Setesdal
Inhaltsverzeichnis
- 1 Ein Tal, das die Zeit bewahrt hat
- 2 Silberschmuck und Rosenmalerei
- 3 Die Stabkirchen des Setesdals
- 4 Bygland und der Byglandsfjord
- 5 Setesdalsheii: Die Hochebene über dem Tal
- 6 Wildwasser und Abenteuer auf der Otra
- 7 Valle und das kulturelle Zentrum
- 8 Praktische Reisetipps
- 9 Häufige Fragen zum Setesdal
Das Setesdal ist 230 Kilometer lang. Es beginnt an der Südküste bei Kristiansand und zieht sich durch das Innere Südnorwegens bis hinauf zur Hardangervidda. Wer hier durchfährt, durchquert Jahrhunderte. Die Traditionen, die in diesem Tal überlebt haben, sind in keiner anderen Region Norwegens so lebendig geblieben. Silberschmuck wird noch immer nach Mustern gefertigt, die 400 Jahre alt sind. In den Holzhäusern hängen Rosemalings, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und auf den Almweiden oberhalb des Tals grasen Ziegen und Schafe wie vor hundert Jahren.
Ich bin das Setesdal im September gefahren. Das Laub der Birken leuchtete in einem tiefen Gold, und die Otra, der Fluss, der das gesamte Tal durchzieht, führte so wenig Wasser, dass man an manchen Stellen die Steine am Grund zählen konnte. Trotzdem war der Fluss präsent, immer da, ein ständiger Begleiter auf der Riksvei 9, die sich 200 Kilometer lang am Ufer entlangwindet. Es war ruhig. Kaum Verkehr. Ein paar Wohnmobile, ein Traktor, sonst nichts.
Ein Tal, das die Zeit bewahrt hat
Das Setesdal war bis ins 19. Jahrhundert eine der isoliertesten Regionen Norwegens. Keine Eisenbahn, keine ordentliche Straße, nur Reitwege und Pfade über die Berge. Diese Abgeschiedenheit hat dafür gesorgt, dass Traditionen hier überleben konnten, die anderswo längst verschwunden sind. Die Setesdaler Tracht, der Setesdalsbunad, wird noch heute bei Feiertagen und Hochzeiten getragen. Die Männer tragen weiße Hemden mit schwarzen Westen, die Frauen aufwendig bestickte Mieder in Rot und Grün.
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Die Gemeinden im Tal sind klein. Valle hat rund 1.200 Einwohner, Bykle noch weniger. Bygland kommt auf 1.300. Das sind keine Orte, die man auf einer Landkarte sofort findet. Aber genau das macht ihren Reiz aus. Hier gibt es keine Einkaufszentren, keine Hotelketten, keine Souvenirläden mit norwegischen Flaggen auf Plastiktellern. Stattdessen gibt es Hofläden, kleine Museen und Werkstätten, in denen Silberschmiede arbeiten, deren Familien dieses Handwerk seit dem 17. Jahrhundert ausüben.
Die geologische Geschichte des Tals ist mindestens so alt wie seine kulturelle. Die Otra hat sich über Jahrtausende durch den Gneis gefressen, das Eis der letzten Eiszeit hat die Seitentäler geformt, und die Moränen, die zurückgeblieben sind, bilden heute die sanften Hügel, auf denen die Bauernhöfe stehen. An manchen Stellen ist das Tal eng und steil, an anderen weitet es sich zu breiten Auen. Dieser ständige Wechsel zwischen Enge und Weite bestimmt den Charakter der Landschaft.
Silberschmuck und Rosenmalerei
Der Silberschmuck aus dem Setesdal ist berühmt. Die Tradition geht zurück bis ins 16. Jahrhundert, als Bergleute im oberen Setesdal Silbererz fanden. Daraus entwickelte sich ein Kunsthandwerk, das bis heute lebt. Die typischen Setesdal-Broschen, Sølje genannt, bestehen aus filigranem Silber mit kleinen Löffelchen oder Blättern, die bei jeder Bewegung leicht zittern und das Licht einfangen.
In Valle gibt es mehrere Silberschmiede, die man besuchen kann. Die bekannteste ist die Werkstatt der Familie Rysstad, die seit Generationen Schmuck fertigt. Ein einfacher Sølje-Anhänger kostet ab 800 NOK (etwa 70 Euro), aufwendigere Broschen liegen bei 2.000 bis 5.000 NOK. Das klingt viel. Aber wer einmal gesehen hat, wie ein Schmied diese winzigen Silberblätter einzeln hämmert und verlötet, versteht den Preis.
