Schärengärten in Schweden
Schweden hat über 221.000 Inseln. Die meisten davon sind unbewohnt, Felsbuckel, die aus dem Wasser ragen, von Möwen besetzt und von Salzgischt poliert. Zusammen bilden sie die Schärengärten (skärgårdar), eine Landschaftsform, die es so nur in Skandinavien und Finnland gibt. Kein Strand im klassischen Sinn. Stattdessen: Granit, Wind und eine Stille, die nur vom Wasser unterbrochen wird.
Ich habe Schärengärten an verschiedenen Stellen Schwedens besucht, vor Stockholm, vor Göteborg, und einmal im hohen Norden vor Luleå. Jeder ist anders. Der Stockholmer Schärengarten ist groß und vielseitig, mit bewohnten Inseln, Restaurants und Fährlinien. Der Göteborger ist rauer, offener, salziger. Der Luleåer liegt in der Ostsee und friert im Winter komplett zu. Aber alle drei haben etwas gemeinsam: Sobald man auf der Fähre sitzt und das Festland hinter sich lässt, verändert sich etwas. Die Luft wird klarer, die Gedanken ruhiger. Die Schären verändern den Takt.
Im Folgenden: die wichtigsten Schärengärten Schwedens, Anreise, Unterkünfte und was man vor Ort machen kann.
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Was sind Schärengärten?
Ein Schärengarten (schwedisch: skärgård) ist ein Archipel aus Inseln, Felsinseln (skär) und Untiefen vor der Küste. Die Inseln entstanden während der letzten Eiszeit, als Gletscher das Grundgestein abschliffen und dabei rundliche Felsbuckel hinterließen. Seit dem Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren hebt sich das Land in Skandinavien langsam an (Landhebung), sodass immer neue Inseln aus dem Meer auftauchen. In Teilen Nordschwedens beträgt die Landhebung bis zu 9 Millimeter pro Jahr.
Die Inseln bestehen meist aus Granit und Gneis. In den äußeren Schären, wo der Wind stärker bläst und das Meer rauer ist, sind die Inseln kahl, glatt geschliffener Fels, vielleicht ein paar Flechten und Gräser. In den inneren Schären, die vom Festland geschützt werden, wachsen Kiefern, Birken und Wacholder. Manche Inseln haben Wiesen, Äcker und kleine Dörfer mit Fischerhäusern und Bootsschuppen.
Die schwedischen Schärengärten erstrecken sich entlang der gesamten Ostküste (Ostsee) und an Teilen der Westküste (Kattegat und Skagerrak). Die bekanntesten liegen vor Stockholm und Göteborg, aber es gibt auch bedeutende Archipele vor Luleå, Härnösand, Västervik und Karlskrona. Jeder hat seinen eigenen Charakter.
Historisch waren die Schärengärten Fischerdörfer und Lotsenplätze. Die Bewohner lebten vom Hering, vom Dorsch und von der Schifffahrt. Heute sind viele der bewohnten Inseln zu Sommerfrischen geworden. Stockholmer und Göteborger haben Sommerhäuser (sommarstugor) auf den Inseln, manche seit Generationen. Im Juli, wenn ganz Schweden Ferien hat, füllen sich die Schären mit Segelbooten, Badegästen und dem Geruch von gegrilltem Fisch.
Stockholms Schärengarten
Der Stockholmer Schärengarten ist der größte in Schweden und einer der größten der Welt. Rund 30.000 Inseln erstrecken sich über eine Fläche von etwa 1.700 Quadratkilometern östlich der Hauptstadt. Er reicht von Arholma im Norden bis Landsort im Süden, über eine Strecke von rund 150 Kilometern.
Die Unterschiede zwischen den Inseln fallen sofort auf. In den inneren Schären, nahe am Festland, liegen große bewohnte Inseln wie Vaxholm, Ljusterö und Värmdö. Hier gibt es ganzjährig bewohnte Häuser, Schulen, Lebensmittelläden und regelmäßige Fährverbindungen. Je weiter man nach außen kommt, desto kleiner und karger werden die Inseln. Auf den äußeren Schären, Huvudskär, Nåttarö, Utö, steht man auf blankem Fels und schaut über offenes Meer.
