Jūrmala
Jūrmala ist der Ort, an den die Rigaer fahren, wenn die Sommerhitze in der Stadt drückt. 25 Kilometer westlich von Riga erstreckt sich diese schmale Stadt zwischen Ostsee und dem Fluss Lielupe. 33 Kilometer Strand, feiner weißer Sand, dahinter Kiefernwälder und dazwischen Hunderte von Holzvillen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Im Sommer wird Jūrmala laut, bunt und voll. Im Winter ist es still, fast verlassen, und genau dann hat es seinen ganz eigenen Reiz.
Die Geschichte als Badeort beginnt in den 1830er Jahren. Russische Offiziere entdeckten die heilende Wirkung der Seeluft und des Kiefernwalddufts. Hotels und Sanatorien entstanden, die zaristische Oberschicht baute Sommervillen, und die Rigaer Vorortbahn brachte die Badegäste direkt an den Strand. In der Sowjetzeit war Jūrmala ein bevorzugtes Urlaubsziel der Nomenklatura. Breschnew hatte hier eine Datscha, und Filme wurden am Strand gedreht.
Heute leben rund 50.000 Menschen in Jūrmala, verteilt auf 15 Ortsteile, die sich wie Perlen an der Bahnlinie aufreihen. Die wichtigsten für Besucher sind Majori (das Zentrum), Dzintari (Kultur), Bulduri (Botanischer Garten) und Dubulti (Architektur). Mit der Bahn von Riga aus braucht man 30 Minuten, das Ticket kostet 1,40 Euro.
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Die Strandstadt vor den Toren Rigas
Jūrmala bedeutet wörtlich „Strandstadt" auf Lettisch, und der Name ist Programm. Die Stadt ist nur ein bis zwei Kilometer breit, aber über 30 Kilometer lang. Im Norden die Ostsee, im Süden der Fluss Lielupe, dazwischen Kiefernwald und bebaute Gebiete. Die Luft riecht nach Harz und Salz. Ärzte empfahlen den Aufenthalt hier schon im 19. Jahrhundert bei Atemwegserkrankungen.
Im Sommer, besonders im Juli und August, füllen sich Strand und Promenaden. Die Wassertemperatur steigt auf 19 bis 22 Grad, an guten Tagen auf 24 Grad. Im Juni ist das Meer noch kühl (14 bis 17 Grad). Der Strand fällt flach ab, das Wasser ist über 100 Meter seicht. Für Kinder ist das perfekt, für Schwimmer bedeutet es einen längeren Weg ins tiefere Wasser.
Im Sommer wird eine Eintrittsgebühr von 2 Euro pro Fahrzeug für die Einfahrt nach Jūrmala erhoben. Zu Fuß, per Rad oder mit der Bahn kommt man kostenlos rein. Die Gebühr gilt von April bis September und soll den Autoverkehr reduzieren.
33 Kilometer Strand
Der Strand zieht sich von Lielupe im Osten bis Ķemeri im Westen. Die beliebtesten Abschnitte liegen in Majori und Dzintari, hier stehen Umkleidekabinen, Liegen (4 Euro pro Tag) und Strandbars. Rettungsschwimmer sind von Juni bis August vor Ort. Die Blaue Flagge weht an mehreren Abschnitten, die Wasserqualität wird regelmäßig geprüft.
Wer es ruhiger mag, geht nach Westen. Ab Jaundubulti wird es deutlich leerer. In Ķemeri gibt es wilde Strandabschnitte ohne jede Infrastruktur, dafür mit Dünen und Strandhafer. Hier kann man stundenlang laufen, ohne jemandem zu begegnen. Kitesurfer nutzen den Abschnitt bei Ragaciems, 10 Kilometer westlich.
Auf der Südseite, am Fluss Lielupe, gibt es kleinere Badestellen mit ruhigem Flusswasser. Die Strömung ist gering, das Wasser im Sommer etwas wärmer als in der Ostsee. Kanu- und SUP-Verleih am Lielupe-Ufer: ab 10 Euro pro Stunde.
Holzvillen und Jugendstil
Das architektonische Erbe ist Jūrmalas zweites Aushängeschild neben dem Strand. Zwischen den Kiefern stehen rund 4.000 Holzgebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Villen mit Türmchen, geschnitzten Veranden, Spitzdächern und pastellfarbenen Fassaden. Der Stil ist eine Mischung aus russischem Historismus, nordischem Nationalromantik und Jugendstil.
