Besseggen Wanderung
Es gibt Wanderungen, die man macht, weil sie schön sind. Und es gibt Wanderungen, die man macht, weil sie einen verändern. Die Besseggen-Wanderung in Jotunheimen gehört zu letzteren. Man steht auf einem schmalen Felsgrat, links der smaragdgrüne Gjende, rechts der milchig blaue Bessvatnet, und dazwischen nur dieser eine Meter Stein, auf dem man steht. Unter sich 400 Meter Abgrund. Über sich nichts als Himmel. Und man denkt: Das ist der Grund, warum Menschen wandern.
Ich habe die Besseggen-Wanderung im Juli gemacht, an einem Samstag, zusammen mit gefühlt tausend anderen Menschen. Die Sonne schien, der Wind blies, und der Grat war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: schmal, ausgesetzt, aufregend. Es war anstrengend, manchmal ungemütlich, und trotzdem einer der besten Tage meines Lebens.
Was ist der Besseggen?
Der Besseggen ist ein Berggrat im Jotunheimen-Nationalpark in Zentralnorwegen, dem "Heim der Riesen", wie die Norweger ihr größtes Gebirge nennen. Der Grat erstreckt sich zwischen zwei Seen: dem Gjende (974 Meter über dem Meer) und dem Bessvatnet (1.373 Meter über dem Meer). Die beiden Seen liegen fast direkt nebeneinander, getrennt nur durch diesen schmalen Felsgrat, und sie haben völlig unterschiedliche Farben. Der Gjende schimmert smaragdgrün (wegen des Gletscherschmelzwassers, das Gesteinsmmehl enthält), der Bessvatnet leuchtet tiefblau und fast schwarz.
Dieses Farbenspiel, der Kontrast zwischen den beiden Seen, ist das, was den Besseggen berühmt gemacht hat. Es gibt wenige Orte auf der Welt, an denen man so eindrucksvoll sehen kann, wie die Natur zwei komplett unterschiedliche Welten direkt nebeneinander erschaffen hat.
Die Wanderung über den Besseggen wurde schon von Henrik Ibsen in seinem Drama "Peer Gynt" beschrieben: Peer reitet auf einem Rentierbock über den Grat, stürzt in den Gjende und wird von einer Hulder gerettet. Ibsen hat die Wanderung selbst gemacht und war so beeindruckt, dass er sie zur dramatischsten Szene seines Stücks machte. Seitdem ist der Besseggen ein Muss für jeden Norwegen-Wanderer.
Heute wandern jedes Jahr rund 30.000 Menschen über den Besseggen, die meisten im Juli und August. An Schönwetter-Wochenenden können es über 1.000 pro Tag sein. Das klingt viel, und es ist viel, aber die Route ist lang genug, dass man sich verteilt. Nur am Grat selbst kann es zu kurzen Staus kommen, wenn langsame Wanderer die schmalen Stellen blockieren.
Die Route im Detail
Die klassische Besseggen-Wanderung beginnt in Memurubu am Ostufer des Gjende und endet in Gjendesheim am Westufer. Die Strecke ist 14 Kilometer lang, hat rund 900 Höhenmeter im Aufstieg und dauert sechs bis acht Stunden. Man geht sie in der Regel von Ost nach West, also von Memurubu nach Gjendesheim, weil man den schwierigsten Teil (den Grat) dann im Abstieg hat, was einfacher ist als im Aufstieg.
Der Tag beginnt früh. Man fährt mit dem Boot von Gjendesheim nach Memurubu (Fahrzeit etwa 20 Minuten). Das erste Boot geht um 7:30 Uhr, und ich empfehle dringend, dieses zu nehmen. Dann hat man den ganzen Tag vor sich und kommt nicht in Zeitdruck. Das zweite Boot geht um 9:15 Uhr, aber dann ist man mit dem Hauptstrom der Wanderer unterwegs und muss am Grat warten.
Von Memurubu geht es zunächst sanft bergauf über Wiesen und Geröllfelder. Der Weg ist mit roten T-Markierungen auf den Steinen gekennzeichnet und gut zu finden. Nach etwa einer Stunde wird es steiler, und man beginnt den Aufstieg zum Veslfjellet (1.743 Meter), dem höchsten Punkt der Wanderung. Hier oben hat man den ersten guten Blick auf den Bessvatnet und die umliegenden Berge.
