Insel Gimsøy
Gimsøy ist die Insel, die die meisten Lofoten-Besucher nur im Vorbeifahren sehen. Die E10 führt über die Gimsøystraumen-Brücke, streift die Südküste und verschwindet durch einen Tunnel nach Vestvågøy. Wer nicht abbiegt, verpasst eine Insel, die sich grundlegend von ihren Nachbarn unterscheidet. Hier gibt es keine dramatischen Felsnadeln, keine überlaufenen Strände, kein Instagram-Gedränge. Stattdessen flaches Weideland, weite Sandstrände, ein Golfplatz unter der Mitternachtssonne und mehr Vögel, als man in einem ganzen Urlaub zählen kann.
Ich bin an einem Junimorgen auf Gimsøy angekommen, als der Nebel noch über den Feldern hing und die Sonne versuchte, sich durchzudrücken. Es roch nach Gras und Salz. Ein Austernfischer schrie über meinem Kopf, und in der Ferne konnte ich Pferde auf einer Weide sehen. Keine Autos, keine anderen Touristen. Nur das Meer, die Berge am Horizont und diese Stille, die man auf den bekannteren Lofoten-Inseln vergeblich sucht.
Ankunft auf Gimsøy
Gimsøy liegt zwischen Austvågøy im Osten und Vestvågøy im Westen. Die Insel ist etwa 46 Quadratkilometer groß, aber erstaunlich dünn besiedelt. Nur rund 300 Menschen leben hier, verteilt auf die Ortschaften Gimsøysand, Hov und Lyngvær. Die Gimsøystraumen-Brücke verbindet die Insel mit Austvågøy, der Sundklakkstraumen-Tunnel führt hinüber nach Vestvågøy.
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Was sofort auffällt: Gimsøy ist flacher als die anderen Lofoten-Inseln. Die nördliche Hälfte besteht aus Weideland und Mooren, durchzogen von kleinen Bächen. Im Süden steht der Hoven (368 m) als einziger größerer Berg. Diese Topografie macht die Insel zu einem idealen Lebensraum für Wat- und Seevögel. Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass der Wind hier kräftiger bläst als anderswo. An stürmischen Tagen fegt er ungehindert über die flachen Felder.
Die Straßen auf Gimsøy sind schmal und oft einspurig. Man trifft eher auf Schafe als auf andere Autos. Es gibt keinen Supermarkt, keine Tankstelle, kein Restaurant im klassischen Sinne. Wer hierherkommt, bringt sein Essen mit oder kocht in der Unterkunft. Das klingt unpraktisch, ist aber Teil des Reizes. Gimsøy ist die Lofoten ohne Filter, ohne touristische Infrastruktur, dafür mit einer Ruhe, die man spüren kann.
Vogelbeobachtung auf Gimsøy
Gimsøy ist einer der besten Orte in ganz Nordnorwegen, um Vögel zu beobachten. Die Kombination aus Feuchtgebieten, Strandabschnitten und offenem Meer zieht Dutzende Arten an. Im Frühjahr und Sommer brüten hier Austernfischer, Regenpfeifer, Bekassinen und Rotschenkel auf den Wiesen. Am Strand kann man Sandregenpfeifer beobachten, die zwischen den Tangklumpen nach Nahrung suchen.
Besonders lohnend ist das Gebiet rund um den Gimsøysand Beach im Norden der Insel. Der flache Sandstrand geht in Dünenlandschaft über, dahinter liegen sumpfige Wiesen, die im Mai und Juni von brütenden Watvögeln bevölkert werden. Mit etwas Geduld und einem Fernglas sieht man Seeadler, die über den Klippen kreisen, und mit Glück auch Fischadler, die ins Wasser tauchen.
Im Herbst wird Gimsøy zur Raststation für Zugvögel. Tausende Gänse, Enten und Limikolen machen hier Pause auf ihrem Weg nach Süden. Die norwegische Ornithologische Vereinigung hat Gimsøy als wichtiges Vogelgebiet (IBA) eingestuft. Wer ernsthaft Vögel beobachten will, bringt Gummistiefel mit, denn die besten Beobachtungsplätze liegen in den feuchten Wiesen abseits der Wege.
