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Hansestädte an der Ostsee
Geschichte, Architektur und Sehenswürdigkeiten

Hansestädte an der Ostsee

13 Min. Lesezeit

Wer entlang der Ostsee reist, stößt immer wieder auf rote Backsteinfassaden, gotische Kirchentürme und Speicherhäuser, die von einer anderen Zeit erzählen. Die Hansestädte waren im Mittelalter die wirtschaftlichen Zentren Nordeuropas. Kaufleute aus Lübeck, Wismar, Stralsund, Rostock, Tallinn und Riga handelten mit Pelzen, Bernstein, Stockfisch und Getreide. Was davon geblieben ist: historische Altstädte, die heute zum UNESCO-Welterbe gehören, und eine Architektur, die in keiner anderen Region Europas so konzentriert auftritt.

Das Besondere an einer Reise durch die Hansestädte: Man erkennt die Verwandtschaft sofort. Die Backsteingotik in Lübeck sieht der in Tallinn ähnlich, die Giebelhäuser in Wismar erinnern an die in Riga. Die Kaufleute haben ihre Baukultur mitgenommen, wohin sie auch segelten. Wer drei oder vier dieser Städte besucht, bekommt ein zusammenhängendes Bild einer Epoche, die den Ostseeraum bis heute prägt.

Die Hanse und ihr Erbe an der Ostsee

Die Hanse entstand im 12. Jahrhundert als Zusammenschluss norddeutscher Kaufleute, die ihre Handelsinteressen gemeinsam durchsetzen wollten. Aus diesem losen Bund wurde über die Jahrhunderte ein Städtebund, der auf seinem Höhepunkt im 14. und 15. Jahrhundert rund 200 Städte umfasste. Die Ostsee war das Kerngebiet dieses Netzwerks. Von Lübeck aus spann sich ein Handelsnetz, das von London bis Nowgorod reichte.

Backsteingiebel einer historischen Hansestadt mit gotischen Fenstern
Die Backsteingotik ist das gemeinsame architektonische Erbe der Hansestädte (KI-generiert)

Die Hanse war kein Staat und hatte keine Armee im klassischen Sinn. Ihre Macht lag im Geld und in der Organisation. Hansekaufleute kontrollierten den Handel mit den wichtigsten Gütern des mittelalterlichen Nordens: Hering aus Schonen (Südschweden), Pelze aus Russland, Salz aus Lüneburg, Bier aus Hamburg und Tuch aus Flandern. Die Kontore in Bergen, Brügge, London und Nowgorod waren die Außenposten dieses Systems.

Was die Hanse hinterlassen hat, ist vor allem in Stein zu sehen. Die Kaufleute investierten ihren Reichtum in Kirchen, Rathäuser und Wohnhäuser, die bis heute stehen. Die Backsteingotik wurde zum Markenzeichen. Roter Backstein war das Baumaterial der Region, weil Naturstein fehlte. Was anderswo mit Sandstein oder Marmor gebaut wurde, entstand hier aus gebranntem Ton. Die Ergebnisse sind nicht weniger beeindruckend, nur anders.

Lübeck: Die Königin der Hanse

Lübeck war das Haupt der Hanse, und die Stadt lässt einen das bis heute spüren. Die Altstadt liegt auf einer Insel zwischen Trave und Wakenitz, und wenn man durch das Holstentor eintritt, betritt man eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtkerne Nordeuropas. Seit 1987 gehört die Altstadt zum UNESCO-Welterbe.

Das Holstentor (1478 erbaut) ist das Wahrzeichen der Stadt und eines der bekanntesten Bauwerke der Backsteingotik. Es steht leicht schief, weil der Boden unter ihm nachgegeben hat, was ihm seinen Charakter verleiht. Dahinter erstrecken sich die Salzspeicher, sechs Backsteingebäude aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, in denen einst das Lüneburger Salz gelagert wurde.

