Pärnu
Wenn die Esten vom Sommer reden, reden sie oft von Pärnu. Die Stadt an der Rigaer Bucht ist seit über hundert Jahren der Ort, an den die Menschen zum Baden fahren. Rund 52.000 Einwohner leben hier, im Juli und August verdoppelt sich die Zahl. Ein breiter Sandstrand, eine hübsche Altstadt, Kurhäuser aus der Zarenzeit und eine Strandpromenade, auf der man abends flaniert: Pärnu verbindet Badeurlaub mit Kulturprogramm, ohne sich dabei zu wichtig zu nehmen.
Die Geschichte als Kurort reicht bis 1838 zurück. Damals eröffnete das erste Schlammbad, und die russische Oberschicht entdeckte Pärnu als Erholungsort. Hotels, Villen und Sanatorien entstanden. Diese Tradition lebt bis heute fort, wenn auch mit moderneren Mitteln. Heute kommen nicht mehr die Zaren, sondern Finnen, die mit der Fähre aus Helsinki übersetzen, und Deutsche, die den direkten Flug nach Tallinn nehmen und dann weiterfahren.
Von Tallinn sind es 130 Kilometer nach Pärnu, knapp zwei Stunden mit dem Bus. Von Tartu aus fährt man 180 Kilometer über Landstraßen durch Wälder und an Mooren vorbei. Wer das Baltikum auf einer Rundreise erkundet, legt in Pärnu am besten zwei bis drei Nächte ein.
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Die Kurstadt am Meer
Pärnu liegt an der Mündung des gleichnamigen Flusses in die Rigaer Bucht, einem flachen Nebengewässer der Ostsee. Die geschützte Lage sorgt dafür, dass das Wasser im Sommer wärmer wird als anderswo an der estnischen Küste. Im Juli und August erreicht es 20 bis 23 Grad, manchmal mehr. Das ist für baltische Verhältnisse geradezu tropisch.
Die erste urkundliche Erwähnung stammt von 1251, als der Deutsche Orden hier eine Burg errichtete. Die Hansemitgliedschaft brachte Wohlstand durch Handel. Im 19. Jahrhundert wandelte sich Pärnu vom Handelsplatz zum Kurort. Das milde Klima, die Schlammbäder und die Seeluft lockten zahlungskräftige Gäste aus dem gesamten Russischen Reich.
Heute ist Pärnu Estlands viertgrößte Stadt. Der Tourismus ist neben dem Hafen der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Im Sommer finden Festivals statt, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind: das Pärnu Film Festival im Juli, das Positivus-Musikfestival am Strand, das David Oistrach Festival für klassische Musik.
Der Strand von Pärnu
Der Strand erstreckt sich über gut zwei Kilometer entlang der Rigaer Bucht. Feiner, heller Sand, flaches Wasser, das über mehrere hundert Meter nur langsam tiefer wird. Für Familien mit kleinen Kindern ist das ideal. Im Sommer stehen hier Beachvolleyballnetze, man kann Liegen und Sonnenschirme mieten (5 Euro pro Tag), und am Rand gibt es Strandbars, die Cocktails und Eis verkaufen.
Die Strandpromenade verläuft parallel zum Wasser. Auf der einen Seite Sand und Meer, auf der anderen Villen, Restaurants und das markante Strandhotel Rannahotell aus den 1930er Jahren. In den Abendstunden, wenn die Sonne über der Bucht untergeht, füllt sich die Promenade mit Spaziergängern. Die Sonnenuntergänge sind oft weitläufig und in warme Orangetöne getaucht, weil der Blick nach Westen über offenes Wasser geht.
Am südlichen Ende des Strands beginnt der Pärnu Rannapark, ein weitläufiger Park mit altem Baumbestand, der sich bis zur Altstadt zieht. Jogger drehen hier morgens ihre Runden, Familien picknicken auf den Wiesen. Durch den Park verläuft auch ein Rad- und Wanderweg, der die Stadt mit dem Strand verbindet. Im Winter, wenn der Strand verlassen ist, kommen die Eisläufer auf die zugefrorene Bucht.
