Islands Hochland
Es gibt wenige Orte auf dieser Erde, die so unberührt geblieben sind wie das isländische Hochland. Auf einer Fläche, die größer ist als viele europäische Staaten, lebt kein einziger Mensch dauerhaft. Keine Siedlungen, keine Tankstellen, keine Handynetze. Nur Vulkane, Gletscher, schwarze Sandwüsten und Flüsse, die sich ihren Weg durch ein Terrain bahnen, das sich seit der letzten Eiszeit kaum verändert hat. Wer hierher kommt, erlebt Island in seiner ursprünglichsten Form.
Das Hochland ist nicht für jeden geeignet. Es verlangt Vorbereitung, das richtige Fahrzeug und Respekt vor der Natur. Aber wer sich darauf einlässt, wird mit Erlebnissen belohnt, die weit über das hinausgehen, was die Ringstraße und der Goldene Kreis bieten können.
Was ist das Hochland?
Als Hochland (isländisch: Hálendið) wird das gesamte Landesinnere Islands bezeichnet. Es macht rund 40 Prozent der Landfläche aus, also etwa 40.000 Quadratkilometer. Die durchschnittliche Höhe liegt zwischen 400 und 800 Metern über dem Meeresspiegel. Die Landschaft besteht aus vulkanischen Wüsten, Lavafeldern, Gletschern, vereinzelten Tafelbergen und endlosen Schotterflächen, auf denen kaum Vegetation wächst.
Das Hochland ist nur über sogenannte F-Straßen (Fjallvegir, also Bergstraßen) erreichbar. Diese unbefestigten Pisten sind ausschließlich für Allradfahrzeuge zugelassen und in der Regel nur von Ende Juni bis Anfang September befahrbar. Die genauen Öffnungstermine hängen von der Schneeschmelze und den Flusswasserständen ab und werden jedes Jahr von der isländischen Straßenverwaltung (Vegagerðin) bekannt gegeben.
Das Wetter im Hochland ist unberechenbar. Selbst im Juli kann es schneien, die Temperaturen fallen nachts regelmäßig unter den Gefrierpunkt, und Sandstürme können innerhalb von Minuten aufziehen. Es gibt keinen Mobilfunkempfang, keine Rettungsdienste in der Nähe und zwischen den wenigen Berghütten liegen oft Stunden Fahrzeit. Genau das macht den Reiz aus.
Landmannalaugar: Bunte Berge und heiße Quellen
Landmannalaugar ist der bekannteste und am leichtesten zugängliche Ort im isländischen Hochland. Das Gebiet liegt im südlichen Hochland auf etwa 600 Metern Höhe und ist über die F-Straßen F208 und F225 erreichbar. Im Sommer fahren auch Hochlandbusse von Reykjavík und Hella hierher.
Was Landmannalaugar so besonders macht, sind die Rhyolithberge. Rhyolith ist ein helles vulkanisches Gestein, das durch chemische Verwitterung in den unterschiedlichsten Farben erscheint. Die Berge rund um Landmannalaugar schimmern in Rosa, Orange, Gelb, Grün und Violett. Je nach Lichteinfall und Wetter wechseln die Farbtöne im Minutentakt. Es ist eine Landschaft, die fast unwirklich wirkt.
Direkt neben dem Campingplatz und der Berghütte gibt es eine natürliche heiße Quelle, in der man kostenlos baden kann. Das warme Wasser fließt aus dem Lavafeld Laugahraun und mischt sich mit einem kühlen Bach. Nach einer langen Wanderung gibt es kaum etwas Besseres, als hier im warmen Wasser zu liegen und auf die bunten Berge zu schauen.
Von Landmannalaugar startet auch der berühmte Laugavegur Trail, einer der schönsten Fernwanderwege der Welt. Die 55 Kilometer lange Strecke führt in vier bis fünf Tagen durch Rhyolithberge, schwarze Obsidianfelder, Gletscherflüsse und grüne Täler bis nach Þórsmörk. Unterwegs übernachtet man in Berghütten des Ferðafélag Íslands (Isländischer Wanderverein). Die Hütten müssen Monate im Voraus gebucht werden, da die Plätze schnell vergriffen sind.
Sprengisandur: Die Nord-Süd-Durchquerung
Die Sprengisandur-Route (F26) ist die längste und einsamste Hochlanddurchquerung Islands. Sie verbindet den Norden (bei Goðafoss) mit dem Süden (bei Hrauneyjar) auf einer Strecke von etwa 200 Kilometern. Die Fahrt dauert je nach Bedingungen acht bis zwölf Stunden, da die Piste stellenweise in sehr schlechtem Zustand ist und mehrere Flussquerungen gemeistert werden müssen.
Die Landschaft entlang der Sprengisandur ist eintönig und überwältigend zugleich. Stundenlang fährt man durch eine schwarze Sandwüste, eingeklemmt zwischen den Gletschern Vatnajökull im Osten und Hofsjökull im Westen. Kaum ein Grashalm wächst hier, kaum ein Tier ist zu sehen. Die Isländer nannten diese Gegend früher Öræfi, also Ödland, und mieden sie nach Möglichkeit. In der Sagaliteratur war das Hochland der Ort, an den Geächtete verbannt wurden.