Wanderung auf den Hoven
Der Hoven ist mit 368 Metern der höchste Punkt von Gimsøy, und die Wanderung hinauf gehört zu den lohnendsten kurzen Touren auf den gesamten Lofoten. Der Weg beginnt bei der alten Gimsøy-Kirche in Hov, einer weißen Steinkirche aus dem Mittelalter, die direkt am Meer steht. Von dort führt ein steiler, aber gut erkennbarer Pfad den Berghang hinauf.
Die Wanderung dauert etwa eine Stunde pro Strecke. Die ersten Meter gehen über Weideland, dann wird der Pfad steiniger und steiler. Feste Wanderschuhe sind unbedingt zu empfehlen, vor allem bei Nässe. Auf halber Höhe gibt es eine Stelle, an der man sich an einem Drahtseil festhalten kann. Klingt dramatisch, ist aber gut machbar, wenn man trittsicher ist.
Oben angekommen, versteht man, warum Gimsøy trotz seiner bescheidenen Höhe so beeindruckt. Der 360-Grad-Rundblick umfasst praktisch die gesamte Lofoten-Kette. Im Osten die spitzen Gipfel von Austvågøy, im Westen die Berge von Vestvågøy, im Norden das offene Meer Richtung Vesterålen, im Süden der Vestfjord. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zur Festlandküste. Die Mitternachtssonne vom Hoven aus zu beobachten, wie sie langsam über dem Meer kreist, ohne unterzugehen, ist ein Erlebnis, das sich in das Gedächtnis brennt.
Die Ortschaften der Insel
Gimsøy hat drei nennenswerte Ortschaften, die alle ihren eigenen Charakter besitzen. Hov im Süden ist das kulturelle Zentrum, wenn man es so nennen kann. Hier steht die Gimsøy-Kirche, eine der ältesten Steinkirchen der Lofoten, die vermutlich im 12. oder 13. Jahrhundert erbaut wurde. Die Kirche dient noch heute als Gemeindekirche und ist in den Sommermonaten für Besucher geöffnet.
Gimsøysand liegt im Norden, direkt am gleichnamigen Strand. Hier gibt es einige verstreute Häuser, einen alten Kai und den Zugang zum besten Vogelbeobachtungsgebiet. Der Strand selbst ist weitläufig, mit feinem Sand und Blick auf die Berge von Austvågøy. Im Sommer nutzen Einheimische den Strand zum Surfen, denn die Wellen können hier ordentlich sein.
Lyngvær im Westen besteht aus einer Handvoll Häuser an einer kleinen Bucht. Von hier aus hat man einen besonders schönen Blick auf den Sonnenuntergang über dem offenen Meer. In Lyngvær betreibt eine Familie einen kleinen Hof mit Islandpferden, der Reitausflüge anbietet.
Islandpferde und Outdoor-Aktivitäten
Gimsøy ist die einzige Lofoten-Insel, auf der man auf Islandpferden reiten kann. Der Hof Hov Gård bietet geführte Ausritte an, die entlang der Küste führen. Die robusten Pferde sind an das raue Wetter gewöhnt, und ein Ritt am Strand bei Mitternachtssonne gehört zu den Erlebnissen, die man nur hier haben kann. Die Touren dauern zwischen einer und drei Stunden, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Die Pferde sind gutmütig und an Anfänger gewöhnt.
Neben dem Reiten gibt es auf Gimsøy einen Golfplatz, der als nördlichster 18-Loch-Platz der Welt gilt. Der Lofoten Links liegt direkt am Meer, mit Blick auf die Berge, und im Sommer kann man hier unter der Mitternachtssonne abschlagen. Die Greenfee ist moderat, die Ausstattung einfach, aber die Kulisse macht das mehr als wett.
Surfer kennen die Strände von Gimsøy als ruhigere Alternative zum berühmten Unstad Beach auf Vestvågøy. Die Wellen sind nicht ganz so konstant, aber an guten Tagen durchaus surfbar. Der Vorteil: Man hat den Strand oft für sich allein. Kajaks kann man auf einigen Höfen mieten und damit die Küste erkunden. Die geschützte Südseite der Insel eignet sich besonders gut für Anfänger.
