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Erfahrungsberichte Norwegen
Deutsche erzählen vom Auswandern, Ankommen und Bleiben

Erfahrungsberichte Norwegen

16 Min. Lesezeit

Jemand hat mir vor meinem Umzug nach Norwegen gesagt: "Du wirst das Land lieben und gleichzeitig daran verzweifeln." Nach sechs Jahren in Oslo kann ich sagen: Das stimmt. Norwegen ist kein Paradies, aber es ist ein verdammt guter Ort zum Leben, wenn man bereit ist, sich auf ein paar Dinge einzulassen, die in Deutschland undenkbar wären.

Für diesen Artikel habe ich mit zwölf Deutschen gesprochen, die zwischen drei und fünfundzwanzig Jahre in Norwegen leben. In Bergen, Oslo, Tromsø, Stavanger und auf den Lofoten. Ingenieure, Krankenschwestern, IT-Fachleute, eine Bäckerin und ein Lehrer. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, aber bestimmte Muster tauchen immer wieder auf. Die Begeisterung für die Natur. Der Schock über die Preise. Wie schwer es ist, norwegische Freunde zu finden. Und die Erkenntnis, dass man nach ein paar Jahren nicht mehr zurück will.

Warum Norwegen? Die Beweggründe

Thomas, 42, Maschinenbauingenieur aus Stuttgart, lebt seit acht Jahren in Stavanger. Er kam wegen der Ölindustrie. "Mein Arbeitgeber in Deutschland hatte ein Partnerbüro in Stavanger. Ich sollte für zwei Jahre kommen. Es war ein gutes Angebot: mehr Gehalt, spannende Projekte, eine Branche, die damals boomte." Thomas ist geblieben. Die zwei Jahre wurden acht. Seine Frau kam nach sechs Monaten nach, die Kinder gehen auf die internationale Schule. "Wir reden nicht mehr über Rückkehr. Das Thema ist durch."

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Marina, 35, Krankenschwester aus München, hatte andere Gründe. "Ich habe in Deutschland im Schichtdienst gearbeitet, war ständig unterbesetzt, wurde schlecht bezahlt und war nach drei Jahren am Burnout. Eine Kollegin war nach Norwegen gegangen und sagte: Hier wirst du als Mensch behandelt, nicht als Kostenstelle." Marina verdient in Oslo umgerechnet rund 52.000 Euro brutto im Jahr, mehr als doppelt so viel wie in München. "Aber es geht nicht nur ums Geld. Ich habe hier feste Arbeitszeiten, Pausen, die wirklich Pausen sind, und Vorgesetzte, die fragen, wie es mir geht."

Nicht alle kommen wegen der Arbeit. Katharina, 29, studierte in Trondheim Meeresbiologie und blieb, weil sie sich verliebt hatte. In einen Norweger, aber auch in das Land. "Ich wollte schon als Kind nach Skandinavien. Meine Großeltern hatten eine Hütte am Mjøsa, und jeden Sommer waren wir dort. Als sich die Gelegenheit ergab, war die Entscheidung sofort klar."

Blick über die Dächer von Oslo bei Sonnenuntergang mit dem Oslofjord im Hintergrund
Oslo verbindet Stadtleben mit Natur auf eine Art, die es in deutschen Großstädten so nicht gibt. Der Fjord ist fünfzehn Minuten vom Zentrum entfernt. (KI-generiert)

Leben in Oslo: Zwischen Grünerløkka und Grønland

Oslo ist die Stadt, in der die meisten Deutschen landen. Rund 4.500 Deutsche leben hier, mehr als in jeder anderen norwegischen Stadt. Und Oslo ist, das muss man so sagen, eine ganz andere Stadt als noch vor zehn Jahren. Die Barcode-Reihe im Bjørvika-Viertel, das Munch-Museum, die Oper am Wasser, der Deichman-Bibliothek: Oslo hat sich von einer etwas verschlafenen nordischen Hauptstadt in eine moderne Metropole verwandelt, die sich mit Kopenhagen und Stockholm messen kann.

