Insel Amager
Wer zum ersten Mal nach Kopenhagen kommt, merkt oft gar nicht, dass er eine Insel betritt. Die dänische Hauptstadt erstreckt sich über mehrere Inseln, doch Amager ist die, auf der fast jeder landet. Der Flughafen Kastrup liegt hier, die Metro verbindet Amager in wenigen Minuten mit dem Stadtzentrum, und trotzdem fühlt sich die Insel an vielen Stellen an wie eine eigene kleine Welt. Rund 200.000 Menschen leben hier, aber südlich der Wohnviertel beginnt eine Landschaft, die kaum jemand in unmittelbarer Nähe einer Hauptstadt vermuten würde.
Ich bin an einem Septembermorgen mit dem Rad von Christianshavn nach Dragør gefahren. Die Strecke ist etwa 12 Kilometer lang, und auf dem Weg wechselt die Szenerie ständig. Erst die bunten Häuser am Kanal, dann moderne Wohnblocks in Ørestad, dann plötzlich flache Wiesen, auf denen Pferde grasen. Am Ende wartet ein Fischerdorf mit gelben Häusern, das aussieht, als sei die Zeit vor 200 Jahren stehen geblieben. Diese Kontraste machen Amager so besonders.
Zwischen Großstadt und Natur
Amager misst etwa 96 Quadratkilometer. Die Insel liegt im Öresund, getrennt vom Kopenhagener Stadtkern durch einen schmalen Kanal. Im Osten blickt man über das Wasser nach Schweden, bei klarer Sicht ist die Öresundbrücke gut zu erkennen. Im Norden geht Amager nahtlos in das Kopenhagener Stadtbild über. Christianshavn, Islands Brygge und Christiania liegen technisch gesehen bereits auf Amager. Die meisten Kopenhagener denken dabei gar nicht an eine Insel, sondern an ihre Nachbarschaft.
Der nördliche Teil ist dicht bebaut. Hier reihen sich Cafés an Fahrradwerkstätten, Restaurants an kleine Galerien. Besonders das Viertel rund um Amagerbrogade hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Früher galt die Gegend als wenig attraktiv, heute ziehen junge Familien hierher, weil die Mieten niedriger sind als in Frederiksberg oder Nørrebro. Die Atmosphäre erinnert an Kreuzberg oder Neukölln in Berlin: lebendig, ein bisschen rau, voller Gegensätze.
Je weiter man nach Süden kommt, desto ruhiger wird es. Die Bebauung hört auf, die Straßen werden schmaler. Plötzlich stehen Reiher am Wegesrand, Hasen hoppeln über die Felder. Diese südliche Hälfte der Insel gehört zum Naturpark Amager, einem Schutzgebiet, das größer ist als die Innenstadt von Kopenhagen. Dass so viel unberührte Natur direkt neben einer Millionenstadt existiert, ist in Europa selten.
Der Amager Strandpark
Der Amager Strandpark wurde 2005 eröffnet und hat das Freizeitverhalten der Kopenhagener grundlegend verändert. Vorher gab es keinen brauchbaren Stadtstrand. Heute liegt hier, nur fünf Minuten von der Metrostation Amager Strand entfernt, ein zwei Kilometer langer Sandstrand mit einer vorgelagerten künstlichen Insel. Die Lagune dazwischen eignet sich zum Kajakfahren, Stand-Up-Paddling oder zum Schwimmen in ruhigem Wasser.
An Sommerwochenenden tummeln sich hier Tausende Menschen. Familien bauen Sandburgen, Jugendliche spielen Beachvolleyball, ältere Paare spazieren auf der Promenade. Im Wasser sieht man Kitesurfer, wenn der Wind stimmt, und am Horizont fahren Containerschiffe vorbei. Die Wasserqualität ist gut, regelmäßige Tests bestätigen die Badeeignung. Das Wasser bleibt allerdings auch im Hochsommer frisch, selten übersteigt die Temperatur 20 Grad.
Im Winter gehört der Strand den Winterbadenden. An mehreren Stellen stehen Badehäuser mit Saunen, darunter das bekannte Kastrup Søbad. Der hölzerne Steg ragt weit ins Wasser hinaus und bildet am Ende ein geschütztes Becken. Morgens um sieben stehen dort Kopenhagener in Bademänteln, trinken Kaffee und springen ins fünf Grad kalte Wasser. Danach in die Sauna, aufwärmen, und dann zur Arbeit. Ein Ritual, das im Sommer beginnt und bei manchen das ganze Jahr über anhält.