Vom Veslfjellet geht es hinunter zum eigentlichen Grat. Der Abstieg ist steil und felsig, und hier braucht man die Hände. Es ist keine Kletterei im technischen Sinn, aber man muss sich an manchen Stellen festhalten. Der Fels ist fest (Gabbro, ein dunkles, raues Gestein, das guten Halt bietet), aber bei Nässe kann er rutschig werden.
Der schmale Grat
Der Grat selbst ist der Höhepunkt der Wanderung, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Er ist an manchen Stellen nur einen Meter breit, und zu beiden Seiten fällt der Fels steil ab. Links, 400 Meter tiefer, schimmert der Gjende in seinem unwirklichen Grün. Rechts liegt der Bessvatnet, tiefblau und still. Der Kontrast ist so stark, dass man unwillkürlich stehen bleibt und schaut.
Die ausgesetzte Stelle ist etwa 200 Meter lang und dauert zehn bis fünfzehn Minuten. Es gibt keine Seile, keine Geländer, keine Sicherungen. Man geht einfach über den Fels, und man muss trittfest sein. Höhenangst ist hier ein Problem: Wer unter Schwindel leidet, sollte sich die Sache vorher gut überlegen. Es gibt eine Alternativroute (dazu später mehr), die den Grat umgeht.
Ich habe Menschen am Grat gesehen, die umkehrten. Kein Grund zur Schande. Der Besseggen ist nicht gefährlich, wenn man ihn bei gutem Wetter und mit der nötigen Vorsicht begeht, aber er ist auch kein Spaziergang. Die Steilheit und die Tiefe zu beiden Seiten sind für manche Menschen zu viel. Es ist besser, umzukehren, als sich in eine Situation zu bringen, die man nicht beherrscht.
Nach dem Grat wird es gemütlicher. Der Weg führt über Almwiesen und an kleinen Seen vorbei, mit ständigem Blick auf den Gjende zu seiner Linken. Die letzten Kilometer sind flach und leicht, und man kommt nach sechs bis acht Stunden in Gjendesheim an, wo ein warmes Essen und (verdientes) Bier warten.
Anreise und Boot
Gjendesheim liegt am Westufer des Gjende, am Ende des Sjodalen, etwa 350 Kilometer von Oslo und 300 Kilometer von Bergen entfernt. Mit dem Auto fährt man über die E6 nach Otta und dann über die Landstraße 51 ins Sjodalen. Die Fahrt von Oslo dauert rund vier bis fünf Stunden.
Es gibt auch Busse: Vom Bahnhof Otta fährt ein Bus nach Gjendesheim (Linie 161, Fahrzeit etwa 1,5 Stunden). Die Busse fahren im Sommer mehrmals täglich. Von Oslo kann man den Zug nach Otta nehmen (Bergensbanen oder Dovrebanen, Fahrzeit rund 3,5 Stunden) und dort in den Bus umsteigen.
In Gjendesheim steigt man auf das Boot, das einen über den Gjende nach Memurubu bringt. Das Boot, die "Gjendebåten", ist ein kleines Passagierschiff, das zwischen Gjendesheim und Memurubu (und weiter bis Gjendebu am Ostende des Sees) pendelt. Die Fahrzeit nach Memurubu beträgt etwa 20 Minuten. Der Preis liegt bei rund 200 NOK für eine einfache Fahrt (Stand 2025).
Wichtig: Im Juli und August ist das Boot oft ausgebucht. Tickets kann man online auf gjende.no reservieren. Wer spontan kommt, riskiert, dass er stundenlang wartet. Buche am Vorabend oder so früh wie möglich.
Ausrüstung und Vorbereitung
Der Besseggen ist keine leichte Wanderung. 14 Kilometer, 900 Höhenmeter, sechs bis acht Stunden, mit einer ausgesetzten Gratstelle. Man sollte in halbwegs guter Kondition sein und Erfahrung im Bergwandern haben. Anfänger können den Besseggen machen, aber sie sollten sich vorher auf kürzeren Bergwanderungen getestet haben.
Die Ausrüstung muss stimmen. Gute Wanderschuhe sind Pflicht, keine Turnschuhe, keine Sandalen (ich habe beides am Besseggen gesehen, und es ist keine gute Idee). Die Schuhe müssen knöchelhoch sein, eine griffige Sohle haben und bequem sein. Neue Schuhe vorher einlaufen.
