Ein Schuljahr zwischen Fika und Mittsommer: Was Jugendliche in Schweden erwartet
Wer an Schweden denkt, hat schnell rote Holzhäuser, stille Seen und helle Sommerabende vor Augen. Für manche Jugendliche aus Deutschland wird das Land zu etwas Alltäglicherem: zu dem Ort, an dem sie ein ganzes Schuljahr verbringen, morgens den Schulbus nehmen und abends mit einer Gastfamilie am Küchentisch sitzen. Neben den klassischen Austauschzielen wie den USA, Kanada oder Neuseeland wirkt Skandinavien auf den ersten Blick wie eine leise Wahl, dabei spricht einiges für das Land.
Ein Auslandsjahr in Schweden richtet sich an Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 18 Jahren, die gerade die neunte, zehnte oder elfte Klasse besuchen. Die meisten bleiben ein komplettes Schuljahr, manche entscheiden sich für ein Halbjahr oder einen noch kürzeren Aufenthalt. Der Start richtet sich nach dem schwedischen Schuljahr, das im August beginnt und im Juni endet.
Kurze Wege, wenig Bürokratie
Ein praktischer Vorteil fällt sofort ins Gewicht: Schweden gehört zur Europäischen Union. Ein Visum brauchen deutsche Jugendliche deshalb nicht. Eine Auslandskrankenversicherung sollte trotzdem abgeschlossen sein, und wer länger bleibt, muss sich vor Ort bei den Behörden anmelden. Das ist überschaubar, verglichen mit den Formularen, die für einen Aufenthalt in Übersee anfallen.
Auch die Entfernung spielt eine Rolle, vor allem für Eltern. Ein Flug nach Stockholm oder Göteborg dauert von vielen deutschen Flughäfen aus kaum länger als zwei Stunden, und wer lieber übers Wasser reist, nimmt die Fähre von Kiel nach Göteborg oder von Rostock und Travemünde nach Trelleborg. Die Zeitverschiebung ist null. Ein Anruf am Sonntagabend lässt sich also ohne Rechnerei verabreden, und bei einem Notfall ist man innerhalb eines Tages vor Ort.
Eine Schule, in der man den Lehrer duzt
Den größten Unterschied erleben die meisten im Klassenzimmer. In Schweden sprechen Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte mit dem Vornamen an. Das geht auf die sogenannte Du-Reform der späten 1960er Jahre zurück, mit der das förmliche Sie fast vollständig aus dem Alltag verschwand. Im Unterricht spürt man das an der Atmosphäre: Lehrkräfte verstehen sich eher als Begleiter, es wird viel in Gruppen gearbeitet, und Fragen gelten nicht als Störung.
Noten haben einen anderen Stellenwert als an deutschen Schulen. Statt ständiger Klassenarbeiten gibt es häufiger Gespräche über den Lernstand. Wer aus einem Gymnasium mit dichtem Prüfungskalender kommt, empfindet das anfangs als ungewohnt locker. Nach ein paar Wochen merken viele aber, dass die Erwartungen nicht niedriger sind. Selbstständiges Arbeiten wird vorausgesetzt, und wer seine Projekte schleifen lässt, fällt auch ohne Klausur auf.
Neben Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften haben kreative und handwerkliche Fächer ein festes Gewicht. Design, Werken oder Mediengestaltung stehen gleichberechtigt im Stundenplan. Dazu kommt etwas, das deutsche Austauschschüler regelmäßig überrascht: ein warmes Mittagessen, das an öffentlichen Schulen in der Regel kostenlos ist, meist mit einer vegetarischen Variante. Die Kantine ist damit auch ein sozialer Treffpunkt, an dem sich neue Freundschaften leichter ergeben als in einer kurzen Pause auf dem Schulhof.
Fika, Vereine und das Recht, überall zu wandern
Der Alltag in einer schwedischen Gastfamilie hat seinen eigenen Takt. Zu Abend gegessen wird oft schon gegen 17 oder 18 Uhr. Am Nachmittag steht häufig die Fika auf dem Programm, eine Kaffeepause mit Zimtschnecke oder Kuchen, bei der man sich bewusst Zeit füreinander nimmt. Auch in der Schule und in vielen Betrieben ist sie fest eingeplant.
Wer Anschluss sucht, findet ihn am ehesten über Vereine. Innebandy, eine Form von Hallenhockey mit Plastikschläger, ist bei Jugendlichen sehr beliebt, ebenso Eishockey, Fußball oder Reiten. Viele Gastschüler berichten, dass die Freundschaften im Verein schneller entstehen als in der Klasse, weil Schweden im ersten Kontakt eher zurückhaltend sind. Ist das Eis einmal gebrochen, halten die Freundschaften dafür lange.
