Heiße Quellen in Skandinavien
Auf Island sprudelt heißes Wasser aus dem Boden, während draußen Schnee fällt und die Luft bei minus 10 Grad steht. Über 800 heiße Quellen verteilen sich über die Insel, und die Menschen baden darin seit der Besiedlung im 9. Jahrhundert. In Norwegen hat sich eine eigene Variante entwickelt: beheizte Außenpools an Fjorden und in den Bergen. Schweden setzt auf holzbefeuerte Badezüber unter freiem Himmel. Jedes Land hat seinen eigenen Zugang zum heißen Wasser in der kalten Landschaft.
Mein erstes Bad in einer isländischen heißen Quelle war kein Besuch in der Blauen Lagune. Es war ein namenloser Hot Pot am Straßenrand auf der Halbinsel Reykjanes, kaum größer als eine Badewanne, in den ein Betonrohr heißes Wasser leitete. Zwei Isländer saßen schon drin, nickten mir zu, und ich stieg in das 40 Grad warme Wasser, während es schneite. Es roch nach Schwefel, und aus dem Boden neben dem Becken stieg Dampf auf. So etwas findet man auf Island überall, wenn man von der Ringstraße abbiegt.
Geothermale Wärme im Norden
Island liegt direkt auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo die nordamerikanische und die eurasische Platte auseinanderdriften. Durch die Risse im Gestein steigt Magma auf und erhitzt das Grundwasser. Das Ergebnis sind Geysire, Fumarolen, Schlammtöpfe und hunderte heiße Quellen. Die Temperaturen reichen von angenehmen 36 Grad bis zu siedenden 100 Grad an den Austrittsöffnungen.
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Die Isländer nutzen diese geothermale Energie seit über tausend Jahren. Heute werden 90 Prozent aller Häuser auf Island mit Erdwärme beheizt. Das heiße Wasser kommt direkt aus dem Boden, fließt durch Rohrleitungen in die Häuser und wärmt Böden und Heizkörper. Der leichte Schwefelgeruch im Leitungswasser gehört zum Alltag. Öffentliche Schwimmbäder, die sogenannten Sundlaugar, nutzen ebenfalls geothermal erwärmtes Wasser und sind ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Norwegen hat deutlich weniger geothermale Aktivität als Island. Auf Svalbard (Spitzbergen) gibt es heiße Quellen bei Bockfjorden, gespeist durch vulkanische Aktivität im Untergrund. Auf dem norwegischen Festland sind natürliche heiße Quellen selten. Stattdessen hat sich eine Kultur der beheizten Außenpools an Hotels und Fjordresorts entwickelt. In Schweden gibt es vereinzelte Thermalquellen in Bohuslän an der Westküste, die allerdings nicht die Temperaturen isländischer Quellen erreichen.
Islands Hot Pots und Thermalgebiete
Die Isländer unterscheiden zwischen Hot Pots (natürlichen oder angelegten Becken zum Baden) und Thermalgebieten (aktive geothermale Zonen mit Geysiren und Schlammtöpfen, in denen das Baden gefährlich oder verboten ist). Hot Pots gibt es in zwei Varianten: wilde, kostenlose Quellen in der Landschaft und kommerziell betriebene Bäder mit Umkleiden und Eintritt.
Zu den bekanntesten wilden Hot Pots gehört der Reykjadalur (Dampftal) etwa 45 Minuten östlich von Reykjavik. Nach einer 45-minütigen Wanderung durch ein geothermales Tal erreicht man einen warmen Fluss, in dem man auf einer Strecke von 200 Metern baden kann. Die Wassertemperatur steigt flussaufwärts an, sodass jeder seinen bevorzugten Platz findet. Der Zugang ist kostenlos, Umkleidekabinen gibt es keine, nur provisorische Sichtschutzwände.
