Nordlichter fotografieren
Inhaltsverzeichnis
- 1 Was man über Nordlichter wissen muss
- 2 Die richtige Kamera und Ausrüstung
- 3 Kameraeinstellungen Schritt für Schritt
- 4 Komposition und Bildgestaltung
- 5 Mit dem Smartphone fotografieren
- 6 Die besten Orte in Skandinavien
- 7 Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
- 8 Häufige Fragen zum Nordlichter fotografieren
Ich habe mein erstes Nordlicht in Tromsø gesehen, im Februar 2017. Ich stand auf einem Hügel über der Stadt, es war minus 8 Grad, und plötzlich fing der Himmel an, grün zu leuchten. Erst ein schwacher Schimmer, dann Bänder, dann Vorhänge, die sich über den ganzen Himmel zogen. Ich hatte meine Kamera dabei, drückte auf den Auslöser und bekam: ein schwarzes Bild. Dann ein überbelichtetes. Dann ein verwackeltes. Von dreißig Aufnahmen war eine brauchbar.
Seitdem habe ich mich in das Thema reingearbeitet. Habe Bücher gelesen, Tutorials geschaut, stundenlang in der Kälte gestanden. Heute bekomme ich gute Nordlichtfotos hin, und die Einstellungen sind gar nicht kompliziert. Man muss nur wissen, was man tut, bevor die Lichter anfangen. Denn wenn sie da sind, bleibt keine Zeit zum Probieren.
Was man über Nordlichter wissen muss
Nordlichter (Aurora Borealis) entstehen, wenn geladene Teilchen von der Sonne auf die Erdatmosphäre treffen und Gasmoleküle zum Leuchten anregen. Sauerstoff erzeugt grünes und rotes Licht, Stickstoff blaues und violettes. Die grüne Farbe ist am häufigsten, weil sie in den niedrigeren Atmosphärenschichten entsteht, wo die Teilchendichte am höchsten ist.
Tipp: Berechne deine persönliche Nordlicht-Wahrscheinlichkeit mit unserem Nordlicht-Rechner.
Für Fotografen sind folgende Fakten relevant: Nordlichter erscheinen zwischen September und März, mit den besten Chancen von Oktober bis Februar. Sie brauchen Dunkelheit (keine Mitternachtssonne), einen klaren Himmel (keine Wolken) und ausreichend Sonnenaktivität (Kp-Index ab 2 bis 3 für Nordskandinavien). Die Lichter bewegen sich, mal langsam, mal schnell. Bei starker Aktivität tanzen sie über den Himmel, bei schwacher stehen sie wie ein blasser Vorhang.
Wichtig: Nordlichter sehen mit bloßem Auge oft blasser aus als auf Fotos. Kameras fangen mehr Licht ein als das menschliche Auge, besonders bei langen Belichtungszeiten. Ein schwaches Nordlicht, das man kaum sieht, kann auf dem Foto leuchtend grün erscheinen. Umgekehrt gilt: Wenn man die Lichter mit bloßem Auge deutlich sieht und sie sich schnell bewegen, hat man richtig starke Aktivität erwischt.
Die richtige Kamera und Ausrüstung
Kamera: Man braucht eine Kamera mit manuellem Modus (M), bei der man ISO, Blende und Belichtungszeit selbst einstellen kann. Spiegelreflexkameras (DSLR) und spiegellose Systemkameras sind ideal. Gute Einstiegsmodelle: Sony Alpha 6400, Canon EOS R50, Nikon Z50. Profi-Kameras wie Sony Alpha 7 III oder Nikon Z6 liefern bessere Ergebnisse bei hohen ISO-Werten, sind aber deutlich teurer.
Objektiv: Hier zählt vor allem die Lichtstärke (niedrige Blendenzahl). Ein Weitwinkelobjektiv mit f/2.8 oder besser ist ideal. Wer Nordlichter fotografieren will, sollte in ein gutes Objektiv investieren, bevor er viel Geld für die Kamera ausgibt. Empfehlenswerte Objektive: Samyang 14mm f/2.8 (günstig, um 300 Euro), Sigma 14mm f/1.8 (teurer, sehr gut), Tokina 11-20mm f/2.8. Die Brennweite sollte zwischen 10 und 24 mm liegen (Vollformat), damit man genug Himmel aufs Bild bekommt.
