Hans Christian Andersen
Kein Däne hat die Vorstellungskraft der Welt so nachhaltig geprägt wie Hans Christian Andersen. Seine Märchen von der kleinen Meerjungfrau, dem hässlichen Entlein und der Schneekönigin gehören zum kulturellen Erbe der Menschheit. In Dänemark begegnet man dem Dichter an jeder Ecke, und doch erschließt sich seine Geschichte erst, wenn man die Orte besucht, an denen er gelebt, gelitten und geschrieben hat.
Andersen wurde 1805 in Odense als Sohn eines Schuhmachers geboren und starb 1875 als einer der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit in Kopenhagen. Zwischen diesen beiden Städten liegt ein Leben voller Widersprüche. Ein Mann, der die zärtlichsten Kindergeschichten der Welt schrieb und gleichzeitig an Einsamkeit, Selbstzweifeln und unerfüllter Liebe zerbrach. Wer seine Spuren in Dänemark verfolgt, entdeckt den Märchendichter, und auch den Menschen dahinter.
Andersen und Odense
Odense, die drittgrößte Stadt Dänemarks, trägt den Beinamen Andersens Geburtsstadt mit sichtbarem Stolz. Wer durch die Altstadt spaziert, stößt auf Skulpturen, Gedenktafeln und Straßennamen, die an den berühmtesten Sohn der Stadt erinnern. Doch die Beziehung zwischen Andersen und Odense war keineswegs immer harmonisch. Als junger Mann verließ er die Stadt mit 14 Jahren in Richtung Kopenhagen und kam nur widerwillig zurück. Odense stand für Armut, für die beengte Kindheit in der Gasse der Wäscherinnen, für alles, dem er entkommen wollte.
Erst im Alter versöhnte sich Andersen mit seiner Geburtsstadt. 1867 wurde er zum Ehrenbürger ernannt, und bei seinem letzten Besuch 1869 bereitete ihm die Stadt einen triumphalen Empfang. Heute wäre der Dichter vermutlich erstaunt darüber, wie sehr Odense sein Erbe pflegt. Die gesamte Innenstadt atmet seinen Geist, ohne dabei kitschig zu wirken. Odense hat es geschafft, Andersens Vermächtnis als lebendigen Teil der Stadtkultur zu bewahren, nicht als verstaubtes Museum.
Besonders reizvoll ist der H.C. Andersen Haven, ein kleiner Park direkt neben dem Museum. Skulpturen aus Andersens Märchen stehen zwischen alten Bäumen und Blumenbeeten. Im Sommer finden hier Freiluftaufführungen statt, bei denen lokale Theatergruppen Andersens Geschichten spielen. Kinder lieben die begehbare Märchenwelt, und auch Erwachsene werden von der Atmosphäre eingefangen.
Das H.C. Andersen Museum
Im Juni 2021 eröffnete in Odense ein Museum, das die Art verändert hat, wie man einem Dichter gedenken kann. Der japanische Architekt Kengo Kuma entwarf einen Bau, der sich wie eine unterirdische Märchenwelt in die Landschaft einfügt. Große Teile des Museums liegen unter der Erde, verbunden durch gewundene Gänge und kreisförmige Räume, die an Andersens Geschichten erinnern. Die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmt. Gärten wachsen durch das Dach, Licht fällt durch runde Öffnungen, und die Architektur selbst erzählt eine Geschichte.
Die Ausstellung verzichtet bewusst auf die übliche chronologische Darstellung eines Lebens. Statt Vitrinen mit Originalmanuskripten und Porträts in goldenen Rahmen gibt es zwölf begehbare Installationen, die jeweils einem Märchen gewidmet sind. In der Welt des hässlichen Entleins taucht man buchstäblich in einen See aus Spiegeln ein. Im Raum der Schneekönigin herrscht eisige Kälte. Und im Kapitel des Kaisers neue Kleider wird der Besucher selbst zum Teil einer Installation über Wahrheit und Täuschung.
