Estnische Inseln
Estland hat über 2.200 Inseln. Die meisten davon sind unbewohnt, manche so klein, dass sie nur aus einem Felsen und ein paar Büschen bestehen. Aber die größeren Inseln, vor allem Saaremaa und Hiiumaa, sind eigenständige Welten mit eigener Geschichte, eigenen Dialekten und einem Lebensrhythmus, der sich vom Festland spürbar unterscheidet.
Während der sowjetischen Besatzung waren die estnischen Inseln militärisches Sperrgebiet. Jahrzehntelang durften nur Einheimische dorthin. Diese Isolation hat paradoxerweise dafür gesorgt, dass die Inseln ihre Eigenart bewahrt haben. Reetgedeckte Bauernhöfe, Windmühlen aus dem 18. Jahrhundert und Wacholderhaine stehen hier noch so, wie sie vor hundert Jahren standen. Seit der Unabhängigkeit 1991 öffnen sich die Inseln langsam für Besucher, aber Massentourismus gibt es bis heute nicht.
Estlands Inselwelt im Überblick
Die estnischen Inseln liegen vor der Westküste des Landes in der Ostsee. Die vier größten sind Saaremaa (2.673 km²), Hiiumaa (989 km²), Muhu (200 km²) und Vormsi (93 km²). Dazu kommen kleinere bewohnte Inseln wie Kihnu, Ruhnu, Abruka und Vilsandi. Zusammen machen die Inseln etwa 10 Prozent der estnischen Landfläche aus, aber nur rund 4 Prozent der Bevölkerung leben dort.
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Die Landschaft der Inseln ist flach. Der höchste Punkt auf Saaremaa liegt gerade einmal 54 Meter über dem Meeresspiegel. Dafür sind die Küsten abwechslungsreich: Sandstrände wechseln sich mit Kalksteinklippen, Geröllfeldern und schilfbewachsenen Buchten ab. Die Wälder bestehen aus Kiefern, Birken und Fichten, durchsetzt von Wacholderheiden. Im Frühling blühen auf den Alvaren (flachen Kalksteinflächen) seltene Orchideen.
Die Inseln haben eine starke schwedische Vergangenheit. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten auf Vormsi und in Teilen von Hiiumaa schwedischsprachige Gemeinden, die dort seit dem 13. Jahrhundert ansässig waren. 1944 flohen die meisten Schweden vor der sowjetischen Besatzung. Heute erinnern Ortsnamen, Kirchhöfe und einzelne Bauernhöfe an diese Zeit.
Saaremaa: Die größte Insel
Saaremaa ist mit Abstand die größte und bekannteste estnische Insel. Die Hauptstadt Kuressaare liegt an der Südküste und hat etwa 13.000 Einwohner. Das Zentrum der Stadt ist die Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert, eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Burgen im Baltikum. Im Inneren befindet sich das Saaremaa Museum, das die Geschichte der Insel erzählt. Der Eintritt kostet 8 Euro für Erwachsene.
Außerhalb von Kuressaare wird Saaremaa schnell ländlich. Die Straßen führen durch Dörfer mit Steinmauern und Reetdachhäusern. Angla im Norden der Insel hat fünf historische Windmühlen auf einem Hügel, das bekannteste Fotomotiv der Insel. Der Kaali-Krater entstand vor etwa 7.500 Jahren durch einen Meteoriteneinschlag und misst 110 Meter im Durchmesser. Im Krater liegt ein kleiner See, der von einem Erdwall umgeben ist.
An der Westküste von Saaremaa liegt die Panga-Klippe, mit 21 Metern die höchste Steilküste der Insel. Von oben hat man einen weiten Blick über die Ostsee. Im Frühjahr und Herbst rasten hier Zugvögel in großen Schwärmen. Der Nationalpark Vilsandi, erreichbar per Boot von der Westküste aus, schützt eine Gruppe kleiner Inseln mit Robbenkolonien und Vogelbrutstätten.
