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Kaunas
Litauens heimliche Hauptstadt

Kaunas

14 Min. Lesezeit

Kaunas steht im Schatten von Vilnius, und die Kaunaser finden das eigentlich ganz gut so. Weniger Touristen, weniger Rummel, mehr Platz für Eigenes. Die zweitgrößte Stadt Litauens hat rund 290.000 Einwohner, liegt am Zusammenfluss von Memel (Nemunas) und Neris und war in der Zwischenkriegszeit von 1920 bis 1940 die provisorische Hauptstadt des Landes. Diese 20 Jahre haben Kaunas stärker geprägt als jede andere Epoche. Die Architektur aus dieser Zeit, eine Mischung aus Art déco und Bauhaus, wurde 2023 von der UNESCO zum Welterbe erklärt.

2022 war Kaunas Europäische Kulturhauptstadt. Das hat der Stadt einen kräftigen Schub gegeben. Neue Galerien, renovierte Fassaden, eine lebendige Street-Art-Szene, die weit über das Baltikum hinaus Aufmerksamkeit bekommen hat. Kaunas hat seinen eigenen Takt gefunden: schneller als die Provinz, langsamer als Vilnius, und stolz darauf.

Von Vilnius sind es 100 Kilometer, gut eine Stunde mit dem Bus oder Zug. Der Flughafen Kaunas wird von Ryanair und Wizz Air angeflogen, Verbindungen aus Deutschland gibt es über London, Eindhoven oder direkt ab Dortmund und Memmingen. Die Anreise ins Baltikum über Kaunas ist oft günstiger als über Vilnius.

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Die Stadt an zwei Flüssen

Kaunas verdankt seine Lage der Geographie. Dort, wo die Neris in die Memel (Nemunas) mündet, entstand im 14. Jahrhundert eine Burg als Bollwerk gegen den Deutschen Orden. Die Memel ist der längste Fluss Litauens, die Neris fließt von Vilnius herab. Der Zusammenfluss, den man vom Aleksotas-Hügel am Südufer am besten sieht, ist bis heute das Wahrzeichen der Stadt.

Zusammenfluss von Memel und Neris in Kaunas vom Aleksotas-Hügel aus
Der Zusammenfluss von Memel und Neris: Blick vom Aleksotas-Hügel auf den historischen Kern von Kaunas (KI-generiert)

Die Kaunasser Burg steht an der Spitze der Landzunge zwischen den beiden Flüssen. Sie wurde im 14. Jahrhundert errichtet und mehrfach zerstört. Heute ist ein Turm und ein Teil der Mauer erhalten. Eintritt: 4 Euro. Daneben liegt die gotische Kirche des Hl. Georg, eine der ältesten Backsteinkirchen Litauens. Von hier aus ist es ein kurzer Spaziergang in die Altstadt.

Um den Blick vom Aleksotas-Hügel zu genießen, nimmt man die Standseilbahn (1935 erbaut, Ticket 1 Euro). Die Fahrt dauert eine Minute, die Aussicht über die Altstadt, die Flüsse und die grünen Hügel ringsum ist den kleinen Umweg wert. Ein zweite Standseilbahn fährt auf den Žaliakalnis-Hügel im Norden der Stadt, ebenfalls für 1 Euro.

Altstadt und Rathausplatz

Die Altstadt von Kaunas ist kompakt und gut erhalten. Das Zentrum bildet der Rathausplatz (Rotušės aikštė), ein weiter, rechteckiger Platz mit Kopfsteinpflaster. In der Mitte steht das weiße Rathaus, das die Einheimischen „Weißer Schwan" nennen. Es wurde im 16. Jahrhundert erbaut und mehrfach umgebaut. Der 53 Meter hohe Turm dient als Aussichtspunkt (Aufstieg 3 Euro). Im Erdgeschoss befindet sich ein kleines Keramikmuseum.

Am Rathausplatz stehen Cafés mit Außenbestuhlung, in denen man bei einem Kaffee (2,50 Euro) das Treiben beobachten kann. Die umliegenden Gassen beherbergen kleine Galerien, Antiquitätenläden und Restaurants. Die Basilika des Hl. Peter und Paul an der Ostseite des Platzes ist die größte gotische Kirche Litauens. Ihr Inneres wurde im Barockstil umgestaltet, der geschnitzte Hochaltar stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Rathausplatz in Kaunas mit dem weißen Rathaus und Kopfsteinpflaster
Der Rathausplatz mit dem „Weißen Schwan": Mittelpunkt der Kaunasser Altstadt seit dem 16. Jahrhundert (KI-generiert)

In der Vilniaus gatvė, der Hauptstraße der Altstadt, reihen sich Backsteinhäuser aneinander. Hier findet man das Perkunas-Haus, ein spätgotisches Handelshaus aus dem 15. Jahrhundert mit einer verzierten Backsteinfassade, die zu den schönsten im gesamten Baltikum gehört. Der Name geht auf eine Legende zurück: Beim Umbau fand man angeblich eine Figur des litauischen Donnergottes Perkūnas.