Der Eintritt kostet 170 DKK (ca. 23 EUR) für Erwachsene. Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre kommen kostenlos hinein. Für den Besuch sollte man mindestens zwei Stunden einplanen, besser drei. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, im Sommer bis 18 Uhr. Montags bleibt es geschlossen. Ein Audioguide in deutscher Sprache ist im Eintrittspreis enthalten.
Geburtshaus und Kindheitsorte
Das Geburtshaus von Hans Christian Andersen steht in der Hans Jensens Stræde, einer schmalen Gasse in der Altstadt von Odense. Es ist ein kleines, gelb gestrichenes Fachwerkhaus mit einem Dach aus roten Ziegeln. Die Räume sind winzig. Man fragt sich unwillkürlich, wie eine Familie hier leben konnte. Andersens Vater arbeitete in einer Stube, die gleichzeitig als Werkstatt, Wohnzimmer und Schlafzimmer diente. Die Armut, in der der spätere Dichter aufwuchs, wird in diesen Räumen greifbar.
Wenige Gehminuten entfernt liegt das Kindheitshaus in der Munkemøllestræde, in das die Familie zog, als Andersen etwa zwei Jahre alt war. Hier verbrachte er den größten Teil seiner Kindheit. Das Haus ist noch kleiner als das Geburtshaus. Ein einziger Raum diente der ganzen Familie als Lebensmittelpunkt. Andersen beschrieb später, wie er auf einer provisorischen Bühne im Hof Puppentheater spielte und damit die Nachbarkinder unterhielt. In diesen Aufführungen, sagte er einmal, habe alles begonnen.
Die Gassen rund um die beiden Häuser haben ihren historischen Charakter weitgehend bewahrt. Niedrige Fachwerkhäuser säumen gepflasterte Straßen. Im Frühling blühen Stockrosen an den Fassaden. Die Stadt hat das Viertel behutsam restauriert, ohne es in ein Freilichtmuseum zu verwandeln. Hier wohnen Menschen, hier gibt es Cafés und kleine Geschäfte. Die Andersen-Häuser fügen sich in das Stadtbild ein, statt daraus hervorzustechen.
Andersens Jahre in Kopenhagen
Im September 1819 verließ der 14-jährige Andersen Odense mit dem Postkutsche und fuhr nach Kopenhagen. Er hatte 13 Rigsdaler in der Tasche und den festen Vorsatz, berühmt zu werden. Die ersten Jahre in der Hauptstadt waren hart. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen, versuchte sich als Schauspieler und Sänger am Königlichen Theater und wurde mehrfach abgewiesen. Erst die Förderung durch wohlhabende Gönner ermöglichte ihm eine Schulbildung und den Einstieg in die Schriftstellerei.
Andersens Kopenhagen lässt sich bei einem Spaziergang durch die Innenstadt erkunden. Am Nyhavn wohnte er an drei verschiedenen Adressen: Nummer 18, 20 und 67. Gedenktafeln markieren die Häuser. Besonders die Wohnung in Nummer 67, wo er viele seiner bekanntesten Märchen schrieb, ist einen Halt wert. Von seinem Fenster aus blickte er auf den Hafen mit seinen bunten Häusern und den Segelschiffen, eine Kulisse, die seine Geschichten vom Meer und von fernen Ländern inspiriert haben dürfte.
Im Kongens Have, dem Königlichen Garten, steht eine lebensgroße Bronzestatue des Dichters. Er sitzt auf einer Bank mit einem Buch auf dem Knie und blickt in Richtung des Schlosses Rosenborg. Die Statue ist einer der meistfotografierten Orte in Kopenhagen. Weniger bekannt ist die Andersen-Büste im Assistens Kirkegård im Stadtteil Nørrebro, wo der Dichter 1875 beigesetzt wurde. Sein Grab liegt unter einer schlichten Steinplatte, umgeben von alten Bäumen. Es ist ein stiller Ort, der zum Nachdenken einlädt.
