Tallinn Sehenswürdigkeiten
Tallinn ist eine Stadt, die Gegensätze zusammenbringt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Die mittelalterliche Altstadt mit ihren Wehrtürmen und Kopfsteinpflasterstraßen liegt nur 15 Gehminuten von gläsernen Bürohochhäusern und einem der digitalisiertesten Verwaltungssysteme der Welt entfernt. Die estnische Hauptstadt hat 450.000 Einwohner und empfängt jährlich über 4 Millionen Besucher, die meisten von ihnen kommen mit der Fähre aus Helsinki (2 Stunden Überfahrt).
Was Tallinn von anderen baltischen Hauptstädten unterscheidet, ist die Kompaktheit. Die Altstadt, das Kreativviertel Telliskivi, der barocke Kadriorg-Park und der Strand von Pirita liegen alle innerhalb von 20 Minuten Fußweg oder einer kurzen Straßenbahnfahrt voneinander entfernt. Man braucht kein Auto, kein Taxi und keine aufwendige Planung. Man läuft einfach los.
Die Altstadt: UNESCO-Welterbe auf dem Domberg
Tallinns Altstadt (Vanalinn) gehört seit 1997 zum UNESCO-Welterbe. Der Erhaltungszustand ist bemerkenswert: Die Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert steht noch auf etwa 1,9 Kilometern Länge, 20 der ursprünglich 46 Wehrtürme sind erhalten. Die Altstadt teilt sich in zwei Bereiche: den Domberg (Toompea), wo einst der Adel lebte, und die Unterstadt, die den Kaufleuten und Handwerkern gehörte.
Auf dem Domberg stehen drei Gebäude, die man gesehen haben sollte. Die Alexander-Newski-Kathedrale (1900 erbaut) ist eine russisch-orthodoxe Kirche mit zwiebelförmigen Kuppeln. Sie wurde unter der Zarenherrschaft als politisches Symbol errichtet und steht direkt gegenüber dem estnischen Parlament im Schloss Toompea. Das Verhältnis zwischen den beiden Gebäuden erzählt viel über die Geschichte des Landes. Die Domkirche (Toomkirik) ist die älteste Kirche Tallinns, gegründet im 13. Jahrhundert und seitdem mehrfach umgebaut. Der Eintritt ist frei, eine Spende von 2 bis 3 Euro wird erbeten.
Die zwei Aussichtspunkte am Rand des Dombergs gehören zu den meistbesuchten Orten der Stadt. Die Kohtuotsa-Plattform blickt nach Norden über die Unterstadt und den Hafen. Die Patkuli-Plattform zeigt nach Westen. Beide sind frei zugänglich und lohnen sich besonders in der Dämmerung, wenn die Straßenlaternen in der Unterstadt angehen.
In der Unterstadt ist der Rathausplatz (Raekoja plats) der Mittelpunkt. Das gotische Rathaus von 1404 ist eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Rathäuser Nordeuropas. Im Sommer (Juni bis August) kann man den Rathausturm besteigen (64 Meter, Eintritt 5 Euro, 115 Stufen). Die Ratsapotheke am Rathausplatz beansprucht, die älteste durchgängig betriebene Apotheke Europas zu sein, mit Aufzeichnungen, die bis 1422 zurückreichen. Der Eintritt in den historischen Teil ist frei.
Die Gassen rund um den Rathausplatz laden zum Laufen ohne Ziel ein. Die Katariina käik (Katharinenpassage) ist ein schmaler Durchgang mit Handwerkstätten, in denen Glasbläser, Töpfer und Lederarbeiter arbeiten. Die Müürivahe-Straße entlang der Stadtmauer hat Wollwarenläden und Stände mit handgestrickten Mützen und Schals, die für estnisches Kunsthandwerk stehen.
Kadriorg: Park, Schloss und Kunstmuseum
Der Stadtteil Kadriorg liegt 2 Kilometer östlich der Altstadt. Peter der Große ließ hier 1718 ein barockes Schloss für seine Frau Katharina errichten, nach der das Viertel benannt ist (Kadriorg = Katharinental). Heute beherbergt das Schloss die estnische Kunstsammlung ausländischer Werke. Die umliegende Parkanlage mit geometrischen Blumenbeeten, Springbrunnen und alten Eichenalleen ist einer der gepflegtesten Parks im gesamten Baltikum.
Das Kumu (Kunstimuuseum) am Rand des Kadriorg-Parks ist das größte Kunstmuseum des Baltikums. Der moderne Bau des finnischen Architekten Pekka Vapaavuori wurde 2006 eröffnet und zeigt estnische Kunst vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die Dauerausstellung im 3. Stock umfasst Werke des estnischen Malers Konrad Mägi und der Gruppe SOUP aus der Sowjetzeit. Im 5. Stock wechseln zeitgenössische Ausstellungen. Eintritt: 15 Euro für Erwachsene, unter 19 Jahre frei. Das Museum hat montags geschlossen.