Unterkünfte und Übernachtung
Die Auswahl ist überschaubar, aber charmant. Der Hov Gård bietet Zimmer in historischen Gebäuden, teilweise mit Meerblick. Das Frühstück wird mit lokalen Zutaten zubereitet, frisch gebackenes Brot, Brunost, geräucherter Lachs. Die Atmosphäre ist familiär, man sitzt abends mit den anderen Gästen zusammen und tauscht Geschichten aus.
Einige Einheimische vermieten Ferienhäuser und kleine Hütten über Buchungsportale. Diese Unterkünfte sind oft einfach ausgestattet, haben aber den Vorteil, dass man mitten im Geschehen lebt, zwischen den Schafen, den Vögeln und dem Wind. Wer mit dem Zelt kommt, findet auf Gimsøy problemlos Platz. Die Allemansretten, das norwegische Jedermannsrecht, erlaubt das Zelten in der freien Natur, solange man Abstand zu bewohnten Gebäuden hält und keine Spuren hinterlässt.
Die nächsten Hotels und gut ausgestatteten Rorbuer befinden sich auf Vestvågøy, in Leknes oder Stamsund, jeweils etwa 20 bis 30 Minuten Fahrzeit entfernt.
Anreise und praktische Hinweise
Gimsøy liegt direkt an der E10, der Hauptverkehrsader der Lofoten. Von Svolvær aus fährt man etwa 40 Minuten, von Leknes etwa 20 Minuten. Der nächste Flughafen ist Svolvær (SVJ) auf Austvågøy oder Leknes (LKN) auf Vestvågøy. Beide werden von Widerøe ab Bodø angeflogen.
Auf der Insel selbst gibt es weder Supermarkt noch Tankstelle. Alles, was man braucht, kauft man in Svolvær oder Leknes ein, bevor man nach Gimsøy fährt. Mobilfunkempfang ist vorhanden, kann aber in den Bergen schwächer werden. Trinkwasser kommt aus der Leitung und hat sehr gute Qualität.
Die beste Reisezeit für Vogelbeobachtung ist Mai bis Juli, wenn die Brutvögel aktiv sind. Für die Mitternachtssonne eignen sich Juni und Juli. Im September und Oktober kommen die Zugvögel, und die Nordlicht-Saison beginnt. Im Winter ist Gimsøy sehr ruhig, aber die Nordlichter können wild über den flachen Feldern tanzen.
Häufige Fragen zu Gimsøy
Lohnt sich ein Abstecher nach Gimsøy?
Auf jeden Fall, besonders für alle, die Ruhe suchen und sich für Natur interessieren. Die Wanderung auf den Hoven allein ist den Abstecher wert. Wer Vogelbeobachtung liebt, sollte mindestens einen halben Tag einplanen. Die Insel bietet einen willkommenen Kontrast zu den touristischeren Lofoten-Inseln.
Gibt es Restaurants auf Gimsøy?
Es gibt kein klassisches Restaurant. Der Hov Gård bietet Mahlzeiten für seine Gäste an, manchmal auch für externe Besucher, aber nur nach Voranmeldung. Am besten bringt man eigenes Essen mit oder kocht in der Unterkunft. Der nächste Supermarkt liegt in Svolvær oder Leknes.
Kann man auf Gimsøy surfen?
Ja, an den Stränden im Norden der Insel gibt es bei richtigen Bedingungen surfbare Wellen. Die Spots sind nicht so bekannt wie Unstad auf Vestvågøy, bieten aber den Vorteil, dass man oft allein im Wasser ist. Neoprenanzug ist Pflicht, die Wassertemperatur liegt ganzjährig zwischen 6 und 12 Grad. Boards muss man selbst mitbringen, es gibt keinen Verleih auf der Insel.
Ist die Wanderung auf den Hoven schwierig?
Die Tour ist mittelschwer. Der Höhenunterschied beträgt knapp 370 Meter, der Weg ist stellenweise steil und kann bei Nässe rutschig sein. Feste Wanderschuhe sind Pflicht. An einer Stelle gibt es ein Drahtseil als Hilfe. Die reine Gehzeit beträgt etwa eine Stunde bergauf. Für den Abstieg plant man etwas weniger ein. Bei gutem Wetter ist die Tour auch für sportliche Anfänger machbar.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026