Mittsommer in Skandinavien
Wer zum ersten Mal Mittsommer in Skandinavien erlebt, versteht sofort, warum dieses Fest für die Menschen im Norden so wichtig ist. Nach Monaten mit Dunkelheit, Kälte und kurzen Tagen ist der längste Tag des Jahres ein kollektiver Befreiungsschlag. In Schweden tanzen Erwachsene ernsthaft als Frösche um eine Stange. In Dänemark verbrennen sie Hexenpuppen am Strand. In Finnland entzünden sie riesige Feuer am See und verschwinden dann in der Sauna. Jedes Land feiert auf seine Weise, aber die Grundstimmung ist überall gleich: Erleichterung, Freude, und der feste Wille, jeden hellen Moment auszukosten.
Mittsommer ist in Skandinavien kein Fest für Touristen. Es ist ein echtes Familienfest, tief in der Kultur verankert. In Schweden ist Midsommar nach Weihnachten der wichtigste Feiertag des Jahres. Wer an diesem Wochenende in Stockholm ein offenes Restaurant sucht, wird Schwierigkeiten haben. Die ganze Stadt ist aufs Land gefahren.
Was steckt hinter Mittsommer?
Die Sonnenwende am 21. Juni ist der astronomische Höhepunkt des Sommers. Die Erde ist so geneigt, dass die Nordhalbkugel maximales Sonnenlicht erhält. In Skandinavien bedeutet das: extrem lange Tage. In Stockholm geht die Sonne zur Sonnenwende um 3:31 Uhr auf und um 22:08 Uhr unter. In Nordschweden geht sie gar nicht unter.
Die Mittsommer-Feierlichkeiten haben vorchristliche Wurzeln. Schon die Wikinger markierten die Sonnenwende mit Feuern und Festen. Das Feuer sollte böse Geister vertreiben und die Ernte schützen. Mit der Christianisierung wurde das Fest teilweise auf den Johannistag (24. Juni, Geburtstag Johannes des Täufers) verlegt. In Dänemark und Norwegen heißt das Fest deshalb Sankt Hans Aften (Johannisabend). In Schweden hat man sich 1953 entschieden, Midsommar immer auf den Samstag zwischen dem 20. und 26. Juni zu legen, damit alle ein langes Wochenende haben.
Der Aberglaube rund um Mittsommer ist bis heute lebendig. In Schweden sagt man, dass junge Frauen, die in der Mittsommernacht sieben verschiedene Blumen pflücken und unter ihr Kopfkissen legen, von ihrem zukünftigen Partner träumen. In Finnland heißt es, dass Paare, die in der Mittsommernacht gemeinsam nackt in einem See schwimmen, für immer zusammen bleiben. Ob das stimmt, kann ich nicht bestätigen. Getestet habe ich es auch nicht.
Midsommar in Schweden
Schweden feiert Midsommar am intensivsten. Das Fest dreht sich um die Midsommarstång (Mittsommerstange), ein großes Kreuz aus Holz, das mit Birkenlaub, Blumen und bunten Bändern geschmückt wird. Am Midsommarafton (Freitagabend) versammeln sich Familien auf einer Wiese, stellen die Stange auf, und dann wird getanzt.
Die Tänze sind das Beste daran. "Små grodorna" (die kleinen Frösche) ist der bekannteste: Alle tanzen im Kreis um die Stange und imitieren hüpfende Frösche, inklusive Quak-Geräuschen. Erwachsene Schweden machen das mit einer Ernsthaftigkeit, die mich beim ersten Mal ehrlich überrascht hat. Kein Gekicher, kein Augenzwinkern. Das gehört dazu. Nach dem Frosch-Tanz kommen weitere traditionelle Tänze und Trinklieder. Der Aquavit fließt reichlich.
Das Midsommar-Essen ist festgelegt: eingelegter Hering in verschiedenen Varianten (Senf, Zwiebel, Dill), neue Kartoffeln mit Dill und Sauerrahm, Erdbeertorte zum Nachtisch. Dazu trinkt man Aquavit (Schnaps) und singt Trinklieder vor jedem Glas. Wer keinen Hering mag, hat am schwedischen Mittsommertisch ein Problem. Es gibt zwar meistens auch Lachs und Köttbullar, aber Hering ist Pflicht.
Die traditionellsten Midsommar-Feiern finden in Dalarna statt, besonders in Leksand und Rättvik am Siljan-See. Dort tragen viele Menschen noch Trachten, und die Feiern sind weniger touristisch als in den Städten. Auf Gotland mischt sich Midsommar mit dem mittelalterlichen Erbe der Insel. In den Stockholmer Schären feiern Familien auf ihren Sommerinseln, oft nur 20 bis 30 Leute auf einer kleinen Insel.