Das Königliche Theater am Kongens Nytorv war der Ort, an dem Andersen als junger Mann so verzweifelt um Aufnahme bat. Heute werden hier regelmäßig Ballette und Opern aufgeführt, die auf seinen Märchen basieren. Die Aufführung von Die kleine Meerjungfrau als Ballett gehört zum festen Repertoire und ist für Andersen-Liebhaber ein besonderes Erlebnis.
Die Märchen und ihre Orte
Andersens Märchen sind tief in der dänischen Landschaft verwurzelt. Wer seine Geschichten kennt und dann durch Dänemark reist, entdeckt überall Verbindungen. Die Kleine Meerjungfrau hat ihren festen Platz an der Langelinie in Kopenhagen, wo die berühmte Bronzestatue seit 1913 auf einem Felsblock am Hafenrand sitzt. Die Figur ist überraschend klein, kaum 1,25 Meter hoch. Trotzdem zieht sie jährlich über eine Million Besucher an.
Das Märchen vom Hässlichen Entlein soll von Andersens eigener Kindheit inspiriert sein. Er fühlte sich als Außenseiter in Odense, ungeschickt und anders als die anderen Kinder. Der Teich im Munke Mose Park in Odense, wo Schwäne und Enten leben, wird oft als Inspiration für diese Geschichte genannt. Ob das stimmt, weiß niemand sicher. Aber es passt zu der Art, wie Andersen die Welt um sich herum in Geschichten verwandelte.
Die Schneekönigin, eines seiner längsten und komplexesten Märchen, spiegelt die dänischen Winter wider. Die eisigen Landschaften, die endlose Dunkelheit und die Sehnsucht nach Wärme und Licht finden sich in vielen Passagen. Andersen schrieb die Geschichte im Dezember 1844, möglicherweise inspiriert von der bitterkalten Winterlandschaft, die er bei einer Reise durch Nordjütland erlebte.
Weniger bekannt ist, dass Andersen auch Reiseschriftsteller war. Seine Bücher über Reisen nach Italien, Spanien, Portugal und in den Orient gehörten zu seinen zu Lebzeiten erfolgreichsten Werken. Die Erfahrungen dieser Reisen flossen in viele seiner Märchen ein. Das Feuerzeug etwa enthält Motive, die an orientalische Geschichten erinnern, während Des Kaisers neue Kleider von einer spanischen Vorlage aus dem Mittelalter inspiriert wurde.
Andersen abseits der Touristenpfade
Wer die touristischen Hauptattraktionen hinter sich lässt, findet weitere Andersen-Orte, die weniger überlaufen und oft berührender sind. Auf der Insel Fünen liegt das Gut Glorup, wo Andersen als Gast des Grafen Moltke-Huitfeldt mehrere Sommer verbrachte. Er beschrieb die Zeit dort als die glücklichsten Wochen seines Lebens. Das Gut ist in Privatbesitz, aber der Park ist gelegentlich für Besucher geöffnet.
In Slagelse, einer Kleinstadt auf Seeland, besuchte Andersen als junger Mann eine Lateinschule. Die Jahre dort gehörten zu den dunkelsten seines Lebens. Sein Lehrer Simon Meisling quälte ihn mit Demütigungen und Spott. Andersen litt so sehr, dass er später schrieb, die Erinnerung an diese Zeit sei schmerzhafter als alles andere. Das Schulgebäude existiert noch, eine Gedenktafel erinnert an den berühmten Schüler.
Im nordjütländischen Skagen verbrachte Andersen den Sommer 1859. Die Landschaft an der Nordspitze Dänemarks beeindruckte ihn tief. Er beschrieb die Wanderdünen, das Licht und das Zusammentreffen von Nord- und Ostsee in seinen Tagebüchern. Die Skagener Maler, die wenige Jahrzehnte später berühmt werden sollten, hatten die Region noch nicht entdeckt. Andersen war einer der ersten Kulturschaffenden, die auf die besondere Schönheit dieser Landschaft aufmerksam machten.