Altstadt und Architektur
Die Altstadt von Pärnu ist kompakt und lässt sich in einer Stunde zu Fuß durchqueren. Hauptstraße ist die Rüütli-Straße, eine Fußgängerzone mit Geschäften, Cafés und Restaurants in ein- bis zweistöckigen Gebäuden. Hier stehen einige der ältesten Häuser der Stadt, darunter das barocke Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert an der Ecke zur Kuninga-Straße.
Von der mittelalterlichen Stadtbefestigung sind Reste erhalten. Das Tallinner Tor (Tallinna värav) ist das bekannteste Relikt: ein barocker Torbogen aus dem 17. Jahrhundert, der den Eingang zur Altstadt markiert. Ein paar Hundert Meter weiter steht der Rote Turm (Punane torn), der älteste erhaltene Bauteil der Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert. Er beherbergt heute eine kleine Ausstellung zur Stadtgeschichte (Eintritt 3 Euro).
Die Elisabethkirche (1744 bis 1747 erbaut) ist das größte Gotteshaus der Stadt. Ihr Barockturm überragt die Altstadt. Im Inneren befinden sich eine historische Orgel und ein geschnitzter Altar. Die Kirche ist nach der russischen Kaiserin Elisabeth benannt, die den Bau finanzierte. Konzerte finden hier regelmäßig statt, der Eintritt liegt bei 5 bis 10 Euro.
Zwischen Altstadt und Strand erstreckt sich das Villenviertel aus der Kurort-Ära. Holzvillen im Jugendstil, viele davon sorgfältig restauriert, reihen sich an breiten Alleen. Einige sind zu Gästehäusern umgebaut, andere beherbergen Restaurants oder Galerien. Ein Spaziergang durch dieses Viertel gibt einen Eindruck davon, wie Pärnu zu seiner besten Zeit ausgesehen haben muss.
Kur und Wellness
Pärnu hat eine über 180 Jahre alte Kurtradition. Die Heilschlammbäder, die 1838 ihren Anfang nahmen, nutzen den mineralreichen Schlamm aus der Rigaer Bucht. Heute bieten mehrere Spa-Hotels diese Behandlungen in modernem Rahmen an.
Das Hedon Spa (früher Kurhaus Mud Baths) ist die bekannteste Adresse. Ganzkörper-Schlammpackung ab 45 Euro, Spa-Zugang mit Pool und Saunalandschaft ab 18 Euro für den ganzen Tag. Das Tervise Paradiis hat den größten Wasserpark des Baltikums: Rutschen, Wellenbecken, Saunen. Tageskarte 22 Euro für Erwachsene, 14 Euro für Kinder. Das Estonia Resort Hotel bietet klassische Kurbehandlungen: Moorpackungen, Massagen und Hydrotherapie ab 35 Euro pro Anwendung.
Wer auf eigene Faust etwas für die Gesundheit tun will, findet am Strand einen kostenlosen Barfußpfad und Outdoor-Fitnessgeräte. Im Winter bieten einige Anbieter geführtes Eisbaden in der Bucht an (15 Euro inklusive Sauna danach).
Ausflüge in die Umgebung
Die Insel Kihnu liegt 40 Kilometer vor der Küste und ist per Fähre (1,5 Stunden, 8 Euro) oder Kleinflugzeug (10 Minuten, 25 Euro) erreichbar. Kihnu ist UNESCO-immaterielles Kulturerbe: Die rund 500 Einwohner pflegen eine eigenständige Kultur mit traditioneller Kleidung und Musik. Die Frauen tragen gestreifte Röcke, die Männer fahren zum Fischfang. Ein Tagesausflug lohnt sich, über Nacht bleiben kostet ab 30 Euro im Gästehaus.
Der Soomaa-Nationalpark liegt 50 Kilometer östlich. Im Frühling, wenn die Schneeschmelze die Flüsse über die Ufer treten lässt, entsteht hier die „fünfte Jahreszeit": Weite Flächen stehen unter Wasser, und man bewegt sich per Einbaum (Haabjas) durch die überfluteten Wälder. Geführte Kanutouren kosten 25 bis 40 Euro. Im Sommer wandert man auf Moorpfaden über Holzstege durch Hochmoore.
In Richtung Norden, 30 Kilometer entfernt, liegen die Ruinen des Klosters Padise. Die gotische Klosteranlage aus dem 14. Jahrhundert steht ruhig in der Landschaft. Im Sommer finden dort Freilichtkonzerte statt. Der Eintritt beträgt 5 Euro.
