Arktische Tiere in Skandinavien
In Skandinavien leben Tiere, die sich an Temperaturen von minus 40 Grad angepasst haben, die monatelang ohne Sonnenlicht auskommen und die in einer Landschaft überleben, in der ein Mensch ohne Ausrüstung keine 48 Stunden durchhalten würde. Eisbären streifen über das Packeis von Svalbard, Polarfüchse wechseln ihre Fellfarbe mit den Jahreszeiten, und Moschusochsen stehen seit der letzten Eiszeit in den norwegischen Bergen. Diese Tiere zu sehen, in ihrer natürlichen Umgebung, gehört zu den stärksten Naturerlebnissen, die Europa zu bieten hat.
Ich habe meinen ersten Moschusochsen im Dovrefjell in Norwegen gesehen. Wir waren mit einem Guide unterwegs, der uns flüsternd darauf hinwies, mindestens 200 Meter Abstand zu halten. Der Ochse stand auf einer Anhöhe, den Kopf in den Wind gerichtet, das dichte Fell wehte im arktischen Wind. Er sah aus, als gehöre er in eine andere Epoche, was er in gewisser Weise auch tut. Moschusochsen gibt es seit der Eiszeit, und sie haben sich seitdem kaum verändert.
Tierwelt im hohen Norden
Die arktische Tierwelt Skandinaviens erstreckt sich von den Hochgebirgen Nordnorwegens bis zu den Eisfeldern von Svalbard, von den Tundragebieten Finnisch-Lapplands bis zu den Küsten des Nordatlantiks. Die Artenvielfalt ist geringer als in gemäßigten Breiten, aber die Tiere, die hier leben, haben sich auf eine Weise an ihre Umgebung angepasst, die an die Grenzen der Biologie geht.
Der Polarfuchs hat Fell an den Pfoten, das ihn bei minus 40 Grad vor Erfrierungen schützt. Das Rentier hat eine spezielle Nasenstruktur, die die eingeatmete Luft erwärmt, bevor sie die Lunge erreicht. Der Eisbär hat unter seinem weißen Fell schwarze Haut, die Sonnenwärme absorbiert. Der Moschusochse hat eine Unterwolle (Qiviut), die achtmal wärmer ist als Schafwolle und feiner als Kaschmir.
Die skandinavischen Länder haben strenge Naturschutzgesetze, die viele dieser Tiere schützen. Eisbären stehen auf Svalbard seit 1973 unter Schutz. Der Polarfuchs ist in Schweden, Norwegen und Finnland stark gefährdet und streng geschützt. Moschusochsen dürfen in Norwegen nicht gejagt werden. Diese Schutzmaßnahmen haben dazu geführt, dass sich einige Populationen stabilisiert haben, auch wenn sie weiterhin durch den Klimawandel bedroht sind.
Eisbären auf Svalbard
Svalbard (Spitzbergen) ist der einzige Ort in Europa, an dem Eisbären in freier Wildbahn leben. Auf der Inselgruppe leben etwa 3.000 Eisbären, mehr als auf dem norwegischen Festland Menschen wohnen (Longyearbyen hat rund 2.500 Einwohner). Die Bären sind über die gesamte Inselgruppe verteilt, besonders auf dem Packeis im Norden und Osten.
Eisbären kommen gelegentlich in die Nähe von Longyearbyen, weshalb außerhalb der Siedlung eine Gewehrpflicht besteht. Jeder, der die Ortsgrenzen verlässt, muss ein großkalibriges Gewehr mitführen und wissen, wie man es benutzt. Die Waffe dient der Abschreckung; ein Eisbär wird nur im äußersten Notfall geschossen. Touristen, die geführte Touren buchen, werden vom Guide ausgerüstet.
Die beste Möglichkeit, Eisbären zu sehen, sind Bootsexpeditionen rund um Svalbard. Im Sommer (Juni bis August) fahren Expeditionsschiffe die Nordküste entlang und um die Inseln herum. Die Bären halten sich dann am Rand des Packeises auf, wo sie Robben jagen. Eine mehrtägige Expedition (8 bis 14 Tage) kostet 5.000 bis 15.000 Euro pro Person, je nach Kabinenkategorie und Anbieter. Hurtigruten, Quark Expeditions und Ponant sind die größten Anbieter.
Eine Sichtung ist nie garantiert, aber auf mehrtägigen Umrundungen von Svalbard liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 90 Prozent. Neben Eisbären sieht man auf diesen Touren oft Walrosse, Bartrobben, Ringelrobben und Polarfüchse. Im Winter sind Eisbären schwieriger zu finden, da das Packeis weiter nach Süden reicht und die Polarnacht die Sicht einschränkt.
Polarfuchs: Der Überlebenskünstler
Der Polarfuchs (Vulpes lagopus) ist das kleinste arktische Raubtier Skandinaviens und eines der am besten angepassten. Im Winter trägt er dichtes weißes Fell, das ihn in der Schneelandschaft unsichtbar macht. Im Sommer wechselt er zu einem dünneren braun-grauen Fell. Auf Island gibt es auch eine blaue Farbvariante, die das ganze Jahr über dunkel bleibt.