Naturpark Amager und Kalvebod Fælled
Südlich der Wohngebiete beginnt Kalvebod Fælled, ein weitläufiges Feuchtgebiet, das den Kern des Naturparks bildet. Hier grasen Galloway-Rinder und Konik-Pferde, die als natürliche Landschaftspfleger eingesetzt werden. Vogelbeobachter kommen regelmäßig hierher, denn die Feuchtwiesen sind Rastplatz für Zugvögel. Graugänse, Kiebitze und mit etwas Glück auch Seeadler lassen sich beobachten.
Durch den Naturpark führen asphaltierte Radwege, Schotterpisten und schmale Trampelpfade. Ein besonders schöner Rundweg beginnt am Naturcenter Amager, einem modernen Holzbau mit Ausstellungen zur lokalen Tier- und Pflanzenwelt. Von dort geht es über einen Holzsteg durch das Marschland. Bei Niedrigwasser kann man Watvögel aus nächster Nähe beobachten. Der Rundweg ist etwa acht Kilometer lang und auch für Kinder gut machbar.
Das Naturcenter Amager selbst ist einen Besuch wert. Die Architektur fügt sich in die Landschaft ein, innen gibt es wechselnde Ausstellungen, draußen starten geführte Wanderungen. Im Herbst werden Pilzexkursionen angeboten, im Frühling Vogelwanderungen. Der Eintritt ist frei, was in Dänemark bei öffentlichen Naturzentren üblich ist.
Dragør: Das historische Fischerdorf
Ganz im Süden der Insel liegt Dragør, und wer dort ankommt, glaubt sich in einem anderen Jahrhundert. Kopfsteinpflasterstraßen winden sich zwischen niedrigen Häusern mit gelben Fassaden und roten Dächern hindurch. Die Stockrosen stehen im Sommer so dicht, dass sie die Gehwege fast blockieren. Der kleine Hafen ist voller Holzboote, am Kai sitzen Fischer und reparieren Netze. Es riecht nach Salz und Tang.
Dragør war einst ein wohlhabender Handelsort. Im 16. Jahrhundert siedelten sich hier niederländische Bauern an, die König Christian II. ins Land geholt hatte, um die dänische Landwirtschaft zu verbessern. Die Spuren dieser Geschichte sind noch heute sichtbar. Die Bauweise der Häuser unterscheidet sich von typisch dänischer Architektur, die Gärten sind anders angelegt. Das Dragør Museum im alten Rathaus erzählt diese Geschichte ausführlich.
Heute ist Dragør vor allem bei Tagesausflüglern beliebt. Die Restaurants am Hafen servieren fangfrischen Fisch, Smørrebrød mit Krabben oder geräucherten Hering. Das Café Beghuset in einem ehemaligen Teerhaus bietet einen der schönsten Plätze zum Kaffeetrinken auf ganz Amager. Wer im Sommer kommt, sollte einen Tisch draußen reservieren, denn der Blick über den Hafen auf den Öresund ist schwer zu übertreffen.
Von Dragør aus lohnt sich ein Spaziergang entlang der Küste Richtung Norden. Der Weg führt am Wasser entlang, vorbei an der alten Lotsenstation und dem Leuchtturm. Bei klarer Sicht sieht man die schwedische Küste und die Öresundbrücke gleichzeitig. Die Strecke bis zum Strandpark ist etwa zehn Kilometer lang, flach und gut ausgeschildert.
CopenHill und moderne Architektur
Am nördlichen Rand von Amager steht ein Gebäude, das weltweit Aufmerksamkeit bekommen hat: CopenHill, offiziell Amager Bakke. Es handelt sich um eine Müllverbrennungsanlage, auf deren Dach eine Skipiste angelegt wurde. Was auf den ersten Blick absurd klingt, ist tatsächlich eines der innovativsten Architekturprojekte der letzten Jahrzehnte. Das Architekturbüro BIG unter der Leitung von Bjarke Ingels hat hier gezeigt, wie Infrastruktur und Freizeitgestaltung zusammenwachsen können.
Die Skipiste ist 400 Meter lang und wird das ganze Jahr über betrieben. Im Winter liegt manchmal sogar echter Schnee, meist gleitet man aber über einen speziellen Kunststoffbelag. An der Außenwand befindet sich eine 85 Meter hohe Kletterwand, die höchste der Welt. Oben auf dem Dach gibt es einen Wanderweg durch Bäume und Büsche, eine Bar und eine Aussichtsplattform. Der Blick reicht über den Hafen, die Altstadt und bei gutem Wetter bis nach Schweden.
CopenHill ist nicht das einzige architektonische Highlight auf Amager. Der Stadtteil Ørestad, in den 2000er Jahren auf ehemaligem Brachland entstanden, versammelt Bauten von internationalen Architekturbüros. Das 8-Tallet (Achthaus) von BIG, das VM-Huset und das Bella Sky Hotel fallen sofort ins Auge. Die Gegend wirkt manchmal etwas steril, aber architekturinteressierte Besucher werden hier viel zu fotografieren finden.