Kulinarisch ist Saaremaa für sein Inselbier bekannt. Die Brauerei Saaremaa Ölletehas braut seit 2004 verschiedene Sorten, die man in den Restaurants und Kneipen der Insel bekommt. Dazu gibt es frischen Räucherfisch aus den kleinen Häfen an der Nordküste. Das Spa-Hotel Meri in Kuressaare bietet neben Wellness auch ein gutes Restaurant mit Inselküche, ein Hauptgericht kostet dort 12 bis 18 Euro.
Hiiumaa: Ruhe und Leuchttürme
Hiiumaa ist die zweitgrößte estnische Insel und noch deutlich ruhiger als Saaremaa. Knapp 10.000 Menschen leben hier, und im Winter fühlt es sich an wie weniger. Die Hauptstadt Kärdla hat 3.300 Einwohner und wirkt eher wie ein großes Dorf. Es gibt ein paar Geschäfte, eine Tankstelle, einen kleinen Hafen und ein Museum. Wer Trubel sucht, ist hier falsch.
Hiiumaa hat drei bemerkenswerte Leuchttürme. Der Leuchtturm von Kõpu im Westen der Insel wurde 1531 gebaut und ist einer der ältesten noch funktionierenden Leuchttürme der Welt. Er steht auf einem Hügel und ist von weitem sichtbar. Man kann ihn besteigen, der Eintritt beträgt 5 Euro. Der Leuchtturm von Tahkuna an der Nordspitze und der von Ristna im Südwesten sind jünger, aber die Wanderungen dorthin führen durch verlassene Küstenlandschaft.
Die Natur auf Hiiumaa ist wilder als auf Saaremaa. Der Kassari Damm verbindet die Halbinsel Kassari mit der Hauptinsel. An seinem Ende liegt ein schmaler Kiesstrand, der bei Ebbe weit ins Meer hinausragt. Die Wälder im Inneren der Insel sind dicht und kaum erschlossen. Im Herbst gehen Einheimische hier Pilze sammeln, vor allem Pfifferlinge und Steinpilze. Das Jedermannsrecht erlaubt das Sammeln auch für Touristen.
Ein Geheimtipp auf Hiiumaa ist das Soera-Bauernhofmuseum, ein restaurierter Hof aus dem 19. Jahrhundert, der zeigt, wie die Inselbewohner früher lebten. Strohdach, Erdkeller, Getreidespeicher. Im Sommer finden dort Handwerksvorführungen statt. Der Eintritt kostet 3 Euro.
Muhu: Zwischen Festland und Saaremaa
Muhu ist die drittgrößte estnische Insel und liegt zwischen dem Festland und Saaremaa. Die Fähre vom Festland (Virtsu) legt in Kuivastu auf Muhu an. Von dort führt ein 3,4 Kilometer langer Damm weiter nach Saaremaa. Die meisten Reisenden fahren direkt durch, ohne anzuhalten. Das ist ein Fehler.
Das Dorf Koguva im Süden von Muhu ist eines der besterhaltenen historischen Dörfer Estlands. Steinmauern, Reetdachhäuser und eine Dorfschmiede stehen hier noch wie vor 200 Jahren. Der estnische Schriftsteller Juhan Smuul (1922-1971) wuchs in Koguva auf, sein Geburtshaus ist heute ein kleines Museum. Das ganze Dorf steht unter Denkmalschutz.
Muhu ist bekannt für seine Stickereien. Die Muhuer Volkskunst mit ihren floralen Mustern unterscheidet sich deutlich von der estnischen Festland-Tradition. Im kleinen Handarbeitsladen im Dorf Liiva kann man Socken und Handschuhe kaufen, die von Inselbewohnerinnen in Handarbeit gestrickt wurden. Ein Paar Muhuer Wollsocken kostet zwischen 15 und 25 Euro.
