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Trolle, Elfen und Nisse in Skandinavien
Mythologie & Kultur

Trolle, Elfen und Nisse in Skandinavien

14 Min. Lesezeit

In Skandinavien stehen Warnschilder an Straßen, die vor Trollen warnen. In Island werden Straßenbauprojekte verschoben, weil Elfen auf dem Grundstück leben könnten. Und in Norwegen hat jedes zweite Souvenirgeschäft eine Troll-Figur im Schaufenster. Was auf den ersten Blick wie Folklore für Touristen aussieht, hat tiefere Wurzeln. Die skandinavischen Fabelwesen sind Teil einer Erzähltradition, die über tausend Jahre alt ist. Und manche Skandinavier nehmen sie ernster, als man denken würde.

Ich bin durch Norwegen gefahren und habe die Trollstigen-Straße genommen, den Trollfjorden auf den Lofoten besucht, die Trolltunga erwandert. Trolle sind in Skandinavien überall. In den Ortsnamen, in den Landschaftsbezeichnungen, in den Kinderbüchern, die jedes Kind kennt. Sie sind ein fester Bestandteil der kulturellen Identität.

Fabelwesen im skandinavischen Alltag

In Deutschland würde niemand behaupten, dass Zwerge in den Bergen leben. In Skandinavien ist die Grenze zwischen Folklore und Alltag weniger scharf. Eine Umfrage der Universität Island aus dem Jahr 2007 ergab, dass 62 Prozent der Isländer die Existenz von Elfen (Huldufólk) für möglich halten. Nicht alle glauben fest daran, aber die meisten wollen es auch nicht ausschließen. "Es kann nicht schaden, vorsichtig zu sein", ist eine häufige Antwort.

Dramatische Felsformation in Norwegen, die an einen Troll erinnert
Felsformationen wie diese haben den Troll-Glauben in Norwegen genährt (KI-generiert)

Die Gründe dafür sind nachvollziehbar. Skandinavien hat weite, menschenleere Landschaften. Dunkle Wälder, in denen man tagelang niemanden trifft. Berge mit seltsamen Felsformationen, die im Nebel aussehen wie versteinerte Riesen. Seen, deren Oberfläche sich ohne Wind bewegt. Nordlichter, die den Himmel in Farben tauchen, für die es lange keine wissenschaftliche Erklärung gab. In solchen Landschaften liegt es nahe, übernatürliche Erklärungen zu finden.

Dazu kommt: Die skandinavischen Fabelwesen waren nie reine Unterhaltung. Sie hatten eine soziale Funktion. Geschichten über den Nøkk (ein Wassergeist) warnten Kinder davor, zu nah ans Wasser zu gehen. Geschichten über Trolle, die Kinder stehlen, hielten Kinder davon ab, allein in den Wald zu gehen. Die Nisse-Figur motivierte Bauern, ihre Höfe ordentlich zu halten, weil der Nisse sonst wütend wurde und das Vieh krank machte.

Trolle: Von Bergtrolden bis zum Trolljäger

Trolle sind die bekanntesten skandinavischen Fabelwesen. Aber "den Troll" gibt es eigentlich nicht. Je nach Region und Erzähltradition sehen Trolle völlig unterschiedlich aus. In der norwegischen Tradition sind Trolle groß, stark und leben in Bergen. Sie haben lange Nasen, buschige Schwänze und drei, manchmal sogar mehr Köpfe. Sie versteinern im Sonnenlicht. In der schwedischen Tradition gibt es auch kleine Trolle, die in Wäldern und Mooren leben. Und in der dänischen Tradition ähneln Trolle eher Kobolden.

Die ältesten Troll-Geschichten stammen aus den isländischen Sagas und der Edda (13. Jahrhundert). Dort heißen die Trolle "Jötnar" (Riesen) und sind Urwesen, die gegen die Götter kämpfen. In den norwegischen Volksmärchen, die Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe im 19. Jahrhundert sammelten, bekamen Trolle dann die Form, die wir heute kennen: große, haarige Wesen in Berghöhlen, die von schlauen Bauernburschen überlistet werden.