Stativ: Pflicht. Ohne Stativ keine scharfen Nordlichtfotos. Belichtungszeiten von 5 bis 25 Sekunden sind normal, und kein Mensch hält eine Kamera so lange ruhig. Das Stativ sollte stabil sein (kein Plastik-Stativ für 20 Euro) und sich auch mit Handschuhen bedienen lassen. Gute Reisestative: Manfrotto Befree, Peak Design Travel Tripod, Rollei Compact Traveler No. 1. Preis: 100 bis 250 Euro.
Fernauslöser: Ein Fernauslöser (kabelgebunden oder per App) verhindert, dass man die Kamera beim Auslösen verwackelt. Alternativ den Selbstauslöser auf 2 Sekunden stellen. Kostet als Kabelvariante 10 bis 20 Euro.
Akkus: Kälte ist der Feind der Batterie. Bei minus 15 Grad hält ein voll geladener Akku halb so lang wie bei Zimmertemperatur. Lösung: Mindestens zwei Ersatzakkus mitnehmen und in der Jackentasche körpernah aufbewahren. Erst einsetzen, wenn der aktuelle Akku leer ist.
Stirnlampe: Mit Rotlichtfunktion. Rotes Licht blendet weniger und stört die Nachtanpassung der Augen nicht. Man braucht sie, um die Kameraeinstellungen zu prüfen und den Weg zum Fotospot zu finden.
Kameraeinstellungen Schritt für Schritt
Hier die Einstellungen, die als Ausgangspunkt dienen. Man stellt sie ein, macht ein Testfoto und passt dann an. Das Ganze vor dem Nordlicht üben, zum Beispiel am Nachmittag bei Tageslicht den Fokus einstellen.
1. Manueller Modus (M): Kamera auf M stellen. Kein Automatikmodus, kein Szenemodus. Alles selber kontrollieren.
2. Fokus: Autofokus ausschalten. Im Dunkeln findet der Autofokus nichts und jagt hin und her. Stattdessen manuell auf Unendlich fokussieren. Den Fokusring auf das Unendlich-Zeichen drehen, dann minimal zurückdrehen (die meisten Objektive fokussieren etwas über Unendlich hinaus). Testfoto machen, reinzoomen, Sterne prüfen. Wenn sie punktförmig sind: gut. Wenn sie verschmiert sind: nachkorrigieren. Dann den Fokusring mit einem Stück Tape fixieren, damit er sich nicht versehentlich verstellt.
3. Blende: So weit wie möglich öffnen. Also die niedrigste Zahl, die das Objektiv hergibt. f/2.8 oder f/1.8. Wer nur ein Kit-Objektiv mit f/3.5 hat, nimmt f/3.5 und muss die ISO etwas höher drehen.
4. ISO: Start mit ISO 1600. Bei schwachen Nordlichtern auf 3200 oder 6400 erhöhen. Bei starken auf 800 senken. Höhere ISO-Werte erzeugen mehr Rauschen (Körnung im Bild). Neuere Kameras rauschen weniger als ältere. An der Sony Alpha 7 III ist ISO 6400 noch brauchbar, an einer zehn Jahre alten Canon 600D eher nicht.
5. Belichtungszeit: Start mit 10 bis 15 Sekunden. Bei schwachen Nordlichtern auf 20 bis 25 Sekunden verlängern. Bei starken, schnell sich bewegenden Lichtern auf 3 bis 8 Sekunden verkürzen, sonst verschmieren die Strukturen. Eine Faustregel für die maximale Belichtungszeit ohne Sternbewegung: 500 geteilt durch die Brennweite (in mm, Vollformat). Bei 14mm also maximal 35 Sekunden, bei 24mm maximal 20 Sekunden.
6. Weißabgleich: Auf 3500 bis 4000 Kelvin stellen (Leuchtstoffröhre/Neonlicht). Das gibt den Nordlichtern eine natürliche grüne Farbe, ohne dass der Himmel zu blau oder zu orange wird. Wer in RAW fotografiert (empfohlen), kann den Weißabgleich nachträglich am Computer anpassen.
7. Dateiformat: RAW statt JPEG. RAW-Dateien speichern mehr Bilddaten und lassen sich in der Nachbearbeitung besser anpassen (Helligkeit, Weißabgleich, Rauschen). JPEG ist bereits komprimiert und bietet weniger Spielraum.