Auf Bornholm besuchte Andersen die Rundkirchen und die Felsenküste. Seine Reiseberichte über die Insel gehören zu den frühesten touristischen Beschreibungen Bornholms und trugen dazu bei, die Insel als Reiseziel bekannt zu machen. In Gudhjem erinnert ein kleines Museum an seinen Aufenthalt.
Praktische Tipps für den Besuch
Wer alle wichtigen Andersen-Orte besuchen möchte, sollte mindestens drei Tage einplanen: einen Tag für Odense, einen für Kopenhagen und einen für die Orte auf Fünen und Seeland. Mit dem Auto lassen sich die Stationen bequem verbinden. Die Strecke Odense nach Kopenhagen führt über die Storebælt-Brücke und dauert knapp zwei Stunden.
In Odense gibt es ein Kombiticket für das H.C. Andersen Museum und das Geburtshaus. Es kostet 170 DKK (ca. 23 EUR) und gilt für beide Einrichtungen am selben Tag. Das Kindheitshaus in der Munkemøllestræde ist kostenlos zugänglich. Der Audioguide im Museum ist auf Deutsch verfügbar und lohnt sich, weil er die Installationen mit Andersens Originalzitaten unterlegt.
In Kopenhagen bietet sich ein Andersen-Spaziergang an, der am Rathaus beginnt, wo eine weitere Andersen-Statue steht, über den Nyhavn zum Kongens Have führt und an der Kleinen Meerjungfrau endet. Die Strecke ist etwa vier Kilometer lang und lässt sich in zwei bis drei Stunden gemütlich zurücklegen. Geführte Touren auf Deutsch werden von mehreren Anbietern offeriert und kosten zwischen 150 und 250 DKK (ca. 20 bis 34 EUR) pro Person.
Die beste Reisezeit für eine Andersen-Reise ist der Frühsommer von Mai bis Juni. In Odense finden dann die Andersen-Festspiele statt, mit Theateraufführungen, Lesungen und Konzerten. Im Dezember verwandelt sich das Museum in eine Weihnachtswelt, die an Andersens Märchen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern erinnert.
Häufig gestellte Fragen
Was kostet der Eintritt in das H.C. Andersen Museum in Odense?
Erwachsene zahlen 170 DKK (ca. 23 EUR). Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre haben freien Eintritt. Im Preis enthalten ist ein Audioguide, der auch auf Deutsch verfügbar ist.
Wo steht die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen?
Die Bronzestatue befindet sich an der Langelinie, einer Uferpromenade im Norden des Hafens. Man erreicht sie vom Stadtzentrum aus zu Fuß in etwa 20 Minuten oder mit dem Bus Linie 26. Der Zugang ist kostenlos und rund um die Uhr möglich.
Kann man Andersens Geburtshaus in Odense besichtigen?
Ja. Das Geburtshaus in der Hans Jensens Stræde ist Teil des Museumsensembles und kann mit dem Ticket für das H.C. Andersen Museum besucht werden. Die Räume sind originalgetreu eingerichtet und vermitteln einen Eindruck von den bescheidenen Verhältnissen, in denen Andersen aufwuchs.
Gibt es in Kopenhagen ein Andersen-Museum?
Ein eigenes Museum wie in Odense gibt es in Kopenhagen nicht. Andersens Spuren finden sich aber an vielen Orten der Stadt: am Nyhavn, im Kongens Have, am Königlichen Theater und auf dem Assistens Friedhof. Das Thorvaldsens Museum zeigt Werke des Bildhauers, der ein enger Freund Andersens war.
Lohnt sich die Andersen-Reise auch für Kinder?
Das Museum in Odense ist sehr gut für Familien geeignet. Die interaktiven Installationen sprechen alle Altersgruppen an. Im Sommer gibt es im Garten des Museums Theateraufführungen für Kinder. In Kopenhagen begeistert die Kleine Meerjungfrau vor allem jüngere Besucher.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026