Eismeerkathedrale in Tromsø
Vom Stadtzentrum Tromsøs sieht man sie über die Brücke hinweg. Weiße Dreiecke, die sich gegeneinander lehnen wie eine Reihe gefalteter Hände. Im Winterlicht, wenn die Sonne monatelang unter dem Horizont bleibt und nur eine blaue Dämmerung den Himmel färbt, leuchtet die Fassade in einem unwirklichen Weiß. Im Sommer, unter der Mitternachtssonne, reflektiert sie das warme Licht wie eine riesige Skulptur aus Beton und Glas.
Die Eismeerkathedrale, auf Norwegisch Ishavskatedralen, ist das bekannteste Gebäude Tromsøs und eines der meistfotografierten Bauwerke ganz Norwegens. Sie steht am östlichen Ende der Tromsøbrücke, im Stadtteil Tromsdalen, und wirkt wie ein Tor zum Arktischen. Dabei ist sie weder eine Kathedrale im kirchenrechtlichen Sinne noch sonderlich groß. Aber ihre Form ist so prägend, dass sie das Stadtbild definiert.
Ich war dreimal dort. Einmal im November, bei Schnee und Dunkelheit. Einmal im Juni, um Mitternacht, bei vollem Tageslicht. Und einmal bei einem Konzert im September, als die Orgel durch den Betonraum hallte und das Glasfenster über dem Altar in den letzten Sonnenstrahlen des Tages brannte. Jeder Besuch war anders. Die Kirche verändert sich mit dem Licht.
Erster Eindruck
Was zuerst auffällt, ist die Geometrie. Elf dreieckige Betonschalen lehnen sich gegeneinander und bilden ein Dach, das von der Seite wie ein aufgestelltes Buch aussieht. Die Dreiecke werden nach oben hin schmaler, sodass die Kirche an der Spitze spitz zuläuft. Die Fassade ist mit Aluminiumplatten verkleidet, die im Licht silbern bis weiß schimmern.
Von vorn sieht die Kirche anders aus als von der Seite. Die Westfassade (zum Fjord hin) besteht aus dem großen Glasfenster, das 23 Meter hoch und 12 Meter breit ist. Es dominiert die gesamte Front und lässt den Rest des Gebäudes dahinter verschwinden. Die Ostfassade ist geschlossen und zeigt nur die scharfe Kante des Dachfirstes.
Die Proportionen sind überraschend. Die Kirche ist 36 Meter lang, 22 Meter breit und 35 Meter hoch, damit größer als die meisten Gemeindekirchen, aber deutlich kleiner als echte Kathedralen. Trotzdem wirkt sie monumental, weil die steilen Linien den Blick nach oben zwingen und das Umfeld flach ist. Neben der Kirche stehen niedrige Wohnhäuser und eine Tankstelle. Die Eismeerkathedrale ragt über alles hinaus.
Geschichte und Architektur
Die Eismeerkathedrale wurde 1965 eingeweiht, entworfen vom norwegischen Architekten Jan Inge Hovig. Hovig war ein Spezialist für Kirchenbauten und entwarf im Laufe seiner Karriere über zwanzig Kirchen in Norwegen. Die Eismeerkathedrale ist sein bekanntestes Werk.
Die Bauzeit war kurz. Zwischen dem Baubeginn 1964 und der Einweihung am 19. November 1965 lag nur ein gutes Jahr. Das war möglich, weil die Konstruktion aus vorgefertigten Betonelementen bestand, die auf der Baustelle zusammengesetzt wurden. Die elf Dreieckschalen wurden einzeln gegossen und dann aufgerichtet, wie Dominosteine, die man hintereinander aufstellt.
Hovigs Entwurf orientierte sich an mehreren Vorbildern. Die offensichtlichste Inspiration sind die Eisschollen des arktischen Meeres, die übereinandergeschoben werden, wenn das Packeis bricht. Hovig selbst nannte auch die norwegischen Stabkirchen als Vorbild, deren steile Dächer den schweren Schnee abgleiten lassen. Und tatsächlich funktioniert die Form in der Praxis: Der Schnee rutscht von den steilen Flächen ab, ohne dass er geräumt werden muss.