Wer durch Kadriorg spaziert, trifft auf das Haus von Peter dem Großen (Peeter I Majamuuseum), ein kleines Holzhaus, in dem der Zar bei seinen Besuchen in Tallinn wohnte. Das Museum zeigt Originalmöbel aus dem frühen 18. Jahrhundert. Eintritt: 6 Euro. In den Nebenstraßen des Viertels stehen bunte Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert, die in den letzten Jahren renoviert wurden. Kadriorg ist eines der teuersten Wohnviertel Tallinns und gleichzeitig eines der ruhigsten.
Telliskivi: Das Kreativviertel
Telliskivi Loomelinnak (Kreativstadt) ist ein ehemaliges Industriegelände nördlich des Bahnhofs, das seit 2009 in ein Kulturzentrum umgewandelt wurde. In den früheren Fabrikhallen und Lagerhäusern sitzen heute Designbüros, Galerien, Theater, Restaurants und Secondhand-Läden. Die Wände sind mit Street Art bedeckt, und am Wochenende findet ein Flohmarkt statt (samstags von 10 bis 16 Uhr, April bis Oktober).
Für Besucher sind vor allem die Restaurants und Cafés interessant. Das F-Hoone serviert estnische Küche in einem umgebauten Industriegebäude mit hohen Decken und alten Maschinen als Dekoration. Die Hauptgerichte kosten 12 bis 18 Euro. Das Fotografiska Tallinn (ein Ableger des Stockholmer Fotomuseums) zeigt wechselnde Fotoausstellungen in einer ehemaligen Papierfabrik. Eintritt: 14 Euro. Die Dachterrasse des Fotografiska bietet einen guten Blick über das Viertel.
Telliskivi funktioniert als Gegenpol zur touristischen Altstadt. Hier trifft man auf Tallinner, die in Co-Working-Spaces arbeiten, in unabhängigen Buchläden stöbern oder in einer der kleinen Bars ein estnisches Craft Beer trinken. Das Viertel ist am lebendigsten am Freitagabend und Samstag. Unter der Woche ist es ruhiger, aber die Cafés und Restaurants haben trotzdem geöffnet.
Pirita und die Küste
Pirita liegt 6 Kilometer nordöstlich der Altstadt und ist Tallinns Strandviertel. Der Pirita-Strand ist 2 Kilometer lang und einer der wenigen Stadtstrände im Baltikum, an denen man tatsächlich schwimmen kann (wenn auch das Wasser selten wärmer als 20 Grad wird). Die Buslinie 1A oder 34A fährt in 15 Minuten vom Stadtzentrum nach Pirita.
Am Hang oberhalb des Strandes stehen die Ruinen des Klosters St. Birgitta (Pirita klooster). Das Kloster wurde 1436 gegründet und im Livländischen Krieg 1577 zerstört. Die Giebelwand steht noch und wird im Sommer als Kulisse für Open-Air-Konzerte genutzt. Der Eintritt kostet 4 Euro. Von den Klosterruinen aus hat man einen weiten Blick über die Tallinner Bucht.
Neben dem Strand liegt der Tallinner Botanische Garten (80 Hektar, Eintritt 7 Euro), der besonders im Frühling lohnt, wenn die Rhododendren blühen. Der Fernsehturm (Teletorn) in Pirita bietet auf 170 Metern Höhe eine Aussichtsplattform mit Panoramablick. An klaren Tagen sieht man die finnische Küste. Eintritt: 13 Euro.
Essen und Trinken in Tallinn
Tallinns Gastronomie hat in den letzten 15 Jahren einen großen Sprung gemacht. Die estnische Küche basiert auf saisonalen Zutaten: Roggen, Kartoffeln, Schweinefleisch, Fisch und Waldpilze. Das Restaurant Rataskaevu 16 in der Altstadt gehört zu den beliebtesten Adressen und serviert moderne estnische Gerichte (Hauptgericht 14 bis 22 Euro, Reservierung empfohlen).
Für ein traditionelles Erlebnis lohnt sich das Olde Hansa am Rathausplatz, ein mittelalterlich eingerichtetes Restaurant, in dem nach historischen Rezepten gekocht wird: Wildschwein, Elchfleisch und Met stehen auf der Karte. Die Preise sind touristisch (Hauptgerichte 18 bis 28 Euro), aber die Atmosphäre ist echt. An der Straßentheke verkauft Olde Hansa gebrannte Mandeln und Met zum Mitnehmen.
Günstiger isst man auf dem Balti Jaama Turg, dem Markt am Bahnhof neben Telliskivi. In der Markthalle und den umliegenden Ständen gibt es estnisches Streetfood, georgische Khinkali, vietnamesische Pho und skandinavische Fischbrötchen. Ein Mittagessen kostet hier 5 bis 10 Euro. Der Markt hat täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet, samstags bis 17 Uhr.