Sankt Hans in Dänemark und Norwegen
In Dänemark heißt das Fest Sankt Hans Aften und wird am Abend des 23. Juni gefeiert. Das Zentrum ist das Feuer. An Stränden, in Gärten und auf öffentlichen Plätzen werden große Holzfeuer angezündet. Oben auf dem Feuer sitzt traditionell eine Hexenpuppe, die verbrannt wird. Dieser Brauch geht auf den mittelalterlichen Glauben zurück, dass Hexen in der Johannisnacht zum Blocksberg fliegen. Durch das Verbrennen der Puppe sollte die Hexe "nach Hause geschickt" werden.
Vor dem Feuer wird oft "Vi elsker vort land" (Wir lieben unser Land) oder "Midsommervise" gesungen. Dann stehen alle mit einem Getränk in der Hand und schauen ins Feuer, während die Hexe langsam verkohlt. Die Stimmung ist gesellig und entspannt. In Kopenhagen sind die besten Sankt-Hans-Feuer am Strand von Bellevue in Klampenborg und auf dem Hügel Skamlingsbanken in Südjütland.
In Norwegen heißt das Fest Jonsok oder Sankthansaften. Auch hier stehen Feuer im Mittelpunkt. An der Westküste werden die Feuer besonders groß gebaut. In Ålesund findet jedes Jahr ein Wettbewerb statt, wer das höchste Johannisfeuer baut. Der Rekord liegt bei über 40 Metern. Das sind gestapelte Paletten, Kisten und Holzreste, die zu einem wackeligen Turm aufgeschichtet werden. Wenn so ein Turm Feuer fängt, kann man den Blick kaum abwenden. In Bergen feiert man Sankthansaften traditionell auf den Hügeln um die Stadt, mit Blick über die Fjorde.
Juhannus in Finnland
Juhannus ist neben Weihnachten der wichtigste Feiertag in Finnland. Am Freitag vor dem Johannistag (immer zwischen dem 19. und 25. Juni) leeren sich die Städte. Schätzungsweise 3 Millionen Finnen fahren aufs Land zu ihren Mökkis (Sommerhütten) am See. Helsinki ist an Juhannus praktisch ausgestorben. Museen, Restaurants und Geschäfte schließen. Sogar die öffentlichen Verkehrsmittel fahren eingeschränkt.
Am Mökki wird ein großes Kokko (Feuer) am Seeufer angezündet. Manche Dörfer bauen gemeinsame Feuer, die bis zu 10 Meter hoch sind. Vor dem Feuer wird Sauna geheizt, meistens den ganzen Tag über. Die Finnen sagen: "Wenn die Sauna, der Schnaps und der Teer nicht helfen, ist die Krankheit tödlich." Am Juhannus-Wochenende wird dieser Spruch ernst genommen.
Gegessen wird Grillwurst (Makkara) vom Feuer, neue Kartoffeln, Lachs vom Brett (Loimulohi, seitlich an einem Brett am offenen Feuer gegart) und zum Nachtisch frische Erdbeeren mit Sahne. Getrunken wird reichlich. Juhannus hat in Finnland leider auch eine dunkle Seite: Die Unfallzahlen steigen an diesem Wochenende regelmäßig, weil zu viel Alkohol in Kombination mit Booten, Seen und Saunen konsumiert wird. Seit 1971 führt Finnland Statistiken darüber. In guten Jahren ertrinken "nur" zwei bis drei Menschen an Juhannus, in schlechten deutlich mehr.
Ein schöner Brauch: In vielen finnischen Dörfern wird eine Juhannuskoivu (Johannisbirke) vor die Haustür gestellt. Junge Birken werden abgeschnitten und rechts und links neben den Eingang platziert. Das soll Glück bringen und böse Geister fernhalten.
Mittsommer auf Island
Auf Island wird Mittsommer nicht so groß gefeiert wie in den anderen skandinavischen Ländern. Es gibt keinen nationalen Feiertag zur Sonnenwende. Trotzdem nutzen viele Isländer die hellen Nächte im Juni für Outdoor-Aktivitäten. Wanderungen um Mitternacht, Reiten bei Tageslicht, Grillen am Strand. Am 17. Juni feiert Island stattdessen seinen Nationalfeiertag (Tag der Republik), der zufällig nah an der Sonnenwende liegt. In Reykjavik gibt es Paraden und Straßenmusik im Austurvöllur-Park.
Wer das Mittsommer-Erlebnis auf Island sucht, fährt am besten auf die Insel Grímsey am Polarkreis. Dort gibt es am 21. Juni echte Mitternachtssonne, und die kleine Gemeinde feiert mit Kaffee und einem lokalen Fest.
Mittsommer als Tourist erleben
Mittsommer als Tourist zu erleben ist möglich, erfordert aber Planung. Einige Hinweise:
- Unterkünfte früh buchen: Hotels auf dem Land und Ferienhäuser am Wasser sind zum Mittsommer-Wochenende Monate im Voraus ausgebucht. Wer im März bucht, hat deutlich mehr Auswahl als im Mai.