Die Baukosten betrugen 3,2 Millionen NOK, finanziert durch die Kirchengemeinde Tromsdalen und den norwegischen Staat. Inflationsbereinigt entspricht das heute etwa 40 Millionen NOK. Für eine Kirche dieser Größe und Wirkung war das ein moderater Betrag, was an der effizienten Bauweise lag.
Das große Glasfenster
Das Glasfenster der Eismeerkathedrale ist das größte Glaskunstwerk Europas. Es misst 23 Meter in der Höhe und umfasst 140 Quadratmeter Glasfläche. Geschaffen wurde es 1972 vom Künstler Victor Sparre, sieben Jahre nach der Einweihung der Kirche. Die Westfassade war ursprünglich mit einer einfachen Verglasung versehen, die durch Sparres Kunstwerk ersetzt wurde.
Das Motiv zeigt die Wiederkunft Christi, dargestellt in abstrakten Formen und kräftigen Farben. Im unteren Bereich dominieren dunkle Blau- und Violetttöne, die nach oben in helles Gelb, Gold und Weiß übergehen. In der Mitte steht eine stilisierte Christusfigur mit ausgebreiteten Armen, umgeben von geometrischen Mustern, die an Licht, Strahlen und himmlische Sphären erinnern.
Die Wirkung des Fensters hängt vom Licht ab. Am eindrucksvollsten ist es am späten Nachmittag, wenn die tiefstehende Sonne durch das Glas fällt und den gesamten Kirchenraum in Farbe taucht. Im Winter, wenn die Sonne nicht aufgeht, wird das Fenster von außen beleuchtet und wirkt wie ein Leuchtturm in der Polarnacht. Im Sommer, bei Mitternachtssonne, dringt das Licht auch um Mitternacht noch durch das Glas.
Sparre brauchte ein Jahr für die Fertigstellung. Er arbeitete in seinem Atelier in Frankreich, wo die einzelnen Glasstücke geschnitten, bemalt und gebrannt wurden. Der Transport nach Tromsø und der Einbau dauerten weitere drei Monate. Das Fenster besteht aus über 11.000 einzelnen Glasstücken, die in Bleirahmen gefasst sind.
Der Innenraum
Der Innenraum der Eismeerkathedrale ist schmuckloser, als man es von einer so markanten Kirche erwarten würde. Die Wände bestehen aus unverputztem Beton, die Bänke aus hellem Holz, der Boden aus Naturstein. Kein Gold, keine Fresken, keine Seitenaltäre. Die gesamte Aufmerksamkeit wird auf das Glasfenster am Westende gelenkt.
Die Kirche bietet Platz für 720 Personen, was für eine Gemeindekirche groß ist. Die Bänke sind in einem leichten Winkel zum Altar angeordnet, sodass jeder Sitzplatz einen guten Blick auf das Glasfenster hat. Die Akustik ist von der Betonkonstruktion geprägt: trocken, klar, mit wenig Nachhall. Für Sprache ist das ideal, für Chormusik eher nüchtern.
Die Orgel steht an der Ostwand, gegenüber dem Glasfenster. Sie wurde 1969 von der norwegischen Firma J.H. Jørgensen gebaut und hat 42 Register. Für die Größe der Kirche ist das eine respektable Orgel, die bei Konzerten voll zur Geltung kommt. Der Klang füllt den Raum, ohne ihn zu überfluten.
An der Nordwand hängt ein großes Kreuz aus Holz, schlicht und ungeschmückt. Darunter steht der Taufstein aus Granit, der einzige Gegenstand im Raum, der nicht zur ursprünglichen Ausstattung gehört. Er wurde 1985 ergänzt, als die Gemeinde wuchs und mehr Taufen stattfanden.
Mitternachtssonnen-Konzerte
Die Mitternachtssonnen-Konzerte (Midnattssol-konserter) finden von Mitte Juni bis Mitte August statt, wenn die Sonne in Tromsø nicht untergeht. Die Konzerte beginnen um 23:30 Uhr und dauern etwa eine Stunde. Das Programm umfasst Orgel, Gesang und Kammermusik, mit Werken von Grieg, Bach, Vivaldi und norwegischen Komponisten.
Das Erlebnis geht über die Musik hinaus. Um Mitternacht steht die Sonne tief am nordwestlichen Horizont, und ihr Licht fällt durch das Glasfenster in den Kirchenraum. Die Farben des Glaskunstwerks verändern sich mit dem Sonnenstand und erzeugen ein Lichtspiel, das man tagsüber so nicht sieht. Der Raum leuchtet in warmen Goldtönen, und die Schatten der Betondreiecke wandern über die Wände.
