Spitzbergen
Auf 78 Grad nördlicher Breite liegt eine Inselgruppe, die alles auf den Kopf stellt, was man von einem Reiseziel erwartet. Spitzbergen, auf Norwegisch Svalbard genannt, gehört zu den wenigen Orten auf der Erde, an denen die Wildnis noch wirklich wild ist. Mehr Eisbären als Einwohner leben hier, und die nächste Tankstelle auf dem Festland ist über 1.300 Kilometer entfernt. Trotzdem gibt es in Longyearbyen eine Universität, einen Flughafen, mehrere Restaurants und sogar ein Kino.
Wer zum ersten Mal auf Spitzbergen landet, merkt sofort, dass hier andere Regeln gelten. Die Luft ist so klar, dass man Berge sieht, die dreißig Kilometer entfernt sind. Die Stille ist so vollständig, dass man das eigene Herz schlagen hört. Und die Landschaft sieht aus wie ein anderer Planet: kahle Berge, weite Täler ohne einen einzigen Baum, Gletscher, die bis ans Meer reichen. Dazwischen Rentiere, Polarfüchse und eben die Eisbären, die hier seit Jahrtausenden zu Hause sind.
Longyearbyen: Die nördlichste Stadt der Welt
Longyearbyen ist das Verwaltungszentrum von Svalbard und mit rund 2.500 Einwohnern die größte Siedlung auf dem gesamten Archipel. Gegründet wurde der Ort 1906 vom amerikanischen Unternehmer John Munro Longyear, der hier eine Kohlemine eröffnete. Der Name bedeutet wörtlich "Longyears Stadt". Bis in die 1990er Jahre war Kohlebergbau die wirtschaftliche Grundlage. Heute leben die meisten Menschen vom Tourismus, von der Forschung und von öffentlichen Dienstleistungen.
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Die Stadt wirkt auf den ersten Blick erstaunlich normal. Es gibt Supermärkte, eine Kirche, eine Bibliothek und Schulen. Das Svalbard Museum zeigt die Geschichte der Inselgruppe von den Walfängern des 17. Jahrhunderts bis zur heutigen Forschung. In der Galerie gibt es Ausstellungen lokaler Künstler, die sich mit dem arktischen Licht beschäftigen. Abends trifft man sich im Karlsberger Pub, der ältesten Kneipe der Stadt, oder im Svalbar, das craft beer aus eigener Produktion ausschenkt.
Was Longyearbyen von anderen Orten unterscheidet, sind die Regeln, die das arktische Leben mit sich bringt. Vor den Häusern stehen Gewehre, denn jeder, der die Siedlung verlässt, muss eine Waffe gegen Eisbären dabei haben. Es ist verboten, in Longyearbyen zu sterben, zumindest im übertragenen Sinne: Der Friedhof wurde in den 1950er Jahren geschlossen, weil der Permafrostboden die Körper nicht zersetzt. Schwerkranke Menschen werden aufs Festland nach Tromsø geflogen. Katzen sind nicht erlaubt, weil sie die arktischen Vogelarten gefährden könnten.
Am Ortsrand steht der Svalbard Global Seed Vault, der weltberühmte Saatguttresor. In einem Bunker tief im Berg werden über eine Million Saatgutproben aus fast jedem Land der Erde aufbewahrt. Der Tresor ist nicht öffentlich zugänglich, aber der Eingang mit seiner beleuchteten Kunstinstallation ist ein beliebtes Fotomotiv geworden.
Eisbären und arktische Tierwelt
Auf Spitzbergen leben geschätzt 3.000 Eisbären, verteilt auf das gesamte Archipel. Damit gibt es mehr Eisbären als Menschen, und dieses Verhältnis prägt das gesamte Leben hier oben. Eisbären sind Einzelgänger und durchstreifen riesige Gebiete auf der Suche nach Robben, ihrer Hauptnahrung. Im Sommer, wenn das Meereis schmilzt, kommen sie häufiger in die Nähe der Siedlungen, was zu Konflikten führen kann.