Viele Villen wurden nach der lettischen Unabhängigkeit 1991 privatisiert und restauriert. Einige dienen als Boutique-Hotels oder Gästehäuser. Andere stehen leer und verfallen langsam. Die Stadt kämpft darum, das Holzbau-Erbe zu erhalten, aber die Kosten sind hoch. Mehrere hundert Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Die schönsten Villen stehen in Dzintari und Dubulti. Ein selbst geführter Spaziergang durch diese Ortsteile dauert gut eine Stunde. In Dubulti lohnt sich ein Blick auf die lutherische Kirche (1909), ein Meisterwerk des lettischen Jugendstils aus Holz. Im Jūrmala City Museum (Eintritt 3 Euro) in Majori gibt es eine Ausstellung zur Architekturgeschichte mit alten Fotografien und Bauplänen.
Dzintari und das Kulturleben
Der Dzintari-Konzertsaal ist das kulturelle Zentrum von Jūrmala. Die offene Freiluftbühne im Kiefernwald fasst 2.000 Zuschauer und wird seit den 1930er Jahren bespielt. Im Sommer finden hier Konzerte, Festivals und Comedy-Abende statt. Das bekannteste Event war jahrzehntelang der „Neue Welle" (Jaunais Vilnis), ein Popmusik-Festival, das Künstler aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion anzog. Heute veranstaltet der Saal ein breites Programm von Jazz über Klassik bis zu lettischer Volksmusik. Tickets kosten je nach Veranstaltung 10 bis 50 Euro.
Die Fußgängerzone Jomas iela in Majori ist die Hauptstraße von Jūrmala. Cafés, Restaurants, Souvenirläden und Straßenkünstler reihen sich auf 1,1 Kilometern aneinander. Am östlichen Ende steht die Skulptur der „Schildkröte", ein beliebtes Fotomotiv. Am westlichen Ende beginnt der Zugang zum Strand. Im Sommer sind die Tische auf dem Gehweg bis spät abends besetzt.
Jūrmala hat mehrere kleine Galerien und Werkstätten. Die Galerie Vīlipa zeigt zeitgenössische lettische Kunst. Im Aspazija-Haus, der ehemaligen Villa der lettischen Dichterin Aspazija, gibt es eine Dauerausstellung über ihr Leben und Werk (Eintritt 3 Euro). Im Sommer organisiert die Stadt einen Open-Air-Kunstmarkt auf der Jomas iela.
Wellness und Kur
Jūrmala ist neben Pärnu in Estland der wichtigste Kurort im Baltikum. Die Heilquellen von Ķemeri, am westlichen Stadtrand, sind seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Das schwefelhaltige Wasser und der mineralreiche Schlamm wurden bei Haut- und Gelenkerkrankungen eingesetzt.
Das historische Ķemeri Sanatorium, ein gewaltiger Bau im neoklassizistischen Stil von 1936, steht seit der Unabhängigkeit leer und verfällt langsam. Es ist trotzdem einen Besuch wert, weil die Architektur selbst im Verfall Eindruck macht. Der umliegende Park mit seinen Schwefelquellen ist frei zugänglich.
Moderne Wellness bieten die Spa-Hotels der Stadt. Das Baltic Beach Hotel hat die größte Saunalandschaft in Jūrmala (Tageskarte 20 Euro). Das Amber SPA Boutique Hotel bietet Schlamm- und Torfbehandlungen ab 40 Euro. Das SemaraH Hotel Lielupe hat einen Innenpool mit Meerblick. Die Preise im Baltikum für Wellness liegen 30 bis 50 Prozent unter westeuropäischem Niveau.
Natur rund um Jūrmala
Der Ķemeri-Nationalpark beginnt am westlichen Stadtrand und erstreckt sich über 382 Quadratkilometer. Hochmoore und Sumpfwälder reiche Vogelwelt. Der bekannteste Weg ist der Große Ķemeri-Moorsteg, ein 3,4 Kilometer langer Holzsteg durch das Hochmoor. Man läuft über weiches Moos, vorbei an dunklen Moorseen und knorrigen Kiefern. Der Steg ist frei zugänglich und ganzjährig begehbar.