Die zweite große Kunsttradition des Setesdals ist die Rosenmalerei, auf Norwegisch Rosemaling. Diese dekorative Malerei schmückt Holzmöbel, Truhen, Schränke und Wände. Die typischen Motive sind stilisierte Blumen, Ranken und Blätter in kräftigen Farben: Rot, Blau, Grün auf weißem oder dunklem Grund. Jede Region Norwegens hat ihren eigenen Rosemaling-Stil. Der Setesdal-Stil fällt durch seine geometrische Klarheit auf. Die Formen sind strenger als etwa im Hallingdal oder Telemark, die Farbpalette gedeckter.
Im Setesdalsmuseet in Valle kann man beide Traditionen auf einem Rundgang erleben. Das Museum zeigt historische Gebäude, eingerichtete Stuben mit originalem Rosemaling und eine Schmucksammlung, die den Wandel der Sølje-Kunst über die Jahrhunderte dokumentiert. Der Eintritt kostet 120 NOK für Erwachsene. Es lohnt sich, mindestens zwei Stunden einzuplanen.
Die Stabkirchen des Setesdals
Im Setesdal standen einst mehrere Stabkirchen. Zwei sind erhalten geblieben, und beide verdienen einen Besuch. Die bekanntere ist die Hylestad Stavkirke, deren Originalportal heute im Historischen Museum in Oslo steht. Das Portal zeigt Szenen aus der Sigurd-Sage, geschnitzt in Holz, mit einer Detailfreude, die nach 800 Jahren noch verblüfft. Die Kirche selbst wurde im 19. Jahrhundert abgerissen, aber das Rygnestadtunet in Valle zeigt rekonstruierte Elemente.
Die zweite erhaltene Stabkirche steht in Eidsborg, am südlichen Ende des oberen Setesdals. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist deutlich kleiner als die großen Stabkirchen in Heddal oder Borgund. Genau das macht sie interessant. Hier sieht man, wie eine Dorfkirche in der norwegischen Provinz ausgesehen hat: schlicht, funktional, aber mit einer handwerklichen Qualität, die beeindruckt. Die Dachkonstruktion aus ineinandergreifenden Holzbalken ist ein Meisterwerk der Zimmermannskunst. Eintritt: 80 NOK.
Neben den Stabkirchen gibt es im Setesdal zahlreiche Stabbur, die traditionellen Vorratshäuser auf Stelzen. Sie stehen auf fast jedem Bauernhof und sind oft älter als die Wohnhäuser daneben. Die Stelzen sollten Mäuse und Feuchtigkeit fernhalten. Manche dieser Stabbur stammen aus dem 15. Jahrhundert und werden noch heute genutzt.
Bygland und der Byglandsfjord
Ungefähr in der Mitte des Setesdals liegt der Byglandsfjord, ein 35 Kilometer langer Binnensee, der eigentlich kein Fjord ist, sondern eine Aufstauung der Otra. Die Verwechslung kommt daher, dass der See so schmal und lang ist, dass er wie ein Fjord aussieht. Im Sommer hat das Wasser 18 bis 22 Grad, warm genug zum Schwimmen. Am Ostufer gibt es mehrere kleine Strände mit Badeinseln.
Der Ort Bygland selbst hat etwa 1.300 Einwohner und ist das Versorgungszentrum des mittleren Setesdals. Hier gibt es einen Coop-Supermarkt, eine Tankstelle, ein paar Restaurants und den Campingplatz Byglandsfjord Camping, der direkt am Seeufer liegt. Die Stellplätze kosten ab 280 NOK pro Nacht, Hütten ab 700 NOK. Der Platz ist sauber, ruhig und hat einen eigenen Badestrand.
Auf dem Byglandsfjord verkehrt im Sommer das alte Dampfschiff DS Bjoren. Es wurde 1866 gebaut und ist damit eines der ältesten Dampfschiffe Norwegens, die noch in Fahrt sind. Eine Rundfahrt dauert etwa zwei Stunden und kostet 250 NOK. Man tuckert langsam über den See, vorbei an steilen Felswänden und kleinen Bauernhöfen, die am Ufer kleben. Der Dampfer hat nur Platz für 50 Passagiere. Reservieren ist ratsam, vor allem im Juli.
Angler kommen am Byglandsfjord ebenfalls auf ihre Kosten. Der See ist bekannt für seine Forellenbestände. Eine Tageskarte kostet 100 NOK und ist in den Touristbüros in Bygland oder Valle erhältlich. Die besten Fangzeiten sind frühmorgens und in der Abenddämmerung. Bootsverleiher gibt es am Campingplatz.