Auf dem skandinavischen Festland ist der Polarfuchs stark gefährdet. In Schweden leben nur noch 200 bis 300 Tiere, in Norwegen etwa 300 und in Finnland weniger als 50. Der Rotfuchs, der durch wärmere Winter weiter nach Norden vordringt, verdrängt den Polarfuchs aus seinem Lebensraum. Zuchtprogramme in Schweden und Norwegen versuchen, die Population zu stabilisieren.
Auf Island sieht die Lage anders aus. Hier ist der Polarfuchs das einzige einheimische Landsäugetier (alle anderen wurden von Menschen eingeführt) und hat eine stabile Population von etwa 10.000 Tieren. Im Hornstrandir-Naturreservat im äußersten Nordwesten Islands leben die Füchse so ungestört, dass sie kaum Scheu vor Menschen zeigen. Wanderer berichten, dass die Tiere bis auf wenige Meter herankommen. Die Halbinsel ist nur per Boot erreichbar und hat keine permanenten Bewohner.
Auf Svalbard leben ebenfalls Polarfüchse, die dort deutlich häufiger zu sehen sind als auf dem Festland. In Longyearbyen streifen sie gelegentlich durch die Siedlung. Außerhalb der Stadt sieht man sie auf Wanderungen und bei Bootstouren regelmäßig. Die Svalbard-Polarfüchse ernähren sich hauptsächlich von Vogeleiern, Aas und den Resten von Eisbären-Mahlzeiten.
Moschusochsen in Norwegen
Der Moschusochse (Ovibos moschatus) sieht aus wie ein Relikt der Eiszeit, was er auch ist. Die Art existiert seit über 100.000 Jahren und hat sich seitdem kaum verändert. In Skandinavien leben Moschusochsen ausschließlich im Dovrefjell-Nationalpark in Zentralnorwegen. Die Population umfasst etwa 300 Tiere und geht auf eine Wiederansiedlung in den 1940er und 1950er Jahren zurück, als Tiere aus Grönland nach Norwegen gebracht wurden.
Das Dovrefjell ist eine Hochebene auf 1.000 bis 1.500 Metern Höhe mit Tundra-Vegetation, die dem natürlichen Lebensraum der Moschusochsen in Grönland und der kanadischen Arktis ähnelt. Die Tiere leben in Herden von 5 bis 25 Tieren und sind das ganze Jahr über im Park unterwegs. Im Winter graben sie mit ihren Hufen Flechten und Moose unter dem Schnee frei.
Geführte Moschusochsen-Safaris starten von den Orten Oppdal und Kongsvoll aus. Die Touren dauern 4 bis 6 Stunden und kosten 500 bis 800 NOK (43 bis 69 Euro) pro Person. Ein Guide führt die Gruppe durch die Tundra und lokalisiert die Herden. Der Mindestabstand beträgt 200 Meter. Moschusochsen können aggressiv werden, wenn sie sich bedroht fühlen, besonders Kühe mit Kälbern. Der Guide kennt das Verhalten der Tiere und hält die Gruppe auf sicherer Distanz.
Die beste Zeit für eine Moschusochsen-Safari ist Juni bis September. Im Sommer sind die Tiere auf den Hochebenen gut sichtbar, und die Wanderbedingungen sind am besten. Im Herbst (September und Oktober) ist Brunftzeit, und die Bullen kämpfen um die Weibchen, was ein zusätzliches Naturerlebnis bietet. Im Winter sind Safaris möglich, aber anspruchsvoller wegen Schnee und Kälte.
Rentiere und Elche
Rentiere sind die häufigsten arktischen Tiere in Skandinavien. In Norwegen leben etwa 250.000 halbwilde Rentiere, die von Sámi-Familien gehalten werden. In Finnland sind es rund 200.000, in Schweden etwa 250.000. Die Tiere wandern zwischen Sommer- und Winterweiden, oft über hunderte Kilometer. Im Sommer ziehen sie in die Berge und an die Küsten, im Winter in die geschützteren Wälder.
Auf Svalbard lebt eine eigene Unterart, das Svalbard-Rentier, das kleiner und gedrungener ist als seine Verwandten auf dem Festland. Diese Rentiere sind nicht domestiziert und bewegen sich frei über die Inseln. In der Umgebung von Longyearbyen sieht man sie regelmäßig, manchmal mitten auf der Straße.
Elche leben weiter südlich als die meisten arktischen Arten, sind aber in ganz Skandinavien verbreitet. In Schweden leben etwa 350.000 Elche, in Norwegen rund 120.000 und in Finnland etwa 100.000. Die besten Chancen auf eine Elch-Sichtung hat man in der Dämmerung, wenn die Tiere zum Fressen an Waldränder und Seen kommen. In Schweden gibt es Elch-Safaris bei Hultsfred in Småland und in der Region Bergslagen, die eine Sichtungsquote von über 90 Prozent haben.
