Naturschutzgebiete an der Ostsee
Inhaltsverzeichnis
- 1 Warum die Ostseeküste unter Schutz steht
- 2 Nationalpark Jasmund: Die Kreidefelsen von Rügen
- 3 Vorpommersche Boddenlandschaft
- 4 Darßer Urwald und Weststrand
- 5 Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft erleben
- 6 Weitere Schutzgebiete entlang der Küste
- 7 Verhaltensregeln in Schutzgebieten
- 8 Häufig gestellte Fragen
Die deutsche Ostseeküste gehört zu den abwechslungsreichsten Küstenlandschaften Europas. Auf knapp 2.000 Kilometern wechseln sich Steilküsten mit flachen Boddengewässern ab, Buchenwälder reichen bis an die Klippen, und weite Salzwiesen bieten Zugvögeln Rastplätze. Mehrere Nationalparks und Naturschutzgebiete schützen diese Landschaften seit Jahrzehnten vor Bebauung und intensiver Nutzung.
Wer die Ostsee abseits der Seebäder und Strandpromenaden kennenlernen will, findet in den Schutzgebieten eine Natur, die sich weitgehend selbst überlassen bleibt. Alte Buchenwälder, in denen umgestürzte Stämme verrotten, wo Spechte in morschem Holz hämmern und Seeadler über den Baumkronen kreisen. Flache Lagunen, in denen im Herbst zehntausende Kraniche rasten. Strände ohne Strandkörbe, an denen nur der Wind und die Wellen zu hören sind.
Warum die Ostseeküste unter Schutz steht
Die Ostsee ist ein geologisch junges Meer. Erst vor etwa 12.000 Jahren, als die Gletscher der letzten Eiszeit schmolzen, bildete sich das Becken, das wir heute kennen. Die Küstenformen sind entsprechend dynamisch: Steilküsten brechen ab, Sandhaken wachsen, Inseln verändern ihre Form. Diese natürlichen Prozesse brauchen Raum, den Siedlungen und Tourismus zunehmend einschränken.
Dazu kommt die Bedeutung als Lebensraum. Die Boddengewässer zwischen Festland und den vorgelagerten Inseln gehören zu den produktivsten Ökosystemen Nordeuropas. Hier laichen Hechte und Heringe, brüten Seeschwalben und Austernfischer, und im Herbst sammeln sich bis zu 70.000 Kraniche auf dem Weg nach Süden. Ohne Schutz wären viele dieser Tier- und Pflanzenarten längst verschwunden.
Drei große Schutzgebiete ragen an der Ostseeküste heraus: der Nationalpark Jasmund auf Rügen mit seinen berühmten Kreidefelsen, der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft zwischen Darß und Hiddensee sowie die Naturschutzgebiete auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Zusammen umfassen sie eine Fläche von über 80.000 Hektar, davon ein großer Teil Wasserfläche.
Nationalpark Jasmund: Die Kreidefelsen von Rügen
Der Nationalpark Jasmund auf Rügen ist mit 3.003 Hektar der kleinste Nationalpark Deutschlands, aber einer der bekanntesten. Seit 1990 steht die Halbinsel Jasmund unter Schutz, seit 2011 gehören die Buchenwälder zum UNESCO-Weltnaturerbe. Der Park umfasst die Kreidesteilküste zwischen Sassnitz und Lohme, den dahinterliegenden Buchenwald und einen Streifen der vorgelagerten Ostsee.
Die Kreidefelsen sind das Wahrzeichen. Der Königsstuhl ragt 118 Meter über dem Meer auf, die benachbarten Wissower Klinken (ein Teil brach 2005 ab) und die Victoria-Sicht bieten ähnlich steile Perspektiven. Die Kreide entstand vor rund 70 Millionen Jahren am Grund eines Meeres, als Millionen winziger Kalkalgen abstarben und sich am Boden ablagerten. Die Eiszeit schob die Kreideschichten dann an die Oberfläche und formte die heutigen Klippen.