Stefan, 38, Softwareentwickler aus Berlin, lebt in Grünerløkka, dem Viertel, das alle als Oslos Kreuzberg bezeichnen. "Der Vergleich stimmt nur halb. Ja, es gibt Cafés und Vintage-Läden und Leute mit Tattoos. Aber Grünerløkka ist sauber, sicher und absurd teuer. Meine Zweizimmerwohnung kostet 15.000 Kronen im Monat, das sind ungefähr 1.350 Euro. Für Berlin-Verhältnisse viel, für Oslo Durchschnitt."

Die Wohnungssuche in Oslo ist ein Thema, über das jeder Deutsche klagt. Der Markt ist eng, die Preise hoch, und als Ausländer ohne festen Arbeitsvertrag hat man schlechte Karten. FINN.no ist die zentrale Plattform, aber gute Wohnungen sind innerhalb von Stunden vergeben. Stefan hat drei Monate gesucht, bevor er seine Wohnung fand. "Ich habe am Ende über einen Kollegen ein Zimmer bekommen. So läuft das hier: Netzwerk schlägt Inserat."

Wer es sich leisten kann, kauft. Die norwegische Eigentumsquote liegt bei 77 Prozent, deutlich höher als in Deutschland. Die Zinsen waren lange niedrig, und der Immobilienmarkt ist stabil. Eine Zweizimmerwohnung in Grünerløkka kostet zwischen 3 und 4 Millionen Kronen, umgerechnet 270.000 bis 360.000 Euro. In Randgebieten wie Stovner oder Grorud geht es ab 2 Millionen los.

Der norwegische Alltag: Was anders läuft

Der größte Unterschied zu Deutschland, und das sagen fast alle: die Gelassenheit. Norweger hetzen nicht. Der Bus kommt, wann er kommt. Der Handwerker ruft zurück, wenn er Zeit hat. Meetings fangen pünktlich an, aber sie enden auch pünktlich, weil um halb vier Feierabend ist. Das klingt wunderbar, bis man als Deutscher merkt, dass man dringend etwas erledigt haben will und niemand sich dafür verantwortlich fühlt.

Thomas aus Stavanger lacht, wenn er davon erzählt. "In Deutschland rief ich montags beim Handwerker an, und mittwochs war er da. In Norwegen rief ich montags an, bekam eine Mailbox, rief dienstags nochmal an, bekam wieder die Mailbox, und am Donnerstag schrieb mir jemand eine SMS: 'Kann in drei Wochen vorbeikommen. Passt das?' Es passte nicht, aber es war die einzige Option."

Ein Wanderweg in der norwegischen Natur mit Blick auf einen Fjord und Berge
Die Natur ist in Norwegen nie weit. Selbst mitten in der Arbeitswoche kann man nach Feierabend noch eine Wanderung machen. (KI-generiert)

Einkaufen in Norwegen ist ein Kapitel für sich. Die Supermärkte sind klein, die Auswahl begrenzt, und die Preise treiben Deutschen regelmäßig Tränen in die Augen. Ein Kasten Bier: 300 Kronen, etwa 27 Euro. Eine Packung Aufschnitt: 60 Kronen, 5,40 Euro. Ein Abendessen im Restaurant für zwei Personen: selten unter 1.000 Kronen, also 90 Euro, und da hat man noch keine Getränke bestellt.

Marina hat sich angepasst. "Man kocht mehr. Man geht seltener essen. Man kauft bei Rema 1000 oder Kiwi statt bei Meny, weil es günstiger ist. Und man fährt zwei, drei Mal im Jahr über die schwedische Grenze nach Strömstad, um im Systembolaget Wein zu kaufen und bei Gekås alles einzupacken, was in Norwegen das Dreifache kostet. Das machen alle Norweger so, nicht nur die Deutschen."

Was dafür besser läuft als in Deutschland: Behördengänge. Norwegen ist ein digitales Land. Die meisten Behördenangelegenheiten lassen sich online erledigen, über die BankID, eine elektronische Identifikation, die an die Steuernummer gekoppelt ist. Steuererklärung? Online, vorausgefüllt, in zwanzig Minuten fertig. Ummeldung? Online. Kindergeldantrag? Online. "In Deutschland habe ich mal einen halben Tag auf dem Bürgeramt verbracht, um meinen Personalausweis zu verlängern", sagt Stefan. "In Norwegen habe ich meinen Pass online bestellt und per Post bekommen."