Handgeschnitzte Troll-Figur aus Holz in einem norwegischen Souvenirshop
Troll-Figuren aus Holz gehören zu den beliebtesten Souvenirs in Norwegen (KI-generiert)

Der Künstler Theodor Kittelsen (1857-1914) hat das visuelle Bild des norwegischen Trolls geprägt wie kein anderer. Seine Zeichnungen zeigen Trolle mit enormen Nasen, verwachsen mit der Landschaft, halb Fels und halb Lebewesen. Das Kittelsen-Museum in Sigdal (Norwegen) zeigt seine Originale. Wer Kittelsens Trolle einmal gesehen hat, erkennt die Formen in jeder norwegischen Felslandschaft wieder.

In der populären Kultur sind Trolle präsent geblieben. Die norwegische Found-Footage-Filmkomödie "Trolljegeren" (Trolljäger, 2010) zeigt Trolle als echte Tiere, die von der Regierung geheim gehalten werden. Der Film war international erfolgreich und hat in Norwegen Kultstatus. 2022 kam mit "Troll" ein Netflix-Blockbuster, in dem ein Riesentroll unter dem Dovre-Gebirge erwacht. Der Film wurde komplett in Norwegen gedreht und nutzt reale Landschaften als Kulisse.

Elfen und Huldufólk: Das verborgene Volk

Elfen in der skandinavischen Tradition sind keine kleinen Wesen mit Flügeln. Das ist das englische Märchenbild. Skandinavische Elfen (schwedisch: Älvor, norwegisch: Alver, isländisch: Álfar) sind menschengroß und leben in einer Parallelwelt, die für Menschen normalerweise unsichtbar ist. Auf Island heißen sie Huldufólk ("verborgenes Volk") und leben in Felsen und Lavaformationen.

Der Elfenglaube auf Island hat reale Konsequenzen. 2013 wurde ein Straßenbauprojekt in Álftanes bei Reykjavik gestoppt, nachdem Anwohner protestierten, dass die geplante Trasse durch einen Elfenhügel führe. Die isländische Straßenbehörde Vegagerðin hat bestätigt, dass solche Einwände gelegentlich berücksichtigt werden. Nicht weil die Ingenieure an Elfen glauben, sondern weil die kulturelle Bedeutung der Orte respektiert wird.

In Hafnarfjörður, einer Stadt südlich von Reykjavik, gibt es einen offiziellen Elfen-Rundgang. Eine Führerin zeigt die Stellen, an denen Huldufólk gesichtet worden sein sollen: bestimmte Felsen und Gärten. Das klingt touristisch, aber die Guides nehmen die Sache ernst. "Ich sage nicht, dass Elfen existieren", sagte mir eine Führerin. "Ich sage nur, dass viele Isländer mir von Begegnungen erzählt haben."

In Schweden spielen Elfen eine geringere Rolle im Alltag, tauchen aber in der Folklore auf. Älvor (Elfen) tanzen laut schwedischer Überlieferung an nebligen Abenden auf Wiesen. Wer ihre Kreise betritt, kann verzaubert werden und für Tage verschwinden. In Dalarna gibt es Sagen über Elfen, die Menschen in den Berg lockten und erst nach Jahren wieder freiließen.

Nisse und Tomte: Die Hofgeister Skandinaviens

Nisse (Dänemark, Norwegen) und Tomte (Schweden) sind kleine, bärtige Wesen mit roter Zipfelmütze, die auf Bauernhöfen leben. Sie schützen den Hof und das Vieh, solange man sie gut behandelt. Verärgert man den Nisse, etwa durch Faulheit oder Respektlosigkeit, spielt er Streiche: Kühe geben keine Milch, Hühner legen keine Eier, Werkzeug verschwindet.

Traditionelle skandinavische Nisse-Figuren als Weihnachtsdekoration
Nisse-Figuren gehören zur skandinavischen Weihnachtsdekoration (KI-generiert)

Die wichtigste Regel im Umgang mit dem Nisse: Am Heiligabend muss man ihm eine Schale Haferbrei (Grøt oder Gröt) mit einem Klecks Butter auf die Treppe oder in die Scheune stellen. Vergisst man den Brei, wird der Nisse wütend. In vielen skandinavischen Familien stellen die Kinder bis heute am 24. Dezember eine Schale Brei vor die Tür. Am nächsten Morgen ist die Schale leer. Dass die Katze oder der Nachbar dahintersteckt, spielt keine Rolle.