Im Norden Islands liegt der Myvatn Nature Bath, oft als "Blaue Lagune des Nordens" bezeichnet. Das Wasser hat 36 bis 40 Grad und ist reich an Mineralien. Der Eintritt kostet 6.300 ISK (etwa 42 Euro). Der Vorteil gegenüber der Blauen Lagune: weniger Besucher und eine Lage inmitten einer vulkanischen Landschaft mit Pseudokratern und Lavaformationen. In der Nähe liegt das Thermalgebiet Námaskarð mit blubbernden Schlammtöpfen, das man allerdings nur ansehen und auf keinen Fall betreten sollte.
Im Osten Islands eröffnete 2023 der Vök Baths, ein modernes Bad auf dem See Urriðavatn bei Egilsstaðir. Schwimmende Becken mit geothermal erwärmtem Wasser bieten einen Blick über den stillen See. Der Eintritt liegt bei 5.500 ISK (37 Euro). Deutlich weniger bekannt als die Blaue Lagune, dafür ruhiger.
Blaue Lagune und die großen Bäder
Die Blaue Lagune (Blue Lagoon) auf der Halbinsel Reykjanes ist Islands bekanntestes Thermalbad und empfängt über 1,3 Millionen Besucher pro Jahr. Das milchig-blaue Wasser hat 37 bis 40 Grad und ist reich an Kieselsäure und Algen, die der Haut einen seidigen Überzug geben. Das Wasser stammt aus dem Abwasser des Geothermalkraftwerks Svartsengi und wird in ein künstlich angelegtes Lavabecken geleitet.
Der Eintritt beginnt bei 9.990 ISK (etwa 67 Euro) für das Comfort-Paket und reicht bis zu 84.900 ISK (570 Euro) für das Retreat-Spa. Reservierung ist Pflicht, oft Wochen im Voraus. Die Lagune liegt 20 Minuten vom internationalen Flughafen Keflavík entfernt, was sie zu einem beliebten Stopp am Anfang oder Ende einer Islandreise macht.
Wer eine ähnliche Erfahrung ohne die Menschenmassen sucht, findet inzwischen Alternativen. Die Sky Lagoon in Reykjavik eröffnete 2021 und bietet ein Infinity-Pool-Erlebnis mit Blick auf den Atlantik (ab 7.990 ISK / 54 Euro). Das Forest Lagoon bei Akureyri im Norden liegt seit 2022 in einem Birkenwald mit Panorama über den Eyjafjörður (ab 5.900 ISK / 40 Euro). Beide sind weniger überlaufen und bieten ein ruhigeres Erlebnis.
Neben den großen Thermalbädern gibt es auf Island über 170 öffentliche Sundlaugar, die geothermal beheizt werden. Fast jede Gemeinde hat eins. Der Eintritt liegt bei 800 bis 1.200 ISK (5 bis 8 Euro). Diese Bäder sind der eigentliche soziale Treffpunkt der Isländer: Hier werden Neuigkeiten ausgetauscht, Kinder schwimmen gelassen und Alltagsgespräche geführt. Ein Besuch im Sundlaug ist authentischer als jeder Besuch in der Blauen Lagune.
Wilde Hot Pots abseits der Touristenpfade
Island hat Dutzende wilder heißer Quellen, die keinen Eintritt kosten und oft nur über unbefestigte Pisten oder zu Fuß erreichbar sind. Einige der besten liegen abseits der Ringstraße und erfordern Allradantrieb oder Wanderbereitschaft.
Seljavallalaug im Süden ist ein Schwimmbecken aus den 1920er Jahren, das in eine Bergflanke gebaut wurde und von einer natürlichen heißen Quelle gespeist wird. Die 20-minütige Wanderung vom Parkplatz führt durch ein Tal mit Blick auf den Eyjafjallajökull. Das Becken ist 25 Meter lang und hat 20 bis 30 Grad, je nach Jahreszeit. Kein Eintritt, keine Umkleiden, keine Öffnungszeiten.
Landbrotalaug auf der Halbinsel Snæfellsnes ist einer der kleinsten Hot Pots der Insel. Es passen zwei Personen hinein. Die Wassertemperatur liegt bei 38 bis 42 Grad. Der Weg von der Straße dauert fünf Minuten. Bei Sonnenuntergang mit Blick auf die umliegenden Berge einer der schönsten Orte zum Baden.