Der Buchenwald hinter der Steilküste ist das zweite Highlight. Es handelt sich um einen der letzten naturnahen Tiefland-Buchenwälder Europas. Manche Buchen sind über 200 Jahre alt. Weil der Wald seit der Gründung des Nationalparks nicht mehr bewirtschaftet wird, bleiben umgestürzte Bäume liegen. In den verrottenden Stämmen leben Hunderte Insektenarten, Pilze zersetzen das Holz, und Spechte zimmern Bruthöhlen, die später von Dohlen und Fledermäusen genutzt werden.
Der Hochuferweg ist der bekannteste Wanderweg im Park. Er führt auf etwa 12 Kilometern von Sassnitz über den Königsstuhl bis nach Lohme, immer am Rand der Steilküste entlang. Die Wanderung dauert 3 bis 4 Stunden. Seit 2023 gibt es am Königsstuhl eine neue Aussichtsplattform, den "Königsweg", der über die Kante der Klippe hinausragt. Der Eintritt ins Nationalpark-Zentrum Königsstuhl kostet 12 Euro für Erwachsene, 6 Euro für Kinder.
Ein weniger bekannter Zugang ist der Abstieg über die Wissower Klinken zum Strand. Dort kann man am Fuß der Kreidefelsen entlanglaufen und Fossilien suchen: Seeigel, Donnerkeile (versteinerte Tintenfischgehäuse) und Feuersteine finden sich zwischen den abgebrochenen Kreidebrocken. Baden ist möglich, aber wegen der Abbruchgefahr sollte man Abstand zur Steilküste halten.
Vorpommersche Boddenlandschaft
Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ist mit 78.600 Hektar einer der größten Nationalparks Deutschlands. Er erstreckt sich über die Halbinsel Darß-Zingst, die Insel Hiddensee, die Westküste Rügens und die dazwischenliegenden Boddengewässer. Etwa 83 Prozent der Fläche bestehen aus Wasser, der Rest verteilt sich auf Strände, Dünen, Salzwiesen und Wälder.
Die Bodden sind flache Lagunen mit Wassertiefen von 50 Zentimetern bis 3 Metern. Sie entstanden, als Landzungen und Nehrungen die dahinterliegenden Meeresbuchten vom offenen Wasser abtrennten. Das Wasser in den Bodden ist brackig, also eine Mischung aus Salz- und Süßwasser. Dieser Übergangsbereich ist ökologisch besonders wertvoll, weil hier Arten aus beiden Welten zusammentreffen: Süßwasserfische wie Hecht und Barsch leben neben Meeresfischen wie Hering und Flunder.
Das bekannteste Naturschauspiel im Nationalpark ist der Kranichzug im Herbst. Zwischen September und November rasten bis zu 70.000 Kraniche gleichzeitig in den Boddengewässern, bevor sie weiter nach Süden ziehen. Am Abend fliegen die Vögel in langen Ketten zu ihren Schlafplätzen in den flachen Bodden, wo sie im knietiefem Wasser stehen und vor Bodenfeinden sicher sind. Die besten Beobachtungspunkte sind die Aussichtsplattformen bei Günz und Pramort auf der Halbinsel Zingst. Geführte Kranichtouren mit Rangern kosten 8 bis 15 Euro pro Person und starten im September und Oktober mehrmals wöchentlich.
Darßer Urwald und Weststrand
Der Darßer Urwald auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst ist kein Urwald im tropischen Sinn, sondern ein Küstenwald, der seit Jahrzehnten kaum noch forstwirtschaftlich genutzt wird. Windgeformte Kiefern und Buchen, manche von Stürmen abgeknickt oder entwurzelt, bilden ein wildes Durcheinander aus lebenden und toten Bäumen. Flechten hängen von den Ästen, Moospolster bedecken die Stämme, und zwischen den Wurzeln wachsen Farne.
Der Weststrand des Darß zählt zu den wildesten Strandabschnitten der deutschen Ostsee. Auf etwa 14 Kilometern Länge gibt es keine Bebauung, keine Strandkörbe und keine Promenade. Stattdessen liegen angeschwemmte Baumstämme im Sand, die der Sturm aus dem Küstenwald gerissen hat. Der Zugang ist nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad möglich, die nächsten Parkplätze liegen in Ahrenshoop oder Prerow, etwa 2 bis 3 Kilometer entfernt.