Die Wahrscheinlichkeit, bei einer mehrtägigen Expedition einen Eisbären zu sehen, liegt im Sommer bei über 90 Prozent. Die meisten Sichtungen finden vom Schiff aus statt, wenn die Bären an der Küste entlangwandern oder auf Eisschollen treiben. Vom Land aus sieht man sie seltener, aber es kommt vor. Die Guides auf Spitzbergen nehmen die Eisbärengefahr sehr ernst: Jede Gruppe hat bewaffnete Begleiter, und Signalpistolen gehören zur Standardausrüstung.
Neben Eisbären leben auf Spitzbergen auch Svalbard-Rentiere, eine eigene Unterart, die kleiner und stämmiger ist als ihre Verwandten auf dem Festland. Diese Tiere grasen friedlich in den Tälern rund um Longyearbyen und lassen sich gut beobachten. Polarfüchse streifen durch die Siedlungen und sind erstaunlich zutraulich. Im Sommer brüten Tausende von Seevögeln an den Felsklippen: Dreizehenmöwen, Eissturmvögel, Krabbentaucher und Papageientaucher.
Im Meer rund um das Archipel leben Walrosse, Bart- und Ringelrobben, Belugawale und Narwale. Walrosse lassen sich besonders gut auf den flachen Stränden im Nordosten beobachten, wo sie in großen Gruppen liegen und sich sonnen. Eine Walross-Kolonie aus der Nähe zu sehen, mit dem Geruch und den Geräuschen, die dazugehören, ist ein Erlebnis, das man nicht vergisst.
Gletscher, Fjorde und Tundra
Rund 60 Prozent der Landfläche von Svalbard sind mit Gletschern bedeckt. Diese Eismassen sind seit Jahrtausenden gewachsen und schrumpfen nun durch den Klimawandel in einem besorgniserregenden Tempo. Einige der Gletscher reichen bis ans Meer, wo sie in gewaltigen Abbruchkanten enden. Wenn ein Stück Eis abbricht und ins Wasser stürzt, nennt man das Kalben. Das Geräusch ist donnerlaut, und die Welle, die dabei entsteht, kann ein Boot gehörig ins Schaukeln bringen.
Der Nordenskiöldbreen im Billefjord ist einer der am leichtesten erreichbaren Gletscher. Von Longyearbyen aus fahren Boote regelmäßig dorthin. Die Gletscherfront ist etwa fünf Kilometer breit und über dreißig Meter hoch. Vor der blauschimmernden Eiswand treiben kleine Eisberge, auf denen manchmal Robben liegen. Dieser Anblick macht greifbar, warum die Arktis so schützenswert ist.
Abseits der Gletscher breitet sich arktische Tundra aus: weite Flächen mit Moosen, Flechten und im Sommer sogar winzigen Blumen. Das Steinbrechkraut blüht in Rosa und Weiß, das arktische Weidenröschen zeigt sich in zartem Lila. Diese Pflanzen wachsen nur wenige Zentimeter hoch, weil der Wind alles niederhält, was sich erhebt. Der Boden darunter ist dauerhaft gefroren, der berühmte Permafrost, der nur in den obersten Zentimetern im Sommer auftaut.
Nordlicht und Mitternachtssonne
Die extremen Lichtverhältnisse gehören zu den packendsten Aspekten einer Reise nach Spitzbergen. Von Mitte April bis Ende August geht die Sonne nicht unter. Die Mitternachtssonne taucht die Landschaft 24 Stunden am Tag in ein warmes, goldenes Licht. Besonders eindrucksvoll ist das Licht zwischen 22 Uhr und 3 Uhr morgens, wenn die Sonne flach am Horizont steht und lange Schatten wirft.