Tickets für die Mitternachtssonnen-Konzerte kosten 250 NOK und sollten im Voraus gekauft werden (online oder im Touristenbüro Tromsø). Die Konzerte sind beliebt, und an Spitzentagen in der Hochsaison kann die Kirche ausverkauft sein. Fotografieren ist während des Konzerts nicht gestattet, aber vorher und nachher.
Im Winter gibt es gelegentlich Nordlichtkonzerte, die das Thema Dunkelheit und Licht aufgreifen. Sie sind seltener als die Sommerkonzerte (zwei bis drei pro Monat von November bis Februar), aber atmosphärisch mindestens ebenso eindrucksvoll. Das Glasfenster wird von außen beleuchtet, und die Musik spielt im Schein von Kerzen.
Die Kirche im Stadtbild
Die Eismeerkathedrale steht am östlichen Ende der Tromsøbrücke, im Stadtteil Tromsdalen. Von der Insel Tromsøya, auf der das Stadtzentrum liegt, sieht man die Kirche über den Tromsøsund hinweg. Sie bildet zusammen mit der 1036 Meter langen Brücke und dem Berg Fløya ein Dreiergespann, das die Silhouette der Stadt prägt.
Für Tromsø hat die Kirche eine Bedeutung, die über die Religion hinausgeht. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt, vergleichbar mit dem Opernhaus in Sydney oder der Hallgrímskirkja in Reykjavík. Die Kirche erscheint auf Postkarten, Werbebroschüren und dem offiziellen Logo der Stadt. Jeder, der Tromsø besucht, sieht sie, ob er die Kirche betritt oder nicht.
Die Umgebung der Kirche ist weniger stark. Der Parkplatz daneben, die Tankstelle gegenüber und die Zufahrt zur Brücke schaffen eine nüchterne Atmosphäre, die im Kontrast zur Architektur steht. Es gibt Pläne, den Vorplatz neu zu gestalten und einen Besucherpark anzulegen, aber bisher sind sie nicht umgesetzt worden. Die Stadt Tromsø hat andere Prioritäten, und die Kirchengemeinde finanziert sich aus eigenen Mitteln.
Von der Fjellheisen-Seilbahn auf dem Storsteinen (421 Meter) hat man den besten Überblick. Die Kirche liegt direkt unterhalb, und bei klarem Wetter sieht man die gesamte Stadtansicht mit Brücke, Insel und Fjord. Die Seilbahn kostet 250 NOK für die Hin- und Rückfahrt und ist einer der beliebtesten Aussichtspunkte in Nordnorwegen.
Besuch und praktische Informationen
Die Eismeerkathedrale ist täglich für Besucher geöffnet, außer während Gottesdiensten und privaten Veranstaltungen. Im Sommer (1. Juni bis 15. August) sind die Öffnungszeiten 9 bis 19 Uhr, im Winter (16. August bis 31. Mai) 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 75 NOK für Erwachsene, Kinder unter 16 Jahren frei.
Die Kirche erreicht man vom Stadtzentrum zu Fuß über die Tromsøbrücke (15 Minuten) oder mit dem Bus (Linie 20 oder 24, Haltestelle Ishavskatedralen). Ein Parkplatz für Autos liegt direkt neben der Kirche (20 NOK pro Stunde). Wer die Kirche mit der Fjellheisen-Seilbahn kombinieren will, braucht 10 Minuten Fußweg von der Kirche zur Talstation.
Fotografieren ist im Innenraum erlaubt, Blitz und Stativ sind unerwünscht. Für Außenaufnahmen bieten sich der Vorplatz und die gegenüberliegende Seite der Brücke an. Die beste Perspektive entsteht bei tiefstehender Sonne (im Winter den ganzen Tag, im Sommer am späten Abend), wenn die Aluminiumfassade warmes Licht reflektiert.
Ein Souvenirladen im Eingangsbereich verkauft Postkarten, Kunstdrucke, Bücher über die Kirche und Glaskunst, die vom Glasfenster inspiriert ist. Die Preise sind fair (Postkarten 30 NOK, Kunstdrucke ab 200 NOK). Die Einnahmen gehen an die Unterhaltung des Gebäudes.