Im Darßer Urwald gibt es ein gut markiertes Wegenetz. Der Rundweg vom Darß-Museum in Prerow durch den Wald zum Weststrand und zurück ist etwa 10 Kilometer lang und dauert 2,5 bis 3 Stunden. Unterwegs kommt man am Leuchtturm Darßer Ort vorbei, der 1848 erbaut wurde und heute ein Natureum (Naturkundemuseum) beherbergt. Der Eintritt kostet 6 Euro. Vom Leuchtturm aus hat man einen guten Blick auf die Neulandbildung an der Nordspitze des Darß, wo jedes Jahr einige Meter neues Land aus dem Meer wachsen.
Im Frühjahr brüten auf den Salzwiesen und in den Dünen am Darß zahlreiche Vogelarten. Seeadler nisten in den hohen Kiefern des Urwaldes und jagen über den Boddengewässern. Das Revier am Darßer Ort ist eines der am leichtesten zugänglichen Seeadler-Brutgebiete in Deutschland. Mit etwas Geduld und einem Fernglas lassen sich die Vögel vom Wanderweg aus beobachten, ohne sie zu stören.
Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft erleben
Der Nationalpark bietet geführte Touren zu verschiedenen Themen an. Neben den Kranichtouren im Herbst gibt es Wattwanderungen über die flachen Bodden, Vogelbeobachtungstouren und Waldspaziergänge mit Rangern. Die Touren starten meist von den Nationalpark-Informationszentren in Born, Zingst und auf Hiddensee. Eine Übersicht der aktuellen Termine findet sich auf der Website des Nationalparks.
Hiddensee ist autofrei und nur per Fähre erreichbar (ab Schaprode auf Rügen oder ab Stralsund). Die Insel liegt vollständig im Nationalpark. Der Dornbusch im Norden mit seinem Leuchtturm bietet Ausblicke über die gesamte Boddenlandschaft. Die Dünenheide im Süden ist ein Lebensraum für seltene Pflanzen wie den Stranddistel und den Dünen-Schwingel. Auf Hiddensee kann man Fahrräder mieten (ab 8 Euro pro Tag) und die Insel auf einem 17 Kilometer langen Rundweg erkunden.
Für Fotografen ist die Boddenlandschaft in den Morgenstunden am reizvollsten. Wenn Nebel über den flachen Gewässern liegt und die Kraniche in der Dämmerung aufsteigen, entstehen Bilder, die man so nur an wenigen Orten in Europa bekommt. Im Winter, wenn Eis die Boddengewässer bedeckt und Schnee auf den Salzwiesen liegt, hat die Landschaft eine stille Klarheit, die sich vom sommerlichen Trubel stark unterscheidet.
Weitere Schutzgebiete entlang der Küste
Neben den großen Nationalparks gibt es an der Ostsee zahlreiche kleinere Naturschutzgebiete. Einige der wichtigsten:
Biosphärenreservat Südost-Rügen: Das 22.800 Hektar große Reservat umfasst die Granitz, die Boddengewässer bei Putbus und den Schmalen Luzin. Die Granitz ist ein geschlossener Buchenwald mit dem Jagdschloss Granitz, das auf einem Hügel thront. Der Baumwipfelpfad im Naturerbe Zentrum Rügen bei Prora bietet einen Überblick aus 40 Metern Höhe (Eintritt 13 Euro).
Naturschutzgebiet Graswarder bei Heiligenhafen in Schleswig-Holstein: Eine 230 Hektar große Halbinsel, auf der Küstenseeschwalben, Säbelschnäbler und Sandregenpfeifer brüten. Zwischen April und August ist der Zugang eingeschränkt, aber ein Beobachtungsturm am Rand des Gebiets ermöglicht Einblicke. Der Eintritt ist frei.
Naturschutzgebiet Greifswalder Oie: Eine kleine Insel vor der Küste Usedoms, die als Vogelwarte dient. Seit 1936 werden hier Zugvögel beringt und erforscht. Besucher können die Insel im Sommer mit einer Fähre ab Peenemünde erreichen (Hin- und Rückfahrt 25 Euro). Die Führungen über die Insel dauern etwa 2 Stunden und sind im Fährpreis enthalten.