Setesdalsheii: Die Hochebene über dem Tal
Westlich des Setesdals erstreckt sich die Setesdalsheii, eine Hochebene auf 800 bis 1.200 Metern Höhe. Hier oben gibt es keine Bäume mehr, nur Heidekraut, Flechten und Moos. Im Herbst färbt sich die Heide rotbraun, und die wenigen Birken, die es bis hierher geschafft haben, leuchten in intensivem Gelb. Es ist eine karge Landschaft, die eine ganz eigene Stille hat.
Die Setesdalsheii ist eines der wichtigsten Wildrentiergebiete Südnorwegens. Hier leben rund 3.000 Tiere, die im Herbst von den Sommerweiden im Westen zu den Winterweiden im Osten ziehen. Mit etwas Geduld und einem Fernglas kann man die Herden von den Wanderwegen aus beobachten. Die beste Zeit dafür ist September und Oktober.
Für Wanderer bietet die Hochebene ein weitläufiges Wegenetz. Der DNT (Norwegische Wanderverein) unterhält mehrere Hütten, darunter die Sarvsfossen Turisthytte und die Bossvatn Hytte. Die Hütten sind einfach, aber gut ausgestattet: Holzofen, Kocher, Matratzen, keine Bettdecken (Schlafsack mitbringen). Eine Übernachtung kostet für DNT-Mitglieder 250 NOK, für Nichtmitglieder 450 NOK.
Wer nicht wandern möchte, kann die Hochebene auch mit dem Auto erreichen. Die Fylkesvei 45 führt von Bykle über den Brokke nach Suleskar und bietet unterwegs weite Ausblicke über die baumlose Landschaft. Die Straße ist von Juni bis Oktober geöffnet. Schneegefahr besteht bis in den Mai hinein.
Wildwasser und Abenteuer auf der Otra
Die Otra ist der Fluss des Setesdals. 245 Kilometer lang, von den Hochebenen bei Hovden bis zur Mündung in den Skagerrak bei Kristiansand. Im oberen Abschnitt zwischen Bykle und Valle ist der Fluss wild. Stromschnellen der Klassen II bis IV wechseln sich mit ruhigeren Passagen ab. Genau hier hat sich das Setesdal als Rafting-Destination etabliert.
Zwei Anbieter organisieren Raftingtouren auf der Otra: TrollAktiv und Setesdal Rafting. Die Standardtour dauert drei Stunden und kostet rund 990 NOK pro Person. Man paddelt durch Stromschnellen mit so vielversprechenden Namen wie "Waschmaschine" und "Teufelskehle". Neoprenanzug, Helm und Schwimmweste werden gestellt. Mindestalter ist 12 Jahre, Schwimmkenntnisse sind Pflicht.
Neben Rafting bietet die Otra auch gute Bedingungen für Kanufahrer und Kajakpaddler. Der Abschnitt zwischen Valle und Bygland ist ruhiger und eignet sich für Einsteiger. Die Strömung ist moderat, es gibt keine schwierigen Stromschnellen, und die Landschaft gleitet in einem langsamen Tempo vorbei, das genau richtig ist, um die Umgebung aufzunehmen.
Wer es weniger nass mag: TrollAktiv betreibt auch einen Kletterpark in der Nähe von Evje mit 7 Parcours unterschiedlicher Schwierigkeit. Die Zipline über die Otra ist 200 Meter lang und 30 Meter hoch. Eintritt ab 495 NOK. Im Winter bietet die Gegend um Hovden im oberen Setesdal ein kleines, aber feines Skigebiet mit 34 Pisten und 15 Liften. Der Tagespass kostet 490 NOK für Erwachsene.
Valle und das kulturelle Zentrum
Valle ist der Hauptort des oberen Setesdals. 1.200 Einwohner, eine Kirche, ein Kulturhaus, ein paar Geschäfte. So weit die Fakten. Aber Valle hat eine kulturelle Dichte, die man bei dieser Größe nicht erwartet. Das liegt an der Setesdal-Tradition, die hier besonders stark verwurzelt ist.
Das Setesdalsmuseet liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Ortes und umfasst 32 historische Gebäude, die aus dem gesamten Tal hierher versetzt wurden. Wohnhäuser, Stabbur, Schmieden, Mühlen. Man wandert zwischen den Häusern hindurch und bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie das Leben im Setesdal vor 200 Jahren ausgesehen hat. Im Sommer finden regelmäßig Vorführungen statt: Silberschmiede bei der Arbeit, Rosemaling-Kurse, Volkstanz.