Arbeit und Karriere: Was Deutsche erleben

Die norwegische Arbeitswelt unterscheidet sich grundlegend von der deutschen. Flache Hierarchien sind kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis. Der Chef wird geduzt. Entscheidungen werden im Team getroffen. Wer in Meetings den Ton angibt, gilt als unsympathisch, nicht als durchsetzungsstark. Das "Janteloven", das Gesetz von Jante, das besagt, dass man sich nicht über andere erheben soll, wirkt in norwegischen Büros bis heute nach.

Modernes norwegisches Büro mit offenem Grundriss und großen Fenstern
Norwegische Arbeitsplätze sind oft modern, offen und hierarchiearm. Feierabend um halb vier ist die Regel, nicht die Ausnahme. (KI-generiert)

Thomas brauchte ein Jahr, um das zu verstehen. "In Deutschland war ich es gewohnt, Probleme direkt anzusprechen. Hier sagt man: 'Das ist ein interessanter Ansatz, vielleicht könnten wir auch mal an eine andere Lösung denken.' Am Anfang dachte ich, die stimmen mir zu. Später merkte ich: Die sagten mir, dass mein Vorschlag schlecht war. Nur auf norwegische Art."

Die Gehaltsstruktur in Norwegen ist komprimierter als in Deutschland. Ein Ingenieur verdient gut, ein Manager verdient besser, aber der Abstand ist kleiner. Das Durchschnittsgehalt lag 2025 bei rund 620.000 Kronen brutto im Jahr, etwa 56.000 Euro. Ärzte und IT-Spezialisten liegen bei 800.000 bis 1.200.000 Kronen. Handwerker verdienen 500.000 bis 650.000 Kronen, deutlich mehr als in Deutschland. Die Einkommensteuer liegt zwischen 22 und 38 Prozent, je nach Einkommen.

Arbeitszeitregelungen sind streng. Die reguläre Arbeitszeit beträgt 37,5 Stunden pro Woche. Überstunden kommen vor, werden aber bezahlt und nicht erwartet. Fünf Wochen Urlaub sind Standard, in manchen Branchen sechs. Elternzeit: 49 Wochen bei vollem Gehalt oder 59 Wochen bei 80 Prozent. Davon sind 15 Wochen für den Vater reserviert, die verfallen, wenn er sie nicht nimmt. In der Praxis nehmen fast alle norwegischen Väter ihre Elternzeit, weil es gesellschaftlich erwartet wird. Deutsche Väter in Norwegen tun es ebenfalls, oft zum ersten Mal, und berichten, dass es ihr Leben verändert hat.

Die Jobsuche erfordert Norwegisch. In der Öl- und Gasindustrie in Stavanger kommt man mit Englisch weit, ebenso in Teilen der IT-Branche in Oslo. Aber in den meisten Berufen wird Norwegisch vorausgesetzt, zumindest auf mittlerem Niveau. Wer im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich oder in der öffentlichen Verwaltung arbeiten will, braucht mindestens Niveau B2. Marina hat zwei Jahre lang Norwegischkurse besucht, bevor sie ihre Zulassung als Krankenschwester bekam. "Das war hart. Medizinisches Norwegisch ist noch mal eine andere Sache als Alltagssprache."

Der erste Winter: Dunkelheit und Kälte

Jeder warnt davor. Jeder denkt, er sei vorbereitet. Niemand ist es wirklich. Der erste norwegische Winter trifft Deutsche härter, als sie zugeben wollen. In Oslo geht die Sonne im Dezember um neun Uhr auf und um halb drei wieder unter. Das sind fünfeinhalb Stunden Tageslicht, von denen die meisten grau sind. In Tromsø geht die Sonne von Ende November bis Ende Januar gar nicht auf. Zwei Monate Polarnacht.

Verschneite Straße in einer norwegischen Stadt bei Dämmerungslicht
Der norwegische Winter ist lang, dunkel und kalt. Aber wer sich darauf einlässt, entdeckt auch eine stille Schönheit. (KI-generiert)

Stefan erinnert sich an seinen ersten November in Oslo. "Ich bin morgens im Dunkeln zur Arbeit gelaufen und abends im Dunkeln zurück. Dazwischen saß ich in einem Büro ohne Fenster. Nach drei Wochen war ich deprimiert. Nicht traurig, wirklich deprimiert. Ich hatte keine Energie, wollte nichts unternehmen, habe nur geschlafen und Netflix geguckt."