Komposition und Bildgestaltung
Ein Foto, das nur Himmel zeigt, wirkt schnell langweilig. Die besten Nordlichtfotos haben einen Vordergrund: einen Berg, einen See, eine Kirche, ein Boot, eine Hütte, Bäume. Der Vordergrund gibt dem Bild Tiefe und Kontext. Man sieht, wo man ist, und das Nordlicht wird zum Rahmen.
Überlege tagsüber, wo du nachts fotografieren willst. Suche einen Standort mit freier Sicht nach Norden (dort erscheinen die Nordlichter am häufigsten). Achte auf störende Lichtquellen: Straßenlaternen, beleuchtete Häuser, Autoscheinwerfer. Je dunkler der Standort, desto besser die Fotos.
Spiegelungen nutzen: Ein ruhiger See oder Fjord, der die Nordlichter reflektiert, verdoppelt die Wirkung. Die Lofoten in Norwegen sind dafür berühmt. Auch verschneite Landschaften reflektieren das grüne Licht und ergeben stimmungsvolle Bilder.
Personen im Bild: Eine Silhouette vor dem Nordlicht kann großartig aussehen. Die Person muss absolut still stehen (Belichtungszeit!). Eine Stirnlampe, die nach oben strahlt, erzeugt einen Lichtstrahl, der ins Nordlicht zeigt, ein beliebtes Motiv.
Mit dem Smartphone fotografieren
Kann man Nordlichter mit dem Smartphone fotografieren? Ja, aber mit Einschränkungen. Die neueste Generation Smartphones (iPhone 15 Pro, Samsung Galaxy S24 Ultra, Google Pixel 8 Pro) hat Nachtmodi, die erstaunlich gute Ergebnisse liefern. Der Nachtmodus belichtet automatisch über mehrere Sekunden und rechnet die Bilder zusammen.
Tipps fürs Smartphone: Stativ verwenden (ein kleines Tischstativ oder ein Gorilla-Pod reicht). Nachtmodus aktivieren. Wenn möglich, manuelle Einstellungen verwenden (viele Smartphones erlauben im Pro-Modus ISO und Belichtungszeit manuell einzustellen). Nicht zoomen, die Qualität bricht zusammen. Und: Erwartungen runterschrauben. Die Bilder werden nicht so gut wie mit einer richtigen Kamera, aber für Instagram und als Erinnerung reichen sie.
Ein Vorteil des Smartphones: Man sieht das Ergebnis sofort und kann live anpassen. Und man hat es immer dabei. Bei meiner letzten Nordlicht-Jagd in Nordnorwegen hatte ich vergessen, den Akku der Kamera zu laden. Das Smartphone hat die Nacht gerettet.
Die besten Orte in Skandinavien
Tromsø, Norwegen: Die "Hauptstadt der Nordlichter". Liegt 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Gute Infrastruktur, viele Anbieter für Nordlicht-Touren, und die Stadt selbst bietet Vordergrundmotive (Eismeerkathedrale, Hafen, Brücke). Die besten Monate: Oktober bis März.
Lofoten, Norwegen: Die Kombination aus Bergen, Fjorden und Fischerdörfern ergibt die vielleicht schönsten Nordlichtfotos überhaupt. Reine, Hamnøy und Sakrisøy sind klassische Fotospots. Die Lofoten liegen auf dem gleichen Breitengrad wie Tromsø, haben aber ein milderes Klima.
Abisko, Schweden: Das "Blue Hole of Abisko" ist ein Wetterphänomen, das für überdurchschnittlich klaren Himmel sorgt. Abisko gehört zu den nordlichtsichersten Orten der Welt. Die Aurora Sky Station auf dem Nuolja-Berg bietet freie Sicht nach Norden. Erreichbar mit dem Nachtzug von Stockholm.
Rovaniemi/Inari, Finnland: Rovaniemi liegt direkt am Polarkreis und hat gute Chancen auf Nordlichter, kombiniert mit Aktivitäten wie Hundeschlitten und Rentierschlittenfahrten. Inari, weiter nördlich, ist ruhiger und hat noch höhere Chancen. In Finnland gibt es Aurora Cabins und Glasiglus, in denen man die Nordlichter vom Bett aus sehen kann.
