Expeditionskreuzfahrt in die Arktis
Eine Expeditionskreuzfahrt in die Arktis hat mit einer normalen Kreuzfahrt ungefähr so viel gemeinsam wie eine Bergtour mit einem Stadtbummel. Es gibt kein Buffet für 3.000 Passagiere, keine Poolpartys auf dem Oberdeck und keine Shows am Abend. Stattdessen gibt es ein Schiff mit 100 bis 200 Passagieren, einen Expeditionsleiter, der morgens die Route anpasst, weil ein Eisbär an der Küste gesichtet wurde, und Zodiac-Schlauchboote, mit denen man an Stränden anlandet, die kein normales Kreuzfahrtschiff je erreicht.
Die Arktis ist das Ziel für Menschen, die Wildnis sehen wollen, bevor sie sich weiter verändert. Gletscher, die in den letzten Jahrzehnten geschrumpft sind. Fjorde, in die seit Jahrhunderten kein Mensch gesetzt hat. Eisbären auf dem Packeis. Walrosse auf Felsinseln. Und eine Stille, die man auf dem offenen Meer so intensiv erlebt wie nirgendwo sonst auf der Welt.
Was eine Expeditionskreuzfahrt ausmacht
Der wichtigste Unterschied zu einer normalen Kreuzfahrt: Es gibt keinen festen Fahrplan. Die Route wird jeden Tag neu entschieden, abhängig vom Wetter, den Eisbedingungen und den Tiersichtungen. Wenn eine Kolonie Walrosse an einer bestimmten Stelle gemeldet wird, ändert der Kapitän den Kurs. Wenn dichtes Eis den geplanten Fjord blockiert, wird eine Alternative gesucht. Das bedeutet: Man weiß am Morgen nicht genau, was der Tag bringen wird. Und genau das macht den Reiz aus.
Die Schiffe sind klein. Die meisten Expeditionsschiffe haben zwischen 100 und 200 Passagiere, einige sogar nur 50. Das hat praktische Gründe: Große Kreuzfahrtschiffe dürfen in vielen arktischen Gewässern gar nicht fahren, und die Zodiac-Anlandungen funktionieren nur mit begrenzter Passagierzahl. An Bord gibt es Vorträge von Biologen, Geologen und Historikern, die das Expeditionsteam bilden. Die Atmosphäre ist informell. Man sitzt mit den Wissenschaftlern beim Essen und redet über die Tiersichtungen des Tages.
Die Zodiac-Fahrten sind das Kernelement. Mehrmals am Tag steigen die Passagiere in die Schlauchboote und fahren an Land oder entlang der Küste. Man landet an Stränden, die keinen Namen haben, wandert über Moospolster zu Vogelkolonien und steht vor Gletscherfronten, die direkt ins Meer kalben. Die Zodiac-Fahrer sind erfahrene Guides, die gleichzeitig als Eisbärenwache fungieren. In Spitzbergen geht niemand ohne bewaffnete Begleitung an Land.
Die Saison für arktische Expeditionskreuzfahrten ist kurz: Juni bis September. Im Juni gibt es noch viel Eis, was die Tiersichtungen verbessert (Eisbären jagen auf dem Eis), aber die Erreichbarkeit einschränkt. Im Juli und August ist das meiste Eis geschmolzen, die Tage sind am längsten und die Temperaturen am höchsten (0 bis 10 Grad in Spitzbergen). Im September beginnt die Dunkelheit zurückzukehren, und mit ihr die Chance auf Nordlichter.
Spitzbergen: Eisbären und Gletscher
Spitzbergen (Svalbard) ist das beliebteste Ziel für arktische Expeditionskreuzfahrten. Die norwegische Inselgruppe liegt auf 78 Grad Nord, rund 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt. Hier leben mehr Eisbären als Menschen (rund 3.000 Eisbären gegenüber 2.700 Einwohnern in Longyearbyen). Die Wahrscheinlichkeit, während einer Umrundung Spitzbergens Eisbären zu sehen, liegt bei über 95 Prozent.