Im Winter kehrt sich alles um. Von November bis Februar herrscht Polarnacht. Die Sonne bleibt unter dem Horizont, und es wird tagelang nicht richtig hell. Aber dunkel im Sinne von stockfinster ist es selten. Eine blaue Dämmerung liegt über der Landschaft, die Sterne leuchten außergewöhnlich klar, und dann sind da die Nordlichter. Auf Spitzbergen sieht man Aurora Borealis mit einer Intensität, die weiter südlich kaum zu erreichen ist. Grüne, violette und rote Schleier tanzen über den Himmel, manchmal stundenlang, manchmal nur für wenige Minuten.
Die besten Monate für Nordlichter auf Spitzbergen sind Oktober und November. Im Dezember und Januar ist es zwar dunkel genug, aber das Wetter ist häufig bewölkt, was die Sichtbarkeit einschränkt. Wer gezielt Nordlichter fotografieren möchte, sollte ein Stativ mitbringen und manuelle Kameraeinstellungen beherrschen. Die Apps zur Nordlichtvorhersage funktionieren hier oben zuverlässig.
Aktivitäten auf Spitzbergen
Die meisten Aktivitäten auf Spitzbergen finden draußen statt, und fast alle erfordern einen Guide. Allein vor die Tür zu gehen ist wegen der Eisbärengefahr nicht ohne Weiteres möglich, zumindest nicht außerhalb von Longyearbyen. Aber genau das macht den Reiz aus: Man erlebt die Arktis mit erfahrenen Guides, die jede Pflanze, jeden Vogel und jede Eisbärenspur lesen können.
Bootsexpeditionen gehören zu den beliebtesten Aktivitäten. Mehrtägige Schiffsreisen umrunden die Hauptinsel und bringen die Teilnehmer in abgelegene Fjorde, zu Gletscherfronten und an die Küsten, wo Walrosse lagern. Diese Expeditionen kosten zwischen 3.000 und 8.000 Euro pro Person, dauern drei bis zehn Tage und sind oft Monate im Voraus ausgebucht.
Hundeschlittenfahrten sind im Winter möglich und ein absolutes Erlebnis. Die Huskys sind voller Energie, und das Gleiten durch die verschneite Landschaft bei Mondlicht oder Nordlichtern ist surreal. Tagestouren starten bei rund 2.500 NOK pro Person. Es gibt auch mehrtägige Touren mit Übernachtung in Zelten oder einfachen Hütten.
Im Sommer bieten sich Kajakfahrten in den Fjorden an, Wanderungen durch die Tundra und Gletschertouren mit Steigeisen. Im Winter kommen Schneemobilfahrten dazu und Eishöhlenerkundungen in die umliegenden Berge. Das Angebot an Touren hat sich in den letzten Jahren stark vergrößert, und die Qualität der Guides ist durchweg hoch.
Anreise und praktische Tipps
Spitzbergen ist einfacher zu erreichen, als man denkt. Der Flughafen Longyearbyen (LYR) wird ganzjährig von Oslo und Tromsø angeflogen. Die Flugzeit von Oslo beträgt etwa drei Stunden, von Tromsø knapp zwei. Norwegian und SAS bieten Direktflüge an. Im Sommer gibt es auch Charterflüge aus anderen europäischen Städten. Ein Hin- und Rückflug von Oslo kostet je nach Saison zwischen 2.000 und 5.000 NOK.
Svalbard hat einen besonderen rechtlichen Status. Obwohl die Inselgruppe zu Norwegen gehört, gelten aufgrund des Svalbardvertrags von 1920 eigene Regeln. Die wichtigste für Reisende: Es gibt keine Einreisebeschränkungen. Bürger aller Unterzeichnerstaaten dürfen sich frei auf Svalbard aufhalten. In der Praxis braucht man aber ein Rückflugticket und eine Unterkunftsbuchung, da es keine staatliche Sozialversorgung auf Svalbard gibt.