Meine Lieblingsinseln im Stockholmer Schärengarten:
- Sandhamn: Segelhauptstadt der Schären. Kleine Gassen, ein Bäcker, der um sechs Uhr morgens öffnet, und ein Hafen voller Segelboote. Sandhamn lässt sich als Tagesausflug von Stockholm machen, die Fähre von Stavsnäs braucht etwa eine Stunde.
- Utö: Die älteste bewohnte Insel der Schären. Hier wurde schon im 12. Jahrhundert Eisenerz abgebaut. Heute gibt es Badeplätze, Wanderwege und ein kleines Bergbaumuseum. Von Årsta havsbad fährt die Fähre in rund zwei Stunden.
- Grinda: Familienfreundlich, mit einem Gasthof, Campingplatz und mehreren Badestellen. Die Fähre von Stockholm (Strandvägskajen) braucht etwa 90 Minuten.
- Möja: Fischerdorf mit einer eigenen Bäckerei und einem guten Restaurant. Ruhiger als Sandhamn, authentischer.
Der Stockholmer Schärengarten ist gut erschlossen. Waxholmsbolaget betreibt ein dichtes Netz von Fährlinien, die das ganze Jahr über fahren (im Winter reduziert). Im Sommer kommen private Schnellboote und Taxiboote dazu. Eine Tageskarte für das gesamte Netz kostet rund 180 SEK. Wer mehrere Tage bleibt, kann eine Fünftageskarte kaufen.
Göteborgs Schärengarten
Der Göteborger Schärengarten liegt an der Westküste, im Kattegat. Er ist kleiner als der Stockholmer, aber wilder. Die Inseln sind dem offenen Meer ausgesetzt, der Wind ist stärker, die See rauer. Die Vegetation ist kärger, windgepeitschte Klippen, Heidekraut, niedrige Wacholderbüsche. Das Licht an der Westküste macht das wett. Abends steht die Sonne über dem offenen Meer und taucht die Klippen in warme Rottöne.
Die südlichen Schären (Styrsö, Donsö, Vrångö) sind per Fähre von Saltholmen in Göteborg in 20 bis 40 Minuten erreichbar. Autos sind auf den meisten Inseln verboten. Man bewegt sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Auf Styrsö gibt es einen kleinen Laden, ein Café und verwinkelte Gassen zwischen den Holzhäusern. Vrångö, die südlichste bewohnte Insel, hat einen Naturschutzbereich mit Badeklippen und einem weiten Blick über das Kattegat.
Die nördlichen Schären (Marstrand, Öckerö, Hönö) sind etwas größer und touristischer. Marstrand, mit seiner Festung Carlsten aus dem 17. Jahrhundert, ist im Sommer ein beliebter Ausflugsort. Hier finden Segelregatten statt, und der Hafen ist voller Boote. Aber auch hier gibt es ruhige Ecken, man muss nur ein paar hundert Meter von der Hauptgasse weggehen.
Der Göteborger Schärengarten hat etwas, das dem Stockholmer fehlt: Meeresfrüchte. An der Westküste werden Krabben, Hummer, Austern und Muscheln gefangen. Im Herbst, wenn die Hummersaison beginnt (Anfang September bis Ende Oktober), lebt der Schärengarten auf. Frisch gekochter Hummer auf einer Klippe, dazu Brot und Aioli, so schmeckt die Westküste am besten.
Weitere Schärengärten
Luleå-Schärengarten: Im hohen Norden, am Bottnischen Meerbusen. Über 1.300 Inseln, die meisten unbewohnt. Der Clou: Im Winter friert die Ostsee hier komplett zu. Man kann dann mit dem Schneemobil oder auf Skiern zu den Inseln fahren. Auf den größeren Inseln stehen traditionelle Fischerhütten (fiskebyar), in denen Fischer jahrhundertelang im Sommer lebten. Einige sind zu einfachen Unterkünften umgebaut worden. Der Luleå-Schärengarten ist seit 1996 UNESCO-Welterbe-Welterbe, als Beispiel für eine Kulturlandschaft, die sich durch die Landhebung ständig verändert.
Västervik-Schärengarten: An der Ostküste Smålands, mit über 5.000 Inseln. Weniger bekannt als Stockholm und Göteborg, aber landschaftlich reizvoll. Die Inseln sind grüner als an der Westküste, mit Kiefernwäldern und Sandstränden. Das Wasser ist wärmer als im Norden. Västervik selbst ist eine hübsche Kleinstadt mit einem Hafen, von dem Bootstouren in die Schären starten.