Die klassische Route ist die Umrundung Spitzbergens, die 10 bis 14 Tage dauert. Man startet in Longyearbyen, fährt entlang der Westküste nach Norden, umrundet die Nordspitze und kehrt entlang der Ostküste zurück. Unterwegs gibt es Zodiac-Anlandungen an Gletschern, verlassenen Trapperhütten und Vogelfelsen. Der Magdalenefjord im Nordwesten ist einer der schönsten Fjorde der Arktis: steile Berge, zwei Gletscher und oft Walrosse auf den vorgelagerten Inseln.
Kürzere Routen (5 bis 7 Tage) konzentrieren sich auf die Westküste und den Norden Spitzbergens. Sie starten und enden in Longyearbyen, was die Anreise vereinfacht. Longyearbyen ist per Flug ab Oslo (3 Stunden) oder Tromsø (1,5 Stunden) erreichbar.
Neben Eisbären zeigt Spitzbergen eine reiche arktische Tierwelt: Walrosse, Rentiere (eine eigene Unterart, kleiner als ihre festländischen Verwandten), Polarfüchse, Bartrobben und hunderte Vogelarten. Die Vogelfelsen bei Alkefjellet (Ostspitzbergen) beherbergen zehntausende Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen, die in den senkrechten Klippen brüten. Der Lärm und der Geruch sind überwältigend, aber der Anblick lohnt sich.
Grönland: Eisberge und Inuit-Siedlungen
Grönland ist weniger bereist als Spitzbergen, was es als Expeditionsziel noch reizvoller macht. Die Eisberge vor Grönlands Küste gehören zu den größten der Nordhalbkugel. Manche sind so groß wie Hochhäuser, und ihre Formen variieren von flachen Tafeleisbergen bis zu zerkfüfteten Skulpturen in Weiß und Blau. Die meisten stammen vom Jakobshavn-Gletscher an der Westküste, einem der produktivsten Eisberglieferanten der Welt.
Die gängigsten Routen führen entlang der Ostküste (Scoresbysund, der größte Fjord der Welt) oder der Westküste (Disko-Bucht, Ilulissat). Ostgrönland ist wilder und weniger besucht. Die Siedlungen dort (Ittoqqortoormiit, Tasiilaq) haben wenige hundert Einwohner und sind nur per Schiff oder Hubschraüber erreichbar. Westgrönland ist zugänglicher: Ilulissat hat einen Flughafen und ein UNESCO-Welterbe (den Ilulissat-Eisfjord).
Expeditionskreuzfahrten nach Grönland dauern 10 bis 21 Tage. Viele Routen kombinieren Grönland mit Island oder Spitzbergen. Die Nordostpassage Grönland (von Island nach Ostgrönland und zurück) ist eine 12-tägige Route, die Eisberge, verlassene Inuit-Siedlungen und mit Glück Narwale bietet. Die Tierbeobachtungen konzentrieren sich auf Moschusochsen, Walrosse, verschiedene Robbenarten und Wale (Buckelwale, Finnwale).
Nordnorwegen und Island
Nordnorwegen ist ein guter Einstieg in die Welt der Expeditionskreuzfahrten. Die Routen sind kürzer (5 bis 10 Tage), die Gewässer ruhiger als auf dem offenen Atlantik, und die Anreise ist einfacher. Typische Routen starten in Tromsø oder auf den Lofoten und führen entlang der Küste nach Norden, mit Zodiac-Anlandungen in abgelegenen Fjorden und an Vogelinseln.
Im Winter (November bis Februar) bieten einige Anbieter Walbeobachtungs-Expeditionen ab Tromsø an. Orcas und Buckelwale folgen den Heringsschwärmen in die nordnorwegischen Fjorde, und man beobachtet sie vom Zodiac aus, manchmal nur wenige Meter entfernt. Diese Touren sind kürzer (3 bis 5 Tage) und günstiger als Sommerexpeditionen.
Island wird oft als Zwischenstopp auf dem Weg nach Grönland oder als eigenständiges Expeditionsziel angeboten. Die Umrundung Islands (10 bis 14 Tage) zeigt Vulkane, Gletscherbuchten, Papageientaucherkolonien und heiße Quellen, die nur vom Meer aus erreichbar sind. Die Westfjorde im Nordwesten Islands sind besonders lohnenswert: tiefe, menschenleere Fjorde mit steilen Klippen und riesigen Vogelkolonien.