Kleidung nach dem Zwiebelprinzip: Funktionsunterwäsche, Fleece oder Wolle als Mittellage, wind- und wasserdichte Jacke und Hose als Außenlage. Das Wetter in Jotunheimen kann sich innerhalb von Minuten ändern. Morgens Sonne, mittags Nebel, nachmittags Regen, abends wieder Sonne. Man muss auf alles vorbereitet sein.
Im Rucksack sollten sein: Wasser (mindestens 1,5 Liter, auf dem Weg gibt es keine Nachfüllmöglichkeiten), Proviant (Brote, Riegel, Obst) und Sonnenschutz. Dazu Mütze und Handschuhe (ja, auch im Sommer, es kann auf 1.700 Metern empfindlich kalt werden), ein Erste-Hilfe-Set und Karte mit Kompass oder GPS. Handy-Empfang ist nicht überall gewährleistet.
Wanderstöcke sind Geschmackssache. Manche Wanderer schwören darauf, andere finden sie am Grat hinderlich, weil man dort die Hände braucht. Wenn Sie Stöcke mitnehmen, verstauen Sie sie am Grat im Rucksack.
Wetter und beste Zeit
Die Saison für den Besseggen ist kurz: Anfang Juni bis Ende September. Davor und danach liegt Schnee auf dem Grat, was die Wanderung deutlich schwieriger und gefährlicher macht. Die beste Zeit ist Mitte Juli bis Mitte August, wenn die Schneereste geschmolzen sind, die Tage lang und die Temperaturen erträglich sind (10 bis 15 Grad oben, 15 bis 20 Grad im Tal).
Das Wetter ist der entscheidende Faktor. Bei klarem Himmel ist der Besseggen eine Genusstour. Bei Nebel wird er unangenehm, weil man die Aussicht nicht sieht (und das ist ja der Hauptgrund, warum man hier ist). Bei Regen und Wind wird er gefährlich, weil der Fels am Grat rutschig wird und die Sicht eingeschränkt ist. Bei Gewitter ist er lebensgefährlich, weil man auf einem exponierten Grat steht und der höchste Punkt der Umgebung ist.
Prüfen Sie den Wetterbericht am Vorabend. Die Website yr.no (Norwegischer Wetterdienst) ist die zuverlässigste Quelle. Wenn Regen oder Gewitter angesagt sind, verschieben Sie die Tour um einen Tag. Der Besseggen läuft nicht weg. Aber schlechtes Wetter am Grat kann lebensgefährlich sein.
Im September wird es ruhiger. Weniger Wanderer, kühlere Temperaturen, aber auch die Möglichkeit, den Herbst in Jotunheimen zu erleben: gelbe Birken, rotes Heidekraut und klare Luft. Die Boote fahren bis Ende September, aber die Abfahrtszeiten werden seltener. Plane genau.
Übernachtung in Gjendesheim
Die meisten Wanderer übernachten in Gjendesheim, entweder in der DNT-Hütte (Den Norske Turistforening, der norwegische Wanderverein) oder auf dem Campingplatz daneben. Die DNT-Hütte ist eine bewirtschaftete Berghütte mit Mehrbettzimmern, warmem Essen und heißen Duschen. Die Übernachtung kostet zwischen 500 und 900 NOK für Mitglieder, für Nicht-Mitglieder mehr. Eine DNT-Mitgliedschaft (620 NOK pro Jahr) lohnt sich, wenn man mehrere Hütten nutzen will.
Der Campingplatz in Gjendesheim ist einfach, aber funktional: Stellplätze für Zelte und Wohnmobile, Sanitärgebäude, Kiosk. Die Preise sind moderat. Wer ein Zelt hat, ist hier gut aufgehoben.
Auch in Memurubu gibt es eine DNT-Hütte, die eine Übernachtung wert ist. Man kann am Vorabend mit dem Boot hinfahren, dort übernachten und am nächsten Morgen frisch ausgeruht die Wanderung beginnen, ohne um 5 Uhr aufstehen zu müssen. Die Hütte ist gemütlich, das Essen gut, und der Blick über den Gjende bei Sonnenuntergang ist großartig.
Im Sjodalen, dem Tal unterhalb von Gjendesheim, gibt es weitere Übernachtungsmöglichkeiten: Campingplätze, Hüttendörfer und ein paar kleine Hotels. Die Orte Beitostølen und Fagernes sind eine Autostunde entfernt und bieten mehr Auswahl.