Im 19. Jahrhundert wurde der Nisse/Tomte zur skandinavischen Version des Weihnachtsmanns. In Schweden bringt der Jultomte die Geschenke, in Dänemark der Julenisse. Anders als der amerikanische Santa Claus kommt der Jultomte nicht durch den Schornstein, sondern klopft am Heiligabend an die Tür. Oft verkleidet sich ein Familienmitglied und stellt die Frage: "Finns det några snälla barn här?" ("Gibt es hier brave Kinder?")

In Finnland heißt der Hofgeist Tonttu. Tonttu-Figuren sind in finnischen Weihnachtsmärkten allgegenwärtig. Die Verbindung zwischen Tonttu und Weihnachtsmann ist in Finnland besonders eng, weil der finnische Weihnachtsmann (Joulupukki) offiziell in Rovaniemi wohnt. Die Tonttu sind seine Helfer, ähnlich wie Elfen in der angelsächsischen Tradition.

Weitere Wesen: Näcken und Draugen

Neben Trollen und Nissen gibt es noch dutzende andere Fabelwesen in der skandinavischen Mythologie. Hier die wichtigsten:

Näcken/Nøkken: Ein Wassergeist, der in Seen und Flüssen lebt. In der schwedischen Tradition ist der Näcken ein nackter junger Mann, der auf einer Geige spielt. Seine Musik ist so schön, dass sie Menschen ins Wasser zieht, wo sie ertrinken. In der norwegischen Version (Nøkken) ist er hässlicher und bedrohlicher. Eltern warnten ihre Kinder: "Geh nicht zu nah ans Wasser, sonst holt dich der Nøkken." Die bekannteste Darstellung stammt vom schwedischen Maler Ernst Josephson (1882): ein nackter Mann im Wasserfall mit Geige.

Draugen (Norwegen): Ein Totengeist, der im Meer lebt. Er erscheint Fischern vor Stürmen als halb verwester Seemann in einem halben Boot. Wer den Draugen sieht, sollte sofort an Land zurückkehren. Die Draugen-Sagen stammen von der norwegischen Küste, wo Fischfang gefährlich war und viele Fischer auf See starben. Die Geschichten dienten als Warnung, das Wetter ernst zu nehmen.

Vittra/Vetter (Schweden): Unterirdische Wesen, die unter Hügeln und Felsen leben. Sie sehen aus wie Menschen, sind aber kleiner. Ihre Kühe sind grau statt braun. Wenn ein Hügel "Vettekulle" heißt, lebte dort laut Überlieferung eine Vittra-Familie. In Nordschweden gibt es Geschichten von Bauern, die ihre Scheunen versetzten, weil sie auf einem Vittra-Pfad standen und das Vieh krank wurde.

Orte der Trolle und Elfen

Wer die skandinavischen Fabelwesen vor Ort erleben will, hat viele Möglichkeiten:

  • Trollstigen (Norwegen): Die berühmteste Troll-Straße. 11 Haarnadelkurven in Møre og Romsdal, mit einem Wasserfall direkt neben der Fahrbahn. Der Name bedeutet "Troll-Leiter". Von der Aussichtsplattform oben hat man einen weiten Blick ins Tal.
  • Trolltunga (Norwegen): Ein Felsvorsprung, der 700 Meter über dem Ringedalsvatnet-See hängt. Die Wanderung ist 27 km lang (hin und zurück) und dauert 10 bis 12 Stunden. Trittsicherheit ist Pflicht.
  • Senja Trollpark (Norwegen): Ein Freiluftpark auf der Insel Senja mit riesigen Troll-Skulpturen. Der größte Troll ist 18 Meter hoch. Besonders für Familien mit Kindern lohnend.
  • Hafnarfjörður Elfenwanderung (Island): Geführte Tour durch die "Elfenstadt" südlich von Reykjavik. Etwa 90 Minuten, auf Englisch, ganzjährig buchbar.
  • Kittelsen-Museum (Sigdal, Norwegen): Originale Troll-Zeichnungen von Theodor Kittelsen. Öffnungszeiten Mai bis September.
  • Tomteland (Mora, Schweden): Freizeitpark rund um den Tomte/Weihnachtsmann. Besonders in der Vorweihnachtszeit beliebt, aber auch im Sommer geöffnet mit Troll-Wald und Märchenerzählern.
Die Serpentinenstraße Trollstigen in Norwegen von oben
Trollstigen in Norwegen: eine der berühmtesten Passstraßen Europas (KI-generiert)

Trolle in Kunst und Literatur

Die skandinavischen Fabelwesen haben Kunst und Literatur durchdrungen. In der Literatur sind die wichtigsten Werke:

Peer Gynt von Henrik Ibsen (1867) enthält eine der berühmtesten Troll-Szenen der Weltliteratur. Peer besucht den Trollkönig im Dovre-Gebirge und soll ein Troll werden. Die Trolle sagen: "Troll, sei dir selbst genug!" (Troll, vær dig selv nok!), im Gegensatz zum menschlichen "Sei du selbst". Edvard Griegs Musik zu Peer Gynt, besonders "In der Halle des Bergkönigs", ist weltweit bekannt.