Karlskrona-Schärengarten: Im südöstlichen Blekinge. Karlskrona, gegründet als Marinehauptstadt, liegt selbst auf Inseln. Der vorgelagerte Schärengarten ist flacher und wärmer als die nördlicheren. Auf Aspö und Hasslö gibt es Badestrände und einfache Unterkünfte. Die Festungen auf Kungsholmen und Drottningskär, Reste der schwedischen Militärgeschichte, lassen sich per Boot besichtigen.
Höga Kusten-Schärengarten: An der Küste des Welterbes Höga Kusten in Ångermanland. Die Landhebung ist hier am stärksten, bis zu 286 Meter seit dem Ende der Eiszeit. Die Inseln Ulvön und Trysunda sind bekannt für ihre Fischerdörfer und den Surströmming (fermentierten Hering), der hier traditionell hergestellt wird.
Anreise und Fähren
Die Fähren sind das Rückgrat der Schärengärten. Ohne Boot kommt man nicht hin. In Stockholm betreibt Waxholmsbolaget das Netz, in Göteborg Styrsöbolaget. Beide sind Teil des regionalen ÖPNV und akzeptieren SL- bzw. Västtrafik-Karten. Die Schären lassen sich dadurch günstig erreichen.
In Stockholm starten die meisten Fähren von Strandvägskajen (nahe dem Stadtzentrum) oder von Stavsnäs (auf Värmdö, östlich der Stadt). Die Fahrt von Strandvägskajen nach Sandhamn dauert etwa drei Stunden, man fährt durch den ganzen Schärengarten, vorbei an Hunderten von Inseln. Allein die Aussicht während der Fahrt rechtfertigt die drei Stunden. Von Stavsnäs geht es schneller, aber man verpasst den inneren Teil der Schären.
In Göteborg fahren die Fähren von Saltholmen, dem Ende der Straßenbahnlinie 11. Die Fahrt zu den südlichen Schären dauert 20 bis 40 Minuten. Ein Fahrrad kann man kostenlos mitnehmen. Wichtig: Auf den meisten Schäreninseln vor Göteborg sind Autos für Nichtanwohner verboten.
Für die kleineren Schärengärten (Västervik, Luleå, Höga Kusten) gibt es lokale Bootsverbindungen, die im Sommer fahren. Die Fahrpläne sind oft dünn, ein bis drei Abfahrten pro Tag. Vorab prüfen und einplanen. Alternativ kann man in vielen Orten Boote mieten oder Kajaks leihen, um die Inseln auf eigene Faust zu erkunden.
Unterkünfte und Inselleben
Die Unterkunftsmöglichkeiten in den Schären reichen von einfachen Zeltplätzen bis zu teuren Boutiquehotels. Auf den größeren Inseln gibt es Gasthäuser (värdshus), Bed & Breakfasts und Ferienhäuser zur Miete. Auf den kleineren Inseln ist Zelten oft die einzige Option, und dank des Allemansrätten überall erlaubt, solange man Abstand zu Häusern hält.
Mein Tipp: eine Ferienhütte auf einer der kleineren, weniger besuchten Inseln mieten. Im Stockholmer Schärengarten gibt es auf Inseln wie Runmarö, Ornö oder Nämdö einfache Stugas, die man wochenweise mieten kann. Man wacht morgens auf, geht die zehn Meter zum Wasser, springt rein, kocht Kaffee auf der Veranda und hört nichts außer Möwen und Wind. Dafür fährt man nach Schweden.
Das Inselleben folgt einem eigenen Rhythmus. Im Sommer sind die Schären voll. Segelboote ankern in den Buchten, Kinder springen von den Felsen, Restaurants öffnen auf den bewohnten Inseln. Im September wird es still. Viele Sommerhäuser werden geschlossen, die Fähren fahren seltener, der Wind wird kälter. Im Winter sind die meisten Schären menschenleer, nur die Ganzjahresbewohner bleiben.
Auf den bewohnten Inseln gibt es meist einen kleinen Laden, der im Sommer geöffnet hat. Das Sortiment ist begrenzt, Brot, Milch, Konserven, Eis. Frischen Fisch kann man oft direkt bei den Fischern kaufen. Manche Inseln haben ein Restaurant oder Café. Großstadtkomfort darf man allerdings nicht erwarten. Gerade das macht es aus.