Unterkünfte in Longyearbyen reichen vom einfachen Gästehaus bis zum gehobenen Hotel. Das Funken Lodge und das Radisson Blu Polar Hotel sind die bekanntesten Häuser. Rorbuer wie auf dem Festland gibt es hier nicht, stattdessen umgebaute Bergarbeiterhäuser und moderne Lodges. Die Preise liegen bei 1.200 bis 3.500 NOK pro Nacht für ein Doppelzimmer. In der Hochsaison (März und Juni bis August) sollte man mindestens drei Monate im Voraus buchen.
Kleidung ist entscheidend. Auch im Sommer können die Temperaturen auf null Grad fallen, und der Wind verstärkt das Kältegefühl. Merino-Unterwäsche, Fleece-Zwischenschicht, wind- und wasserdichte Außenschicht: dieses Zwiebelprinzip hat sich bewährt. Gute Wanderschuhe sind Pflicht, im Winter braucht man isolierte Stiefel. Die meisten Tour-Anbieter leihen spezielle Ausrüstung wie Thermoanzüge, Steigeisen oder Schneemobilhelme kostenfrei aus.
Die beste Reisezeit
Die Antwort hängt davon ab, was man erleben will. März und April bieten die Kombination aus Schnee, zurückkehrendem Licht und guten Bedingungen für Schneemobiltouren und Skitouren. Die Temperaturen liegen zwischen minus 15 und minus 5 Grad, die Tage werden spürbar länger.
Juni bis August ist Hochsaison. Die Mitternachtssonne scheint, die Temperaturen steigen auf 5 bis 10 Grad, und die Bootsexpeditionen rund um die Insel starten. Wanderungen und Vogelbeobachtungen sind in dieser Zeit am besten. Allerdings sind die Preise am höchsten und die Unterkünfte am schnellsten ausgebucht.
Oktober bis Februar ist Polarnacht. Das ist die richtige Zeit für Nordlichter, aber das Wetter ist unberechenbar, und viele Touren finden nicht statt. Wer die absolute Dunkelheit erleben möchte und sich von Kälte nicht abschrecken lässt, findet hier eine ganz eigene Atmosphäre. Longyearbyen hat in der Polarnacht eine ganz besondere Stimmung und gemütlich lebendig zugleich.
Häufige Fragen zu Spitzbergen
Braucht man ein Visum für Spitzbergen?
Nein. Durch den Svalbardvertrag von 1920 dürfen Bürger aller Unterzeichnerstaaten visumfrei einreisen. Allerdings führt die Anreise über das norwegische Festland, für das die normalen Einreisebestimmungen gelten. EU-Bürger benötigen einen gültigen Personalausweis oder Reisepass.
Wie gefährlich sind die Eisbären wirklich?
Eisbären sind Raubtiere und können für Menschen gefährlich werden. Innerhalb von Longyearbyen sind Begegnungen selten, aber außerhalb der Siedlung ist die Mitnahme einer Signalpistole oder eines Gewehrs Pflicht. Geführte Touren haben immer bewaffnete Guides dabei. Tödliche Angriffe kommen vor, sind aber extrem selten, der letzte ereignete sich 2020.
Was kostet eine Woche auf Spitzbergen?
Eine Woche mit Flug ab Oslo, Unterkunft im Mittelklassehotel und zwei bis drei geführten Touren kostet pro Person zwischen 2.500 und 4.500 Euro. Mehrtägige Schiffsexpeditionen liegen deutlich darüber, oft bei 5.000 bis 10.000 Euro. Essen in Restaurants ist teuer, ein Hauptgericht kostet schnell 300 bis 400 NOK.
Kann man auf Spitzbergen Nordlichter sehen?
Ja, und zwar besonders gut. Die Lage auf 78 Grad Nord bringt intensive Nordlichter, sofern der Himmel klar ist. Die besten Monate sind Oktober und November. Während der Polarnacht von November bis Februar ist es rund um die Uhr dunkel genug für Nordlichtbeobachtungen. In der Mitternachtssonne (April bis August) sind keine Nordlichter sichtbar.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026