Die Laisvės alėja

Die Laisvės alėja (Freiheitsallee) ist die längste Fußgängerzone Europas mit 1,6 Kilometern. Sie verbindet die Altstadt im Westen mit der Neustadt im Osten und ist das Rückgrat des Kaunasser Lebens. Baumreihen, Bänke, Straßencafés, Blumenbeete. Hier flaniert man, trifft sich, demonstriert und feiert.

An der Laisvės alėja stehen wichtige Gebäude der Zwischenkriegszeit. Das Kino Romuva von 1940 ist das älteste noch betriebene Kino Litauens und zeigt Arthouse-Filme. Die zentrale Buchhandlung und mehrere Modeboutiquen haben hier ihren Sitz. Am östlichen Ende steht die Michaelskirche, eine orthodoxe Kirche im neobyzantinischen Stil, die für russische Soldaten gebaut wurde. Ihre blauen Kuppeln sind von weitem sichtbar.

Im Sommer ist die Laisvės alėja Bühne für Straßenmusiker, im Winter wird sie weihnachtlich beleuchtet. Am Wochenende finden hier regelmäßig Flohmärkte und Handwerksmessen statt.

Die Laisvės alėja in Kaunas mit Baumreihen und Fußgängern
Die Laisvės alėja: Europas längste Fußgängerzone mit 1,6 Kilometern (KI-generiert)

Zwischenkriegsarchitektur

Als Kaunas 1920 provisorische Hauptstadt wurde, brauchte der junge litauische Staat repräsentative Gebäude. Architekten studierten in Europa und brachten die Ideen von Bauhaus, Art déco und Funktionalismus nach Hause. Das Ergebnis sind rund 6.000 Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, 1.500 davon im modernistischen Stil. Seit 2023 gehört diese Architekturschicht zum UNESCO-Welterbe.

Zu den Highlights gehört die ehemalige Hauptpost an der Laisvės alėja (1931), ein stromlinienförmiger Bau im Art-déco-Stil. Die Christus-Auferstehungskirche auf dem Žaliakalnis-Hügel (1934 bis 2004) überragt die Stadt mit 70 Metern Höhe. Die Aussichtsterrasse auf dem Dach ist frei zugänglich und bietet den weitesten Blick über Kaunas. Die VDU-Universität (1922) am Donelaičio-Platz zeigt strenge, geometrische Formen.

Ein selbst geführter Architekturrundgang durch die Neustadt dauert gut zwei Stunden. Die Touristeninformation am Rathausplatz gibt einen kostenlosen Stadtplan mit allen wichtigen Gebäuden aus. Für tiefergehende Führungen bieten lokale Guides Touren ab 15 Euro pro Person an.

Museen und Kultur

Das M. K. Čiurlionis Museum (Eintritt 6 Euro) widmet sich dem Werk des litauischen Malers und Komponisten Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 bis 1911). Er gilt als der wichtigste litauische Künstler überhaupt. Seine Gemälde bewegen sich zwischen Symbolismus und abstrakter Kunst. Das Museum zeigt über 300 seiner Werke und ist das meistbesuchte Haus der Stadt.

Das Neunte Fort liegt 7 Kilometer nördlich der Stadt. Die Festung aus dem 19. Jahrhundert diente im Zweiten Weltkrieg als Hinrichtungsstätte. Über 50.000 Menschen, darunter fast die gesamte jüdische Bevölkerung von Kaunas, wurden hier ermordet. Heute ist es eine Gedenkstätte und ein Museum. Eintritt: 4 Euro. Der Besuch ist bedrückend, aber wichtig.

Ausstellungsraum im M. K. Čiurlionis Museum in Kaunas
Das Čiurlionis Museum: Litauens wichtigste Kunstsammlung in der Kaunasser Neustadt (KI-generiert)

Das Teufelsmuseum (Velnių muziejus) ist weltweit das einzige Museum, das sich ausschließlich dem Teufel widmet. Über 3.000 Teufelsdarstellungen aus aller Welt: Skulpturen, Masken, Gemälde, Karikaturen. Das Haus geht auf die Sammlung des Professors Antanas Žmuidzinavičius zurück. Eintritt: 3 Euro. Es klingt skurril, ist aber einen Besuch wert.

Weitere Museen: das Kriegsmuseum (Eintritt 4 Euro), das auch den Flug von Darius und Girėnas über den Atlantik 1933 dokumentiert, das Apothekenmuseum in einer historischen Apotheke aus dem 17. Jahrhundert (2 Euro) und das Žmuidzinavičius-Museum mit litauischer Volkskunst (3 Euro).