Die Marienkirche ist die drittgrößte Backsteinkirche der Welt. Ihre Türme ragen 125 Meter in die Höhe. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beschädigt, die zerborstenen Glocken liegen als Mahnmal im Seitenschiff. Das astronomische Uhr aus dem 15. Jahrhundert funktioniert noch immer.

Für eine Besichtigung braucht man einen Tag. Neben den großen Sehenswürdigkeiten lohnen sich die Gänge und Höfe der Altstadt (Füchtingshof, Glandorps Hof), das Buddenbrookhaus in der Mengstraße und natürlich das Niederegger Marzipan-Café gegenüber dem Rathaus. Der Eintritt ins Europäische Hansemuseum kostet 15 Euro und liefert den historischen Kontext zu allem, was man in der Stadt sieht.

Wismar und Stralsund

Wismar und Stralsund teilen sich einen gemeinsamen UNESCO-Welterbe-Titel (seit 2002) und ähneln sich in ihrer Atmosphäre: kleiner als Lübeck, ruhiger, weniger touristisch, aber mit einer Dichte an historischer Bausubstanz, die ihresgleichen sucht.

Der große Marktplatz von Wismar mit historischen Giebelhäusern
Wismars Marktplatz ist einer der größten in Norddeutschland (KI-generiert)

Wismar hat den größten Marktplatz Norddeutschlands (100 mal 100 Meter). Die Wasserkunst in seiner Mitte, ein Brunnen im Renaissancestil von 1602, war einst die zentrale Wasserversorgung der Stadt. Um den Platz herum stehen Giebelhäuser aus verschiedenen Epochen. Die Georgenkirche (nach dem Krieg als Ruine stehengeblieben, seit 2010 wiederaufgebaut) und die Nikolaikirche (37 Meter hohes Mittelschiff) sind die wichtigsten Sakralbauten. Wismar gehörte von 1648 bis 1803 zu Schweden, was man an einigen Gebäuden und Straßennamen noch ablesen kann.

Stralsund liegt am Strelasund gegenüber von Rügen und hat eine der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtsilhouetten Deutschlands. Drei große Backsteinkirchen ragen über die Dächer: die Marienkirche (mit Aussichtsplattform in 90 Metern Höhe), die Nikolaikirche (kunsthistorisch die bedeutendste) und die Jakobikirche. Das Rathaus am Alten Markt ist ein Paradebeispiel der norddeutschen Backsteingotik mit seiner durchbrochenen Schaufassade.

In Stralsund befindet sich auch das Ozeaneum, eines der besten Meereskundemuseen Europas. Es zeigt die Unterwasserwelt der Ostsee und des Nordatlantiks in riesigen Aquarien. Der Eintritt kostet 19 Euro für Erwachsene, ermäßigt 12 Euro. Für Familien mit Kindern ein halber Tag gut investierte Zeit.

Rostock und Greifswald

Rostock ist die größte Stadt an der deutschen Ostseeküste und war eine der mächtigsten Hansestädte im wendischen Quartier. Die Kröpeliner Straße, die Haupteinkaufsstraße, führt vorbei an Giebelhäusern aus dem 14. bis 18. Jahrhundert. Die Marienkirche hat eine astronomische Uhr von 1472, die täglich um 12 Uhr ihr Apostelkarussell dreht.

Rostocks Hansegeschichte ist weniger sichtbar als in Lübeck oder Stralsund, weil der Zweite Weltkrieg und der anschließende sozialistische Städtebau vieles verändert haben. Aber im Bereich um die Kröpeliner Straße, den Neuen Markt und die Petrikirche (Aussichtsturm, Aufzug, 5 Euro Eintritt) stehen noch genug historische Gebäude, um einen halben Tag zu füllen. Wer im Sommer hier ist, verbindet den Stadtbesuch mit einem Nachmittag im Seebad Warnemünde (S-Bahn, 20 Minuten).