Was hilft: Vitamin D, eine Tageslichtlampe, und vor allem: rausgehen. Die Norweger haben ein Sprichwort: "Det finnes ikke dårlig vær, bare dårlige klær." Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Und sie meinen das ernst. Im Januar gehen norwegische Familien am Wochenende Ski laufen, bei minus fünfzehn Grad, im Dunkeln, mit Stirnlampen. Kinder spielen draußen, solange es nicht kälter als minus zehn ist. Kindergärten gehen bei jedem Wetter nach draußen.

Katharina in Trondheim hat einen Tipp: "Kauf dir sofort im Oktober gute Winterausrüstung. Nicht im Dezember, wenn du schon leidest. Merinowolle als Unterwäsche, eine wasserdichte Jacke, Winterstiefel mit Spikes. Und fang an, Langlauf zu lernen. Es gibt kein besseres Mittel gegen den Winterblues als eine Runde durch den verschneiten Wald."

Der zweite Winter ist übrigens leichter. Man weiß, was kommt, hat sich vorbereitet und kennt die Strategien. Ab dem dritten Winter beginnt man, die Dunkelzeit sogar zu mögen. Die Ruhe, die Gemütlichkeit, das Kerzenlicht. Und wenn im Februar die Sonne zum ersten Mal wieder über den Horizont steigt und die verschneite Landschaft in goldenes Licht taucht, versteht man, warum Norweger diesen Moment "solfesten" nennen: das Sonnenfest.

Integration: Die unsichtbare Hürde

Deutsche integrieren sich in Norwegen schneller als in vielen anderen Ländern. Die Kulturen sind verwandt, die Wertvorstellungen ähnlich, und wer fleißig und pünktlich ist, passt gut in die norwegische Arbeitswelt. Und trotzdem gibt es eine Hürde, die fast alle erwähnen: echte Freundschaften mit Norwegern aufzubauen.

Gruppe von Menschen beim gemeinsamen Grillen im Freien in Norwegen
Gemeinsame Aktivitäten in der Natur sind in Norwegen der beste Weg, um echte Freundschaften aufzubauen. (KI-generiert)

Norweger sind freundlich, hilfsbereit, höflich. Aber sie sind auch reserviert. Man grüßt den Nachbarn, plaudert kurz, und das war es. Spontane Einladungen zum Abendessen? Selten. Tiefgründige Gespräche beim Kaffee? Noch seltener. Norweger haben ihre Freunde seit der Kindheit, und neue Leute in den bestehenden Kreis aufzunehmen, dauert.

"In Deutschland habe ich nach zwei Wochen im neuen Job Leute zum Grillen eingeladen", erzählt Thomas. "In Norwegen habe ich nach zwei Monaten gemerkt, dass meine Kollegen nette Leute sind, die aber nach Feierabend verschwinden. Kein 'Gehen wir noch ein Bier trinken?', kein 'Komm am Wochenende vorbei.' Das war hart. Ich fühlte mich unsichtbar."

Der Schlüssel, das bestätigen alle: Vereine und Aktivitäten. Norweger öffnen sich in gemeinsamen Aktivitäten, nicht bei Smalltalk. Ein Wanderverein (DNT), ein Sportclub, ein Chor, ein Elterntreff in der Schule. Wer zusammen bergsteigt, zusammen friert und zusammen lacht, baut Bindungen auf. Aber es dauert. Zwei bis drei Jahre, sagen die meisten.

Norwegisch sprechen hilft enorm. Alle Norweger sprechen gut Englisch, und viele bieten an, auf Englisch zu wechseln. Aber wer Norwegisch spricht, wird anders wahrgenommen. Nicht als Gast, sondern als jemand, der bleiben will. Marina erzählt: "Als ich zum ersten Mal mit meinen Kollegen auf Norwegisch einen Witz gemacht habe, hat sich etwas verändert. Plötzlich war ich Teil der Gruppe. Vorher war ich die deutsche Kollegin, danach war ich Marina."