Essen und Trinken
Restaurants: Das Steffani an der Nikolai-Straße serviert Pizza und Pasta ab 9 Euro und gilt als Pärnuer Institution. Wer estnische Küche sucht, geht ins Hea Maa am Rüütli-Platz: Lamm und Fisch aus der Region, Hauptgerichte 14 bis 20 Euro. Das Ö an der Suur-Sepa-Straße bietet gehobene Küche mit Meeresfrüchten, Abendessen ab 25 Euro pro Person.
Cafés: Das Supelsaksad direkt am Strand ist der Klassiker für Kaffee mit Meerblick (Cappuccino 3,20 Euro). Im Sugar liegt der Schwerpunkt auf Kuchen und Gebäck (Stück ab 3 Euro). In der Altstadt hat sich das Mahedik als Treffpunkt für Brunch etabliert (Brunch-Teller 8 bis 12 Euro).
Nachtleben: Im Sommer konzentriert sich das Geschehen auf die Strandbars. Das Sunset Club direkt am Wasser hat DJs von Juni bis August, Eintritt 5 bis 10 Euro. In der Altstadt ist die Alex Bar ein Treffpunkt mit Cocktails ab 7 Euro und Live-Musik am Wochenende. Generell gilt: Im Winter ist in Pärnu abends wenig los, der Sommer macht den Unterschied.
Anreise und Übernachten
Anreise: Von Tallinn fahren Busse (Lux Express) alle 30 bis 60 Minuten, Fahrzeit 1,5 bis 2 Stunden, Preis 7 bis 14 Euro. Von Tartu aus dauert es per Bus rund 2,5 Stunden (10 bis 16 Euro). Mit dem Auto sind es 130 km ab Tallinn über die Autobahn E67. Die Anreise ins Baltikum erfolgt meistens über den Flughafen Tallinn.
Hotels: Das Rannahotell (Strandhotel) aus den 1930er Jahren liegt direkt am Meer, Doppelzimmer ab 110 Euro im Sommer. Das Hedon Spa Hotel bietet Zimmer mit Spa-Zugang ab 90 Euro. Mittelklasse-Häuser wie das Hotel Bristol kosten 55 bis 80 Euro. Hostelbetten gibt es ab 14 Euro im Hommiku Hostel. Ferienwohnungen starten bei 40 Euro für zwei Personen. Die Kosten im Baltikum sind insgesamt moderat.
Campingplätze: Der Pärnu Camping am Stadtrand bietet Stellplätze ab 15 Euro pro Nacht. Hütten gibt es ab 35 Euro. Der Platz liegt 2 km vom Strand entfernt und hat einen eigenen Badestrand am Fluss Pärnu.
Häufige Fragen
Wann ist die beste Badezeit in Pärnu?
Die Wassertemperatur erreicht im Juli und August 20 bis 23 Grad. In manchen Jahren klettert sie auf 25 Grad. Juni ist noch frisch (15 bis 18 Grad), September ebenfalls. Die Hochsaison dauert von Mittsommer bis Mitte August.
Lohnt sich Pärnu auch im Winter?
Für Strandurlaub nicht, aber für Wellness ja. Die Spa-Hotels haben ganzjährig geöffnet, die Preise liegen im Winter 30 bis 40 Prozent unter der Sommersaison. Die zugefrorene Bucht bietet zudem die Gelegenheit zum Eislaufen und Eisfischen.
Wie kommt man von Pärnu nach Kihnu?
Die Fähre fährt vom Hafen Munalaiu (30 km südlich von Pärnu) nach Kihnu. Fahrtzeit 1,5 Stunden, Ticket 8 Euro pro Person. Alternativ gibt es Kleinflugzeuge ab Pärnu Flughafen (10 Minuten, 25 Euro). Im Winter, wenn die See zufriert, fährt man gelegentlich über die Eisstraße.
Ist Pärnu für Familien geeignet?
Sehr gut sogar. Der flache Strand ist ideal für kleine Kinder, der Wasserpark Tervise Paradiis hat Rutschen und Wellenbecken, und der Rannapark bietet Spielplätze. Restaurants sind kinderfreundlich und Kindermenüs sind Standard.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.