Hrunalaug im Golden-Circle-Gebiet gehört einem örtlichen Bauern, der um eine freiwillige Spende von 1.000 ISK (7 Euro) bittet. Das Geld wird in einer Dose am Eingang hinterlegt. Das Wasser hat 38 bis 40 Grad. Die Quelle liegt nur zehn Minuten vom Geysir Strokkur entfernt, wird aber von den meisten Touristen übersehen.
Im Hochland liegt der Landmannalaugar, ein geothermales Gebiet mit einem natürlichen warmen Fluss zum Baden, umgeben von bunten Rhyolith-Bergen in Gelb, Rot und Grün. Die Piste dorthin ist nur von Mitte Juni bis September befahrbar und erfordert ein Hochland-taugliches Fahrzeug. Der Zugang zum warmen Fluss ist kostenlos. Wer hier badet, tut es inmitten einer der ungewöhnlichsten Landschaften, die Island zu bieten hat.
Heiße Quellen in Norwegen und Schweden
Norwegen hat keine vergleichbare geothermale Aktivität wie Island, aber das Land hat die Idee der heißen Quellen auf seine eigene Weise umgesetzt. In den letzten Jahren sind an vielen Fjorden und in den Bergen beheizte Außenpools entstanden, die die Kulisse der Fjordlandschaft nutzen.
Das Loen Skylift Badehaus am Nordfjord bietet beheizte Outdoor-Pools mit Blick auf den Fjord und die umliegenden Gletscher. Das Rimstigen Mountain Lodge bei Bergen hat holzbefeuerte Hottubs mit Fjordpanorama. In Tromsø bieten mehrere Hotels Außenpools an, in denen man bei klarem Himmel im warmen Wasser sitzt und Nordlichter beobachten kann.
Auf Svalbard (Spitzbergen) gibt es tatsächlich natürliche heiße Quellen. Die Quellen bei Bockfjorden auf der Nordseite haben Temperaturen bis 24 Grad. Für ein Bad in der Arktis reicht das aus. Allerdings sind sie nur per Boot erreichbar und liegen in einem Naturschutzgebiet. Geführte Touren starten von Longyearbyen und kosten ab 3.500 NOK (300 Euro), sind aber wetterabhängig.
In Schweden sind natürliche heiße Quellen noch seltener. Die bekannteste Thermalquelle liegt in Sätra Brunn in Västmanland, einer historischen Kuranstalt aus dem 18. Jahrhundert. Die Wassertemperatur ist mit 12 Grad allerdings nicht zum Baden geeignet. Stattdessen hat sich in Schweden eine Kultur der holzbeheizten Badezüber (vedeldade badtunnor) entwickelt. Man heizt das Wasser mit Brennholz auf 38 bis 42 Grad und sitzt im Holzzüber unter dem Sternenhimmel. Auf vielen Campingplätzen und bei Ferienhäusern stehen diese Züber bereit.
Praktische Tipps und Verhaltensregeln
Vor dem Baden duschen: In allen isländischen Bädern, ob Blaue Lagune oder Dorf-Sundlaug, ist gründliches Duschen ohne Badekleidung vor dem Schwimmen Pflicht. Das ist keine Empfehlung, sondern eine streng durchgesetzte Regel. Die Duschen in den Umkleiden haben oft keine Kabinen, da Nacktheit beim Duschen in Skandinavien als normal gilt.
Temperatur prüfen: Bei wilden Hot Pots immer zuerst die Wassertemperatur mit der Hand testen, bevor man einsteigt. Manche Quellen können über 50 Grad heiß sein. Die Temperatur kann sich ändern, wenn es geregnet hat oder die geothermale Aktivität schwankt. Im Zweifelsfall an der Stelle einsteigen, wo kälteres Wasser zufließt.
Keinen Müll hinterlassen: Wilde Hot Pots haben keine Mülltonnen. Alles, was man mitbringt, nimmt man auch wieder mit. Einige Hot Pots wurden in den letzten Jahren wegen Vermüllung geschlossen, was für alle ärgerlich ist.