Wale und Meeressäuger
In den Gewässern Skandinaviens leben mehrere Walarten. Orcas (Schwertwale) folgen von November bis Januar den Heringsschwärmen in die Fjorde bei Tromsø und in die Gewässer um die Lofoten. Bootstouren zur Orca-Beobachtung starten von Tromsø, Skjervøy und Svolvær aus und kosten 1.500 bis 3.000 NOK (130 bis 260 Euro). Die Chancen auf eine Sichtung liegen in der Saison bei über 80 Prozent.
Buckelwale sind in denselben Gewässern unterwegs wie die Orcas und werden auf vielen Touren gleichzeitig gesichtet. Vor der isländischen Nordküste bei Húsavík bieten mehrere Anbieter Walbeobachtungstouren an (ab 10.000 ISK / 67 Euro), bei denen man Buckelwale, Zwergwale und mit etwas Glück Blauwale sieht. Húsavík gilt als Walbeobachtungshauptstadt Europas.
Walrosse leben auf Svalbard und haben sich nach dem Schutz durch das norwegische Gesetz seit 1952 auf eine Population von über 4.000 Tieren erholt. Sie liegen an den Stränden der nördlichen und östlichen Inseln und lassen sich auf Bootstouren aus sicherer Entfernung beobachten. Im Sommer sieht man sie auf fast jeder mehrtägigen Svalbard-Expedition.
Wo und wann man die Tiere beobachten kann
Hier eine Übersicht der besten Orte und Zeiten für die Beobachtung arktischer Tiere in Skandinavien:
Eisbären: Svalbard, Juni bis August (Bootsexpeditionen um die Inseln). Kosten: 5.000 bis 15.000 Euro für mehrtägige Expeditionen.
Polarfüchse: Island (Hornstrandir, ganzjährig, am besten Juni bis August), Svalbard (ganzjährig, häufig bei Longyearbyen). Auf dem Festland sehr selten.
Moschusochsen: Dovrefjell-Nationalpark, Norwegen, Juni bis September. Geführte Safaris ab 43 Euro pro Person.
Orcas und Buckelwale: Tromsø und Lofoten, November bis Januar. Bootstouren ab 130 Euro. Húsavík auf Island, April bis Oktober.
Walrosse: Svalbard, Juni bis August (auf mehrtägigen Bootsexpeditionen).
Rentiere: Ganz Lappland (Finnland, Schweden, Norwegen), ganzjährig, besonders häufig im Winter auf den Straßen. Svalbard-Rentiere bei Longyearbyen ganzjährig.
Für alle Tierbeobachtungen gilt: Abstand halten, ruhig bleiben und die Anweisungen der Guides befolgen. Die meisten arktischen Tiere sind nicht aggressiv, aber sie sind Wildtiere, die ihren Raum brauchen. Ferngläser und Teleobjektive ersetzen die Nähe.
Häufig gestellte Fragen
Kann man auf Svalbard Eisbären sehen, ohne eine teure Expedition zu buchen?
Eisbären kommen gelegentlich in die Nähe von Longyearbyen, aber darauf sollte man nicht planen. Die Wahrscheinlichkeit, einen Eisbären bei einem kurzen Aufenthalt in der Stadt zu sehen, ist gering. Tagesausflüge mit dem Boot entlang der Westküste von Svalbard (ab 2.000 NOK / 170 Euro) bieten eine Chance, sind aber deutlich weniger zuverlässig als mehrtägige Expeditionen. Für eine realistische Sichtungschance sind die mehrtägigen Touren die bessere Wahl.
Sind Moschusochsen-Safaris im Dovrefjell gefährlich?
Bei Einhaltung des Mindestabstands von 200 Metern sind die Safaris sicher. Moschusochsen greifen an, wenn sie sich bedrängt fühlen, besonders Kühe mit Kälbern. Der Guide kennt das Verhalten der Tiere und liest ihre Körpersprache. Wichtig: Nie alleine in das Gebiet gehen und nie versuchen, für ein Foto näher heranzukommen. Auf den geführten Touren hat es in den letzten Jahren keine Zwischenfälle gegeben.
Wo sieht man am einfachsten Polarfüchse?
Am einfachsten auf Island, speziell im Hornstrandir-Naturreservat im Nordwesten. Die Füchse dort sind an Menschen gewöhnt und kommen teilweise bis auf wenige Meter heran. Das Reservat ist nur per Boot erreichbar (ab Ísafjörður). Auf Svalbard sieht man Polarfüchse gelegentlich in der Umgebung von Longyearbyen. Auf dem skandinavischen Festland sind Polarfüchse so selten, dass eine gezielte Beobachtung kaum möglich ist.
Was brauche ich für eine Tierbeobachtungs-Tour in der Arktis?
Ein gutes Fernglas (8x42 oder 10x42) ist das wichtigste Ausrüstungsstück. Für Fotos ein Teleobjektiv ab 200 mm Brennweite. Warme, winddichte Kleidung in mehreren Schichten, da man bei der Beobachtung lange stillsteht. Wasserdichte Wanderschuhe für die Moschusochsen-Safari im Dovrefjell. Auf Bootstouren warme Handschuhe und eine Mütze, die auch bei Wind sitzt. Sonnenschutz im Sommer, da die arktische Sonne trotz niedriger Temperaturen intensiv ist.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026