Alternativen für weniger Geübte
Wer den schmalen Grat nicht begehen will oder kann, hat mehrere Alternativen. Die einfachste: Man nimmt die Umgehungsroute, die den ausgesetzten Gratbereich auf der Südseite umgeht. Diese Route ist markiert und führt unterhalb des Grats entlang. Man verpasst den schmalsten Teil, hat aber immer noch gute Ausblicke auf die beiden Seen. Die Umgehung fügt etwa 30 Minuten zur Gesamtzeit hinzu.
Eine weitere Alternative ist die Wanderung von Gjendesheim nach Memurubu entlang des Gjendes. Dieser Weg führt am Ufer des Sees entlang, ist deutlich einfacher als der Besseggen und bietet wunderschöne Ausblicke. Man kann in Memurubu übernachten und am nächsten Tag mit dem Boot zurückfahren. Die Wanderung dauert etwa vier bis fünf Stunden und ist auch für weniger geübte Wanderer geeignet.
Für Familien mit Kindern empfiehlt sich die Wanderung zum Knutshøe (1.517 Meter), einem Berg westlich von Gjendesheim. Der Weg ist gut markiert und nicht ausgesetzt. Oben hat man einen schönen Blick auf den Gjende und die Besseggen-Gratlandschaft. Kinder ab etwa acht Jahren schaffen die Tour. Hin und zurück sind es rund zehn Kilometer.
Wer den Besseggen machen will, aber unsicher ist, kann auch einen Guide buchen. Mehrere Anbieter in der Region bieten geführte Besseggen-Touren an. Ein Guide kennt den Weg, kann das Tempo anpassen und gibt Sicherheit an den ausgesetzten Stellen. Die Kosten liegen bei rund 1.500 bis 2.500 NOK pro Person.
Egal, welche Variante man wählt: Jotunheimen ist es wert. Das "Heim der Riesen" ist Norwegens größter und wildester Nationalpark, mit über 200 Gipfeln über 2.000 Metern und endlosen Wandermöglichkeiten. Wer hier einmal war, kommt wieder.
Häufige Fragen
Wie schwer ist die Besseggen-Wanderung?
Mittelschwer bis schwer. 14 Kilometer, 900 Höhenmeter, 6 bis 8 Stunden, mit einer ausgesetzten Gratstelle. Man braucht gute Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Es ist keine Anfängertour, aber jeder halbwegs fitte und erfahrene Wanderer schafft sie.
Muss ich das Boot im Voraus buchen?
Dringend empfohlen, besonders im Juli und August. Die Boote sind an Schönwetter-Tagen oft ausgebucht. Tickets kann man online auf gjende.no reservieren. Buche mindestens am Vorabend, besser noch einige Tage vorher.
Kann ich den Besseggen mit Kindern machen?
Nur mit älteren, wandererfahrenen Kindern (ab etwa 12 Jahren) und nur bei gutem Wetter. Die Gratstelle ist für kleine Kinder nicht geeignet. Die Umgehungsroute ist eine Option, verlängert aber die Tour. Für Familien mit jüngeren Kindern empfehlen sich kürzere Wanderungen in der Umgebung.
Gibt es Wasser und Essen auf der Strecke?
Nein, auf dem Weg gibt es keine Einkehrmöglichkeiten. Nehmen Sie ausreichend Wasser (mindestens 1,5 Liter) und Proviant mit. In Gjendesheim und Memurubu kann man vorher und nachher essen. Das Wasser aus Bächen und Seen ist in der Regel trinkbar, aber nicht garantiert sicher.
Was mache ich bei schlechtem Wetter?
Verschieben Sie die Tour. Bei Regen, Nebel oder Gewitter ist der Besseggen gefährlich und macht keinen Spaß (man sieht nichts). Die Hütten in Gjendesheim und Memurubu sind gemütlich, und in der Umgebung gibt es leichtere Wanderungen, die auch bei Regen machbar sind. Prüfen Sie yr.no für die Wettervorhersage.
In welche Richtung soll ich wandern?
Die empfohlene Richtung ist von Memurubu nach Gjendesheim (Ost nach West). So hat man den schwierigsten Teil (den Grat) im Abstieg, was einfacher ist. Außerdem hat man den Gjende immer vor sich, was die schönere Perspektive bietet. Fast alle Wanderer gehen in diese Richtung.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026