Tromsø als Reiseziel
Tromsø ist mit 77.000 Einwohnern die größte Stadt Nordnorwegens und liegt auf 69 Grad Nord, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Die Stadt ist Ausgangspunkt für Nordlichtreisen, Walbeobachtung (von November bis Januar vor Kvaløya) und Expeditionen nach Spitzbergen.
Neben der Eismeerkathedrale lohnen sich das Polaria (arktisches Erlebniszentrum mit Aquarium, 140 NOK Eintritt), das Polarmuseum (Geschichte der arktischen Expeditionen, 80 NOK) und die Mack-Brauerei (nördlichste Brauerei der Welt, Führungen ab 250 NOK). Die Altstadt auf der Insel Tromsøya hat Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert und eine lebendige Gastronomieszene.
Flüge nach Tromsø (TOS) gibt es ab Oslo mit SAS und Norwegian (2 Stunden, ab 600 NOK einfach). Hurtigruten und Havila legen täglich in Tromsø an. Hotels kosten zwischen 900 und 3.000 NOK pro Nacht, wobei die Preise in der Nordlichtsaison (Oktober bis März) am höchsten sind. Restaurants bieten arktische Küche mit Rentier, Kabeljau, Königskrabbe und Wal (Hauptgerichte 250 bis 500 NOK).
Die beste Reisezeit hängt vom Interesse ab. Für Nordlichter: Oktober bis März. Für Mitternachtssonne: Mitte Mai bis Ende Juli. Für Walbeobachtung: November bis Januar. Für Wandern und Kajakfahren: Juni bis September. Tromsø ist ganzjährig erreichbar und hat zu jeder Jahreszeit etwas zu bieten.
Häufige Fragen
Ist die Eismeerkathedrale wirklich eine Kathedrale?
Nein. Offiziell ist sie die Pfarrkirche der Gemeinde Tromsdalen (Tromsdalen kirke). Der Name Ishavskatedralen (Eismeerkathedrale) ist ein Spitzname, der sich wegen der monumentalen Architektur eingebürgert hat. Der Bischofssitz (die echte Kathedrale) von Tromsø ist die Tromsø domkirke im Stadtzentrum, ein unscheinbarer Holzbau von 1861.
Kann man die Eismeerkathedrale und die Nordlichtkathedrale in Alta verwechseln?
Die beiden Kirchen werden gelegentlich verwechselt, sind aber völlig verschieden. Die Eismeerkathedrale in Tromsø ist von 1965, aus Beton, mit dreieckiger Form. Die Nordlichtkathedrale in Alta ist von 2013, aus Titan, mit spiralförmiger Form. Tromsø liegt 400 Kilometer südwestlich von Alta. Beide Kirchen sind sehenswert, aber sie gehören zu verschiedenen Generationen nordnorwegischer Architektur.
Wann ist das Glasfenster am schönsten?
Am späten Nachmittag, wenn die tiefstehende Sonne durch das Glas fällt (im Winter zwischen 11 und 13 Uhr, im Sommer zwischen 20 und 23 Uhr). Bei den Mitternachtssonnen-Konzerten im Sommer entfaltet das Fenster gegen Mitternacht eine besondere Wirkung. An bewölkten Tagen wirkt es flacher und weniger farbintensiv.
Lohnt sich der Besuch auch ohne Konzert?
Ja. Das Glasfenster und die Architektur sind auch ohne musikalische Begleitung eindrucksvoll. Plane 30 bis 45 Minuten für den Besuch ein, um den Raum wirken zu lassen und die Details des Glasfensters zu studieren. Wer bei einem Konzert dabei sein will, sollte Tickets vorab online kaufen, denn gerade die Mitternachtssonnen-Konzerte sind oft ausverkauft.
Gibt es in der Nähe andere Sehenswürdigkeiten?
Die Fjellheisen-Seilbahn liegt zehn Gehminuten entfernt und bietet den besten Panoramablick über Tromsø. Im Stadtzentrum (15 Minuten Fußweg über die Brücke) liegen das Polaria, das Polarmuseum und die Mack-Brauerei. Das Tromsø Museum der Arktischen Universität zeigt samische Kultur und Naturgeschichte (90 NOK Eintritt, etwas weiter außerhalb).
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026