Aktivitäten im Schärengarten
Kajakfahren: Wohl die beste Art, die Schären kennenzulernen. Man gleitet zwischen den Inseln hindurch, landet auf unbewohnten Felsen, macht Pause, paddelt weiter. Es gibt geführte Kajaktouren für Anfänger und Mehrtagestouren für Erfahrene. Kajaks kann man an vielen Orten leihen, in Stockholm etwa in Vaxholm oder auf Sandhamn, in Göteborg auf Styrsö.
Segeln: Die Schärengärten zählen zu den beliebtesten Segelrevieren Europas. Geschützte Gewässer zwischen den Inseln, viele natürliche Häfen, eine lebendige Segelkultur. Wer kein eigenes Boot hat, kann Charterboote mieten. Ein Segelboot für eine Woche kostet je nach Größe und Saison zwischen 8.000 und 20.000 SEK.
Baden: Von Juni bis August ist Badesaison. Die Wassertemperaturen erreichen im Stockholmer Schärengarten 18 bis 22 Grad, an der Westküste etwas weniger. Die Badeplätze sind oft Klippen, man klettert über den Fels, sucht sich eine glatte Stelle und springt ins Wasser. Sandstrände gibt es auf einzelnen Inseln (Utö, Sandhamn, Grinda), aber sie sind die Ausnahme.
Wandern: Auf den größeren Inseln gibt es Wanderwege. Auf Utö, Grinda und Möja kann man mehrere Stunden laufen und dabei die verschiedenen Seiten der Inseln kennenlernen, Wald, Fels, Strand, Dorf. Auf den unbewohnten Inseln wandert man querfeldein, über Moos und Fels.
Angeln: In den Schären kann man vom Ufer, vom Boot oder vom Kajak aus angeln. Hecht, Barsch und Meerforelle sind die häufigsten Fänge in den Ostseeschären. An der Westküste kommen Makrelen, Dorsch und Pollack dazu. Für das Angeln in offenen Gewässern braucht man in Schweden keinen Angelschein. Nur in bestimmten Binnengewässern ist eine Karte nötig.
Häufig gestellte Fragen
Kann man die Schären als Tagesausflug von Stockholm besuchen?
Ja, problemlos. Nahe Inseln wie Vaxholm oder Grinda erreicht man in 60 bis 90 Minuten per Fähre. Sandhamn ist in drei Stunden erreichbar (oder einer Stunde ab Stavsnäs). Ein ganzer Tag reicht für einen guten Eindruck.
Wann ist die beste Reisezeit für die Schärengärten?
Juni bis August für Baden, Segeln und das volle Inselleben. September für Ruhe und Herbstfarben. Die Schären sind das ganze Jahr zugänglich, aber im Winter fahren weniger Fähren und die meisten Unterkünfte sind geschlossen.
Brauche ich ein eigenes Boot?
Nein. Die Fähren bringen einen überallhin. Für mehr Flexibilität kann man Kajaks, Ruderboote oder kleine Motorboote mieten. Ein eigenes Boot oder Segelcharter eröffnet natürlich die meisten Möglichkeiten.
Darf ich auf unbewohnten Inseln zelten?
Ja, im Rahmen des Allemansrätten. Man darf eine Nacht an einem Ort zelten, solange man die Natur nicht beschädigt und keinen Müll hinterlässt. Auf einigen Inseln gibt es Naturschutzgebiete mit Sonderregeln, Schilder vor Ort beachten.
Wie teuer ist ein Schärenurlaub?
Die Fähren kosten zwischen 80 und 200 SEK pro Fahrt. Unterkünfte auf den Inseln liegen bei 800 bis 2.000 SEK pro Nacht für eine Stuga oder ein B&B-Zimmer. Zelten ist kostenlos. Restaurantbesuche auf den Inseln sind ähnlich teuer wie in der Stadt, 200 bis 400 SEK für ein Hauptgericht.
Welcher Schärengarten ist für Familien am besten?
Der Stockholmer Schärengarten hat die beste Infrastruktur. Inseln wie Grinda und Utö sind familienfreundlich mit Campingplätzen, Badeplätzen und Restaurants. Im Göteborger Schärengarten sind Styrsö und Donsö gut für Familien, autofreie Inseln, kurze Fährfahrt, Eismöglichkeiten.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026