Natur als Lebensqualität

Über die norwegische Natur zu reden fühlt sich fast überflüssig an, weil jeder sie kennt. Fjorde, Nordlichter, die Berge. Aber erst wenn man dort lebt, versteht man, was Natur für den Alltag bedeutet. In Oslo bin ich in zwanzig Minuten im Wald. In Bergen stehe ich nach dreißig Minuten auf einem Berggipfel. In Tromsø sehe ich Nordlichter vom Schlafzimmerfenster aus.

Das Jedermannsrecht (allemannsretten) gibt jedem das Recht, die Natur frei zu nutzen. Zelten, wandern, Beeren pflücken. Überall, solange man Rücksicht nimmt. Für Deutsche, die aus einem Land kommen, in dem jeder Waldweg einem Eigentümer gehört und "Betreten verboten"-Schilder zum Stadtbild gehören, ist das eine Offenbarung.

Katharina in Trondheim geht jeden Morgen vor der Arbeit joggen, durch den Bymarka, ein Waldgebiet direkt an der Stadt. "Im Sommer um fünf Uhr morgens, wenn die Sonne schon scheint und die Vögel singen. Im Winter mit Stirnlampe durch den Schnee. Das ist meine Therapie. Kein Fitnessstudio, kein Yogakurs, einfach Wald und Stille."

Am Wochenende fahren Norweger auf die Hytte, die Hütte. Fast jede norwegische Familie hat eine: ein kleines Holzhaus in den Bergen oder am Meer, oft ohne Strom und fließend Wasser. Dort wird gewandert, geangelt, Ski gelaufen und nichts getan. Die Hytte-Kultur ist ein zentraler Bestandteil des norwegischen Lebens, und wer sie versteht, versteht Norwegen. Thomas hat nach vier Jahren seine eigene Hytte gekauft, in Sirdal, zwei Stunden von Stavanger entfernt. "Beste Investition meines Lebens. Nicht finanziell, menschlich."

Was niemand vorher erzählt

Norwegen sieht in Reiseblogs und Instagram-Posts perfekt aus. Und vieles ist tatsächlich gut. Aber es gibt Dinge, die in den Hochglanzberichten fehlen.

Das Vinmonopolet. Alkohol über 4,7 Prozent gibt es nur in staatlichen Läden, dem Vinmonopolet. Die Öffnungszeiten: montags bis freitags bis 18 Uhr, samstags bis 15 Uhr, sonntags geschlossen. Eine Flasche Wein kostet mindestens 150 Kronen, guter Wein ab 200. Bier im Laden: 30 bis 50 Kronen pro Dose. Im Restaurant: 80 bis 120 Kronen für 0,4 Liter. Man gewöhnt sich dran, aber man vermisst den deutschen Spätkauf.

Die Bürokratie für Ausländer. Norwegen ist digital und effizient, aber nur wenn man bereits im System ist. Die Anmeldung als EU-Bürger bei der UDI (Ausländerbehörde) dauerte bei Marina drei Monate. Bis sie ihre Personnummer hatte, konnte sie kein Bankkonto eröffnen, keinen Handyvertrag abschließen und keine Wohnung mieten. "Dieses Henne-Ei-Problem: Du brauchst eine Adresse für die Personnummer, aber ohne Personnummer bekommst du keine Wohnung."

Die Entfernungen. Norwegen ist lang und schmal. Von Oslo nach Tromsø sind es 1.800 Kilometer. Mit dem Auto braucht man 24 Stunden, mit dem Flugzeug zweieinhalb. Inlandsflüge sind teuer, besonders kurzfristig. Wer Familie in Deutschland hat und regelmäßig heimfliegen will, muss mit 3.000 bis 5.000 Kronen pro Flug rechnen.

Der Sonntag. In Norwegen ist sonntags alles geschlossen. Wirklich alles. Kein Supermarkt, kein Möbelhaus, kein Baumarkt. Kleine Kioske (Narvesen, Joker) haben auf, aber die Auswahl ist begrenzt und die Preise höher. Wer den Samstagseinkauf vergisst, hat ein Problem.

Das Gesundheitssystem. Es ist gut, aber langsam. Einen Termin beim Facharzt bekommt man oft erst nach Wochen oder Monaten. Der Hausarzt (fastlege) ist die erste Anlaufstelle für alles, und ohne Überweisung geht gar nichts. Die Eigenanteil (egenandel) pro Arztbesuch liegt bei rund 290 Kronen. Ist die jährliche Obergrenze von 3.165 Kronen (Stand 2026) erreicht, bekommt man eine Frikort, und alles Weitere ist kostenlos.

