nie zu, weil das Salzwasser und der Golfstrom die Temperaturen über dem Gefrierpunkt halten. Hurtigruten und Havila fahren auch im Winter, und die Fjorde im Winterlicht, mit Schnee auf den Bergen und der niedrigen Sonne, haben einen ganz eigenen Reiz.
Wer die Fjorde mit dem Auto erkunden will, sollte die Norwegischen Landschaftsrouten (Nasjonale Turistveger) nutzen. 18 ausgewiesene Strecken führen entlang der wildesten Küsten- und Fjordabschnitte, mit Aussichtspunkten, Rastplätzen und moderner Architektur am Straßenrand. Die bekanntesten sind die Route über den Geiranger, die Atlantikstraße und die Lofoten-Strecke.
Häufige Fragen
Welcher Fjord ist der schönste?
Das hängt von den Erwartungen ab. Der Geirangerfjord ist der dramatischste, der Naerøyfjord der intimste, der Hardangerfjord der sanfteste. Für viele Norweger ist der Hjørundfjord bei Ålesund der schönste, weil er kaum besucht wird und die Sunnmøre-Alpen direkt ins Wasser fallen. Mein persönlicher Favorit ist der Naerøyfjord im Kajak bei Morgennebel.
Kann man in den Fjorden schwimmen?
Ja, aber das Wasser ist kalt. Im Sommer erreichen die Fjorde 14 bis 18 Grad an der Oberfläche, wobei der Hardangerfjord und der Sognefjord etwas wärmer sind als die nördlichen Fjorde. An geschützten Buchten gibt es Badestellen. Neoprenanzüge verlängern die Schwimmzeit erheblich.
Frieren die Fjorde im Winter zu?
Die Salzwasserfjorde frieren nicht zu, weil der Golfstrom die Wassertemperatur auch im Winter über dem Gefrierpunkt hält. Einige Süßwasserseen im Fjordinneren können zufrieren, und gelegentlich bildet sich Eis an geschützten Stellen in flachen Seitenarmen. Die Fähren und Schiffe fahren das ganze Jahr über.
Braucht man ein Auto, um die Fjorde zu sehen?
Nicht unbedingt. Die bekanntesten Fjorde sind per Bus und Fähre erreichbar. Bergen ist der beste Ausgangspunkt: Von dort fahren Busse und Boote zum Sognefjord, Hardangerfjord und Naerøyfjord. Aber ein Auto gibt mehr Flexibilität, besonders für die Landschaftsrouten und abgelegene Fjorde wie den Hjørundfjord. Mietwagen kosten ab 600 NOK pro Tag.
Wie lange sollte man für eine Fjordreise einplanen?
Mindestens eine Woche für die westlichen Fjorde (Sognefjord, Hardangerfjord, Geirangerfjord). Zwei Wochen, wenn man auch den Lysefjord bei Stavanger und die Fjorde bei Ålesund einbeziehen will. Drei Wochen für eine umfassende Reise von Süd nach Nord, inklusive Lofoten und Nordnorwegen. Ein einzelner Fjord lässt sich in 2 bis 3 Tagen gut erkunden.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026