Etwa auf halber Strecke liegt die Berghütte Nýidalur, eine Oase in der Wüste. Hier gibt es einen Campingplatz, Schlafplätze und einen Warden, der über die aktuellen Straßenverhältnisse informiert. Von Nýidalur aus hat man an klaren Tagen einen Blick auf beide Gletscher gleichzeitig.
Askja und Víti: Vulkankrater mit Badesee
Die Askja ist eine große Caldera im nordöstlichen Hochland, erreichbar über die F88 und F910. Der Name bedeutet schlicht "Schachtel" oder "Kasten" und beschreibt die Form des eingesunkenen Vulkans. Die Caldera hat einen Durchmesser von etwa acht Kilometern und enthält den Öskjuvatn, einen 220 Meter tiefen See, der erst 1875 nach einem gewaltigen Ausbruch entstand.
Direkt neben dem Öskjuvatn liegt der Víti-Krater (isländisch für "Hölle"), ein kleinerer Explosionskrater, der mit milchig-blauem, warmem Wasser gefüllt ist. Bis vor einigen Jahren konnte man in Víti baden. Das Wasser hat eine Temperatur von 20 bis 25 Grad, und der Abstieg über den steilen Kraterrand war Teil des Abenteuers. Aktuell ist das Baden allerdings wegen Hangrutschgefahr nicht erlaubt. Auch ohne Bad bleibt der Blick vom Kraterrand auf den türkisfarbenen See und den dahinterliegenden Öskjuvatn spektakulär.
Die Askja hat eine besondere Verbindung zur Raumfahrt. In den 1960er Jahren trainierten NASA-Astronauten hier für die Apollo-Missionen, weil die Landschaft der Mondoberfläche ähnelt. Neil Armstrong und seine Kollegen übten in der Caldera das Sammeln von Gesteinsproben, bevor sie zum Mond flogen.
Die Fahrt zur Askja ist anspruchsvoll. Allein die 60 Kilometer auf der F88 durch die Ódáðahraun-Lavawüste dauern etwa zwei Stunden, und die letzte Flussfurt (Lindaá) kann bei hohem Wasserstand schwierig sein. Viele Reisende schließen sich geführten Touren ab Nordisland an.
Herðubreið: Königin der Berge
Herðubreið (1.682 m) ist einer der markantesten Berge Islands und wird von den Isländern als "Königin der Berge" (Drottning fjallanna) bezeichnet. Sein perfekter Tafelberg-Silhouette entstand während der letzten Eiszeit, als ein Vulkan unter einem Gletscher ausbrach. Das Eis formte die steilen Wände, während die flache Gipfelplatte entstand, als die Lava die Gletscheroberfläche erreichte.
Der Berg liegt mitten in der Ódáðahraun, der größten Lavawüste Islands. Am Fuß des Berges befindet sich die Oase Herðubreiðarlindir, ein grünes Fleckchen mit Quellen, Gras und Wildblumen inmitten der schwarzen Lava. Hier steht eine Berghütte, und es gibt einen einfachen Campingplatz. Der Kontrast zwischen der lebensfeindlichen Umgebung und dieser grünen Oase ist beeindruckend.
Die Besteigung des Herðubreið ist technisch anspruchsvoll und nur für erfahrene Bergsteiger mit entsprechender Ausrüstung geeignet. Die meisten Besucher begnügen sich mit dem Blick von unten und den Wanderwegen rund um die Oase. Von hier aus lässt sich auch die Askja als Tagesausflug erreichen.
Die Kjölur-Route: Die leichtere Hochlandpiste
Wer das Hochland erleben möchte, ohne sich auf die extremen Bedingungen der Sprengisandur oder der Askja-Route einzulassen, für den ist die Kjölur-Route (35) die beste Wahl. Sie verbindet Geysir im Süden mit Blönduós im Norden und ist die einzige Hochlandstraße, die nicht als F-Straße klassifiziert ist. Allerdings ist auch hier ein Allradfahrzeug notwendig, und die Strecke hat keine Asphaltierung.
Die Kjölur führt zwischen den Gletschern Langjökull im Westen und Hofsjökull im Osten hindurch. Das Highlight der Route ist Hveravellir, ein geothermales Gebiet auf halber Strecke. Hier gibt es dampfende Fumarolen, farbige Sinterterrassen und einen natürlichen Hot Pot, in dem man bei klarem Wetter unter dem Nordlicht oder der Mitternachtssonne baden kann. Eine kleine Berghütte und ein Campingplatz bieten Übernachtungsmöglichkeiten.
Die Fahrt über die Kjölur dauert ohne Stopps etwa vier bis fünf Stunden. Die Piste ist in der Regel in gutem Zustand, und es gibt keine schwierigen Flussquerungen. Trotzdem sollte man genügend Benzin und Proviant mitnehmen, denn zwischen Geysir und Blönduós gibt es keine Versorgungsmöglichkeiten.