Küstenwald Nienhagen: Der "Gespensterwald" bei Nienhagen ist ein kleines, frei zugängliches Waldstück direkt an der Steilküste. Die Buchen und Eichen sind vom Seewind so stark verformt, dass sie wie Skulpturen wirken. Besonders in der Dämmerung und bei Nebel hat der Wald eine Atmosphäre, die an skandinavische Trollwälder erinnert. Der Wald liegt direkt an der Steilküste zwischen Warnemünde und Heiligendamm.
Verhaltensregeln in Schutzgebieten
In Nationalparks und Naturschutzgebieten gelten strenge Regeln, die dem Schutz der Natur dienen. Auf den Wegen bleiben ist die wichtigste. In den Kernzonen der Nationalparks ist das Verlassen der markierten Pfade verboten. Hunde müssen an der Leine geführt werden, in manchen Bereichen sind Hunde gar nicht erlaubt.
Drohnen sind in allen Nationalparks verboten, auch am Strand. Das Pflücken von Pflanzen, das Sammeln von Muscheln und Steinen ist in den Kernzonen nicht gestattet. Am Strand vor den Kreidefelsen von Jasmund darf man einzelne Feuersteine und Fossilien aufsammeln, aber keine Kreide abschlagen. Zelten und Lagerfeuer sind in allen Schutzgebieten untersagt. Wer die Regeln missachtet, riskiert Bußgelder bis zu 50.000 Euro.
Für Vogelbeobachter gilt: Während der Brutzeit (April bis Juli) die ausgeschilderten Ruhezonen respektieren. Während des Kranichzugs (September bis November) die Schlafplätze in der Dämmerung nicht zu Fuß aufsuchen, sondern die offiziellen Beobachtungspunkte nutzen. Störungen können dazu führen, dass die Vögel aufgescheucht werden und Energie verlieren, die sie für den Weiterflug brauchen.
Häufig gestellte Fragen
Wann ist die beste Zeit für den Kranichzug an der Ostsee?
Die Hauptsaison liegt zwischen Mitte September und Ende Oktober. Der Höhepunkt mit den meisten Kranichen fällt meist in die zweite Oktoberhälfte. Die besten Beobachtungszeiten sind der frühe Morgen (Abflug von den Schlafplätzen) und der späte Nachmittag (Einflug). Geführte Touren starten von den Nationalpark-Zentren in Born und Zingst und kosten 8 bis 15 Euro.
Ist der Nationalpark Jasmund auch im Winter einen Besuch wert?
Ja. Im Winter sind die Kreidefelsen oft von Raureif überzogen, und der Buchenwald wirkt ohne Laub noch lichter und weitläufiger. Es sind kaum Besucher unterwegs, der Hochuferweg ist frei begehbar (bei Eis und Schnee auf rutschige Stellen achten). Das Nationalpark-Zentrum Königsstuhl hat auch im Winter geöffnet, allerdings mit verkürzten Zeiten.
Kann man am Weststrand des Darß baden?
Ja, der Weststrand ist nicht gesperrt und Baden ist erlaubt. Es gibt allerdings keine Rettungsschwimmer, keine Umkleiden und keine Infrastruktur. Die Strömung kann an manchen Stellen kräftig sein. Der Zugang ist nur zu Fuß oder per Rad möglich (2 bis 3 Kilometer ab Prerow oder Ahrenshoop). Im Sommer kommen trotz der Abgeschiedenheit einige Badegäste.
Darf man in den Naturschutzgebieten Pilze und Beeren sammeln?
In den Kernzonen der Nationalparks ist das Sammeln verboten. In den Pflegezonen und angrenzenden Naturschutzgebieten ist es in kleinen Mengen für den Eigenbedarf oft erlaubt, aber die Regelungen variieren. Im Darßer Urwald und auf Hiddensee gilt ein generelles Sammelverbot. In den Randgebieten der Boddenlandschaft kann man im Herbst Pilze finden, sollte aber vorher die lokalen Regeln prüfen.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026