Tyresta Nationalpark
Zwanzig Minuten. So lange dauert die Busfahrt vom Stockholmer Stadtzentrum bis an den Rand eines Waldes, der seit der letzten Eiszeit kaum von Menschenhand berührt wurde. Schweden hat viele Naturschutzgebiete. Aber keines liegt so nah an einer Millionenstadt wie Tyresta.
Der Nationalpark schützt rund 20 Quadratkilometer Urwald auf dem Södertörn-Plateau südlich von Stockholm. Zusammen mit dem angrenzenden Naturreservat umfasst das Gebiet knapp 50 Quadratkilometer. Hier stehen Kiefern, die bereits wuchsen, als Gustav II. Adolf regierte. Der Boden ist mit Flechten und Blaubeersträuchern bedeckt. Zwischen den Bäumen liegen klare Waldseen, an denen im Sommer Familien picknicken und baden.
Ich bin oft dort. Es gibt wenige Orte, an denen man innerhalb so kurzer Zeit von einer Grossstadt in einen richtigen Urwald gelangt. Kein aufgeforsteter Wirtschaftswald, keine geraden Baumreihen. Hier wachsen die Bäume, wie sie wollen. Manche sind umgestürzt und vermodern seit Jahrzehnten am Boden. Spechte hämmern. Moose hängen von den Ästen. Es riecht nach Harz und feuchter Erde.
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Lage und Anfahrt von Stockholm
Tyresta liegt in der Gemeinde Haninge, etwa 20 Kilometer südöstlich vom Stockholmer Zentrum. Der Haupteingang befindet sich bei Tyresta by, dem kleinen Dorf am Nordrand des Parks. Ein zweiter Zugang liegt bei Nyfors im Südwesten, ein dritter bei Åva im Osten.
Mit dem Bus erreicht man den Park am einfachsten. Linie 807 fährt ab Gullmarsplan (erreichbar über die Grüne Tunnelbana-Linie) direkt nach Tyresta by. Die Fahrt dauert rund 25 Minuten. In der Sommersaison (Mai bis September) verkehrt der Bus häufiger, im Winter gibt es eingeschränkten Betrieb. Die SL-Monatskarte gilt für die gesamte Strecke.
Wer mit dem Auto kommt, fährt über die Nynäsvägen (Reichsstrasse 73) Richtung Nynäshamn und biegt nach etwa 15 Kilometern nach Tyresta by ab. Es gibt einen großen Parkplatz am Dorfrand. Im Sommer an Wochenenden kann es dort voll werden. Dann lohnt es sich, früh zu kommen, vor 10 Uhr hat man in der Regel kein Problem.
Der Nationalpark wurde 1993 eingerichtet. Damit ist er einer der jüngeren in Schweden. Aber der Schutzstatus des Waldes geht weiter zurück. Schon in den 1930er Jahren gab es Bestrebungen, das Gebiet zu erhalten. Dass es so lange gedauert hat, hängt mit komplizierten Eigentumsverhältnissen zusammen. Heute verwaltet Naturvårdsverket den Park gemeinsam mit der Stiftung Tyrestaskogen.
Der Urwald: 400 Jahre alte Kiefern
Tyresta beherbergt einen der grössten zusammenhängenden Urwälder im gesamten südlichen Schweden. Urwald bedeutet: kein forstlicher Eingriff seit mindestens 400 Jahren. Die ältesten Kiefern im Park sind nachweislich über 400 Jahre alt. Einige Exemplare könnten noch älter sein, aber exakte Datierungen sind bei so alten Bäumen schwierig.
Diese Kiefern sehen anders aus als die Bäume in einem normalen schwedischen Wald. Ihre Stämme sind dick und knorrig. Die Rinde hat tiefe Furchen, fast schon Risse. Oben tragen sie nur noch wenige grüne Äste, dafür viele abgestorbene. Manche haben bizarre Formen, weil Stürme oder Blitzschläge Teile der Krone abgebrochen haben. Es sind Bäume mit Geschichte, und man sieht es ihnen an.
Warum wurde dieser Wald nie abgeholzt? Hauptsächlich, weil der Boden schlecht ist. Das Gelände besteht aus Gneis und Granit mit einer dünnen Humusschicht. Für die Forstwirtschaft war das Gebiet uninteressant. Die Bäume wachsen langsam, der Holzertrag wäre gering gewesen. Was für Holzfäller ein Nachteil war, ist heute ein Glücksfall.