Unterwegs auf Amager
Das Fahrrad ist auf Amager das beste Fortbewegungsmittel. Die Insel ist flach, die Radwege sind breit und gut ausgebaut. Leihräder gibt es an jeder Ecke, die Kopenhagener Stadträder (Bycyklen) haben Stationen auch auf Amager. Vom Stadtzentrum braucht man mit dem Rad etwa 20 Minuten zum Strandpark, 40 Minuten nach Dragør.
Die Metro Linie M1 und M2 bedienen den nördlichen Teil der Insel. Die Stationen Amager Strand, Ørestad und Kastrup sind die wichtigsten für Besucher. Zum Flughafen fährt die Metro alle paar Minuten, die Fahrt vom Kongens Nytorv dauert nur 14 Minuten. Busse ergänzen das Netz, vor allem die Linien 33 und 350S fahren durch die gesamte Insel bis nach Dragør.
Autofahrer werden auf Amager wenig Freude haben. Der nördliche Teil ist voller Einbahnstraßen und Parkbeschränkungen. Im Naturpark sind Autos ohnehin nicht erlaubt. Wer mit dem Mietwagen vom Flughafen kommt und die Insel erkunden will, sollte das Auto am besten am Hotel abstellen und aufs Rad umsteigen.
Übernachten und Einkehren
Die Hotelauswahl auf Amager ist überschaubar, aber es gibt einige gute Adressen. Das Bella Sky Hotel in Ørestad fällt durch seine schräge Architektur auf und bietet Zimmer mit Blick über die ganze Stadt. Im Dragør Badehotel kann man direkt am Hafen übernachten, in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Für Budgetreisende gibt es das Danhostel Copenhagen Amager mit Mehrbettzimmern und Familienräumen.
Gastronomisch hat der Norden von Amager in den letzten Jahren kräftig aufgeholt. Auf der Amagerbrogade reihen sich Restaurants verschiedener Nationalitäten aneinander. Thailändisch, libanesisch, äthiopisch, italienisch. In Dragør dominiert dänische Küche, frischer Fisch steht hier auf jeder Karte. Das Restaurant Dragør Strandhotel bietet ein Mittagsmenü mit Blick aufs Wasser, das die Anreise von Kopenhagen allein schon rechtfertigt.
Für den schnellen Hunger zwischendurch lohnt sich ein Abstecher zu den Reffen Street Food Ständen (ehemals Papirøen), die zwar nicht mehr am alten Standort existieren, aber deren Geist in verschiedenen Food Markets auf Amager weiterlebt. Am Amager Strandpark gibt es im Sommer Imbisse und Eiswagen, im Winter reduziert sich das Angebot allerdings deutlich.
Häufig gestellte Fragen
Wie komme ich vom Kopenhagener Zentrum nach Amager?
Die einfachste Verbindung bietet die Metro (Linien M1 und M2). Von Kongens Nytorv erreicht man den Amager Strandpark in etwa zehn Minuten. Mit dem Fahrrad dauert die Fahrt über die Knippelsbro-Brücke nach Christianshavn und weiter auf Amager rund 15 bis 20 Minuten. Busse der Linien 33 und 350S fahren ebenfalls regelmäßig.
Kann man im Amager Strandpark baden?
Ja, das Wasser wird regelmäßig auf Badequalität getestet und hat in der Regel gute bis sehr gute Werte. Der Strand ist im Sommer bewacht. Die Wassertemperatur erreicht im Juli und August etwa 18 bis 20 Grad. In der Lagune zwischen Strand und Insel ist das Wasser ruhiger und etwas wärmer als auf der offenen Seite.
Ist Dragør einen Tagesausflug wert?
Auf jeden Fall. Das historische Fischerdorf ist in etwa 30 Minuten mit dem Bus oder 40 Minuten mit dem Rad vom Kopenhagener Zentrum erreichbar. Die gelben Häuser, der kleine Hafen und die gemütlichen Restaurants lohnen sich für mindestens einen halben Tag. Im Sommer kann man den Besuch mit einer Radtour durch den Naturpark verbinden.
Was kostet der Eintritt bei CopenHill?
Die Skipiste kostet ab etwa 200 DKK pro Stunde inklusive Ausrüstung. Die Kletterwand beginnt bei rund 350 DKK. Der Wanderweg auf dem Dach und die Aussichtsplattform sind kostenlos zugänglich. Im Sommer werden auch geführte Touren durch die Müllverbrennungsanlage angeboten, die Einblick in die Technik geben.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026