Anbieter im Vergleich
Der Markt für arktische Expeditionskreuzfahrten wird von wenigen großen Anbietern dominiert. Hier die wichtigsten:
Hurtigruten Expeditions: Der norwegische Anbieter hat die größte Flotte und das breiteste Angebot. Die Schiffe (MS Fridtjof Nansen, MS Roald Amundsen) sind hybrid-elektrisch und fassen 500 Passagiere, was für Expeditionsschiffe groß ist. Der Vorteil: viele Abfahrten, moderate Preise. Der Nachteil: größere Schiffe bedeuten mehr Passagiere pro Zodiac-Anlandung. Spitzbergen-Umrundung ab 5.000 Euro pro Person.
Ponant: Der französische Anbieter setzt auf Luxus. Die Schiffe haben 130 bis 270 Passagiere, Suiten mit Balkon, gehobene Küche und einen Unterwasser-Salon (Blue Eye). Wer Komfort will, ist hier richtig. Die Preise sind entsprechend: Spitzbergen ab 8.000 Euro, Grönland ab 10.000 Euro pro Person.
Quark Expeditions: Spezialisiert auf Polarreisen seit über 30 Jahren. Die Schiffe haben 130 bis 200 Passagiere und setzen auf Erlebnis statt Luxus. Quark bietet auch Abenteuer-Optionen wie Kajakfahren, Schneeschuhwandern und Camping auf dem Eis. Spitzbergen ab 6.500 Euro pro Person.
Oceanwide Expeditions: Niederländischer Anbieter mit kleinen Schiffen (53 bis 174 Passagiere). Die Preise sind niedriger als bei der Konkurrenz, und die Expeditionsteams sind erfahren. Die Kabinen sind funktional, nicht luxuriös. Wer das Geld lieber in die Reise als in die Suite steckt, ist hier gut aufgehoben. Spitzbergen ab 4.500 Euro pro Person.
Lindblad Expeditions / National Geographic: Amerikanischer Anbieter in Zusammenarbeit mit National Geographic. Starke Wissenschaftsteams, Unterwasserkameras und Foto-Workshops an Bord. Die Schiffe haben 100 bis 150 Passagiere. Preise ab 9.000 Euro (Spitzbergen).
Preise und Buchung
Expeditionskreuzfahrten in die Arktis sind teuer. Das ist keine Überraschung, wenn man bedenkt, dass ein kleines Schiff mit 150 Passagieren und 80 Besatzungsmitgliedern durch abgelegene Gewässer fährt, inklusive Zodiac-Flotte und Expeditionsteam für entlegene Gebiete.
Die Preise für eine Spitzbergen-Umrundung (10 bis 14 Tage) liegen bei 4.500 bis 15.000 Euro pro Person in der Standardkabine, je nach Anbieter und Saison. Suiten kosten das Doppelte oder Dreifache. Darin enthalten sind Unterkunft, Vollpension, alle Zodiac-Anlandungen und das Expeditionsprogramm (Vorträge, geführte Wanderungen). Nicht enthalten sind in der Regel der Flug nach Longyearbyen (ab 300 Euro retour von Deutschland), Alkohol an Bord und die obligatorische Expeditionsjacke (bei manchen Anbietern im Preis inbegriffen).
Grönland-Expeditionen (10 bis 21 Tage) kosten 6.000 bis 20.000 Euro pro Person. Die längeren Routen, die Grönland mit Island oder Spitzbergen kombinieren, liegen am oberen Ende der Preisspanne.
Nordnorwegen (5 bis 10 Tage) ist die günstigste Option: ab 3.000 Euro pro Person. Walbeobachtungs-Kurztrips im Winter gibt es ab 2.000 Euro.