Würdest du es wieder tun?

Ich habe diese Frage allen zwölf gestellt. Elf sagten ja. Eine sagte: "Ja, aber ich hätte mich besser vorbereitet."

Thomas sagt: "Deutschland ist ein gutes Land. Aber Norwegen gibt mir etwas, das Deutschland nicht kann: Zeit. Ich arbeite weniger, verdiene mehr, und wenn ich freitags um drei Feierabend mache, fahre ich mit meinen Kindern zum Skifahren. Das hätte ich in Stuttgart nie gehabt."

Marina sagt: "Ich vermisse deutsches Brot. Ernsthaft, norwegisches Brot ist eine Katastrophe, dieses weiche Weißbrot in Plastik verpackt. Und ich vermisse meine Familie. Aber ich würde nicht zurückgehen. Hier bin ich glücklicher, gesünder und ruhiger."

Stefan sagt: "Oslo ist teuer, dunkel und manchmal einsam. Aber es ist auch sauber, sicher und ehrlich. Wenn jemand hier sagt, es geht ihm gut, dann geht es ihm wirklich gut. In Berlin sagte man das, weil man sich nicht verletzlich zeigen wollte. Hier meinen die Leute es ernst. Das ist viel wert."

Katharina sagt: "Norwegen ist nicht für jeden. Wer Großstadtleben, Nachtleben und günstige Restaurants will, ist hier falsch. Aber wer Ruhe sucht, Natur liebt und bereit ist, sich auf eine andere Geschwindigkeit einzulassen, findet hier ein richtig gutes Leben."

Mein eigenes Fazit: Norwegen hat mich verändert. Ich bin langsamer geworden, draußen mehr als drinnen, und ich habe gelernt, dass weniger oft mehr ist. Sechs Jahre sind lang genug, um ein Land nicht mehr zu idealisieren. Ich kenne die Schwächen, die Macken, die Dinge, die nerven. Und trotzdem wache ich morgens auf, schaue aus dem Fenster auf den Oslofjord und denke: Ja. Das hier ist richtig.

Häufige Fragen zu Erfahrungsberichten Norwegen

Brauche ich Norwegischkenntnisse, um in Norwegen zu arbeiten?

In den meisten Berufen ja. Ausnahmen sind die Ölindustrie in Stavanger und Teile der IT-Branche, wo Englisch reicht. Im Gesundheitswesen, Bildungsbereich und öffentlichen Dienst wird mindestens Niveau B2 vorausgesetzt. Norwegischkurse werden vom Staat teilweise finanziert.

Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten in Norwegen im Vergleich zu Deutschland?

Etwa 40 bis 60 Prozent höher, je nach Lebensstil. Lebensmittel kosten rund 50 Prozent mehr, Mieten in Oslo sind vergleichbar mit München, Restaurants und Alkohol deutlich teurer. Dafür sind die Gehälter entsprechend höher, sodass die Kaufkraft ähnlich ausfällt.

Wie lange dauert es, sich in Norwegen einzuleben?

Die meisten Deutschen berichten, dass die ersten sechs Monate am härtesten sind. Der bürokratische Anfang, die Wohnungssuche, der erste Winter. Nach ein bis zwei Jahren fühlt man sich angekommen. Echte Freundschaften mit Norwegern entstehen oft erst nach zwei bis drei Jahren.

Ist der Winter in Norwegen wirklich so schlimm?

Er ist herausfordernd, aber nicht unerträglich. Der Schlüssel ist gute Kleidung, regelmäßige Bewegung draußen, Vitamin D und eine Tageslichtlampe. Die meisten Deutschen berichten, dass der erste Winter der schwierigste ist und es danach besser wird.

Können EU-Bürger einfach nach Norwegen ziehen?

Ja. Norwegen gehört zwar nicht zur EU, ist aber Mitglied des EWR (Europäischer Wirtschaftsraum). EU-Bürger haben Freizügigkeit und dürfen ohne Visum einreisen, arbeiten und leben. Man muss sich innerhalb von drei Monaten bei der Polizei registrieren und bei der UDI eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, was in der Regel unkompliziert ist.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026