Ein wichtiges Merkmal des Urwalds ist das Totholz. Überall liegen umgestürzte Stämme in verschiedenen Stadien der Zersetzung. Manche sind so verrottet, dass man mit der Hand in das Holz greifen kann. Dieses Totholz ist kein Zeichen von Vernachlässigung. Es ist Lebensraum. Hunderte Insektenarten, Pilze, Moose und Flechten brauchen genau dieses tote Holz zum Überleben. Viele davon sind in bewirtschafteten Wäldern selten geworden.
Wanderwege für jeden Anspruch
Tyresta hat ein Wegenetz von rund 55 Kilometern. Die Wege sind unterschiedlich schwer, von flachen Spaziergängen bis zu felsigen Pfaden durch unwegsames Gelände. Alle Hauptwege sind mit farbigen Markierungen versehen. Es gibt keine Gebühr, kein Drehkreuz, keinen Ticketschalter. Der Park ist rund um die Uhr offen.
Der einfachste Weg startet direkt in Tyresta by. Ein breiter, rollstuhlgerechter Pfad führt rund 1,5 Kilometer durch den Wald zu einem Aussichtspunkt. Er eignet sich für Familien mit Kinderwagen und für alle, die einen ersten Eindruck bekommen wollen, ohne weit zu laufen.
Für eine mittlere Tageswanderung empfehle ich die Runde über den Stensjön und den Årsjön. Etwa 8 Kilometer, gut markiert, moderate Höhenunterschiede. Der Weg führt durch den Urwald, an beiden Seen vorbei und wieder zurück zum Dorf. Rechne mit drei bis vier Stunden, je nach Tempo und Pausen. Am Stensjön gibt es Grillplätze und eine Badestelle.
Wer eine längere Tour sucht, kann die Durchquerung von Tyresta by nach Nyfors planen. Rund 12 Kilometer, teils über felsige Abschnitte. Der Pfad führt durch die abgelegensten Teile des Parks, wo man selbst am Wochenende kaum andere Wanderer trifft. Von Nyfors kommt man mit dem Bus zurück nach Stockholm. Vorher die Abfahrtszeiten prüfen, der Bus fährt nicht häufig.
Im Winter eignen sich die Wege zum Schneeschuhwandern. Langlaufloipen werden im Naturreservat gespurt, nicht im Nationalpark selbst. Wer im Winter kommt, sollte Spikes oder Grödel an den Schuhen haben. Die Felsen und Wurzeln können bei Eis tückisch sein.
Orientierung im Park
Am Naturum (Besucherzentrum) in Tyresta by gibt es kostenlose Karten mit allen markierten Wegen. Die Karte gibt es auch als PDF auf der Website von Naturvårdsverket. GPS-Empfang ist im Wald teilweise eingeschränkt. Eine gedruckte Karte oder ein Offline-Download sind empfehlenswert, besonders auf den abgelegeneren Pfaden.
Seen und Badestellen
Tyresta hat über zwanzig Seen und Teiche. Die meisten sind klein und von Wald umgeben. Das Wasser ist klar und weich, leicht bräunlich gefärbt durch Huminsäuren. Im Sommer wärmt es sich in den flacheren Gewässern auf angenehme 20 bis 22 Grad auf. In den tieferen Seen bleibt es kühler.
Der Stensjön ist der bekannteste Badesee. Er liegt etwa 2 Kilometer vom Dorf entfernt und hat einen Steg, flache Felsen zum Liegen und einen Grillplatz. An warmen Sommertagen ist hier einiges los. Wer es ruhiger mag, geht weiter zum Årsjön oder zum Lanan. Diese Seen liegen tiefer im Park und sind weniger besucht.
Mein persönlicher Favorit ist der Bylsjön, ein kleiner See östlich des Hauptwegs. Man muss ein Stück querfeldein laufen, um dorthin zu gelangen. Dafür hat man den See oft für sich allein. Das Ufer besteht aus flachen Granitplatten, die sich in der Sonne aufheizen. An einem Julinachmittag dort zu liegen, ins Wasser zu springen und danach in der Sonne zu trocknen, das ist Stockholmer Sommer in seiner besten Form.