Frühbucher und Last Minute: Wer 12 bis 18 Monate im Voraus bucht, bekommt bei vielen Anbietern 10 bis 20 Prozent Frühbucherrabatt. Last-Minute-Angebote (4 bis 8 Wochen vor Abfahrt) können 20 bis 40 Prozent günstiger sein, allerdings ist die Kabinenauswahl dann eingeschränkt, und die Flüge nach Longyearbyen oder Reykjavík sind kurzfristig teurer.
Ausrüstung und Vorbereitung
Kleidung: In der Arktis gilt das Zwiebelprinzip. Eine Basisschicht aus Merinowolle, eine Isolationsschicht (Daunenjacke oder Fleece) und eine wind- und wasserdichte Außenschicht. Viele Anbieter stellen eine Expeditionsjacke und Gummistiefel zur Verfügung. Eigene wasserdichte Hosen, warme Handschuhe (am besten zwei Paar) und eine Mütze gehören ins Gepäck.
Kamera: Ein gutes Teleobjektiv (200 bis 400 mm) ist für Tierfotografie entscheidend. Die Eisbären sind manchmal nah, oft aber in 100 bis 300 Metern Entfernung. Ersatzakkus warm halten, denn Kälte verkürzt die Akkulaufzeit stark. Wasserdichte Kameratasche für die Zodiac-Fahrten einpacken.
Seekrankheit: Die Überfahrt von Tromsø nach Spitzbergen oder von Island nach Grönland kann rau sein. Die Barentssee und die Dänemarkstraße sind für ihren Seegang bekannt. Wer anfällig für Seekrankheit ist, sollte Medikamente einpacken (Vomex, Scopoderm-Pflaster) und beim Arzt nachfragen. An Bord gibt es in der Regel einen Schiffsarzt.
Fitness: Man muss kein Sportler sein, aber eine gewisse Grundfitness hilft. Die Zodiac-Einstiege erfordern Beweglichkeit (man steigt von einer Plattform ins schwankende Boot), und die Wanderungen an Land sind oft auf unebenem Gelände (Moos, Felsen, Schneefelder). 5 Kilometer auf wechselndem Untergrund sollte man problemlos schaffen können.
Häufig gestellte Fragen
Wie wahrscheinlich ist es, Eisbären zu sehen?
Auf einer Spitzbergen-Umrundung liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 95 Prozent. Die meisten Sichtungen passieren von Bord aus (die Guides scannen mit Ferngläsern die Küste) oder vom Zodiac. Die Tiere sind manchmal in 50 Metern Entfernung, manchmal in 500 Metern. In Grönland sind Eisbärensichtungen seltener (rund 50 Prozent), weil die Population kleiner ist.
Ist eine Expeditionskreuzfahrt für Kinder geeignet?
Die meisten Anbieter nehmen Kinder ab 8 bis 10 Jahren mit. Die Zodiac-Fahrten erfordern eine gewisse Körpergröße (für die Schwimmwesten), und die Vorträge an Bord sind auf Erwachsene ausgelegt. Für naturbegeisterte ältere Kinder (ab 12 Jahren) kann eine Expedition ein prägendes Erlebnis sein. Einige Anbieter wie Quark Expeditions bieten spezielle Family-Departures an.
Wann ist die beste Zeit für eine Arktis-Expedition?
Für Spitzbergen: Juni für Packeis und Eisbären auf dem Eis und Juli für die längsten Tage und die besten Wetterbedingungen, September für erste Nordlichter. Für Grönland: August und September, wenn das Packeis an der Ostküste am weitesten zurückgewichen ist. Für Nordnorwegen: November bis Januar für Orcas und Buckelwale, Juni bis August für die Mitternachtssonne.
Wie kalt wird es auf einer Arktis-Expedition?
Im Sommer (Juni bis August) liegen die Temperaturen in Spitzbergen bei 0 bis 10 Grad Celsius, in Grönland ähnlich. Auf dem Wasser und bei Wind fühlt es sich deutlich kälter an. In den Zodiac-Booten kann der Windchill die gefühlte Temperatur auf minus 5 bis minus 10 Grad senken. An Bord ist es warm und komfortabel. Die richtige Kleidung (Zwiebelprinzip, winddicht, wasserdicht) macht den Unterschied zwischen Genuss und Leiden.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026