Fahrzeuge und Ausrüstung
Allradpflicht: Auf allen F-Straßen sind ausschließlich Allradfahrzeuge (4x4) zugelassen. Das ist keine Empfehlung, sondern Gesetz. Wer mit einem normalen PKW auf einer F-Straße erwischt wird, riskiert hohe Bußgelder und den Versicherungsschutz. Die meisten Mietwagenfirmen schließen F-Straßen bei normalen PKW ausdrücklich aus.
Fahrzeugwahl: Für die Kjölur und einfachere F-Straßen wie die F35 oder die F208 (oberer Teil nach Landmannalaugar) reicht ein normaler Allrad-SUV wie ein Dacia Duster oder Suzuki Vitara. Für die Sprengisandur (F26), die Askja (F88/F910) und Strecken mit tiefen Furten braucht man einen größeren Geländewagen mit hoher Bodenfreiheit, idealerweise einen Toyota Land Cruiser oder einen modifizierten Super Jeep.
Flussquerungen (Furten): Viele Hochlandpisten führen durch Flüsse, die keine Brücken haben. Das Furten ist die größte Herausforderung und gleichzeitig das größte Risiko im Hochland. Die Wassertiefe und Strömung können sich innerhalb weniger Stunden ändern, etwa nach Regen oder bei starker Gletscherschmelze an warmen Nachmittagen. Grundregeln: Immer flussaufwärts schauen, die flachste Stelle suchen, im ersten Gang und mit konstanter Geschwindigkeit durchfahren, niemals anhalten. Im Zweifel warten, bis ein erfahrenerer Fahrer kommt, und zusehen.
Ausrüstung: Neben dem richtigen Fahrzeug gehören folgende Dinge ins Gepäck: ausreichend Benzin (im Hochland gibt es keine Tankstellen), Trinkwasser und Proviant für mindestens einen zusätzlichen Tag, warme Kleidung auch im Sommer, ein Satellitentelefon oder ein Notfallsender (PLB), detaillierte Karten (das GPS-Signal kann im Hochland schwach sein), Abschleppseil und Schaufel. Wer zum ersten Mal im Hochland unterwegs ist, sollte in Konvoi mit mindestens einem weiteren Fahrzeug fahren.
Praktische Tipps und Sicherheit
Beste Reisezeit: Die meisten Hochlandpisten sind von Anfang Juli bis Mitte September geöffnet. Die Kjölur-Route öffnet oft schon Ende Juni, während abgelegenere Strecken wie die F910 zur Askja manchmal erst Mitte Juli befahrbar sind. Den aktuellen Status aller Straßen zeigt die Website road.is (Vegagerðin).
Umweltschutz: Das Hochland ist ein extrem empfindliches Ökosystem. Moos, das zerstört wird, braucht Jahrzehnte zur Regeneration. Offroad-Fahren abseits der markierten Pisten ist in ganz Island verboten und wird mit Geldstrafen von mehreren tausend Euro geahndet. Es gilt die einfache Regel: Auf der Piste bleiben, nichts mitnehmen, nichts hinterlassen.
Reiseplan hinterlegen: Vor jeder Hochlandfahrt sollte man seinen geplanten Reiseverlauf bei safetravel.is hinterlegen. Die isländische Rettungsmannschaft (ICE-SAR) kann im Notfall gezielter suchen, wenn sie weiß, wo man unterwegs sein wollte. Die Rettung im Hochland kann viele Stunden dauern, manchmal ist ein Hubschraüber die einzige Möglichkeit.
Berghütten: Entlang der Hochlandrouten betreiben der Ferðafélag Íslands (FÍ) und der Útivist-Verein Berghütten mit Schlafplätzen, Kochgelegenheiten und teilweise Duschen. Reservation ist in der Hochsaison dringend empfohlen. Die wichtigsten Hütten sind Landmannalaugar, Hveravellir, Nýidalur und Dreki (Askja). Daneben gibt es einfache Campingplätze.
Geführte Touren: Wer die Verantwortung für Fahrzeug und Navigation nicht selbst tragen möchte, kann geführte Super-Jeep-Touren buchen. Anbieter wie Iceland Travel, Arctic Adventures und Midgard Adventure fahren regelmäßig nach Landmannalaugar, zur Askja und über die Sprengisandur. Eine Tagestour nach Landmannalaugar ab Südisland kostet etwa 30.000 bis 40.000 ISK (200 bis 270 Euro) pro Person.
Das isländische Hochland ist kein Ort für spontane Abenteuer. Es verlangt Planung, Erfahrung und Demut vor den Naturgewalten. Aber wer sich die Zeit nimmt, die richtige Ausrüstung mitbringt und die Regeln respektiert, erlebt eine Landschaft, die es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Eine Reise ins Hochland ist keine Sehenswürdigkeit, die man abhakt. Es ist eine Expedition in Europas letzte echte Wildnis.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026