Tove Janssons Mumins sind keine klassischen Trolle, aber sie heißen im Original "Mumintrollen" (Mumintrolle). Die finnlandschwedische Autorin schuf ab 1945 eine Welt aus freundlichen, nilpferdartigen Trollen im Mumintal. Die Mumin-Bücher sind in Finnland Nationalgut, und der Moomin World in Naantali ist der dazugehörige Freizeitpark.

In der bildenden Kunst haben neben Kittelsen auch John Bauer (1882-1918, Schweden) und Erik Werenskiold (1855-1938, Norwegen) die skandinavische Trollwelt geprägt. Bauers Illustrationen in "Bland Tomtar och Troll" (Unter Wichteln und Trollen) zeigen Trolle als waldige Wesen mit Moos auf dem Rücken, umgeben von riesigen Bäumen. Seine Bilder hängen in schwedischen Kinderzimmern seit über hundert Jahren.

Im Film sind die Trolle vor allem durch norwegische Produktionen international bekannt geworden. Neben "Trolljegeren" (2010) und "Troll" (2022) gibt es die DreamWorks-Animationsfilme "Trolls" (2016, 2020, 2023), die allerdings mit der skandinavischen Trolltradition wenig zu tun haben und eher auf den amerikanischen Troll-Puppen der 1960er Jahre basieren.

Häufige Fragen zu skandinavischen Fabelwesen

Glauben Skandinavier wirklich an Trolle und Elfen?

Die meisten Skandinavier würden sagen: nicht wörtlich. Aber die Figuren sind tief in der Kultur verankert. In Island zeigen Umfragen, dass über die Hälfte der Bevölkerung die Existenz von Huldufólk für möglich hält. In Norwegen und Schweden ist der Glaube schwächer, aber die Geschichten werden weitererzählt und die Ortsnamen erinnern an sie. Es ist weniger ein religiöser Glaube als ein kulturelles Einverständnis, dass die Natur mehr enthalten könnte, als das Auge sieht.

Was ist der Unterschied zwischen einem Troll und einem Nisse?

Trolle sind groß (oder zumindest menschengroß), wild, leben in Bergen und Wäldern und sind meistens feindlich gesinnt. Nisse sind klein (30 bis 50 cm), bärtig, tragen rote Mützen und leben auf Bauernhöfen. Nisse können hilfreich sein, wenn man sie gut behandelt. Trolle sind selten hilfreich. In der Weihnachtstradition hat sich der Nisse zum Geschenkebringer entwickelt, Trolle blieben die Bösen.

Wo kann man die besten Troll-Souvenirs kaufen?

In Norwegen gibt es handgeschnitzte Troll-Figuren in Kunsthandwerksläden (Husfliden-Geschäfte) und auf den Trollmärkten in der Region Romsdal. Die Firma "NyForm Troll" aus Måndalen produziert seit den 1960er Jahren hochwertige Troll-Figuren aus Kunstharz. In Island bekommt man Huldufólk-Figuren in den Handverk-Läden in Reykjavik. Die Touristenshops an den großen Sehenswürdigkeiten verkaufen eher Massenware aus China.

Gibt es Kinderbücher über skandinavische Trolle auf Deutsch?

Ja, viele. Die Mumin-Bücher von Tove Jansson sind vollständig auf Deutsch erhältlich (Arena Verlag). "Tomte Tummetott" von Astrid Lindgren (mit Illustrationen von Harald Wiberg) erzählt die Geschichte eines schwedischen Tomte auf einem Bauernhof und ist ein Klassiker. Die norwegischen Volksmärchen von Asbjørnsen und Moe gibt es in verschiedenen deutschen Sammlungen. Für ältere Kinder ist der Film "Trolljegeren" (ab 12 Jahren) eine gute Einführung in die norwegische Trollwelt.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026