Das Rygnestadtunet, wenige Kilometer nördlich von Valle, ist ein weiteres Freilichtmuseum, das einen Besuch verdient. Der Hof stammt aus dem Mittelalter und zeigt, wie eine wohlhabende Bauernfamilie im Setesdal lebte. Das älteste Gebäude auf dem Hof ist das Storstoga, ein Wohnhaus aus dem 14. Jahrhundert mit reich verzierter Innenausstattung. Hier sind auch Kopien der berühmten Hylestad-Portale zu sehen.
Jeden Sommer Anfang August findet in Valle das Setesdalsfestivalen statt, ein Folkmusik-Festival, das Musiker aus ganz Norwegen anzieht. Hardingfele-Spieler (norwegische Violine mit sympathetischen Saiten), Langeleik-Spieler und Sänger treten in der Kirche, im Kulturhaus und im Freien auf. Die Atmosphäre ist ungezwungen. Man sitzt auf Bierbänken, hört Musik, die 300 Jahre alt ist, und trinkt dazu lokales Bier. Tickets kosten zwischen 200 und 400 NOK pro Konzert.
Praktische Reisetipps
Die Anreise ins Setesdal erfolgt über die E39 oder E18 bis Kristiansand, dann weiter auf der Riksvei 9 nordwärts. Von Kristiansand bis Valle sind es 150 Kilometer, die Fahrt dauert etwa zwei Stunden. Es gibt keine Eisenbahnlinie im Setesdal. Busse fahren von Kristiansand bis Hovden, allerdings nur wenige Male am Tag. Ein eigenes Auto ist praktisch unverzichtbar.
Unterkünfte gibt es in allen Preisklassen. Campingplätze liegen an der Otra und am Byglandsfjord, Hütten gibt es ab 500 NOK pro Nacht. Hotels und Pensionen konzentrieren sich auf Valle und Hovden. Das Bykle Hotel bietet Doppelzimmer ab 1.200 NOK mit Frühstück. Wer es ursprünglicher mag, kann über Airbnb historische Holzhäuser mieten. Einige davon sind 200 Jahre alt und liebevoll restauriert.
Die beste Reisezeit ist Juni bis September. Im Juni blühen die Wiesen, im Juli und August ist es warm genug zum Baden im Byglandsfjord. September bringt die Herbstfärbung, die im Setesdal besonders intensiv ausfällt. Im Winter lohnt sich Hovden als Skigebiet. Die Hochebene ist dann tief verschneit und bietet gute Langlaufbedingungen.
Einkaufsmöglichkeiten sind begrenzt. In Evje, Bygland und Valle gibt es kleine Supermärkte (Coop und Joker). Für größere Einkäufe ist Kristiansand die nächste Stadt. Restaurants sind rar, aber vorhanden. Das Valle Motell hat ein solides Restaurant mit norwegischer Hausmannskost. In Hovden gibt es etwas mehr Auswahl, darunter das Huldra, das lokale Forelle und Wildgerichte serviert.
Häufige Fragen zum Setesdal
Wie lange sollte man für das Setesdal einplanen?
Mindestens drei Tage, besser eine Woche. Wer nur durchfährt, verpasst das meiste. Die Museen, Stabkirchen und Wanderungen brauchen Zeit. Und der Byglandsfjord verdient einen ganzen Tag mit Baden, Angeln oder einer Dampfschifffahrt.
Kann man im Setesdal echten Silberschmuck kaufen?
Ja, in Valle gibt es mehrere Silberschmiede, die handgefertigten Schmuck verkaufen. Preise beginnen bei etwa 800 NOK für einfache Anhänger. Die Werkstätten sind im Sommer täglich geöffnet und bieten oft Führungen an, bei denen man den Schmieden bei der Arbeit zusehen kann.
Ist das Setesdal für Familien mit Kindern geeignet?
Sehr gut sogar. Der Kletterpark bei Evje ist bei Kindern ab 6 Jahren beliebt. Die Strände am Byglandsfjord sind flach und sicher. Rafting ist ab 12 Jahren möglich. Im Setesdalsmuseet finden im Sommer Kinderaktivitäten statt, bei denen Silberschmuck gebastelt oder Rosemaling gemalt wird.
Gibt es im Setesdal öffentliche Verkehrsmittel?
Es gibt eine Buslinie von Kristiansand über Evje und Valle bis Hovden. Die Busse fahren allerdings nur zwei bis drei Mal am Tag, und am Wochenende noch seltener. Für flexible Erkundung ist ein eigenes Auto oder Mietwagen die deutlich bessere Wahl.
Wann ist die beste Zeit zum Rafting auf der Otra?
Juni und Juli bieten den höchsten Wasserstand durch die Schneeschmelze und damit die aufregendsten Bedingungen. Im August und September ist der Fluss ruhiger, was für Anfänger angenehmer sein kann. Die Saison läuft von Mai bis Ende September.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026