Warum Skandinavien praktisch bargeldlos ist, und was das für deutsche Reisende bedeutet
Wer aus Deutschland nach Schweden, Norwegen, Dänemark oder Finnland reist, erlebt meist einen kleinen Kulturschock: Fast niemand zahlt mit Scheinen oder Münzen. Für Deutsche, die es gewohnt sind, mit Bargeld zu bezahlen, kann das ungewohnt sein. In diesem Artikel erklären wir, warum Skandinavien so weit vorangeschritten ist, wie der Alltag dort funktioniert und worauf man als Reisender achten sollte.
Wie bargeldlos ist Skandinavien wirklich?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In Schweden haben zuletzt nur noch rund 30 Prozent der Befragten angegeben, in den vergangenen zwölf Monaten überhaupt einmal bar bezahlt zu haben. In Deutschland ist es genau umgekehrt und zwar haben mehr als 70 Prozent der Deutschen im gleichen Zeitraum Bargeld benutzt. In Schweden macht das umlaufende Bargeld weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, in Deutschland sind es gut neun Prozent.
Bezahl-Apps in Skandinavien
In Norwegen nutzen rund 4,2 Millionen Menschen die App Vipps, was bei nur 5,4 Millionen Einwohnern insgesamt fast acht von zehn Menschen im Land ist. In Dänemark erreicht die Schwester-App MobilePay mit 4,4 Millionen Nutzerinnen und Nutzern knapp 76 Prozent der Bevölkerung. Selbst in Finnland, wo Bargeld traditionell etwas länger eine Rolle spielte, nutzt gut ein Drittel der Bevölkerung MobilePay.
Vipps und MobilePay gehören inzwischen zum selben Unternehmen, treten in den einzelnen Ländern aber weiterhin unter ihrem jeweiligen Markennamen auf. Wer sich näher mit digitalen und alternativen Zahlungsarten beschäftigen möchte, findet im Überblick über Casino-Zahlungsmethoden interessante Einblicke in eine Branche, die bei der Nutzung und Integration neuer, unkonventioneller digitaler Zahlungslösungen häufig als Vorreiter gilt.
Vergleich mit Deutschland
In Deutschland ist die klassische Girocard (früher EC-Karte) das dominierende Kartenprodukt, Bargeld bleibt aber gerade bei kleineren Beträgen fest im Alltag verankert und manche Restaurants oder Kioske akzeptieren überhaupt keine Karte. Eine vergleichbar dominante, länderweit einheitliche Bezahl-App wie Swish, Vipps oder MobilePay gibt es in Deutschland bislang nicht. Hierzulande konkurrieren mehrere Anbieter (etwa PayPal, Girocard-Apps einzelner Banken oder internationale Wallets) nebeneinander, ohne dass sich eine App als selbstverständlicher Alltagsstandard durchgesetzt hätte.
Warum sind die Skandinavier so weit voraus?
Mehrere Gründe kommen zusammen:
Eigene, sehr erfolgreiche Bezahl-Apps
In Schweden heißt die App Swish, in Dänemark und Norwegen MobilePay beziehungsweise Vipps. Sie wurden von den großen heimischen Banken gemeinsam entwickelt. Man tippt nur die Handynummer der Empfängerin oder des Empfängers ein, bestätigt mit Fingerabdruck oder Gesichtserkennung und die Zahlung ist fertig. Damit lassen sich Rechnungen unter Freunden teilen, Kirchenspenden oder Einkäufe auf dem Flohmarkt abwickeln.
Hohes Vertrauen in Banken und Digitalisierung
Skandinavische Gesellschaften gehören zu den digital am weitesten entwickelten der Welt. Schnelles mobiles Internet gehört seit Langem zum Standard, und das Vertrauen in staatliche und private digitale Infrastruktur ist hoch. Das erleichtert es, sich auf bargeldlose Systeme einzulassen, ohne Angst vor Ausfällen oder Missbrauch zu haben.
Politischer Wille
In Schweden hat die Regierung die Abkehr vom Bargeld aktiv vorangetrieben. Argumente waren unter anderem mehr Sicherheit für Kundinnen und Kunden, die Bekämpfung von Geldwäsche und Schwarzarbeit sowie eine bessere Nachverfolgbarkeit von Zahlungen. Die schwedische Notenbank arbeitet zudem seit Jahren an einer eigenen digitalen Währung, der sogenannten E-Krona, um auch ohne physisches Bargeld eine staatlich garantierte Zahlungsoption anzubieten.
Weniger Bankfilialen und Geldautomaten
Weil kaum noch jemand Bargeld braucht, haben viele Banken ihre Filialnetze ausgedünnt und Geldautomaten abgebaut. Das beschleunigt die Entwicklung zusätzlich, denn wer schwer an Bargeld herankommt, gewöhnt sich noch schneller an Karte und App.
Nicht alle sehen diese Entwicklung positiv. Kritikerinnen und Kritiker (darunter auch ehemalige hochrangige Polizeivertreter) warnen davor, dass ältere Menschen, Menschen ohne Smartphone oder Menschen in Notsituationen (etwa bei einem Stromausfall oder Cyberangriff) benachteiligt werden könnten. Bargeld gilt vielen als Symbol persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit von Banken. Deshalb gibt es in Schweden inzwischen gesetzliche Regelungen, die Banken verpflichten, weiterhin ein Mindestmaß an Bargelddienstleistungen anzubieten.
Was bedeutet das konkret für deutsche Reisende?
Für einen Urlaub oder eine Geschäftsreise in Skandinavien ändert diese Entwicklung einiges gegenüber einer Reise innerhalb Deutschlands.
Bargeld ist prinzipiell überflüssig
Viele kleine Läden, Cafés und sogar manche öffentliche Toiletten akzeptieren gar kein Bargeld mehr. Es kann also passieren, dass man mit Scheinen in der Tasche vor der Kasse steht und trotzdem nicht bezahlen kann. Umgekehrt braucht man für die allermeisten Situationen tatsächlich keine Landeswährung mehr abzuheben.
Swish, MobilePay und Vipps sind für Touristen meist nicht nutzbar
Diese Apps sind an lokale Bankkonten und häufig an eine landeseigene Telefonnummer gekoppelt. Als Besucherin oder Besucher kommt man in der Regel nicht ohne Weiteres an einen Zugang.
Etwas Bargeld als Reserve schadet trotzdem nicht
Auch wenn man es selten braucht, lohnt es sich, einen kleinen Betrag in der Landeswährung dabei zu haben. Für Notfälle oder entlegene Gegenden mit schlechtem Netzempfang. Kleine Dorfmärkte Wechselstuben sind in den Innenstädten seltener geworden, funktionieren an Flughäfen aber meist noch zuverlässig.
Trinkgeld läuft meist über die Karte
Anders als in Deutschland wird Trinkgeld in Restaurants oft direkt beim Kartenzahlen aufgeschlagen oder ist bereits in der Rechnung enthalten. Ein separates Bargeldtrinkgeld ist unüblich und wird nicht erwartet.
Fazit: Was deutsche Reisende beachten sollten
Deutsche Reisende brauchen für Skandinavien vor allem eine funktionierende Debit- oder Kreditkarte und nur wenig Bargeld als Reserve. Wer beides dabeihat, ist für die meisten Alltagssituationen während der Reise nach Skandinavien gut vorbereitet.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.