Ein Stück schwedischer Lebensart ist das Allemansrätten, das Jedermannsrecht. Es erlaubt, sich frei in der Natur zu bewegen, auf fremdem Land zu wandern und unter bestimmten Regeln für eine Nacht zu zelten, solange man Rücksicht auf Natur und Eigentümer nimmt. Für Jugendliche aus deutschen Städten ist das eine neue Freiheit: Ein Wochenende mit der Gastfamilie im Wald, mit Kanu und Lagerfeuer, gehört in vielen Regionen einfach dazu.
Dunkle Monate und helle Feste
Der Winter verlangt Durchhaltevermögen. In Stockholm ist es im Dezember nur rund sechs Stunden hell, im Norden des Landes geht die Sonne wochenlang gar nicht auf. Wer im Herbst ankommt, erlebt diese Phase mitten in der Zeit, in der das Heimweh am stärksten ist. Schweden begegnen der Dunkelheit mit Kerzen in jedem Fenster und mit Festen. Am 13. Dezember wird das Luciafest gefeiert, mit weiß gekleideten Chören und Safrangebäck, und die Weihnachtszeit wird ausgiebig begangen. Wer bis zum Ende des Schuljahres bleibt, erlebt dafür im Juni die Nächte, in denen es kaum dunkel wird, und mit etwas Glück noch Mittsommer.
Die Sprache und die Falle Englisch
Schwedisch ist für deutsche Muttersprachler gut erreichbar. Viele Wörter klingen vertraut, die Grammatik ist in mancher Hinsicht einfacher als die deutsche. Nach einigen Monaten können die meisten dem Unterricht folgen und sich im Alltag verständigen.
Schwieriger ist etwas anderes: Fast alle Schweden sprechen sehr gutes Englisch und wechseln aus Höflichkeit sofort, sobald sie einen Akzent hören. Wer wirklich Schwedisch lernen will, sollte Gastfamilie und Freunde früh bitten, bei der Landessprache zu bleiben, auch wenn es anfangs mühsam ist. Wer diese Bitte konsequent stellt, spricht zum Ende des Jahres oft erstaunlich flüssig.
Vorbereitung, Kosten und die Wahl der Organisation
Organisationen empfehlen, sich etwa 12 bis 18 Monate vor der geplanten Abreise mit dem Thema zu beschäftigen. Ein späterer Einstieg ist häufig noch möglich, die Auswahl an Schulen und Regionen wird dann aber kleiner. Am Anfang stehen meist Informationsmaterial und ein Beratungsgespräch, an dem Jugendliche und Eltern gemeinsam teilnehmen.
Bei den Kosten lohnt es sich, genau hinzusehen, was im Programmpreis enthalten ist. Üblich sind Unterkunft und Verpflegung in der Gastfamilie, der Schulbesuch und die Betreuung vor Ort. Flüge, Versicherungen und Taschengeld kommen in vielen Fällen dazu. Einige Anbieter vergeben Stipendien, etwa für Familien mit geringerem Einkommen oder für Jugendliche, die während ihres Aufenthalts über ihre Erfahrungen berichten.
Für Eltern sind bei der Auswahl einer Organisation vor allem praktische Fragen entscheidend. Wie werden Gastfamilien ausgesucht und vorbereitet? Gibt es vor der Abreise ein Vorbereitungsseminar und nach der Ankunft eine Einführung im Land? Ist rund um die Uhr jemand erreichbar, auch nachts und am Wochenende? Und was passiert, wenn das Zusammenleben mit der ersten Gastfamilie nicht funktioniert? Seriöse Anbieter beantworten diese Fragen offen und können erklären, wie oft ein Familienwechsel in der Praxis vorkommt.
Nach der Rückkehr
Wer im Juni zurückkommt, steigt in Deutschland wieder in die nächsthöhere Klasse ein. Ob das Schuljahr in Schweden anerkannt wird oder wiederholt werden muss, regeln die Bundesländer und teils auch die einzelne Schule unterschiedlich. Ein Gespräch mit der Schulleitung vor der Abreise klärt diese Frage, und es lohnt sich, die schwedischen Zeugnisse und Leistungsnachweise vollständig mitzubringen. Den Kontakt zur Gastfamilie halten viele noch Jahre später, und manche fahren in den Sommerferien zurück nach Göteborg, Umeå oder in den kleinen Ort in Värmland, in dem sie ein Jahr gelebt haben.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.