Wichtig: Es gibt keine Rettungsschwimmer, keine Umkleidekabinen, keine Toiletten an den Seen. Wer mit Kindern kommt, sollte die flacheren Uferbereiche wählen. Der Boden fällt an manchen Stellen schnell ab. Das Wasser ist saüber, Trinkwasserqualität hat es nicht, aber zum Schwimmen ist es unbedenklich.
Der Waldbrand von 1999
Am 16. August 1999 legte ein Brandstifter im südlichen Teil des Naturreservats Feuer. Der Sommer war trocken gewesen. Innerhalb weniger Stunden breitete sich das Feuer über eine Fläche von rund 450 Hektar aus. Es war einer der grössten Waldbrände in der schwedischen Geschichte. Die Löscharbeiten dauerten Tage. Rund 80 Hubschraüber und Löschflugzeuge waren im Einsatz.
Das Feuer zerstörte etwa ein Viertel des Naturreservats. Der Nationalpark selbst wurde grösstenteils verschont, weil der Wind das Feuer in die andere Richtung trieb. Trotzdem war der Schock gross. Jahrhundertealter Wald, in Stunden vernichtet.
Aber dann passierte etwas Interessantes. Die Naturschutzbehörde entschied, die Brandfläche sich selbst zu überlassen. Kein Aufforsten, kein Räumen. Man wollte beobachten, wie sich ein Wald nach einem Grossbrand regeneriert. Und die Natur lieferte. Schon im ersten Frühling nach dem Brand schossen Birken, Espen und Weidenröschen aus dem Boden. Brandspezialisten unter den Insekten tauchten auf, Käferarten, die verbranntes Holz als Brutplatz brauchen und in normalen Wäldern kaum noch vorkommen.
Heute, über 25 Jahre später, ist die Brandfläche ein eigenes Ökosystem. Junge Birken und Kiefern stehen zwischen den schwarzen Stämmen der toten Bäume. Die Fläche sieht ganz anders aus als der umgebende Urwald. Hell, offen, mit dichtem Bodenbewuchs. Ein markierter Wanderweg führt durch das Gebiet. Informationstafeln erklären die Abläufe der natürlichen Sukzession. Für Biologen und alle, die sich für Ökologie interessieren, ist die Brandfläche genauso interessant wie der Urwald nebenan.
Tyresta by, das Dorf am Parkrand
Tyresta by ist ein kleines Dorf mit einer Geschichte, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Die roten Holzhäuser stehen entlang einer unbefestigten Strasse, umgeben von Weiden und alten Steinmauern. Es sieht aus wie ein Freilichtmuseum, ist aber ein echtes Dorf, in dem Menschen wohnen.
Das Naturum Tyresta befindet sich im Dorf. Es ist das Besucherzentrum des Nationalparks. Hier gibt es Ausstellungen zur Geologie, Flora und Fauna des Gebiets, eine kleine Bibliothek mit Naturführern und ein Modell der Brandfläche. Der Eintritt ist frei. Im Sommer finden regelmässig geführte Wanderungen und Kinderprogramme statt. Die Mitarbeiter sprechen in der Regel Schwedisch und Englisch.
Neben dem Naturum gibt es ein Café, das in den Sommermonaten geöffnet hat. Es verkauft Kaffee, Zimtschnecken, belegte Brötchen und lokalen Honig. Sitzplätze gibt es draussen im Garten. Nach einer Wanderung dort zu sitzen, eine Kanelbulle zu essen und den Blick über die Wiesen schweifen zu lassen, das gehört für mich zum Tyresta-Erlebnis dazu.
Das Dorf ist auch der Startpunkt für die meisten Wanderwege. Die Karten und Wegweiser beginnen hier. Toiletten stehen am Parkplatz bereit. Trinkwasser gibt es am Naturum. Wer mit dem Bus kommt, steigt direkt im Dorf aus. Das macht die Logistik angenehm unkompliziert.
Flora und Fauna
Die Pflanzenwelt in Tyresta hat mit einem bewirtschafteten Wald wenig gemeinsam. In einem Wirtschaftswald stehen Bäume gleichen Alters in Reihen. In Tyresta gibt es alle Altersstufen nebeneinander: Keimlinge, junge Bäume, ausgewachsene Riesen und tote Stämme. Genau das brauchen viele Arten, die in bewirtschafteten Wäldern keinen Platz mehr finden.