Street Art und kreative Szene

Die Kulturhauptstadt 2022 hat die Street-Art-Szene in Kaunas explodieren lassen. Überall in der Stadt finden sich Wandgemälde, Installationen und Skulpturen im öffentlichen Raum. Besonders dicht ist die Konzentration in der Neustadt rund um die Laisvės alėja und im Viertel Šančiai, einem ehemaligen Arbeiterviertel am Südufer der Memel.

Das bekannteste Werk ist „The Cat" von Gyva Grafika an einer Hauswand in der Maironio-Straße: eine riesige Katze, die über die Altstadt wacht. In Šančiai hat die Initiative „Fluxus Labs" leer stehende Industriegebäude in Ateliers und Ausstellungsräume verwandelt. Jeden ersten Freitag im Monat öffnen die Künstler ihre Werkstätten für Besucher.

Die Kaunas Photography Gallery zeigt wechselnde Ausstellungen internationaler Fotografen (Eintritt frei). Die Meno Parkas Galerija konzentriert sich auf zeitgenössische litauische Kunst. Im ehemaligen Getreidesilo am Flussufer hat die Stadt einen neuen Kulturraum für Performances und Installationen geschaffen.

Essen, Trinken und Übernachten

Restaurants: Das Uoksas in der Altstadt serviert moderne litauische Küche auf hohem Niveau, Hauptgerichte 12 bis 20 Euro. Die Višta Puode bietet Comfort Food (Brathähnchen, Kartoffelgratin) ab 8 Euro. Für günstiges Mittagessen geht man in die Bernelių Užeiga an der Valančiaus-Straße: traditionelle Gerichte wie Cepelinai (gefüllte Kartoffelklöße) und Šaltibarščiai (kalte Rote-Bete-Suppe) für 5 bis 8 Euro.

Cafés und Bars: Das Kultūra an der Laisvės alėja verbindet Café, Bar und Kulturraum. Kaffee 2,50 Euro, Bier 3 Euro. Das Spurginė ist die bekannteste Donut-Bäckerei der Stadt: Donuts ab 0,80 Euro, es gibt sie seit den 1960er Jahren. Im BO an der Vilniaus gatvė treffen sich abends Kreative und Studierende auf Cocktails (ab 6 Euro).

Hotels: Das Moxy Kaunas Center (Marriott-Kette) liegt zentral, Doppelzimmer ab 65 Euro. Das Monte Pacis im ehemaligen Pažaislis-Kloster am Kaunasser Meer bietet Zimmer ab 90 Euro in historischem Ambiente. Budget-Optionen: Das Kaunas Hotel (ab 40 Euro) und das Monk's Bunk Hostel (Bett ab 12 Euro). Ferienwohnungen starten bei 30 Euro für zwei Personen. Insgesamt ist Kaunas deutlich günstiger als Vilnius.

Anreise: Von Vilnius fahren Busse und Züge stündlich, Fahrzeit 1 bis 1,5 Stunden, Preis 5 bis 10 Euro. Mit dem Auto sind es 100 km über die Autobahn A1. Der Flughafen Kaunas wird von Ryanair und Wizz Air bedient, Flüge aus Deutschland ab 25 Euro pro Strecke. Ein Taxi vom Flughafen ins Zentrum kostet 8 bis 12 Euro (Bolt nutzen).

Häufige Fragen

Wie viel Zeit braucht man für Kaunas?

Zwei volle Tage sind ideal. Am ersten Tag die Altstadt, den Rathausplatz, die Burg und die Laisvės alėja erkunden. Am zweiten Tag die Museen (Čiurlionis, Teufelsmuseum), die Zwischenkriegsarchitektur und das Neunte Fort. Wer Street Art sucht, braucht noch einen halben Tag extra.

Ist Kaunas günstiger als Vilnius?

Ja, spürbar. Hotels kosten 15 bis 25 Prozent weniger, Restaurants sind ebenfalls günstiger. Ein Abendessen mit zwei Gängen gibt es ab 12 Euro pro Person. Das Tagesbudget liegt im Mittelklasse-Segment bei 45 bis 70 Euro.

Was hat es mit dem UNESCO-Welterbe auf sich?

Seit 2023 gehört die Kaunasser Zwischenkriegsarchitektur (1919 bis 1939) zum UNESCO-Welterbe. Ausgezeichnet wurden rund 1.500 modernistische Gebäude, die in den 20 Jahren entstanden, als Kaunas provisorische Hauptstadt war. Die Mischung aus Art déco, Bauhaus und litauischer Adaption ist in dieser Dichte sonst nirgendwo zu finden.

Wie kommt man von Kaunas nach Vilnius?

Busse fahren alle 15 bis 30 Minuten, Fahrzeit 1 bis 1,5 Stunden, Preis 5 bis 10 Euro. Der Zug braucht ebenfalls rund 1 Stunde und kostet 6 bis 8 Euro. Mit dem Auto sind es 100 km über die Autobahn A1, Fahrzeit knapp eine Stunde.

Weiterführende Informationen

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.