- Städte meiden: Stockholm und Kopenhagen sind an Mittsommer halb leer. Restaurants schließen, Supermärkte haben verkürzte Öffnungszeiten. Das Fest findet auf dem Land statt.
- Öffentliche Feiern besuchen: In Schweden gibt es in fast jeder Gemeinde eine öffentliche Midsommar-Feier mit Stange und Musik. Man muss nicht eingeladen sein, alle sind willkommen. In Dalarna (Leksand, Rättvik) und auf den Schären sind die größten öffentlichen Feiern.
- Alkohol vorher kaufen: In Schweden sind Systembolaget-Läden vor Mittsommer besonders voll. Am Midsommarafton selbst schließen sie früh. In Finnland gilt dasselbe für Alko-Geschäfte. Wer Aquavit oder Bier fürs Fest braucht, kauft am Donnerstag ein.
Mein Tipp: Wer wirklich eintauchen will, fragt in Schweden bei einem Bed & Breakfast oder einer Pension, ob man am Midsommar-Fest der Familie teilnehmen darf. Schweden sind an diesem Tag ungewöhnlich offen und laden Fremde gerne ein. Mir ist das zweimal passiert, und es waren die besten Abende meiner Skandinavien-Reisen.
Rezepte und Essen zum Mittsommer
Das Mittsommer-Essen ist in jedem Land anders, aber einige Gerichte tauchen überall auf:
Eingelegter Hering (Schweden): Matjesfilets werden mit Essig, Zucker, Lorbeer und Zwiebeln für mindestens 24 Stunden eingelegt. Es gibt dutzende Varianten: mit Senfsauce, mit Curry, mit Preiselbeeren. Zu Midsommar stehen mindestens drei verschiedene Sorten auf dem Tisch.
Neue Kartoffeln mit Dill: In ganz Skandinavien wartet man auf die ersten neuen Kartoffeln des Jahres. Sie werden mit Schale gekocht, mit viel frischem Dill und einem Klecks Butter oder Sauerrahm serviert. Die kleinen, festkochenden Sorten schmecken am besten. In Schweden sagt man: "Wenn die neuen Kartoffeln da sind, kann Midsommar kommen."
Erdbeertorte: Das klassische Dessert in Schweden. Ein einfacher Biskuitboden mit Schlagsahne und frischen Erdbeeren. Kein Schnickschnack, keine Verzierung. Die Erdbeeren müssen schwedisch sein, darauf bestehen die meisten Schweden. Importierte Erdbeeren zum Midsommar gelten als Verbrechen an der Tradition.
Loimulohi (Finnland): Ein ganzes Lachsfilet wird seitlich an einem Brett befestigt und neben dem offenen Feuer gegart. Der Fisch wird dabei nur von der Hitze des Feuers gegart, nicht von den Flammen direkt. Das dauert 1 bis 2 Stunden, aber das Ergebnis lohnt sich. Der Lachs bekommt eine rauchige Note und bleibt innen saftig.
Häufige Fragen zu Mittsommer
Wann genau ist Mittsommer 2026?
In Schweden fällt Midsommarafton 2026 auf Freitag, den 19. Juni. Midsommardagen ist Samstag, der 20. Juni. Sankt Hans Aften in Dänemark und Norwegen wird immer am 23. Juni gefeiert. Juhannus in Finnland ist am Samstag zwischen dem 20. und 26. Juni, 2026 also am 20. Juni. Die astronomische Sonnenwende ist am 21. Juni um 04:25 Uhr MEZ.
Ist Mittsommer ein gesetzlicher Feiertag?
In Schweden ist Midsommardagen (Samstag) ein gesetzlicher Feiertag. Viele Schweden nehmen den Freitag (Midsommarafton) als Brückentag. In Finnland ist Juhannus (Samstag) ebenfalls ein Feiertag. In Dänemark und Norwegen ist Sankt Hans Aften kein offizieller Feiertag, wird aber trotzdem breit gefeiert. Geschäfte haben an Mittsommer oft verkürzte Öffnungszeiten.
Was soll ich zu einer privaten Mittsommer-Einladung mitbringen?
In Schweden: Eine Flasche Aquavit oder guten Wein. Oder selbstgemachte Erdbeertorte. In Finnland: Bier oder Lonkero (fertiger Gin Tonic aus der Dose). Blumen als Mitbringsel sind auch immer passend. Wer aus Deutschland kommt, kann deutsches Bier oder Schokolade mitbringen, das kommt gut an. Auf keinen Fall mit leeren Händen erscheinen.
Kann man mit Kindern Mittsommer feiern?
Mittsommer ist in Skandinavien ein Familienfest. In Schweden tanzen Kinder begeistert um die Midsommarstång und flechten Blumenkränze. In Finnland spielen Kinder am See und grillen Makkara (Wurst). Allerdings kann es abends laut werden und spät laufen, besonders wenn die Erwachsenen beim Schnaps sind. Tagsüber und am frühen Abend sind die Feiern aber absolut familienfreundlich.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026