Der Wald besteht überwiegend aus Kiefern und Fichten, durchsetzt mit Birken und Espen. In feuchten Senken wachsen Erlen und Weiden. Auf den Granitfelsen, die überall aus dem Boden ragen, breiten sich Flechten aus. Rentierflechte, Becherflechte, Schriftflechte, wer sich auskennt, findet hier Dutzende Arten auf wenigen Quadratmetern.
Am Boden dominieren Blaubeeren und Preiselbeeren. Im August und September kann man hier pflücken, bis die Hände blau sind. Dazwischen wachsen Moose, Farne und im Frühsommer einzelne Orchideenarten. Das Knabenkraut kommt in den feuchteren Bereichen vor. Insgesamt wurden in Tyresta über 700 Pilzarten nachgewiesen, darunter viele, die ausschliesslich an Totholz gedeihen.
An Tieren lebt im Park so ziemlich alles, was in Mittelschweden vorkommt. Rehe und Wildschweine sind häufig. Elche gibt es, aber man sieht sie selten, der Wald ist dicht und die Tiere scheu. Dachse, Füchse und Hasen sind nachts aktiv. Gelegentlich wird ein Luchs auf den Wildkameras gesichtet. Am auffälligsten sind die Spechte. Schwarzspecht, Buntspecht und der seltene Dreizehenspecht nutzen die alten Bäume als Nahrungsquelle und Nistplatz. Im Frühling trommeln sie laut genug, dass man sie vom Wanderweg aus hören kann.
In den Seen leben Barsche, Hechte und Schleien. Angeln ist im Nationalpark nicht erlaubt. Im Naturreservat braucht man eine Genehmigung, die man bei der Stiftung beantragen kann.
Beste Reisezeit und praktische Tipps
Tyresta lohnt sich das ganze Jahr über. Im Frühling (April/Mai) blühen Leberblümchen und Buschwindröschen. Der Boden taut auf, und es riecht nach feuchter Erde. Im Sommer (Juni bis August) kann man wandern, schwimmen und Beeren pflücken. Der Herbst (September/Oktober) bringt Pilzsaison und Laubfärbung. Im Winter liegt Schnee auf dem Urwald, und die Stille ist fast greifbar.
Meine persönliche Empfehlung: ein Wochentag im Mai oder September. Dann ist der Wald am ruhigsten. Die Temperaturen sind angenehm, die Mücken noch nicht da (Mai) oder schon weg (September). An Sommerwochenenden kann es am Stensjön und rund um Tyresta by durchaus voll werden. Die Stockholmer wissen, was sie an diesem Park haben.
Der Eintritt ist frei. Parken kostet nichts. Es gibt keine Öffnungszeiten für den Park selbst. Das Naturum hat reguläre Öffnungszeiten (in der Regel Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr im Sommer, kürzer im Winter). Die Website von Naturvårdsverket hat aktuelle Informationen.
Picknicken ist ausdrücklich erlaubt und eine gute Idee. An den Grillplätzen am Stensjön und am Dorfrand stehen Feuerstellen bereit. Brennholz liegt teilweise aus. Eigenes Feuer ausserhalb der markierten Feuerstellen ist nicht erlaubt. Im Sommer kann bei Trockenheit ein generelles Feuerverbot gelten, das wird am Naturum und auf der Website kommuniziert.
Wer einen Tagesausflug von Stockholm plant, sollte folgendes einpacken: Feste Schuhe (der Boden ist felsig und uneben), Regenjacke, Trinkwasser, Proviant, Sonnenschutz im Sommer, Mückenspray im Juli und August. Ein Handtuch, wenn man schwimmen will. Die Wege sind nicht beleuchtet, im Herbst und Winter rechtzeitig aufbrechen oder eine Stirnlampe mitnehmen.
Tipp: Tyresta als Halbtagesausflug von Stockholm
Bus 807 ab Gullmarsplan, Ausstieg Tyresta by. Kurzer Blick ins Naturum. Dann die Runde über den Stensjön (ca. 2 Stunden). Baden und Picknick am See. Zurück ins Dorf, Kaffee im Café. Bus retour. Das funktioniert bequem in einem halben Tag und ist auch für Familien mit Kindern ab etwa 5 Jahren machbar.
Häufige Fragen zum Tyresta Nationalpark
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026