Kreislauf im Blick behalten: In 40 Grad warmem Wasser weiten sich die Blutgefäße. Wer dann zu schnell aufsteht, riskiert einen Kreislaufkollaps. Besonders in Kombination mit Alkohol ist das gefährlich. Die Empfehlung: Maximal 20 bis 30 Minuten am Stück im heißen Wasser bleiben, zwischendurch an die frische Luft gehen und viel Wasser trinken.
Beste Reisezeit
Heiße Quellen kann man in Skandinavien das ganze Jahr über besuchen. Der Reiz ist im Winter aber am größten. Von Oktober bis März sitzt man im dampfenden heißen Wasser, während es draußen kalt und dunkel ist. Auf Island besteht im Winter die Chance, Nordlichter vom Hot Pot aus zu sehen. Diese Kombination ist schwer zu überbieten.
Im Sommer (Juni bis August) sind die kommerziellen Bäder voller. Die Blaue Lagune ist im Juli fast immer ausgebucht. Wilde Hot Pots wie der Reykjadalur sind an sonnigen Sommertagen gut besucht. Der Vorteil des Sommers: Die Wanderungen zu abgelegenen Quellen sind bei trockenem Wetter und langen Tagen angenehmer. Hochlandpisten zu entlegenen Quellen wie Landmannalaugar sind nur von Mitte Juni bis September befahrbar.
Für Norwegen und Schweden gilt: Die Outdoor-Pools und Hottubs an den Fjorden sind ganzjährig nutzbar. Besonders reizvoll sind die Monate Dezember bis Februar, wenn man im warmen Wasser bei Schneefall sitzt. Wer das Erlebnis mit Nordlichtern verbinden will, sollte Tromsø oder die Lofoten zwischen September und März ansteuern.
Häufig gestellte Fragen
Lohnt sich die Blaue Lagune auf Island?
Die Blaue Lagune ist ein gut gemachtes Erlebnis mit milchig-blauem Wasser und ansprechender Architektur. Allerdings ist sie mit 67 bis 570 Euro teuer und oft überlaufen. Wer ein ruhigeres und günstigeres Erlebnis sucht, ist im Myvatn Nature Bath (42 Euro), in der Sky Lagoon (54 Euro) oder in einem wilden Hot Pot besser aufgehoben. Für Erstbesucher, die noch nie in einem geothermalen Bad waren, kann sich der Besuch trotzdem lohnen.
Gibt es heiße Quellen auch in Norwegen?
Natürliche heiße Quellen gibt es auf dem norwegischen Festland nicht. Auf Svalbard (Spitzbergen) existieren Quellen bei Bockfjorden mit bis zu 24 Grad. Die sind allerdings nur per Boot erreichbar. Auf dem Festland haben viele Hotels und Resorts an den Fjorden beheizte Außenpools mit vergleichbarem Erlebnis gebaut. Holzbefeuerte Hottubs und mobile Saunen an norwegischen Fjorden sind in den letzten Jahren populär geworden.
Kann man wilde Hot Pots auf Island ohne Guide finden?
Ja. Viele wilde Hot Pots sind auf Google Maps markiert oder in Apps wie "Hot Pot Iceland" verzeichnet. Die bekanntesten wie Reykjadalur, Seljavallalaug und Landbrotalaug sind gut ausgeschildert. Für abgelegenere Quellen im Hochland hilft eine Wanderkarte oder eine lokale Empfehlung. Wichtig: Vor dem Einsteigen die Temperatur testen und nie alleine zu entlegenen Quellen gehen.
Was muss ich zum Baden in heißen Quellen mitbringen?
Für kommerzielle Bäder reichen Badekleidung und Handtuch (Handtücher kann man oft leihen). Für wilde Hot Pots zusätzlich: Flip-Flops oder Wasserschuhe für den Weg zum Becken, eine Trinkflasche und im Winter warme Kleidung zum schnellen An- und Ausziehen. Wer auf Island mehrere Hot Pots besuchen will, sollte einen Drybag für die Sachen am Beckenrand mitnehmen, falls es regnet.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026