Das Gut Pädaste im Süden von Muhu gehört zu den besten Hotels in ganz Estland. Das ehemalige Gutshaus wurde aufwendig restauriert und bietet ein Restaurant, das mit lokalen Zutaten arbeitet. Ein Abendmenü kostet ab 75 Euro. Wer es günstiger will: Im Dorf Liiva gibt es ein einfaches Gasthaus mit estnischer Küche für 8 bis 15 Euro pro Gericht.
Kihnu: Die Insel der Frauen
Kihnu ist eine kleine Insel (16 km²) im Rigaischen Meerbusen mit etwa 500 Einwohnern. Sie ist berühmt für ihre lebendige Volkskultur, die 2003 von der UNESCO als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Kulturerbes anerkannt wurde. Die Kultur von Kihnu wird vor allem von den Frauen getragen. Während die Männer traditionell monatelang auf See waren, führten die Frauen den Hof, erzogen die Kinder und bewahrten die Traditionen.
Noch heute tragen ältere Frauen auf Kihnu die traditionellen gestreiften Röcke (Kört) im Alltag. Jede Farbe und jedes Muster hat eine Bedeutung: Rot steht für Hochzeit und Freude, Dunkelblau für Trauer. Die Frauen weben die Stoffe selbst. In der kleinen Museumswerkstatt kann man ihnen dabei zusehen und fertige Textilien kaufen.
Die Anreise nach Kihnu erfolgt per Fähre von Pärnu aus. Die Überfahrt dauert etwa eine Stunde und kostet 9 Euro pro Person (einfache Fahrt). Im Winter, wenn der Meerbusen zufriert, gibt es manchmal eine Eisstraße, die man mit dem Auto befahren kann. Im Sommer fährt die Fähre täglich, im Winter nur bei eisfreiem Wasser. Es gibt auf der Insel ein kleines Gästehaus und einen Campingplatz. Restaurants im klassischen Sinn gibt es nicht, dafür ein Geschäft und eine Kneipe.
Anreise und Fähren
Die Hauptverbindung zu den großen Inseln läuft über die Fährlinie Virtsu-Kuivastu (zum Festland-Muhu-Saaremaa) und Rohuküla-Heltermaa (nach Hiiumaa). Beide Linien werden von der Reederei Praamid (TS Laevad) betrieben. Die Überfahrt dauert jeweils etwa 30 Minuten.
Die Preise für die Fähre (Stand 2025): Auto mit Fahrer kostet etwa 12 bis 16 Euro pro Strecke (je nach Jahreszeit), zusätzliche Passagiere zahlen 3 bis 4 Euro. Fußgänger kommen für 3 Euro über. Im Sommer (Juni bis August) empfiehlt sich eine Vorabbuchung über die Website praamid.ee, besonders für Freitagnachmittag und Sonntagabend. Ohne Reservierung kann die Wartezeit am Fährhafen zwei bis drei Stunden betragen.
Von Tallinn aus erreicht man Virtsu in etwa zwei Stunden mit dem Auto. Busse fahren ebenfalls, die Linie Tallinn-Kuressaare fährt inklusive Fähre durch, man muss also nicht umsteigen. Die Fahrt dauert insgesamt etwa 4,5 Stunden und kostet 15 bis 20 Euro. Nach Hiiumaa fliegt die kleine Fluggesellschaft NyxAir von Tallinn aus in 30 Minuten. Ein Ticket kostet ab 25 Euro, die Flugzeuge sind klein (19 Sitze), frühes Buchen lohnt sich.
Auf den Inseln selbst ist ein eigenes Auto oder Fahrrad fast unverzichtbar. Der öffentliche Nahverkehr existiert, aber die Busse fahren selten (oft nur 2 bis 3 Mal am Tag). Fahrräder kann man in Kuressaare und Kärdla mieten, ein Tag kostet etwa 15 Euro. Die Straßen auf den Inseln sind größtenteils asphaltiert, Nebenstraßen manchmal Schotter.