Praktische Tipps für den Besuch
Anreise: Die Fähre von Helsinki (Tallink, Viking Line, Eckerö Line) braucht 2 bis 2,5 Stunden und kostet ab 20 Euro pro Person (einfach). Vom Fährterminal sind es 15 Minuten zu Fuß in die Altstadt. Tallinn hat einen internationalen Flughafen (4 Kilometer südlich der Altstadt), den die Straßenbahnlinie 4 in 15 Minuten mit dem Zentrum verbindet.
Nahverkehr: Der öffentliche Nahverkehr (Busse, Straßenbahnen, Trolleybusse) ist für Einwohner kostenlos. Touristen kaufen die Tallinn Card (ab 33 Euro für 24 Stunden), die freie Fahrt im Nahverkehr und freien Eintritt in über 40 Museen beinhaltet. Einzelfahrscheine kosten 2 Euro (am Automaten) oder 1,50 Euro (mit der grünen Ühiskaart, einer aufladbaren Chipkarte, erhältlich an R-Kiosken für 2 Euro Pfand).
Währung: Estland zahlt mit dem Euro. Kartenzahlung ist fast überall möglich, auch an Marktständen und in Straßenbahnen. Geldautomaten stehen in der Altstadt und am Bahnhof. Beste Reisezeit: Mai bis September. Die Sommermonate Juni und Juli haben die längsten Tage (Sonnenuntergang nach 22 Uhr). Im Winter (November bis Februar) wird es früh dunkel, dafür sind die Weihnachtsmärkte auf dem Rathausplatz sehenswert.
Tagesplanung: Tallinn in 1 bis 3 Tagen
1 Tag: Morgens die Altstadt erkunden: Domberg mit den Aussichtspunkten, Alexander-Newski-Kathedrale, Abstieg über die Lühike jalg (Kurzes Bein, eine steile Gasse) zum Rathausplatz. Mittagessen auf dem Rathausplatz oder in der Müürivahe-Straße. Nachmittags durch Telliskivi schlendern, Kaffee im Fotografiska. Abendessen im Rataskaevu 16.
2 Tage: Am zweiten Tag morgens nach Kadriorg: Schloss Kadriorg, Kumu Kunstmuseum, Spaziergang durch den Park. Nachmittags nach Pirita: Kloster St. Birgitta, Strand (im Sommer). Alternativ: der Fernsehturm für den Panoramablick. Abendessen in Telliskivi oder in einem der Restaurants entlang der Rotermanni-Passage.
3 Tage: Am dritten Tag das Estnische Freilichtmuseum (Eesti Vabaõhumuuseum) in Rocca al Mare besuchen, 12 Kilometer westlich der Altstadt (Bus 21 oder 21B, Eintritt 12 Euro). Auf 79 Hektar stehen originale Bauernhäuser und Windmühlen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Nachmittags das Meeresmuseum Lennusadam (Wasserflugzeug-Hafen) im Stadtteil Kalamaja besuchen: ein U-Boot aus dem Jahr 1936, alte Dampfschiffe und eine Ausstellung zur estnischen Seefahrt (Eintritt 18 Euro).
Häufig gestellte Fragen
Wie kommt man am besten von Helsinki nach Tallinn?
Mit der Fähre. Tallink, Viking Line und Eckerö Line fahren mehrmals täglich. Die Überfahrt dauert 2 bis 2,5 Stunden und kostet ab 20 Euro pro Person (einfach). Die Fähren legen im Tallinner Hafen an, der 15 Gehminuten von der Altstadt entfernt ist. In der Sommersaison gibt es bis zu 15 Abfahrten pro Tag.
Lohnt sich die Tallinn Card?
Die Tallinn Card (33 Euro für 24 Stunden, 54 Euro für 48 Stunden) beinhaltet freien Eintritt in über 40 Museen, freie Fahrt im Nahverkehr und Ermäßigungen in Restaurants. Wer das Kumu (15 Euro), Lennusadam (18 Euro) und den Fernsehturm (13 Euro) besucht, hat die Karte schon am ersten Tag amortisiert. Für einen Tagesausflug ohne Museumbesuche lohnt sie sich weniger.
Ist Tallinn teuer?
Tallinn ist günstiger als Helsinki und Stockholm, aber teurer als Riga und Vilnius. Ein Mittagessen kostet 8 bis 15 Euro, ein Abendessen in einem guten Restaurant 20 bis 40 Euro pro Person. Ein Bier in einer Bar kostet 4 bis 6 Euro. Unterkünfte liegen bei 60 bis 120 Euro pro Nacht für ein Doppelzimmer in Altstadtnähe. In der Nebensaison sinken die Hotelpreise deutlich.
Wie viele Tage sollte man für Tallinn einplanen?
Zwei Tage reichen, um die Altstadt und Telliskivi zu sehen. Drei Tage erlauben ein ruhigeres Tempo und den Besuch von Pirita, dem Freilichtmuseum oder dem Meeresmuseum Lennusadam. Wer Tallinn als Tagesausflug von Helsinki aus besucht, schafft die Altstadt und einen kurzen Abstecher nach Telliskivi.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026