Greifswald ist kleiner und wird oft übersehen, verdient aber einen Besuch. Die Universitätsstadt (gegründet 1456) hat einen Marktplatz mit pastellfarbenen Giebelhäusern, drei gotische Backsteinkirchen und das Pommersche Landesmuseum. Der Maler Caspar David Friedrich wurde hier geboren, und das ihm gewidmete Museum zeigt den Zusammenhang zwischen seiner Kunst und der norddeutschen Landschaft.

Tallinn und Riga

Die Hanse endete nicht an der deutschen Küste. Im östlichen Ostseeraum sind Tallinn und Riga die eindrücklichsten Zeugnisse des hanseatischen Einflusses.

Tallinn (Estland) hat eine mittelalterliche Altstadt, die so gut erhalten ist, dass man den Eindruck hat, in eine Filmkulisse zu geraten. Die Stadtmauer mit 26 erhaltenen Türmen umschließt ein Gewirr aus Kopfsteinpflastergassen, Kaufmannshäusern und Kirchenspitzen. Der Rathausplatz (Raekoja plats) ist der älteste erhaltene gotische Rathausplatz Nordeuropas. Die Olaikirche war im 16. Jahrhundert mit ihrem 159 Meter hohen Turm das höchste Gebäude der Welt.

Die mittelalterliche Altstadt von Tallinn mit Stadtmauer und Türmen
Tallinns mittelalterliche Altstadt gehört zu den besterhaltenen in Europa (KI-generiert)

Tallinns Hanseerbe zeigt sich im Untergeschoss des Rathauses, in den Speicherhäusern der Pikk-Straße und in den Gildehäusern, in denen die Kaufleute ihre Geschäfte abwickelten. Die Große Gilde (heute Estnisches Geschichtsmuseum) und die Schwarzhäuptergilde sind die wichtigsten. Ein Besuch in Tallinn kostet deutlich weniger als in den skandinavischen Hauptstädten: Ein Mittagessen liegt bei 10 bis 15 Euro, ein Hotelzimmer bei 60 bis 90 Euro.

Riga (Lettland) war im Mittelalter eine der wichtigsten Handelsstädte der Ostsee und Sitz des Erzbischofs. Die Altstadt (Vecrīga) mischt hanseatische Kaufmannshäuser mit Jugendstilarchitektur aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz (originalgetreu wiederaufgebaut) ist das Wahrzeichen der Stadt. Der Dom zu Riga hat die größte mittelalterliche Orgel des Baltikums.

Rigas Jugendstilviertel in der Alberta iela und den angrenzenden Straßen gehört ebenfalls zum UNESCO-Welterbe. Die Fassaden mit ihren Masken, Figuren und organischen Formen stammen aus der Zeit um 1900, als Riga eine der reichsten Städte des Russischen Reiches war. Die Mischung aus mittelalterlichem Kern und Jugendstilprunk macht Riga zu einer Stadt, die man nicht in einem Tag erfasst.

Danzig und weitere Hansestädte

Danzig (Gdańsk) war eine der reichsten Hansestädte und ist nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg originalgetreu wiederaufgebaut worden. Die Langgasse und der Lange Markt bilden das Zentrum, gesäumt von schmalen Bürgerhäusern mit verzierten Giebeln. Das Krantor (Żuraw) am Mottlau-Ufer ist der größte erhaltene mittelalterliche Hafenkran Europas. Die Marienkirche fasst 25.000 Menschen und ist damit die größte Backsteinkirche der Welt.

Neben den großen Hansestädten gibt es entlang der Ostsee Dutzende kleinere Orte, die ihre Hansevergangenheit bewahrt haben. Lüneburg (kein Ostseestadt, aber der Salzlieferant der Hanse), Stade an der Elbe, Kalmar in Schweden, Visby auf Gotland (dessen Ringmauer die besterhaltene in Nordeuropa ist) und Bergen in Norwegen mit seinem Kontor Bryggen.