Island: Die gesamte Insel liegt nördlich genug für Nordlichter. Der Vorteil gegenüber Skandinavien: weniger Lichtverschmutzung, da es außerhalb von Reykjavik kaum Siedlungen gibt. Der Nachteil: viel Bewölkung. Die Nordküste um Akureyri hat statistisch mehr klare Nächte als der Süden.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
Autofokus vergessen auszuschalten: Der häufigste Fehler. Der Autofokus findet im Dunkeln nichts, und die Kamera versucht endlos zu fokussieren. Ergebnis: verpasste Nordlichter. Lösung: Autofokus am Objektiv oder in der Kamera auf manuell stellen und den Fokus vor dem Abend fixieren.
Zu lange belichten bei schnellen Nordlichtern: Wenn die Lichter tanzen und sich schnell bewegen, verschmieren sie bei 15 oder 20 Sekunden Belichtung. Man verliert die Strukturen, die Bänder und Vorhänge. Lösung: Belichtungszeit auf 3 bis 8 Sekunden runter, dafür ISO hoch. Lieber etwas mehr Rauschen als ein verwaschenes Foto.
Nur nach oben fotografieren: Nordlichter sind oft direkt über einem am stärksten. Die Versuchung ist groß, die Kamera steil nach oben zu richten. Aber Fotos ohne Horizont und Vordergrund wirken flach. Lieber die Kamera Richtung Horizont richten, wo die Lichter einen Bogen bilden, und einen Vordergrund einbauen.
Zu wenig Akkus: Bei Kälte hält ein Akku 30 bis 45 Minuten statt zwei Stunden. Wer nur einen Akku hat, steht nach einer halben Stunde ohne Strom da. Drei Akkus sind das Minimum für eine Nacht.
Keine warme Kleidung: Man steht. Stundenlang. Ohne Bewegung. Bei Minusgraden. Das kühlt den Körper schneller aus, als man denkt. Dicke Winterstiefel, Thermokleidung und Handwärmer sind kein Luxus. Wer friert, geht früher rein und verpasst vielleicht die beste Phase der Nacht.
Häufige Fragen zum Nordlichter fotografieren
Kann ich Nordlichter mit einer Kompaktkamera fotografieren?
Nur eingeschränkt. Die meisten Kompaktkameras haben kleine Sensoren, die bei hohen ISO-Werten stark rauschen, und Objektive, die nicht lichtstark genug sind. Ausnahmen: Die Sony RX100 VII oder die Ricoh GR III haben für Kompaktkameras gute Lichtstärke und Sensorqualität. Aber eine Systemkamera mit Wechselobjektiv ist immer die bessere Wahl.
Welche App hilft bei der Nordlicht-Vorhersage?
Die App "My Aurora Forecast" zeigt den aktuellen Kp-Index und die Wahrscheinlichkeit für Nordlichter an. "Aurora" von der University of Alaska ist ebenfalls empfehlenswert. Für das Wetter (Wolkenbedeckung) nutze ich "Yr" (Norwegens offizieller Wetterdienst, sehr zuverlässig) oder "Clear Outside" für Astronomen. Wichtig: Nordlichter treten oft in Wellen auf. Wenn der Himmel gerade ruhig ist, lohnt sich Warten.
Wann ist die beste Uhrzeit für Nordlichter?
Zwischen 21 und 2 Uhr ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten. Der statistische Höhepunkt liegt um Mitternacht (magnetische Mitternacht, die je nach Standort variiert). Aber Nordlichter können auch schon um 18 Uhr oder noch um 5 Uhr morgens auftreten. Wer die beste Chance haben will, plant eine lange Nacht ein.
Lohnt sich eine geführte Nordlicht-Tour?
Für den ersten Versuch: ja. Die Guides kennen die besten Spots, fahren bei Bewölkung an andere Orte (Nordlicht-Chasing), und helfen bei den Kameraeinstellungen. In Tromsø kosten geführte Touren ab 100 Euro pro Person. Wer einen Mietwagen hat und sich mit der Kamera auskennt, kann auch selbst losfahren. Abseits der Straßenlaternen einen dunklen Platz suchen, Stativ aufstellen und warten.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.