Beste Reisezeit und Unterkünfte
Die beste Zeit für einen Besuch der estnischen Inseln ist Juni bis September. Im Juni sind die Tage am längsten (bis zu 19 Stunden Licht), die Temperaturen liegen bei 15 bis 22 Grad. Juli und August sind am wärmsten, dann steigt die Wassertemperatur auf 18 bis 20 Grad, warm genug zum Schwimmen an den Sandstränden. September bringt Herbstfärbung und Pilzsaison, dafür wird es abends kühler.
Im Winter haben die Inseln einen rauen Charme. Die Tage sind kurz (im Dezember nur 6 Stunden Licht), die Stürme von der Ostsee heftig. Dafür gibt es kaum Touristen, die Preise sinken, und mit Glück kann man über die Eisstraße von Muhu nach Hiiumaa fahren. Diese offizielle Straße über das gefrorene Meer wird jedes Jahr vermessen und freigegeben, wenn das Eis dick genug ist (mindestens 25 cm). Die Saison dauert typischerweise von Januar bis März, in milden Wintern fällt sie ganz aus.
Bei den Unterkünften gibt es auf Saaremaa die größte Auswahl. In Kuressaare stehen mehrere Spa-Hotels (ab 60 Euro pro Nacht), kleine Pensionen (ab 30 Euro) und Ferienwohnungen (ab 40 Euro). Auf Hiiumaa ist das Angebot dünner, aber es gibt Gästehäuser in Kärdla und einige Ferienhäuser an der Küste. Auf Muhu und Kihnu sind die Optionen begrenzt, hier sollte man im Sommer vorbuchen. Camping ist auf allen Inseln möglich, offizielle Campingplätze gibt es auf Saaremaa (ab 10 Euro pro Nacht) und Hiiumaa.
Häufig gestellte Fragen
Kann man die estnischen Inseln ohne Auto besuchen?
Ja, aber mit Einschränkungen. Der Bus von Tallinn nach Kuressaare auf Saaremaa fährt mehrmals täglich und kostet 15 bis 20 Euro. Auf den Inseln selbst sind die Busverbindungen dünn. Ein Fahrrad ist eine gute Alternative, die Inseln sind flach und die Entfernungen überschaubar. Für Hiiumaa und Kihnu ist ein Auto oder Fahrrad fast notwendig.
Wie viel Zeit sollte man für die estnischen Inseln einplanen?
Für Saaremaa allein reichen 2 bis 3 Tage, um die wichtigsten Orte zu sehen. Wer Saaremaa und Hiiumaa kombinieren will, sollte 5 bis 7 Tage einplanen. Muhu lässt sich als Tagesausflug auf dem Weg nach Saaremaa mitnehmen. Für Kihnu genügt ein Tagesausflug von Pärnu, ein Übernachtung auf der Insel gibt aber mehr Einblick in die Kultur.
Gibt es auf den Inseln Geldautomaten und Kartenzahlung?
Auf Saaremaa und Hiiumaa gibt es Geldautomaten in den Hauptorten Kuressaare und Kärdla. Kartenzahlung wird in den meisten Geschäften und Restaurants akzeptiert. Auf Muhu und Kihnu ist das Angebot eingeschränkter. Auf Kihnu gibt es keinen Geldautomaten, Bargeld ist dort sinnvoll. Estland gehört zur Eurozone, die Währung ist der Euro.
Lohnen sich die Inseln auch bei schlechtem Wetter?
Die Bischofsburg in Kuressaare, das Soera-Museum auf Hiiumaa und das Museum in Koguva auf Muhu sind gute Schlechtwetter-Optionen. Die Spa-Hotels auf Saaremaa bieten Wellnessbereiche für Regentage. Die raue Küste bei Sturm hat außerdem ihren eigenen Reiz, Wellenbeobachten an der Panga-Klippe ist bei Westwind durchaus lohnend.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026