Visby auf Gotland verdient besondere Erwähnung. Die mittelalterliche Stadt auf der schwedischen Ostseeinsel hat eine 3,4 Kilometer lange Stadtmauer mit 44 Türmen, die fast vollständig erhalten ist. Im August findet die Mittelalterwoche statt, bei der die ganze Stadt ins 14. Jahrhundert zurückversetzt wird. Die Fähre von Nynäshamn (bei Stockholm) braucht etwa drei Stunden.

Die bunte Langgasse in Danzig mit historischen Giebelhäusern
Danzigs Langgasse zeigt die Pracht der hanseatischen Bürgerhäuser (KI-generiert)

Eine Reise durch die Hansestädte planen

Eine Tour durch die Hansestädte lässt sich gut als Rundreise planen. Die beliebteste Route führt von Lübeck über Wismar und Stralsund nach Rostock (4-5 Tage mit dem Auto). Wer mehr Zeit hat, fährt weiter nach Danzig (zusätzlich 2 Tage), nimmt die Fähre nach Stockholm und besucht von dort Visby auf Gotland.

Die baltische Variante beginnt in Tallinn (Flug ab 80 Euro von Deutschland), führt über Riga nach Danzig und dann mit dem Zug oder Auto entlang der deutschen Ostseeküste zurück. Diese Route dauert 10 bis 14 Tage und deckt die gesamte Bandbreite der Hansegeschichte ab. Tallinn und Riga sind mit der Fähre Helsinki-Tallinn (2 Stunden, ab 20 Euro) auch gut erreichbar, wenn man die Tour mit einer Skandinavienreise verbindet.

Eine Ostsee-Kreuzfahrt ist eine weitere Möglichkeit, mehrere Hansestädte in einer Reise zu verbinden. Viele Routen legen in Tallinn, Riga, Danzig und Warnemünde (für Lübeck und Rostock) an. Der Nachteil: Die Liegezeiten in den Häfen sind auf 6 bis 10 Stunden begrenzt, was für eine gründliche Besichtigung knapp ist.

Häufige Fragen

Welche Hansestadt sollte man zuerst besuchen?

Lübeck ist der beste Einstieg. Die Stadt war das Haupt der Hanse, hat die beste Infrastruktur für Besucher und bietet mit dem Europäischen Hansemuseum den historischen Überblick. Von Lübeck aus kann man leicht Tagesausflüge nach Wismar (60 km) oder Travemünde (20 km) unternehmen. Wer danach Appetit auf mehr hat, reist weiter nach Stralsund oder plant einen Flug nach Tallinn.

Gibt es ein gemeinsames Ticket für mehrere Hansestädte?

Ein länderübergreifendes Hanseticket gibt es nicht. Die deutschen Hansestädte bieten aber jeweils eigene Touristenkarten an, die Museen, öffentlichen Nahverkehr und Ermäßigungen bündeln. Die Tallinn Card (ab 33 Euro für 24 Stunden) und die Riga Card (ab 25 Euro) sind für die baltischen Städte empfehlenswert. Am meisten spart, wer Museen und Kirchen einzeln bezahlt und sich auf die wichtigsten beschränkt.

Wann ist die beste Reisezeit für die Hansestädte?

Mai bis September. Die Sommermonate bieten lange Tage, angenehme Temperaturen und die meisten Veranstaltungen. Im Dezember haben Lübeck (einer der schönsten Weihnachtsmärkte Norddeutschlands) und Tallinn (mittelalterlicher Weihnachtsmarkt) ihren eigenen Reiz. Die Nebensaison (März-April, Oktober-November) ist ruhiger und günstiger, aber manche Museen haben eingeschränkte Öffnungszeiten.

Kann man die Hansestädte auch mit dem Fahrrad verbinden?

Ja, der Ostsee-Radweg (EuroVelo 10) verbindet alle deutschen Hansestädte und führt weiter durch Polen und das Baltikum. Die Strecke Lübeck-Wismar-Rostock-Stralsund ist in 5 bis 7 Tagen zu schaffen und gehört zu den beliebtesten Abschnitten des Radwegs. Der Weg ist flach und gut ausgebaut.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.