Im Nationalpark brüten über 250 Vogelarten. Im Frühjahr und Herbst rasten Tausende Zugvögel an den Seen. Der Aussichtsturm am Kanieris-See bietet einen weiten Blick über die Feuchtgebiete. Vogelbeobachter kommen hier auf ihre Kosten, Fernglas nicht vergessen.
Der Lielupe-Fluss eignet sich für Paddeltouren. Mehrere Anbieter vermieten Kanus und Kajaks ab 12 Euro pro Stunde. Die Strecke von Jūrmala flussaufwärts Richtung Jelgava führt durch ruhige Abschnitte mit Schilfufern und Auenwäldern. Eine halbtägige Tour kostet mit geführter Gruppe 25 bis 35 Euro pro Person.
Essen und Trinken
Restaurants: Das 36. līnija an der Jomas iela ist eine feste Größe: Fisch und Meeresfrüchte Küche, Hauptgerichte 12 bis 22 Euro. Das Il Sole serviert italienische Küche (Pizza ab 8 Euro). Wer am Strand essen will, geht ins Light House: Terrasse mit Meerblick, Fischgerichte 15 bis 25 Euro. In Dzintari bietet das Origo regionale Küche mit kurzen Lieferwegen vom Bauern auf den Teller, Abendmenü ab 30 Euro.
Hotels: Das Baltic Beach Hotel liegt direkt am Strand, Doppelzimmer ab 120 Euro im Sommer. Das Hotel Jūrmala Spa bietet Zimmer mit Spa-Zugang ab 80 Euro. Mittelklasse-Häuser kosten 50 bis 75 Euro. In der Nebensaison sinken die Preise um 30 bis 40 Prozent. Ferienwohnungen gibt es ab 45 Euro für zwei Personen. Wer eine der renovierten Holzvillen als Unterkunft wählt, zahlt 70 bis 150 Euro pro Nacht, bekommt dafür aber ein gutes Stück Jūrmala-Geschichte.
Anreise: Die Vorortbahn von Riga Hauptbahnhof (Centrālā stacija) fährt alle 20 bis 30 Minuten nach Jūrmala. Fahrzeit 30 Minuten, Ticket 1,40 Euro. Haltestellen gibt es in Lielupe, Bulduri und Dzintari Ortsteilen. Einfach in den Zug steigen und an der gewünschten Station aussteigen. Mit dem Auto sind es 25 km von Riga, die Mautgebühr im Sommer beträgt 2 Euro.
Häufige Fragen
Ist Jūrmala als Tagesausflug von Riga aus machbar?
Ja, problemlos. Die Bahn braucht 30 Minuten, fährt häufig und kostet 1,40 Euro. Man kann morgens losfahren, den Tag am Strand verbringen, durch die Jomas iela bummeln und abends zurück nach Riga sein. Wer den Ķemeri-Nationalpark besuchen will, sollte allerdings mindestens eine Übernachtung einplanen.
Wann hat das Meer in Jūrmala Badetemperatur?
Im Juli und August liegt die Wassertemperatur bei 19 bis 22 Grad, an warmen Tagen bei 24 Grad. Im Juni ist es noch frisch (14 bis 17 Grad). Die Hauptbadesaison dauert von Mittsommer bis Mitte August. Rettungsschwimmer sind in dieser Zeit an den Hauptstränden vor Ort.
Was kostet eine Übernachtung in Jūrmala?
Im Sommer zahlt man für ein Doppelzimmer im Mittelklasse-Hotel 50 bis 80 Euro, in Strandnähe 80 bis 130 Euro. Ferienwohnungen gibt es ab 45 Euro. In der Nebensaison (Oktober bis Mai) fallen die Preise um 30 bis 40 Prozent. Hostelbetten starten bei 14 Euro.
Muss man Eintritt zahlen, um nach Jūrmala zu kommen?
Nur mit dem Auto. Von April bis September wird an den Zufahrtsstraßen eine Gebühr von 2 Euro pro Fahrzeug erhoben. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Bahn ist der Zugang kostenlos. Die Gebühr soll den Autoverkehr in der Hochsaison eindämmen.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.